Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

116.1991

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Theologische Literaturzeitung 116. Jahrgang 1991 Nr. 12

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Paulus Gottes Bund mit Israel in dieser Perspektive gelesen habe
"as part of his larger narrative design to raise up a people to
declare his praise, called from among the Gentiles as well as from
among the Jews: the Gentiles are grafted into Israel" (1830, so ist
diese Einebnung der beiden Religionen theologisch wurzelhaft
falsch. Immerhin gesteht H. zu, daß zumindest der Gal als Bei-
spiel eines heuristischen intertextuellen Lesens zutreffend zu be-
schreiben sei.

Die „dialektischeImitation "sieht H. als die eigentliche herme-
neutische Strategie des Paulus. Der Rom ist für ihn das Muster-
beispiel dieser Imitation (177):

"Paul's proclamation needs the blessing of Scripture, and Scripture's
witness to God's election of Israel Stands in judgement of all formulations
of the gospel. On the other hand, Scripture's witness gains its eschatological
coherence only in light of the gospel, and the gospel Stands in judgment of
Israel's unbelief. The voices contend in counterpoint."

6. Blicken wir auf die Konzeption H.s zurück, so ist folgendes
zu sagen:

6.1. Es ist das Verdienst H.s, auf einen in der Literaturwissen-
schaft fruchtbringenden neuen methodologischen Ansatz auf-
merksam gemacht zu haben. Damit ist vor allem für die Frage
nach der Rezeption des Alten Testaments im Neuen ein neuer
Anfang gemacht. Die ntl. Wissenschaft sollte ihm dafür großen
Dank wissen! Die gleich noch zu nennenden gravamina wiegen
leicht gegenüber dieser Innovation.

6.2. Die Schwäche des vorgelegten Entwurfs liegt in seinem
Pragmatismus. Die Vernachlässigung der philosophischen Impli-
kationen führt dazu, daß wichtige Perspektiven nur unscharf ge-
sehen werden. Seine bewußt ausgesprochene Abwertung der Me-
thode gegenüber der - in der Tat unverzichtbaren! - Sensibilität
bringt ihn z.T. um die Früchte seines eigenen so verheißungs-
vollen neuen Ansatzes.

6.3. Für die immer wieder so betonte metaphorische Strategie
für das Lesen des atl. Prätextes kann sich H. auf John Hollander
berufen. Zugleich muß jedoch gesagt werden, daß die Theoreti-
ker der Intertextualität das Problem der Metapher so gut wie
nicht in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen gestellt haben. Es
scheint, als habe gerade die generative Fähigkeit der Metapher -
es wurde schon gesagt, daß hier Paul Ricoeur eher als Gewährs-
mann geeignet gewesen wäre - H. dazu verführt, grundlegende
methodologische Erwägungen hintanzustellen. Ergeht aber dann
in seinen Einzelexegesen doch methodisch verantwortlich vor,
aber eben nicht mit der Fülle des methodischen Instrumenta-
riums, das die mit Intertextualität befaßten Literaturwissen-
schaftler zur Verfügung stellen. Zu diskutieren wäre in diesem
Zusammenhang vor allem, was H. über das " model of hermeneu-
tical freedom " sagt (186):

" If we learned from Paul how to read Scripture, we would learn to appre-
ciate the metaphorical relation between the text and our own reading of
it... In our own proclamation of the word, we would grant a broad space for
the play of echo and allusion, for figurative intertextual conjunctions, and
even - if our communities were sufficiently rooted in Scripture's symbolic
soil - for metalepsis."

Diese Diskussion muß allerdings auf eine spätere Zeit verscho-
ben werden. Die Gefahr der genannten hermeneutischen Frei-
heit, wenn Methodologie als sekundär behauptet wird, liegt auf
der Hand.

6.4. Mit dem zuletzt Gesagten hängt auch die Unklarheit des
von H. in den Mittelpunkt gestellten Terminus „ Echo " zusammen.
Hier muß unbedingt begriffliche Klarheit geschaffen werden.

6.5. Theologisch bedenklich ist die von H. vorgenommene
Annäherung von Altem und Neuem Testament. Der Jubilar, dem
dieser Aufsatz zu seinem 85. Geburtstag gewidmet ist, hat mu-
stergültig das Verhältnis der beiden Testamente unter der Per-
spektive von Buchstaben und Geist herausgearbeitet. Ich sehe
keinen exegetischen Grund, von seiner theologischen Begriffsbe-
stimmung abzugehen.51

1 V. Eco, Der Name der Rose, München/Wien 1982. 365f.

2 Hays, Richard B.: Echoes of Scripture in the Letters of Paul. Ne*
Häven & London: Yale University Press 1989. XIV S., 240 S.

3 Für Literaturhinweise und klärende Gespräche danke ich den Kol'1'
gen Prof. Dr. Fritz Paul und in besonderer Weise Prof. Dr. Horst Türk von
der Philosophischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen-

4 M. Pfister, Konzepte der Intertextualität, in: II. Broich/M Pfist*
(Hgg.), Intertextualität. Formen. Funktionen, anglistische Fallstudien-
Tübingen 1985, 1-30; eine 2. Aufl. ist für dieses Jahr vom Verlag angezeigt-

5 Ib. 4f.

67. Kristeva, Semaiotike: Recherches pour une semanalyse. Paris 1969.
146.

7 Dazu z. B. CA. Grivel, Les universaux de textes, Litteratur 30 (1978)-
25-50.

8 R. Lachmann (Hg.), Dialogizität, Theorie und Geschichte der Litera-
tur und der schönen Künste, Reihe A, Bd. 1. München 1982,8.

9 M. Riffaterre, The Semiotics of Poetry. London 1980, 164; den., I3
syllepse intertextuell, Poetique 40 (1979), (496-501) 496.

10 Z.B. R. Barthes, S/Z, Paris 1970. 16: »Ce >moi< qui s'approche du
texte est dejä lui-meme une pluralite d'autres textes...«; deutsche Ubers. •
S/Z Frankfurt/Main 1976, 14.

11 Obwohl der Titel vermuten läßt, daß Intertextualität nur im Blick auf
das Übersetzungsproblem thematisiert wird, hat sich doch der Autor auch
grundsätzlich zur Frage nach dem Wesen von Intertextualität geäußert: H-
Türk. Intertextualität als Fall der Übersetzung. Poetica 19 (1987). 261-
277, vor allem ib. 261 -266 über die Auswertung der Dialogizität im Inter-
textualitätsbegriff, die Dezentrierung des Subjekts und die Aufhebung der
Kategorie des Werks.

12 J. Cutter, The Persuit of Signs: Semiotics, Literature. Deconstruction-
Ithaca 1981, 103.

13 Hervorhebung durch mich.

14 Th. M. Greene. The Light in Troy: Imitation and Discovery in Renais-
sance Poetry, New Häven 1982, 50.

15 TS. Eliot, Selected Essays, New York 1950, 4.

16 H. Bloom, The Anxiety of Influence, New York 1973.

17 Ib. 94.

18 Ib. 30.

19 J. Hollander, The Figure of Echo: A Mode of Allusion in Milton and
After, Berkely 1981.

20 P. Ricoeur. Die lebendige Metapher, München 1986 (franz. Original
Paris 1975), VIf.; Hervorhebungen durch mich.

21 So z. B. S. 15, wenn Hays, jedoch ohne den Terminus „Echo" zu nen-
nen, erklärt, er wolle das Phänomen der Intertextualität diskutieren, indem
er sich auf Zitate und Anspielungen auf spezifische Texte konzentriere (fo-
cusing).

22 Das Zitat aus dem Zitat stammt von Hottander, Figure of Echo. 64:

23 Er sagt nicht "word-play"!

24 Roland Barthes par Roland Barthes. Paris, 1975. 78; dtsch. : R. Barl-
hes, Über mich selbst, München 1978, 81.

25 Ib. 148 bzw. 158.

26 Pfister, Konzepte der Intertextualität, 13.

27Einen guten Überblick bietet U. Broich. Formen der Markierung von
Intertextualität. in : Intertextualität. 31-47.

28 Ib. 34.

29 Z. Ben-Porat. The Poetics of Literary Allusion. PTL 1 (1976). 105-
128; C. Perri, On Alluding, Poetics 7 (1978), 289-307.

30 Perri, op. cit. 290.

31 Broich. Formen der Markierung. 34.

32 Ib. 35fT.

33 Ib. 47.

34dtv 10552 (81987).

35 Ib. 28; Hervorhebung durch mich; ital. Original: Postille a „II nome
de la rosa", Milano 1984, 15.

36 Ib. 28.

37 Ib. 31 ff; Hervorhebung durch mich.

38 Ib. 51.

39 Ich werde jedoch im 2. Band meiner Biblischen Theologie des Neuen
Testaments, in dem u. a. Paulus ausführlich behandelt wird, auf diese Kapi-
tel zu sprechen kommen.

40 Hervorhebung durch mich.

41 Hervorhebung durch mich.

42 S. neuestens H. Hübner. Was ist existentiale Interpretation?, in: B. Ja-
sper! (Hg.) Bibel und Mythos. 50 Jahre nach Rudolf Bultmanns Entmytho-
logisierungsprogramm, Göttingen 1991. 9-37.
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