Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

120.1995

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Theologische Literaturzeitung 120. Jahrgang 1995 Nr. 7/8

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F.s bisher ausführlichste Begründung einer solchen Interpretati-
on. Eine wirklich rhetorische Interpretation wird allerdings nicht
gegeben: Er begrenzt die Frage im wesentlichen auf die Ebene
der Stilfiguren und bezieht sich zu oft auf die Darstellung von H.
Lausberg (und H. F. Plett) statt auf antike rhetorische Quellen.

(2) An die Stelle von Dibelius' .Situationsverbot' stellt F.
einen textpragmatischen Zugang, der nach der sozialgeschichtli-
chen Situation der Adressaten fragt. Die Adressaten leben, ge-
mäß F., „in einer gemischten Gemeinde in nichtchrisllicher
Umgebung" (59), wo Arm und Reich zusammenleben (die in
1,10; 5,lf genannten Reichen sind Christen), wobei die soziale
Schichtung zum Verlust der Solidarität geführt hat. Eine Unter-
scheidung von Judenchristen und Heidenchristen ist dagegen aus
dem Brief nicht zu ersehen (127), aber die ,relecture' von Jesus
Sirach deutet auf eine enge Beziehung zur Synagoge, wie über-
haupt der Brief damals und heute als ein wichtiger Beitrag zum
Dialog zwischen Juden und Christen anzusehen ist. Dennoch
bleibt F. in der näheren Bestimmung der Situation eigenartig
vage: Wer sind die Leser dieser einige Jahre nach Paulus und
Jakobus geschriebenen (59) Schrift? Wo sind sie zu Hause?
Unter welchen Einflüssen stehen sie? Wenn er letztlich so formu-
liert, daß sich Jakobus an einen Adressatenkreis wendet, „dessen
Probleme er jedoch für so typisch hält, daß er einen Rundbrief
mit universalem Anspruch schreibt" (62), ist er letzten Endes
nicht weit von Dibelius' Position entfernt. Man fragt sich auch,
ob der Vf. und der Leser so wenig von der hellenistischen Umge-
bung berührt sein können. Bezugnahmen im Brief, die auf etwai-
ge stoische Einflüsse deuten können, werden fast durchgehend
(Ausnahme etwa 205f) abgewiesen. Auch die mit Recht festge-
stellten Parallelen zu Philo und zur matthäischen Konzeption
(54, 86 passim) hätten präzisere Angaben über die pragmatische
Situation' veranlassen können.

In vielen Einzelfragen hat F. die Forschung bereichert. Hier
kann ich nur folgende hervorheben: Die Erarbeitung der Rezepti-
onsgeschichte, nicht zuletzt die Hervorhebung von Bedas Beitrag
(102ff; passim), die differenzierte Auseinandersetzung mit Lu-
thers Interpretation, die differenzierte Behandlung des Jakobus-
Paulus-Problems (bes. 461 ff), die Hervorhebung der theozentri-
schen Begründung (fast) aller Aussagen (91; passim), die Erar-
beitung traditionsgeschichtlicher Parallelen sowie die Exegese an
vielen Einzeltexten.

Das Buch hat als Kommentar gewisse .technische' Schwä-
chen: Es ist mit allzu vielen Wiederholungen belastet, die (an
sich sehr wertvollen) Exkurse greifen oft zu sehr der folgenden
Textinterpretation vor. Ein Register ist in einem so umfangrei-
chen Kommentar ein Desiderat. Der Kommentar erscheint einer
seits - als „Taschenbuch" - zu detailliert und andererseits ver-
mißt man bei einer so detaillierten Bearbeitung, daß der griechi-
sche Text nicht gedruckt ist, wobei ein wirklicher Dialog mit der
älteren englischen, philologisch hervorragenden Forschung von
etwa J. B. Mayor und F. J. Hort (bei H. F. unerwähnt) nicht zu-
standekommt.

Kritischen Einwänden zum Trotz: Seit Mayor, Hort, Ropes,
Dibelius und Schlatter gibt es nur wenige Kommentare zum
Jakobusbrief, mit denen sich eine intensive Beschäftigung lohnt.
F.s Kommentar kann seinen Platz unter diesen .wenigen Kom-
mentaren' sehr wohl behaupten.

Princeton Ernst Baasland

Gnilka. Joachim: Theologie des Neuen Testaments. Freiburg-
Basel-Wien: Herder 1994. 470 S. gr.8° = Herders theologi-
scher Kommentar zum Neuen Testament. Suppl.Bd. 5. Lw.
DM 88,-. ISBN 3-451 -23307-X.

Zu den bemerkenswertesten Entwicklungen in der wissen-
schaftlichen Arbeit am Neuen Testament gehört die Tatsache,

daß seit einigen Jahren wieder umfangreiche Gesamtdarstellun-
gen neutestamentlicher Theologie veröffentlicht werden. Nach
R. Bultmanns epochalem Werk hatte es zunächst nur sehr ver-
einzelt Ansätze gegeben, in Form von „Grundrissen" Lehr-
bücher für Studierende zu schreiben; dies hat sich mittlerweile
grundlegend geändert. Der hier anzuzeigende Band von J. Gnil-
ka gehört ebenso wie die Darstellung der neutestamentlichen
Ethik durch R. Schnackenburg in den Rahmen des Herderschen
Kommentars, in dem G. bereits mehrere Auslegungen neutesta-
mentlicher Schriften vorgelegt hat. Nun folgt gewissermaßen
als Krönung ein umfassender theologischer Entwurf.

G. gliedert das Werk - abgesehen von kurzen „einführenden
Gedanken" (§ 1:9-15) und einer „Schlußbetrachtung" (§ 8; 454-
464) - in sechs große Paragraphen, die soweit möglich nach
„chronologische(n) wie sachliche(n) Gesichtspunkte(n)" geord-
net sind (14): An der Spitze steht die „Theologie des Apostels
Paulus" (i}2; 16-132); dann folgen in § 3 „Die Synoptiker und
ihre theologischen Konzepte" (133-225), eingeleitet mit Aussa-
gen zur Spruchquelle und zur „Urpassion". In § 4 geht es um ..die
Theologie des johanneisehen Schrifttums" (226-324). In § 5
(325-397) behandelt G. unter der Überschrift „Nachpaulinische
Theologie" die pseudopaulinischen Briefe einschließlich des
Hebr sowie - in einem knappen Exkurs - des 2Thess. Es folgen
„die Theologie der Apokalypse" (§ 6; 398-420) und „die Theolo-
gie der Kirchenbriefe" (§ 7; 421-453), wobei Jak analog zu
2Thess in einem Exkurs dargestellt wird. In der äußeren Form
entspricht der Band den anderen Bänden der Reihe: Am Hude
jedes einzelnen Abschnitts steht ein relativ ausführliches Litera-
turverzeichnis; am Schluß finden sich eine eher knappe Litera-
turübersicht (465f.) sowie ein Sachregister (467f.) und ein Stel-
lenregister in Auswahl (4691.). Dieser Überblick macht schon
deutlich, daß G. zwar durchaus Schwerpunkte setzt, daß er aber
keine Auswahl treffen, sondern ganz bewußt auf die theologi-
schen Aussagen aller neutestamentlichen Schrillen eingehen
will. Gerade deshalb verdienen die beiden den Rahmen bilden-
den, freilich durch ihre Überschriften etwas unbestimmt wirken-
den I und 8 besondere Aufmerksamkeit.

G. beginnt die „einführenden Gedanken" mit dem Nachden-
ken darüber, was „neutestamentliehe Theologie" bedeutet. Er
definiert sie „als Beschreibung des rettenden Handelns Gottes in
Jesus Christus, wie es im Neuen Testament oder: in seinen ein-
zelnen Schriften bezeugt wird" (9). In IKor 15,1-5 kommen das
Bekenntnis zu Christus, der Mensch in seiner Verlorenheit und
seine Erlösung, das Alle Testament und ..die Vollendung" sowie
schließlich die Kirche in den Blick (10). G. betont die Zus;mi
mengehörigkeit beider Testamente: gleichwohl habe er darauf
verzichtet, eine „Biblische Theologie des NT" zu schreiben, d.h.
nach einer konkreten Mitte der ganzen Bibel zu suchen, denn es
sei vermutlich kein genaueres Ergebnis möglieh als der Gedanke
der Identität Gottes: „Weiter hinausgreifende Synthesen entbeh-
ren nicht des Eindrucks der Künstlichkeit" (10). (i. begründet
auch, warum er Botschaft und Geschichte Jesu nicht innerhalb
der Theologie des NT behandelt: Zugang zu Jesus haben wir nur
„in der theologischen Reflexion der Evangelisten", die ..von der
geschichtlichen Rückfrage zu trennen" sei (I I). G. lehnt es auch
ausdrücklieh ab, die Verkündigung der Urgemeinde gesondert
darzustellen; anders als etwa W. Wrede. von dem er sich ab-
grenzt, will G. nicht das Programm einer „urchristlichen Religi-
onsgeschichte" vortragen - Zugang zur Verkündigung der Urge-
meinde hätten wir ja nur über die Schriften des NT (I lf.). An
dieser Stelle betont G. das Gewicht des neutestamentlichen Ka-
nons, der ja über alle Konfessionsgrenzen hinweg anerkannt sei:
Da, von ..Randerscheinungen" wie Jud und 2Petr abgesehen, der
Kanon „die wichtigen und maßgeblichen Zeugen der apostoli-
schen Zeit und ihres Glaubens vereinigt", bleibe die „theologi-
sche Aufarbeitung" dieser 27 Schrillen ..eine sinnvolle und im-
mer wieder zu leistende Aufgabe" (12).
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