Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

118.1993

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Theologische Literaturzeitung I 18. Jahrgang 1993 Nr. 7/8

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letische Diskussion eingeführten Begriff der „homiletischen
Situation'" in die übergreifende Kontinuität der Wort-Goltes-
Theologie einzustellen. So zeigt H. im ersten Teil seiner Arbeit
vor allem dies, daß es - entgegen landläufigen Annahmen -
auch der von der Wort-Gottes-Theologie durchprägten Homile-
tik um eine die Wirklichkeit des Hörers erschließende Predigt
gegangen ist. Es sollte diese Wirklichkeit nur ganz und gar nach
Maßgabe der dem christlichen Glauben eigenen kategorialen
Verfassung gedeutet sein.

Nimmt man die beiden Teilergebnisse der vorliegenden Un-
tersuchung zusammen, so ergibt sich, daß E. Lange mit dem
Begriff der „homiletischen Situation'" deshalb ein zentrales
„Predigtproblem" benannt hat, weil er gesehen hat, daß es in
dieser „Situation" durchaus differente Wirklichkeitsperspekti-
ven zu vermitteln gilt. Darauf macht H. denn auch in seinem,
den ..systematischen Ertrag" erfassenden Schlußkapitel (273-
298) aufmerksam. Ist das Wirklichkeitsverständnis des christli-
chen Glaubens in seiner Besonderheit wahrgenommen (was bei
E. Lange der Fall ist), dann stehen die kirchlichen Kommunika-
tionsanstrengungen zugleich unter der gesteigerten Anforde-
rung, daß Besondere des christlichen Glaubens unter den Bedin-
gungen des gesellschaftlich allgemeinen, in sich selber höchst
diHerenten Wirklichkeitsverständnisses zur Geltung zu bringen.
Zur pastoralen Berufserfahrung des Predigers gehört es nun ins-
besondere, um die von ihm erwarteten Vermittlungsanstrengun-
gen zu wissen.

Dazu, wie diese Vermittlungsleistungen zu erbringen sind,
wächst dem Prediger aus derjenigen homiletischen Theorietradi-
tion, auf deren Untersuchung sich die vorliegende Arbeit leider
beschränkt, freilich kaum nennenswerte Hilfe zu. Das macht
denn auch die Bescheidenheit des „systematischen Ertrags" vor-
liegender Untersuchung aus. Ihr dürftiges Ergebnis kann für die
gegenwärtige Homiletik vielleicht aber auch eine weitere Ermu-
tigung bedeuten, sich vom Paradigma der Wort-Gottes-Theolo-
gie entschlossener als bisher zu verabschieden und sich - in der
Aufnahme neuprotestantischer Theorietraditionen um eine die
natürliche Theologie rehabilitierende, das Christliehe-Besonde-
re zugleich ins Menschlich-Allgemeine vermittelnde Predigtar-
beit zu bemühen.

Göttingen Wilhelm Grab

Löhe, Wilhelm: Abendmahlspredigten (1866). Hg. von M.

Wittenberg. Neuendettelsau: Freimund 1991. 184 S. gr.8o -
Wilhelm Löhe. Gesammelte Werke, Ergänzungsreihe, I. DM
19,80. ISBN 3-7726-0157-X.

Wilhelm Löhe hat aus der Enge - einem kleinen Bauerndorf
von nicht einmal KHK) Einwohnern in Mittelfranken, Neuendet-
telsau. in dem er von 1837 an über 34 Jahre Pfarrer war - in die
Weite gewirkt. Seine intensive Gemeindearbeit, sein Charisma
als Prediger, Seelsorger und Organisator, die Gründung eines
Diakonissenhauses und Missionsseminars, umfängliche Litur-
gikstudien und zahlreiche Veröffentlichungen machten ihn unter
seinen Zeitgenossen bekannt und verschafften ihm eine nicht
geringe Nachwirkung bis in unser Jahrhundert. Neben der
Erweckungsbewegung hat ihn lutherische Theologie entschei-
dend geprägt. Dabei rückte je länger, je mehr das Hl. Abend-
mahl in das Zentruni seines theologischen Denkens und seiner
Gemeindepraxis. Da er infolge vorrückenden Alters und bela-
stender Krankheit nicht mehr dazu kam. seine Abendmahlslehre
zu veröffentlichen, füllt die Herausgabc seiner ..Abendmahls-
predigten" durch Martin Wittenberg - als Band 1 einer Ergän-
zungsreihe zu Löhes ..Gesammelten Werken" (1951-1986) -
eine nicht unerhebliche Lücke aus.

Die in diesem Band versammelten 20 Abendmahlspredigten -
ein zusammenhängender Zyklus - hat Löhe von Juli bis Dezem-
ber 1866 (mit 2 Ausnahmen) in den Freitagsgottesdiensten der
Neuendettelsauer Pfarrgemeinde gehalten. In klarer, einfacher,
aber auch eindringlich beredtsamer (und zuweilen erbaulieh-
erwecklicher) Sprache entfaltet Löhe darin im Anschluß an bi-
blische Texte seine Abendmahlslehre nach allen Seiten.

Den heilsgeschichtlichen Ausgangspunkt bildet die Einset-
zung und Feier des jüdischen Passamahls nach Ex 12 als Vor-
spiel des - ungleich herrlicheren - neutestamentlichen Bundes-
mahles.

Ausführlich setzt sich Löhe mit Abendmahlspraxis und -Ver-
ständnis der römischen und reformierten Kirche auseinander
und stellt dabei seine lutherische Position als die allein schrift-
gemäße und fest in der apostolischen Tradition verwurzelte her-
aus. Daß alle Konfessionen im Vertrauen und Gehorsam gegen-
über dem Wort des Herrn das Abendmahl halten, ist „Einigungs-
punkl aller Getrennten" (53), ein starkes Band der Einheit. Daß
aber die römische Kirche den Laien den Kelch vorenthält und
die Transsubstantialion lehrt, ist „strotzender Ungehorsam"
(57), und daß die Reformierten Brot und Kelch nicht segnen und
aus dem „ist" in den Einsetzungsworten ein bloßes „bedeutet"'
machen, ist eine „Frechheit" (85), Ketzerei (144). unvereinbar
mit dem Wort des Herrn und dessen legitimer Interpretation
durch die apostolischen Väter, denen vielmehr das lutherische
„mit, in und unter", die Union, „Vereinigung des Brotes und
Weines mit dem Himmelsgut" (107), entspricht.

Löhe vertritt dogmatisch und polemisch lutherische Theolo-
gie, übt aber zugleich entschieden und heftig Kritik, wo er auf
mangelnde Konsequenzen zu stoßen scheint. So kann er die
„real existierende" lutherische Kirche seiner Zeit eine „gar ver-
derbte und abgewichene Schar, wo jeder an seinem Altar schier
anders handelt" (58), nennen, hofft jedoch, daß „ihre Gabe und
ihr Kleinod"' sie „zum Phönix machen" wird, „der aus seiner
Asche verjüngt wieder emporsteigt" (108). Er bezieht und beruft
sich auf Luther, kann aber durchaus auch anderer Meinung sein,
etwa in seiner Auslegung von Joh 6. Auch innerhalb der lutheri-
schen Kirchen verteidigt er seinen eigenen Standpunkt und kann
selbstbewußt auf das Neuendettelsauer Vorbild in der rechten
Gestaltung der Abendmahlsfeier verweisen (vgl. 76).

Mit väterlich-seelsorgerlicher Zuwendung verkündigt er sei-
ner Gemeinde die Segenswirkung des gläubig empfangenen
Abendmahls, seine „Süßigkeit", die das Jammertal verwandelt
„zum Vorsaal des Himmels", die im Elend der Zeit - 1866 ist
Kriegsjahr! - tröstet (431.). Den Gläubigen gewährt das Abend-
mahl „Verpfändung" der Sündenvergebung. Einigung - „Ver-
mählung" (151) - mit Christus und seiner Gemeinde, Trost ge-
genüber dem Tod, macht sie der seligen Auferstehung teilhaftig
(vgl. dazu bes. die Sonntagspredigt über Luk 7.1 III'.. S. 93ff.).

Schließlich geht er. katechtisch unterweisend, ganz, konkret auf
Einzelfragen ein, wirbt z.B. um häufige Teilnahme am Abend-
mahl, mahnt zu ernster Prüfung, empfiehlt die Privatbeichte,
schärft der Gemeinde ihre Mitverantwortung für den „ordentli-
chen" Verlauf der Feier ein.

Löhes „Abendmahlspredigten" bieten nichts „Spektakuläres",
aber geben doch „wichtige Impulse" (Vorwort 11) zur Einord-
nung und Würdigung eines bedeutenden Theologen und Kir-
chenmannes des 19. Jh.s und zur Orientierung in der Diskussion
über das Abendmahl. Mehr noch: Impulse, das Abendmahl neu
zu schätzen, es gern und recht zu feiern.

Der Hg. hat die Textgestalt der Predigten aufgrund von Nach-
schriften mühevoll akribisch erarbeitet und kommentiert. Vor-
worte, Einführung, Literaturangaben und Register helfen
wesentlich zum tieferen Verständnis und weiteren Aufschluß
der Texte und des zeitgeschichtlichen Kontextes.

Brühl Günter Wiesemann
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