Hirscher, Johann Baptist von [Hrsg.]

Theologische Quartalschrift: ThQ

168.1988

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Theodor Steinbüchel - Leidenschaft für den Menschen

Zum WO. Geburtstag
Gerfried W. Hunold

Gedenktage sind Brücken zum anderen Ufer der Zeit. In den vorwärtsdrängenden Zeitläufen
entreißen sie somit all das dem vorschnellen Vergessen, was als bleibende Vorgabe der
Vergangenheit in der Gestalt der Gegenwart noch trägt. Am 15. Juni 1988 jährte sich der
100. Geburtstag des am 11. Februar 1949 in Tübingen verstorbenen Moraltheologen Theodor
Steinbüchel. Fast 40 Jahre umspannen den Zeitraum, den diese beiden Lebensdaten abstecken.
Dies ist gewiß nicht eine außergewöhnlich lange Zeitspanne, mißt man sie lediglich am
vorwaltenden Generationenbewußtsein. Dennoch währt sie schon lange genug, um dem
Vergessen Raum zu geben, wenn man den nicht übersehbaren Bewußtseinswandel der Menschen
gerade innerhalb eben dieses Zeitrahmens in Erwägung zieht.

In Würdigung der überragenden Theologenpersönlichkeit und nicht zuletzt mit Blick auf die
zu erwartende Wirkungsgeschichte des weitgefaßten, wenn auch durch den frühen Tod nicht
vollendeten Lebenswerkes Steinbüchels hatte der damalige Dekan der Katholisch-Theologischen
Fakultät, Franz Xaver Arnold, anläßlich der akademischen Totenfeier zukunftshoffend formuliert:
»Theodor Steinbüchel ist nicht tot.«1 Zwischenzeitlich ist es im Haus der Moraltheologie still
geworden um Steinbüchel. Verweist dieses Stillschweigen ihn endgültig in die Vergangenheit?
Hat die Neuorientierung der Moraltheologie nach dem II. Vatikanischen Konzil den seiner Zeit
weit vorausdenkenden Mitarchitekten ihres >Umbaus< ins Abseits gestellt und seine Baupläne
endgültig verworfen ? Oder war es nur der Lärm auf der >Baustelle Moraltheologie<, der das von
den Bauleuten still vorausgesetzte konzeptionelle Einverständnis in der Sache übertönte, weil
man im Ringen um eine angemessene Einlösung hörbar stritt? Alles als selbstverständlich
Vorausgesetzte steht ständig in der Gefahr, zur Unkenntlichkeit zu gerinnen. Es bedarf immer
neu seiner Erinnerung, damit die Ausgangskonturen nicht verblassen. Person und Werk Theodor
Steinbüchels gehören dazu.

Der wissenschaftliche Weg führte den jungen, 1888 in Köln geborenen Theologen zunächst zu
Clemens Baumker, der ihn an die Gedankenwelt der Hochscholastik heranführte und ihn mit der
Philosophie und Theologie des Aquinaten vertraut machte. "1912 erschien als Frucht dieser
geistigen Auseinandersetzung seine philosophische Dissertation, die dem »Zweckgedanken bei
Thomas von Aquin« gewidmet ist. Für Steinbüchel gewinnt damit der thomanische Begriff der
»Ordnung« in neuer Weise Bedeutung. Anders als der Begriff der »Natur« läßt sich der
Ordnungsbegriff mit anthropologischen Kategorien aufschließen, ohne daß damit der Anspruch
des Generellen und Sozialübergreifenden verlorengeht. Wenngleich Steinbüchel selbst diese
Verschiebung auch nicht ausdrücklich reflektiert, so läßt sich doch nicht übersehen, daß er in eben
diesem Gedanken der »Ordnung« jene das menschliche Handeln als sittlich begründenden
Gesetzmäßigkeiten bedenkt, die die bisherige Moraltradition vornehmlich im Begriff der »lex
naturalis« anziehe. Die Überlegenheit des Begriffs der »Ordnung« gegenüber dem der »Natur«
liegt freilich in der Tat darin, daß er eine ethische Wirklichkeit zu benennen vermag, die nicht

1. Theodor Steinbüchel zum Gedächtnis. Akademische Trauerfeier vom 15. Februar 1949 im Festsaal der
Universität Tübingen. Tübingen o. J., 33.
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