Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

118.1993

Zitierlink

619

Theologische Literaturzeitung I 18. Jahrgang 1993 Nr. 7/8

620

„Kritiker" begegnen unbeschadet der biographischen Daten in
aufsteigender Reihe: C. v. Weizsäcker, O. Pfleiderer, H. J.
Holtzmann und zuletzt F. Overbeck. Der Basler Gelehrte, der
den meisten Theologen nur als Freund Nietzsches und Anreger
des jungen Karl Barth bekannt ist, hat als kritischer Exeget der
Apostelgeschichte und als Patristiker die Subjektivität des Pau-
lus zum Schlüssel genommen und die judenchristliche Einstel-
lung des Petrus hinterfragt. Die von J. Weiß angeführte Genera-
tion der Religionsgeschichtlichen Schule bringt die Preisgabe
der Rechtfertigungslehre als Zentrum des Paulinismus (Wernle,
Wrede, A. Schweitzer) und die Frage nach der vorpaulinischen
hellenistischen Gemeinde, die von W. Heitmüller und W. Bous-
set inauguriert wurde und dank der Aufnahme durch R. Bult-
mann das heutige Bild der Geschichte des Urchristentums be-
stimmt. Beide Aspekte mußten sich auf die Deutung des antio-
chenischen Konfliktes auswirken.

Der Vf. hat in einem abschließenden Teil einen eigenen exe-
getischen Beitrag zur Auslegung von Gal 2,11-21 dargeboten.
Dabei legt er den Nachdruck darauf, daß Paulus in seiner Dar-
stellung den zurückliegenden Konflikt in Antiochien im Blick
auf die aktuelle Auseinandersetzung mit den Galatern um die
Gesetzesfrage funktionalisiert. Er wird zum „Konflikt, der so-
wohl in seinen apologetischen als auch paradigmatischen Mo-
menten für eine neue Krise fruchtbar gemacht wird" (396). In
solchem Ergebnis ist ein Jahrhundert Forschungsgeschichte im
Zeichen ständiger Selbstkorrektur aufbewahrt. Von da aus ist
das Problem ökumenischer und interreligiöser Kommunikation
heute im Blick zu nehmen. Der Weg der jenseits von kurz-
schlüssigen Lösungen wie der Rückkehrökumene (im interkon-
fessionellen Bereich) und dem theologischen Besitzzverzicht
(im interreligiösen Dialog) nach vorn weist, kann auf die Ent-
scheidungen des Paulus angesichts des Antiochiakonfliktes
gleichsam als erste Station zurückblicken.

Halle (Saale) Wolfgang Wiefel

Zettner, Christoph: Amt, Gemeinde und kirchliche Einheit
in der Apostelgeschichte des Lukas. Frankfurt/M.-Bern-
New York-Paris: Lang 1991. LVIII, 434 S. 8° = Europäische
Hochschulschriften. Reihe XXIII: Theologie, 423. Kart. DM
99,-. ISBN 3-631-43818-4.

Diese von der Katholisch-theologischen Fakultät der Univer-
sität Bochum angenommene Dissertation liefert einen weiteren
Beitrag zu der in den letzten Jahrzehnten oft behandelten Frage
nach dem luk. Veständnis der kirchlichen Ämter. Ihr leitendes
Interesse besteht darin, Lukas als Zeugen gegen die These einer
institutionellen Verengung des freien, charismatischen Gemein-
delebens der christlichen Frühzeit ins Feld zu führen, indem sie
zu zeigen versucht: Die Apg beschreibt eine planvolle organi-
sche Entwicklung hin auf eine institutionell geordnete Kirche:
und zwar ist diese Beschreibung kein schriftstellerisches Kon-
strukt, sondern letztlich Nachvollzug eines historischen Prozes-
ses, dessen Teil Lukas selbst ist.

Formal bietet die Arbeit eine Aneinanderreihung von - zum
Teil breit ausufernden - Exegesen thematisch relevanter Ab-
schnitte der Apg. Behandelt werden u.a. 1,15-26; 6,1-7; 9,1-30
und, als entscheidender Schwerpunkt, 20,17-18. Dabei werden
Zug um Zug die folgenden Thesen als bestimmend erkennbar:

1. Lukas kennt ein zentrales ortsgemeindliches Leitungsamt,
nämlich das der Presbyter. Dieses ist zunächst als Leitungsamt
in der Jerusalemer Gemeinde entstanden (15,6). Und zwar han-
delte es sich nicht um die Übernahme eines jüdischen Modells,
sondern um eine eigenständige christliche Prägung (3970- Apg
14,23 ist zwar eine ungeschichtliche lukanische Bildung, da der
historische Paulus in seinen Gemeinden keine Ältesten kannte.

trifft aber sachlich insofern das Richtige, weil die paulinischen
Gemeinden im weiteren Verlauf (siehe Pastoralbriefe!) dieses
Modell, weil von den „vorangegangenen Glaubensbrüdern"
autorisiert (398) tatsächlich übernahmen.

2. Die „12 Apostel" sind weder die ersten Träger, noch die
Urbilder dieses Presbyteramtes; sie können dies auch gar nicht
sein, weil sie kein gemeindliches, sondern ein gesamtkirchliches
Amt haben. Ihre Funktion sowie die des ihnen zugeordneten Pau-
lus besteht vielmehr darin, durch ihre organisatorischen Anord-
nungen die Entwicklung in die rechte, sichere Bahn geleitet zu
haben - und zu diesen gehört eben auch die Einsetzung der Pres-
byter. Damit will der Vf. das Verschwinden der „12 Apostel"
von der Bildfläche nach dem Apostelkonzil erklären; freilich
nicht. ohne die Möglichkeit einer legitimen Anknüpfung der spä-
teren kirchlichen Hierarchie an dieses Modell in einer zweifellos
rhetorisch gemeinten Frage zumindest anzudeuten: „Was aber
gibt anderen Entwicklungsschritten ihre Sicherheit?" (434).

3. Weder Apg 20,17-38 noch die Pastoralbriefe dürfen als
Zeugnisse für eine Verschmelzung einer ursprünglich selbständi-
gen Episkopen/Diakonen-Ordnung mit der Presbyterordnung
verslanden werden; in Apg 20,28 handelt es sich lediglich um
eine Funktionsbeschreibung der Presbyter. Das Episkopenamt
hat sich vielmehr aus dem Presbyteramt heraus entwickelt,
u.zw. dadurch, daß jeweils einem aus dem Kreis der Presbyter
besondere Verantwortung für einen weiteren Bereich übertragen
wurde.

4. Insgesamt bezeugt die Apg eine organische Entwicklung
der Kirche, „ihres Glaubens und Lebens, von den Anfängen bis
zur Gegenwart" (373), die sich zwar nicht in einer äußerlich auf-
weisbaren, auf Jesus zurückführbaren Sukzession der Träger
eines bestimmten Amtes, wohl aber in einer Sukzession sinnvol-
ler, vom Geist gelenkter Entfaltung eines auf Jesus zurück-
führenden Ansatzes hcilsgeschichtlichcr Kontinuität manife-
stiert.

Ich gestehe, daß mich die Beweisführung Z.s in keiner Hin-
sicht überzeugt. Gerade an den für seine Thesen entscheidenden
Punkten beruht sie auf Konstruktionen, die zwar phantasievoll
sind, aber vom exegetischen Befund nicht gedeckt werden. Um
dafür nur ein paar Beispiele herauszugreifen: Ich sehe nicht, mit
welchem Recht er aus 6,2-4 die Trennung zwischen einem ge-
samtkirchlichen, von den Aposteln wahrgenommenen, und
einem gemeindlichen Amt herauslesen will, zumal ja von dem
letzten hier überhaupt nicht die Rede ist. Die dafür gelieferte
Erklärung, Lukas zeichne „also hier die Gemeinde und ihr Amt
an sich" (205) kann mich nicht überzeugen. Fragwürdig er-
scheint mir auch der postulierte Rückbezug von 20,17-38 auf
14,21-28; 13,1-3 und 1,21-26 (3651). der für die Kontinuitätsbe-
hauptung eine zentrale Rolle spielt. Ich halte es ferner für ein
verwegenes Postulat, wenn Vf. den für ihn schwierigen Um-
stand, daß 20,28 von einer Einsetzung der ephesinischen Pres-
byter durch den Heiligen Geist spricht, während jede Bezugnah-
me auf eine Einsetzung durch Paulus fehlt, dadurch weginterpre-
tiert, daß er auf die geschichtliche Verbindung der Gemeinde mit
der (amtlich geordneten) apostolischen ekklesia verweist, um
von da her zu folgern, daß nach Lukas „eine neue Gemeinde
schon von ihrem Herkommen her (Hervorhebung vom Vf.) eine
amtlich strukturierte ist (381). Und vollends die Ableitung eines
eucharistischen Amtspriestertums aus 20,28, wo von der Verant-
wortung der Presbyter für die durch das Blut Jesu erworbenen
Kirche die Rede ist (422), erscheint mir - gelinde gesagt -
befremdlich. Nach alledem kann ich mich nur schwer des Ein-
drucks erwehren, hier werde wissenschaftliche Exegese zum
Mittel der Bestätigung einer traditionalistischen dogmatischen
Position gemacht und so eine Weise der Schriftauslegung geübt,
die man heute gern für endgültig überwunden gehalten hätte.

Erlangen Jürgen Roloff
loading ...