Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

118.1993

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Theologische Literaturzeitung 118. Jahrgang 1993 Nr. 11

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Der erste Teil befaßt sich mit dem Traditionshintergrund der
metaphorischen Verwendung der Fremdlingsbegrifflichkeit, de-
ren übertragener Gebrauch seit den Vorsokratikern zur Be-
schreibung der menschlichen Existenz begegnet; relativ häufig
findet er sich in hellenistisch-römischer Zeit als Ausdruck der
Überzeugung von der Zugehörigkeit der Seele zu einer höheren
Welt. Der für den IPt entscheidende Hintergrund wird jedoch
zu Recht in der atl.-jüdischen Tradition erblickt, mit der der IPt
nachweislich vertraut ist; nur in der LXX begegnet denn auch
die Doppelbezeichnung „Beisassen und Fremde" (2,11; vgl.
Gen 23,4; Ps LXX 38,13). Überdies sind die anderen Gemein-
debilder des IPt ebenfalls atl.-jüdisch bestimmt. Ein Vergleich
des atl. Gebrauchs der Fremdlingsmetapher mit der paganen
Verwendung zeigt, daß für das Alte Testament der ganze
Mensch entscheidend ist, und zwar in seinem Bezug zu Gott;
Fremder ist der Mensch vor Gott, als ein von ihm Abhängiger.
Wie die von den Rechabiten erneuerte Wüstentradition erweist,
kann solch einem Selbstverständnis auch eine alternative, ge-
sellschaftskritische Lebensweise entsprechen. - In der apokry-
phen und pseudepigraphischen Literatur wird die Fremdlings-
metapher ausschließlich negativ gebraucht; man betonte viel
lieber das Vollbürgertum Israels. Hingegen erfolgt eine positive
Aufnahme in jüdischen Kreisen, die wegen ihres Glaubens als
Außenseiter galten. Vor allem in der Qumrangemeinde verban-
den sich Erwählungs- und Exilsbewußtsein; zu einer Selbstbe-
zeichnung als „Fremde" hat das jedoch nicht geführt. Der in der
ägyptischen Diaspora lebende und mit dem Antisemitismus
konfrontierte Philon spricht im Zusammenhang seiner Geset-
zesauslegung - unter Aufnahme auch stoischer Motive - über-
aus häufig von der Zugehörigkeit des Weisen zur himmlischen
Heimat und zieht daraus als Konsequenz die Abwendung von
den weltlichen Leidenschaften; auf diese Weise wird versucht,
die gesellschaftliche Fremdheitserfahrung der Juden in der
Diaspora zu bewältigen.

Hinsichtlich des Neuen Testaments wird dargelegt, daß - ab-
gesehen vom IPt - deutliche Anklänge an die Fremdlingsthe-
matik nur im Corpus Paulinum (Phil 3,20; Gal 4,26; 2Kor 5,6-8;
Eph 2,12.19) und in Hebr 11 zu bemerken sind. Hier kommt
jeweils - im Gegensatz auch zum gnostischen Verständnis der
Fremde - das eschatologische Selbstverständnis, die Orientie-
rung auf die Parusie Christi, zum Ausdruck.

Zusammenfassend werden für den IPt die Einflüsse der LXX
im Hinblick auf die Terminologie und des hellenistischen Dias-
porajudentums hinsichtlich der inhaltlichen Füllung (dualisti-
sche Momente, paränetische Ausdeutung, elitäres Selbstbe-
wußtsein) betont. Die aktive Ausrichtung auf die durch Christus
erschlossene Zukunft verbindet den IPt mit der urchristlichen
Verkündigung. Seine Eigenständigkeit erweist er darin, daß er
den Begriff des „Fremden" als Ausdruck des neuen Selbstver-
ständnisses und Weltverhältnisses zur zentralen christlichen
Selbstbezeichnung macht.

Der zweite Hauptteil wendet sich den Aussagen des IPt
selbst zu. Die im Brief nur formelhaft beschriebene Leidenssi-
tuation der Adressaten wird primär nicht als staatliche Verfol-
gungsmaßnahmen, sondern als aus der unmittelbaren Umge-
bung der Christen erwachsene Formen gesellschaftlicher Dis-
kriminierung konkretisiert. Die Ursachen und Folgen dieses
Konfliktes werden unter eingehender Berücksichtigung entspre-
chender Aussagen der Evangelientradition, der Apostelge-
schichte und der Apologeten des 2. und 3. Jh.s n. Chr. ermittelt
und treffend zusammengefaßt:

„Der christliche Glaube und die durch ihn /.um Ausdruck kommende
Lebensweise wurden... als höchst provozierende Verletzung der elementar-
sten Grundlagen des Zusammenlebens empfunden, wobei der religiös moti-
vierte Rückzug der Christen aus dem öffentlichen Leben als Verweigerung
der Pflichterfüllung und so auch als Unrecht betrachtet wurde. Immer wie-
der begegnet daher der Vorwurf der Gottlosigkeit und des Menschenhasses,
der Vorwurf des unerträglichen Hochmutes und des Aufruhrs, der Vorwurf,

ein eigenes Geschlecht zu bilden... Mit einem Wort: Die Christen hatten
sich bewußt außerhalb des religiös bestimmten Lebenszusammenhangs
gestellt, waren ihm .fremd' geworden. Entsprechend wurden sie in der anti-
ken Gesellschaft als ein Fremdkörper erfahren" (118f). In diesem Zusam-
menhang geht ein Exkurs auf die Parallelen und Differenzen zwischen
Judenfeindschaft und Christenhaß in der Antike ein.

Der Vf. gibt sodann einen instruktiven Überblick über Auf-
bau, Thematik und Ziel des IPt. Aus dem Hauptabschnitt 1.3-
2,10 (theologische Grundlegung der christlichen Existenz) wer-
den die Hoffnung inmitten leidvoller Situation (1,3-12), der
Bruch mit der Vergangenheit (1,13-2,3) und die Gemeinschaft
des neuen Gottesvolkes (2,4-10) herausgearbeitet. Aus dem
zweiten Hauptabschnitt 2,11-5.11 (aktive und passive Bezie-
hung der Christen zu ihrer Umgebung) gelangen die christolo-
gische Fundierung und Exemplifikation des Leidens (2.18-24),
sein Zeugnischarakter (3,13-17) sowie seine eschatologische
Dimension (4,12-19) zur Darstellung. Ausführlich werden die
paränetischen Aussagen analysiert, die davor warnen, im alltäg-
lichen Leben einem Anpassungsdruck nachzugeben. Die vom
I Pt propagierte Überwindung des Bösen durch das Gute wird -
unter Berücksichtigung der konsequent eschatologischen Hal-
tung des Briefschreibers - gewertet als „Chance des - nichtver-
balen (vgl. 2,12; 3,10 wie verbalen (3,15) - Zeugnisses gegen-
über den Nichtglaubenden. die gerade dort gegeben ist, wo die
Christen äußerlich ohnmächtig sind" (161f). - Eindrücklich
wird die Wechselwirkung zwischen der Einschätzung durch
Außenstehende und dem christlichen Selbstverständnis aufge-
zeigt; der IPt nimmt den Vorwurf der Fremdheit auf und wen-
det ihn positiv: Die Christen sind dazu berufen, Fremde zu sein.
Der primäre Bezugspunkt dieser Existenz ist das in dieser Welt
lebende Gottesvolk; die Fremde gilt als Ort der Nachfolge des
Herrn, hier wird die neue Existenz gelebt. Insofern bedeutet die
Fremdlingschaft keine Wcltflüchtigkeit, sondern Freisein von
der Welt und zugleich Freisein für sie.

Anhangsweise werden die Einleitungsfragen zum 1 Pt ausge-
wogen diskutiert; ferner erfolgt eine direkte Auseinanderset-
zung mit J. H. Elliotts soziologisch orientierter Monographie
zum IPt (vgl.ThLZ 109, 1984, 443-445), und schließlich kom-
men bei wirkungsgeschichtlicher Betrachtungsweise die positi-
ven Impulse zur Geltung, die vom Fremdlingsgedanken für die
Reformbewegungen von der Alten Kirche bis hin zum II. Vati-
canum ausgegangen sind.

F. weist in seiner Untersuchung den durch und durch theolo-
gischen Gehalt der Konzeption von den Christen als Fremdlin-
gen im IPt überzeugend nach. Dafür sei ihm uneingeschränkt
gedankt!

Berlin Christian Wollt

Heiligenthal, Roman: Zwischen Henoch und Paulus. Studien
zum theologiegeschichtlichen Ort des Judasbriefes. Tübin-
gen: Heidelberg 1992. X, 196 S. 8» = Texte und Arbeiten
zum neutestamentlichen Zeitalter, 6. Kart. DM 68,-. ISBN 3-
7720-1885-8.

Diese - erfreulich komprimiert abgefaßte - Heidelberger
Habilitationsschrift verfolgt zwei Ziele. Das erste besteht darin,
den jüdischen Hintergrund des Jud zu erhellen und dabei spezi-
ell seinen apokalyptischen Charakter von der Henochüberliele-
rung her zu erklären. Das zweite Ziel zeigt sich in dem Be-
mühen, den Jud seinem „Schattendasein" zu entnehmen und
ihm einen Platz in den theologischen Auseinandersetzungen im
syrisch-kleinasiatischen Raum nach Paulus zuzuweisen.

Zunächst wird dem Leser die jüdische Verankerung des Jud
vor Augen geführt. Hierbei ist H. von dem Interesse geleitet, zu
zeigen, daß in diesem Schreiben das jüdische Material nur ganz
wenig überarbeitet wurde; woraus für ihn folgt, daß auch noch
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