Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

118.1993

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Theologische Literaturzeitung 118. Jahrgang 1993 Nr. 7/8

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sorgerliche Aufgabe der Kirche" - nach Luther „ihre wesentliche
Aufgabe" - liegt „in der Thematisierung dieser Spannung /wi-
schen Intimität und Autorität". Schließlich: In der genannten
Zuordnung von Intimität und Autorität wird „ein spezifisches, in
der Reformationszeit historisch neues Lebensgefühl seelsorger-
lich bearbeitet: nämlich die Individuierungs- und Lebensproble-
me des Mannes in der bürgerlichen Lebenswelt einer entstehen-
den bürgerlichen Gesellschaft" (7). - Die Frage drängt sich auf:
Geht es nicht nach Luther stets und primär um das Zustandekom-
men der erstgenannten „Intimitätserfahrung" selbst - also um den
Glauben (somit um Freiheit, Urteils- und Handlungsfähigkeit des
„Christenmenschen"!) als A und O christlicher Seelsorge'?

Die Begriffe „Intimität" und ..Autorität" samt allem, was der Vf. ihnen
sozial psychologisch zuordnet, hilden das universal verwendete und in zahl-
reichen Varianten gehandhabte Instrumentarium für die Lutherinterpretati-
on. Darüber geraten zentrale Topoi der lutherschen Theologie - insbesonde-
re die nirgends gesichtete kategoriale Unterschiedenheit und Gleichzeitig-
keit des Existierens der Menschen „coram deo" und „coram hominibus" -
aus dem Blick. Das Menschsein erscheint als innerweltlich-"lebensweltlich"
total determiniert durch die Spannung von Intimität und Autorität. Dabei
vertritt das unter dem Begriff „Intimität" Versammelte in der Sicht des Vf.s
offenkundig ein überwiegend positiv zu wertendes (von Luther allerdings It.
Vf. stark beargwöhntes und ausgegrenztes) Ensemble: Erfahrung von Inti-
mität und Nähe, insbesondere der Bereich des Erotisch-Sexuellen mit „Ver-
schmelzungssehnsucht", das Mutter-Kind-Verhältnis der vorgeburtlichen
und frühkindlichen Phase samt „ozeanischem Glücksgefühl", der der Erau
autoritativ zugewiesene Intimitätsbereiche des „Hauses" (bzw. enger: der
Familie), ..volkskulturelle" Traditionen - und religiös die (It. Lutherdeutung
des Vf.s) qua Intimität/Verschmelzung gefährliche mystische Vereinigung
der Seele mit Gott. Diesem allen tritt „Autorität" in distanzierender und sozi-
al ausgrenzender Eunktion entgegen. „Dimensionen" des von Luther via
„Autorität" ausgegrenzten „Außen" sind: „ungebändigte Antriebe von
Jugendlichen". ..sexuelle Attraktivität der Frau", „frühkapitalistische Öko-
nomie" (177).

Als äußerst ergiebig für das Interpretationsinteresse des Vf.s
erweist sich die Hohelied-Vorlesung 1530/31, in der Luther den
Staat (statt traditionell das Gott-Seele-Verhältnis) thematisiert.
Hier wird es sozusagen ganz schlimm: der Staat wird durch
„weiblich-mütterliche Attribute" „erotisiert" und entwickelt
zugleich via „Bedrohungsphantasie" „aggressives Verhalten"
(ans der Wendung „fortis in bello" herausgelesen) incl. der Auf-
forderung, expansiv auch ..andere Gemeinwesen zu domestizie-
ren" (1981 f. 203. 207). Wer einige Kenntnisse über Luthers
„politische" Theologie und Praxis besitzt, reibt sich verwundert
die Augen.

Der im Duktus des eben Skizzierten leicht aus dem Blick
geratende Topos „Seelsorge" stellt sich im letzten Drittel des
Buches vor allem im Zusammenhang mit „Sozialtechnologie"
ein. Dieser Begriff steht für die „Interpretationshypothese", daß
Lutherauf die seinerseits „unverstandene Lebenswelt der volks-
kulturellen Unterschichten im Sinne von Kontrolle und Modifi-
kation Einfluß nimmt" (253). Das hat offensichtlich innerhalb
des besagten „Zivilisationsprozesses" auch sein Gutes, da die
„sozialtechnologische Durchsetzung einer .Ordnung'" eine
„seelsorgerliche Qualität gewinnen kann", indem sie „Verhal-
tenssicherheit" schafft „durch ein Angebot neuer Rollendefini-
tionen... in einer Lage, die für große Menschengruppen eine
extreme Verhaltenstinsicherheit mit sich bringt" (273).

Unter den Stichworten „Selbstbeobachtung", „Selbstkontrol-
le". ..soziale Kontrolle" erfährt u.a. das Libido-Problem eine
breite Behandlung. Bei einem diesbezüglichen Vergleich zwi-
schen Luther und Ignatius von Loyola kommt fast unerwartet
ursprünglich „Lutherisches" zu Gehör („Entkrampfung" im
Selbstverhältnis des Subjekts wie auch im sozialen und Gottes-
verhältnis; 312f).

Wenn Ignatius eine „dezidiert männliche Seelsorge" attestiert
wird (308). so scheint das Gleiche für Luther doch nur in irgend-
wie erträglicherer form zu gelten, und man erfährt auch, daß
Intimität der Beziehung zwischen Eheleuten nach Luther den
„Herrschaltscharaklcr" der Mann-Frau-Bcziehung „unterlaufen"

müsse (353): versteckte Hinweise auf die unentdeckt geblie-
bene Dimension von „Intimität" im geistig-geistlichen Sinne -
als das Wort-Geist-Verstehen und Einssein, mit dem „Autorität"
ihre Funktion als Gegeninstanz verliert (bei Luther im Zusam-
menhang mit „Glauben" vielfältig thematisiert, mit dem Bei-
spiel von innerster Gewißheit und fröhlicher Spontaneität zwi-
schen Mann und Frau, aber auch - statt Autoritäts-Zwang - im
„Fühlen" der Wahrheit des „Gesetzes"; WA 6, 207; 39/1, 406).

Aber hier mögliche Einsichten werden nicht vollzogen. Do-
minierend bleibt das die gesamte Darstellung leitende Theorien-
konstrukt. Das zeigt sich auch wieder am Schluß in einer Aus-
einandersetzung mit Jüngels Interpretation des Lutherschen
Freiheitstraktats.

Berlin Rudolf Mau

Wizisla, Claus-Jürgen: Schwierigkeiten mit der Ehe? Für Lie-
bende, die nach der Ehe fragen, und für Verheiratete, die nach
der Liebe fragen. Leipzig: Evang. Verlagsanstalt 1991. 108 S.
80. DM 12,80. ISBN 3-374-01384-8.

„Lassen wir uns nun von den Beraterinnen und Beratern sa-
gen, wie sie ihre Tätigkeit verstehen... Sie machen uns das
Angebot, unsere Gesprächspartner zu sein, uns zuzuhören, unse-
re Situation zu verstehen und die Zusammenhänge zu entwir-
ren." (971.) Diese Passage aus dem Schlußkapitel kennzeichnet
die Intention des vorliegenden Buches treffender als der Unterti-
tel auf dem Titelblatt. Dem gut lesbaren Buch spürt man ab. daß
der Autor souverän aus einem großen Fundus von Theorie und
Praxis der seelsorgerlichen Beratung, insbesondere der Ehebera-
tung schöpft. Der Text ist flüssig geschrieben und kommt ohne
Anmerkungen aus. Gegliedert ist das Buch in sechs Abschnitte:
Die Krise der Ehe: Die Phasen der Ehe; Die Struktur der Ehe;
Rollen in der Ehe; Leitlinien für die Ehe; Konflikte in der Ehe.

Das Stichwort Krise weist auf die gesellschaftliche Bedingtheil
der Institution Ehe hin. Die Veränderungen des soziologischen -
auch des ökonomischen - Umfeldes bedingen jeweils eine verän-
derte Auffassung von Ehe, aber auch veränderte Ansprüche an die
Ausgestaltung der Ehe-Beziehung. In der jüngeren Vergangenheit
kam als zusätzliche Herausforderung die Form der „nichteheli-
chen Lebensgemeinschaft" hinzu. Zu beiden Faktoren gibt es in
dem Buch instruktive Gegenüberstellungen.

Die Abschnitte zu den Phasen und zu der Struktur der Ehe
sowie zu den Rollen in der Ehe erscheinen ausgewogen, ja förm-
lich weisheitlich geprägt - bis in den Duktus der Darstellung
hinein. Der Problemhorizont wird jeweils kenntnisreich abge-
schritten und einsichtig gegliedert. Die sympathische Darstel-
lung gibt aber kaum Raum und Veranlassung wahrzunehmen,
daß gerade in diesen Feldern tiefe Krisen und Entfremdungen in
der Ehe ihren Ort haben. Die Konflikte werden zwar gesehen,
aber sie erscheinen gleichsam aufgehoben auf der höheren Ebe-
ne der Einsicht.

Kontrapunktartig dazu erscheint in dem folgenden Kapitel
..Leitlinien für die Ehe" der Begriff Freiheit, der jedem Unterti-
tel vorangestellt ist: Freiheit und Partnerschaft; Freiheit und Ge-
meinschaft; Freiheit und Ordnung; Freiheit und Verantwortung.
Der Autor geht hier in jedem Abschnitt von einschlägigen bibli-
schen Perikopen aus, um dann einzelne theologische wie ethi-
sche Aspekte der Ehe bzw. des Zusammenlebens in der Ehe zu
beschreiben. Dabei wird der Freiheitsbegriff kaum gebraucht.
Sein Verständnis ist theologisch definiert: „Aus freier Liebe ruft
uns Gott in die Freiheit zur Liebe." (74; Die Assoziation zu Frei-
heit im Sinne der f rage, ob die Ehe eher Freiheit oder Unfreiheit
für einen Partner bewirkt, wird implizit an anderer Stelle ange-
sprochen, wäre aber durchaus auch explizit zu erörtern.) In der
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