Hirscher, Johann Baptist von [Hrsg.]

Theologische Quartalschrift: ThQ

128.1948

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8.

Abhandlungen

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Existenzialismus und christliches Ethos

Von Prof. D. Dr. Theodor Steinbüchel
Rektor! der Universität Tübingen

Im gesamten europäischen Geistesleben steht heute eine Denk-
richtung im Mittelpunkt ernster und auch nur literatenharter Dis-
kussion, die der Ausdruck der europäischen Gesamtsituation des
Menschen, der Gesellschaft und Kultur von heute ist: der Existen-
zialismus. Auf einiges nur sei hingewiesen.

1.

Amerika hat im Pragmatismus die Wende zum wirklichen illu-
sionslos gesehenen Menschen vollzogen. Man fühlt sich unmittel-
bar an heutige Analyse der „Existenz" erinnert, wenn man in
einer Darstellung des „amerikanischen Geistes" *) die Tendenz
von William James' Philosophie in dieser Weise beschrieben
findet: Das „Ich" ist nicht ein „geschlossenes", sondern ein „offe-
nes", und es ist in seiner Motivation bestimmt „durch einen
Wunsch nach Wärme, nach Geselligkeit, nach irgend etwas Festem,
an das man sich außerhalb seiner selbst halten kann, mit der Angst
vor der Einsamkeit, dem Tod und der persönlichen Verantwor-
tung". Die ganze Unerfülltheit des menschlichen Daseins, sein
Siehängstigen und -flüchten vor sich selbst, sein Streben, in irgend
etwas außerhalb seines eigenen Selbst seine Zuflucht zu finden,
diese für das existenzielle Denken von heute charakteristische

l) E r i c Ii V o e g c I i n , Über die Form des arrieiikmiischen Geistes. Tübin-
gen 1928, 8.
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