Hirscher, Johann Baptist von [Hrsg.]

Theologische Quartalschrift: ThQ

123.1942

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98

2.

Religiöse Grundfragen um Friedrich Nietzsche.

Ein Vortrag1).

Von Univorsitütsprofessor D. Dr. Theodor Steinbüchel,
Tübingen.

Das neunzehnte Jahrhundert ist eine Zeit entscheidender Um-
wälzungen ini Denken und Lohen, im gesamten Existenzempfin-
den des Menschen gewesen. Kaum oin Jahrhundert ist so sehr
mit der Kritik der eigenen Zeit, ihrer Gesellschaft und ihrer Kul-
tur beschäftigt wie das neunzehnte. Der radikalste, weil an die
letzton Wurzeln der überkommenen Auffassung vom Sein und
Sinn des Menschen in der Welt greifende Kritiker ist Friedrich
Nietzsche. Und dieser Kritiker reißt nicht nur ah, er will auch
Neuos künden, das entscheidend Neue: den neuen Menschen.
Er weiß, daß der Mensch ein „Übergang" ist und ein „Unter-
gang", eine „Brücke" und kein „Zweck". Nietzsche gehört zu
den „großen Vorachtenden", die dio „großen Verehrenden" sind
und „Pfeile der Sohnsucht nach dem anderen Ufer" (7, IG). Der
Mensch, wie Nietzsche ihn will, ist der Mensch, der zu neuen
Möglichkeiten seiner selbst unterwegs ist, der Wanderer Mensch.

Wohin er unterwegs ist, das ist für Nietzscho wie für jeden, der
nach dem Sinn des Menschen fragt, das Entscheidende. Niotzsches
Entscheidung ist eindeutig: Unterwegs ist der Mensch nicht zu
einem übermenschlichen Gott, sondern zu sich als dem höheren

1) Nietzsches Werke sind nach derKrönerschenTaschen-
ausgabe, zitiert (arabische Bandzahlen) und in Ergänzung nach der
Großoktav-Ausgabe (römische Bundzahlen). — Zur weiteren
Vertiefung vgl. meine Arbeiten: Friedrich Nietzsche in der gei-
stigen Lage der Gegenwart. Bonner Zeitschrift für Theologie und
Seelsorge VII, 1900,281 bis 29(5; VIII, 1931, 11 bis 33. Die Philo-
sophie Friedrich Nietzsches, ihre zeitgeschichtliche Situation, ihr
Sinn und ihre Wirkung. Zeitschrift für deutsche Geistesgeschichte
III, 1937, 61 bis 67, 134 bis 172, 251 bis 285.
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