Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

117.1992

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Theologische Literaturzeitung 117. Jahrgang 1992 Nr. 1

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tums erschlossen. Daß diese aber zu einer angemessenen Inter- besitzt Sinn nur diä hypöthesin, nur vermutungsweise"9. Derver-
pretation unseres überlieferten Johannesevangeliums einen posi- meintlich feststehende und exegetisch-methodisch feststellbare
tiven, oder gar den entscheidenden Beitrag zu leisten vermöchte, objektive oder ursprüngliche Textsinn10, als sensus historicus
gerade das ist vehement zu bestreiten. meist mit der mutmaßlichen Autorenintention identifiziert, der
Denn als vom Allgemeinen eines Genres ebenso wie vom Individuellen dann unter veränderten Bedingungen nur noch anzuwenden wäre
eines Stils geprägte Werke sind literarische Texte Ergebnisse auctorialcr (Applikation), ist eine bloße Chimäre. Die subtilitas explicandi
Produktionsprozesse. Ihre zueinander in Beziehung oder in Opposition un(j die.subtilitas applicandlsind vielmehr die beiden, von einan-
stehenden Zeichen, Sätze und Teiltexte, die wiederum auf andere Zeichen, der unablösbaren Seiten ein und desselben Prozesses. Texte las-
Ä,chenketten oder Texte verweisen, bilden ein synchrones Geflecht und sen dje Alternative rkhü oder fahcher Auslegung nicht zu,
Konstituieren ihre Welt,in unserem Falle die Welt des Johannes. Sie ist kein „, ,. ' ,. , ,
hinrwc~;„ i a d i-.x. • A ■ or u ■ u ■ l r- sondern sie sind die Klasse ihrer möglichen Interpretationen,
oiouer Spiegel der Realität irgendeiner mutmaßlichen /ohanneischen Ge- " H

meinäe, sondern eine geheime Gegenwelt, die darauf wartet, von Lesern deren Zahl unvorhersehbar und allein durch die der unmöglichen

entdeckt und bewohnt zu werden. Diese Welt des Johannes ist die Sache Auslegungen begrenzt ist. Denn „Texte haben weder den Status

seines Textes, auf die sich alle seine Zeichen beziehen. Sie ist das mit allem von Präskripten noch von Erfahrungstatsachen, sondern von Ap-

darin Gesagten unsagbare Gemeinte, das sich nicht dem mechanistischen pellen, denen frei entsprochen wird."". Daß dabei „frei" nicht

Zugriff irgendeiner Methode, sondern allein der geübten Kunst der Divina- einfach „beliebig" heißt, so daß der Willkür Tür und Tor geöffnet

Hon erschließt4. wären, versteht sich von selbst12.

Solchem, zumal dem Werk Paul Ricceurs verpflichtetem Um-
gang mit Texten gegenüber, erscheint es mir als ein grundsätzli- Neckargemünd Hartwig Thyen

eher Fehler, mit ihnen zu verfahren, als seien sie archäologische _

Grabungsstätten, deren diachron übereinander abgelagerte

Schichten Auskunft über ihre einstigen Bewohner und deren Ge- 1 Vgl. dazu vor allem Eugen Ruckstuhl und Peter Dschulnigg. Stilkritik
schicke, sowie über die Intentionen ihrer Architekten zu geben und Verfasserfrage im Johannesevangelium. Die johanneischen Sprach-
vermöchten. So aber, nämlich primär diachronisch, fragt F, und merkmale auf dem Hintergrund des NT und des zeitgenössischen helleni-
dem entspricht sein ungebrochenes Vertrauen in die Leistungsfä- stischen Schrifttums: Novum Tcslamentum et Orbis Amiquus 17, Freiburg/
h'gkeit der redaktionskritischen Methode. Er verfällt damit dem Schwciz und Göttingen 1991.

schon von Nietzsche als „ historische Krankheit" diagnostiz.erten . cVgL da,zu £"Är Frage" ™ Formgeschich,e

oor.^.- i_ ■ , . ■ . • „ , .. des Evangeliums: BEvTh 54,L1974. pass.

genetischen Fehlschluß3, als sei die Wahrheit einer Sache iden- 3 ., , . r ~ „ , T. ^ „, „ , c . _ ., „ .

• ■ , . J Vgl. schon E. C. Hoskyns, The Fourth Gospel. Ed. F. N. Davev. Lon-

"sch mit deren Entstehung und nur mit dieser aufzuklären6. In don 1947 82. vor a|lem aber FransNeifynckl John and the Synoptics. In:

Karl Barths Terminologie gesagt: F. identifiziert das Rätsel der L'Evangile de Jean. Ed. M. deJonge: BETL 44,1977, 73-103; Ders.. John

Urkunde mit dem Rätsel der Sache und dringt so zu dem letzteren and the Synoptics: The Empty Tomb Stories: NTS 30 (1984), 161-187:

als der eigentlichen Aufgabe der Interpretation gar nicht hin- Ders. u.a., L'Evangile de Jean: Examen critique du commentaire de M.-E.

durch7. Boismardet A. Lamouille: EThL 53 (1977) 363-478: Ders. u. a.. Jean et les

So prinzipiell freilich das Rätsel der Urkunde von demjenigen Synoptiques: Examen critique de l'exegese de M.-E. Boismard: BETL 49,

der Sache unterschieden sein will, so wenig können die beiden je- l979; Lcs Femmes au Tombeau: Etüde de la redaction Matteenne:

dnrh ;„ j , ° . , ... NTS 15 (1968/69) 168-190; Maurits Sabbc, The Arrest of Jesus in Jn

"oen je voneinander getrennt werden. Denn wie der vorzeitige ,„,,,..„,. ! „ . „ , . . . ,

I r>o„ ■ ■ , ,, . .., ■ r, ■ 18,1-11 and lts Relation to the Synoptic Gospels. A cntical Examination

Logos in Jesus Christus Fleisch und allein so überhaupt erfahrbar o(A Dauer's Hypothek: BETL 44. 203-234;*«., John 10 and its Rela-

wurde, so atmet der Geist des Johannesevangeliums nur in des- tion t0 the Synoptic Gospels. ,n: y M(r, SJ. and R. T. Forma (Edd.).

sen Buchstaben als der konstiutiven Bausteine seiner Welt. Da The Sheperd Discourse of John 10 ans its Context: SNTS MS 67. 1991.

sämtliche Texte mit dem Jünger, den Jesus liebte, ebenso wie alle 75-93. Sie auch die demnächst in der Reihe BETL erscheinende, von A.

Peirusszenen des Evangeliums von vornherein auf ihre Klimax in Dcnaux herausgegebene Dokumentation des 39. Colloquium biblicum Lo-

seinem Epilog (Joh 21) hin angelegt sind und ohne diesen form- vaniense vom August 1990 über das Thema: John and the Synoptics.

'•eh bodenloswürden, läßt sich das Kapitel nicht ah sekundärer 4 v8'- die durch Manfred Franko individuelle Allgemeine. Frankfurt

Nachtrag vom Rest des Evangeliums lösen8. Wenn es denn redak- 1977> anSeregte neue und überaus fruchtbare Schleiermacher-Lektün und

tum,-Ii o«;_ ii. j u-., i n j i . j „__„__,„ r- _ dazu seine Neuedition von: F. D. E. Schleiermacher, Hermeneutik und

"oneu sein sollte, dann hatte dieser Redaktor das gesamte Evan- . '

opi-___. . . . .. . , , .. _.. Kritik: stw 21 I, Frankfurt 1977, sowie M. Frank, Das Sagbare und das Un-

eenum derart tiefgreifend (um)gepragt und durch die Einfügung sagbare. stw 3,7 2|989 pass

Jer Szenen mit dem geliebten Jünger und der Petrustexte so auf j FrieJrkh Nietzsche\ Vom Nutzen und Nachteil der Historie Tür das

q'esen Epilog hin komponiert, daß die Kohärenz des überliefer- Leben Zwejtes Stück der Unzeitgemäßen Betrachtungen, in: den., Werke

ten Evangliums als sein Werk, und er deshalb als der vierte Evan- in drei Bänden. Stuttgart, Zürich, Salzburg 1958,1, 209-285.

Seiist angesehen werden muß. Doch selbst im Realfalle wären alle 6 Vgl. Herbert Schnädelbach, .Etwas Verstehen heißt Verstehen, wie es

etwa vor dieser Redaktion existierenden Teiltexte und Textzu- geworden ist'. In: Ders., Vernunft und Geschichte (stw 683) Frankfurt

sammenhänge so in diesem nunmehr neuen Werk aufgehoben, 1987- '25-151. - Schnädelbach zitiert ebd. 126 Anselm von Feuerbach:

daß jegliche Bedeutung und jede pragmatische Funktion, die sie - Die Geschichte erklärt nur, wie etwas nach und nach geworden ist; wie

ln» Laufe ihrer bewegten Überlieferungsgeschichte einmal ^^^^^^^O^^^^^O^Oikittt

an o;„l. .... .. •. . „ ..... angehört, ist dem Leben abgestorben . Und Hans-Georg Gadamer sagt:

sich gehabt haben mögen, von ihnen abgefallen sind, damit sie Der Jext der hjstorjsch verstanden wird, wird aus dem Anspruch, Wah.

"nan der durch das Zeugniswort des geliebten Jungers geschaffe- res zusagen. förmlich herausgedrängt" (Wahrheit und Methode. Tübingen

nen Welt als ihre Elemente dienen. 21965,287).

Dieser Lektürevorschlag mit seinem nachdrücklichen Plä- 7 Karl Barth, Der Römerbrief. Zürich l01967, XII.

d°ver für die „erratende Ingenuität" des Auslegers setzt freilich 8 So die meisten Ausleger. Auch Forma (246, n.41) hält Jo 21 fürsekun-

v°raus, daß „man ... die Illusion eines ursprünglich gegebenen, där, läßt aber die Frage offen, ob das Kapitel vom Evangelisten selbst oder

?>« sich identischen Textsinnes aufgeben und sehen" muß, „daß von cinem anderen ^^»dix hinzugefügt wurde. Vgl. aber PaulS. Mi-

Äußerung (Text) und Interpretation nicht zwei Seiten einer teil- ^.Jh« Original funetions of John 21: ST 38 (Oslo 1984;i 29-45.

barpr, au v. j n j r. j j Manfred Frank, Was ist NeoStrukturalismus.' stw 1203, Frankfurt

"<>ien Arbeit-der Produktion und der Rezeption - sind, sondern 219g4 553

bereits die in der Äußerung(oder im Text) selbst verwobenen ,0 So zuma, EmWo Bettl Angememe Auslegungslehre als Methodik der

eichen nur kraft einer Interpretation bestehen, d. h. den Status Geisteswissenschaften, Tübingen 1967; Ders., Die Hermeneutik als allge-

v°n Zeichen erwerben. Nicht die Auslegung verfehlt gegebenen- meine Methodik der Geisteswissenschaften, Tübingen 21972; und E. D.

a"s den ursprünglichen Sinn der Äußerung, die Äußerung selbst Hirsch, Validity in Interpretation, New York 1967; deutsch: Prinzipien der
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