Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

116.1991

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Theologische Literaturzeitung 116. Jahrgang 1991 Nr. 12

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Gefangenschaft mit einem atl. Echo (21):" Paul echoes a fragment of voice
from Job." Zwar sei diese Aussage auch dann verständlich, wenn man den
Bezug auf Hiob 13,16 nicht sehe; wem aber diese Quelle bekannt sei, werde
eine Anzahl verblüffender Anklänge erkennen. In Hiob 13 geht es ja um die
Behauptung der eigenen Schuldlosigkeit (s. vor allem 13,18: iSod eyrö evyüc,
eiui toC Kpiuaxöc, u,ou, otoa fcytb öxi 8ücaioc, dvacpavoönai). In 13,27 ist es
Hiob selbst, der sich, wie Paulus, als zu Unrecht Inhaftierter darstelle. Also
(22):

"By echoing Job's words, Paul the prisoner tacitly assumes the role of
righteous sufferer, as paradigmatically figured by Job. Awaiting trial, he
speaks with Job's voice to affirm confidence in the favorable outcome of
his afflictions; thereby, he implicitly transfers to himself some of the signi-
fications that traditionally Cluster about the figure of Job."

Natürlich sieht H. auch die Unterschiede zwischen Hiob und Paulus.
Dennoch (22): "The lightness of the figurative assertion is a significant
part of the literary effect here." Worauf es H. jedoch entschieden an-
kommt, ist, daß Paulus das Verhältnis zwischen Hiob und sich selbst nicht
als Typologie vorstellt, auch nicht seine Situation als Erfüllung der atl. Si-
tuation Hiobs. Weil Paulus sein Leiden als Teilhabe am Leiden Christi in-
terpretiere, etabliere sein ziemlich subtiles Echo der Selbstverteidigung
Hiobs "a figurative resonance between his plight (and ultimate fate) and
that of Job, but stops far short of making any explicit Claims or positing a
typological scheme" (22). Also: "Those who have ears to hear will detect
the contrapuntal effect and delight in it."

Für H. illustriert der Bezug auf Hiob in Phil 1.19 Hollanders Grundsatz
"the Interpretation of a metalepsis entailes the recovery of the transumed
material" (23). So soll die von Paulus benutzte Trope (Begriff im Sinne der
antiken Rhetorik) den Leser einladen, an einem Akt der Phantasie teilzu-
nehmen, der notwendig (!) sei, um das Gemälde, das er von seiner Lage
zeichnet, zu verstehen. Die Konsequenz, die H. aus dem ganzen folgert, sei
noch einmal als längeres Zitat gebracht (23):

"The volume of intertextual echo varies in accordance with the seman-
tic distance between the source and the reflecting surface. Quotation, allu-
sion and (!) echo may be seen as points along a spectrum of intertextual re-
ference, moving from the explicit to the subliminal. As we move farther
away from overt citation. the source recedes into the discursive distance,
the intertextual relations become less determinate, and the demand placed
on the reader's listening powers grows greater. As we near the vanishing
point of the echo, it inevitably becomes difficult to decide whether we are
really hearing an echo at all, or whether we are only conjuring things out of
the murmurings of our own imaginations."

Die entscheidende Frage bleibt aber - auch nach dem Beispiel
von Phil 1,19! -, was denn nun im Blick auf den Begriff der Inter-
textualität unter „Echo" zu verstehen ist. Auf den letzten Seiten
des einleitenden und zugleich programmatischen Kapitels bringt
H. einen Abschnitt, den er „Hermeneutical reflections and con-
straints" überschrieben hat und den er mit einem ganzen Bündel
von recht grundsätzlichen Fragen zu seiner speziellen Auslegung
von Phil 1,19 einleitet, die alle im Grunde auf die eine Frage zu-
laufen: Was für einen Anspruch habe ich eigentlich erhoben,
indem ich "an interpretation of one intertextual link" vorge-
schlagen habe? In seiner Antwort faßt er „Echo" zunächst als me-
taphorischen Weg, um über ein hermeneutisches Ereignis (herme-
neutical event) zu sprechen, nämlich über eine intertextuelle
Fusion, die einen neuen Sinn erzeuge. Jedoch, in wessen Geist ge-
schieht dieses Ereignis? H. unterscheidet 5 Möglichkeiten: 1. Das
hermeneutische Ereignis geschieht im Geiste des Paulus. 2. Es ge-
schieht im ursprünglichen Leser des Briefes. 3. Die intertextuelle
Fusion geschieht im Text selbst, wobei von einem hermeneuti-
schen Ereignis nicht im eigentlichen Sinne gesprochen werden
kann. 4. Das hemeneutische Ereignis geschieht in meinem Akt
des Lesens. 5. Es geschieht in einer Interpretationsgemeinschaft.
Unschwer können wir nach dem bereits erfolgten Referat über
unterschiedliche Richtungen in der Literaturwissenschaft mit
ihrem je differenten Verständnis von Intertextualität diese 5
„Optionen" zumindest ansatzweise einordnen. Denn hinter
jeder dieser Optionen steht nicht eine bloß pragmatische Ant-
wort, sondern jeweils eine ganz bestimmte philosophische Wirk-
lichkeitsauffassung, z.T. strukturalistischer, z.T. poststruktura-
listischer Art. Erstaunlicherweise - oder vielleicht doch gar nicht

so erstaunlich, weil H. schon zuvor seinen eigenen pragmatischen
Standpunkt artikuliert hat - sieht er in jeder der 5 Optionen ein
unbestreitbares signifikantes Element des hermeneutischen Pr0-
zesses. Und so bringt er erneut diesen seinen pragmatische
Standpunkt zum Ausdruck (27):

" I am neither prepared to embrace the doctrine of any of the hermeneU'
tical schools represented by these five options ... nor inclincd to jettiso»
any of the elements of interpretation to which they draw attention. The
working method of this book should be understood as an attempt to hold
them all together in creative tension."

So sehr es reizt, gerade hier schon die kritische Sonde anzusetzen.
möchte ich doch, um die eigene Stellungnahme noch besser fundieren zU
können, das Referat über H.s Absicht noch ein wenig fortsetzen. Als seine
ausgesprochene Absicht erklärt er "to produce late twentieth-century rea-
dings of Paul informed by intelligent historical understanding". Er präzi-
siert: "to undertake a fresh imaginative encounter with the text. diseip'1'
ned and stimulated by historical exegesis" (27). Das Recht zu diesem
Vorgehen sieht er in einem einzigen hermeneutischen Schlüsselaxiom'
nämlich daß zwischen dem, was der Text meinte, und dem. was er jetzt
meint, eine authentische Analogie bestehe, wenn auch nicht eine einfache
Identität. Also (28):

"If I, having learned something about Paul's historical circumstances and
having read the same Scripture that Paul lived in so deeply. discern in th's
language echoes for that Scripture, it is not improbable that I am overhearing
the same echoes that he and hisearliest readers might havebeen abletohear.
and there are specifiable criteria ... for testing such intuitions."

Kurz danach sagt dann H. endlich, wie er den Begriff „ Echo"
verstehen will. Er verzichtet freilich auf eine Definition im ei-
gentlichen Sinne, denn dieser Begriff sei schwer von dem der An-
spielung zu unterscheiden (29):

"The coneept of allusion depends both on the notion of authorial inten-
tion and on the assumption that the reader will share with the author the
requisite 'portable library' to recognize the source of the allusion; the no-
tion of echo, however, finesses such questions: echo is a metaphor of. and
for. alluding. and does not depend on conscious Intention.

Deshalb will H. in der Verwendung der Terminologie flexibel
bleiben; er mache keinen systematischen Unterschied zwischen
den beiden Begriffen, vielmehr: "allusion is used of obvious in-
tertextual references, echo subtler ones".

Die bewußt vage Bestimmung des Begriffs „Echo" durch H.
entspricht seinem Verständnis von der exegetischen Wissen-
schaft. Bezeichnend ist sein Rekurs auf " Holländers criticism as
a model for reading Paul's intertextual allusions". den er weniger
wie eine Übernahme einer Methode als vielmehr einer Sensibili-
tät sieht (21). Und so spricht er im eben referierten Zusammen-
hang von unterschiedlichen Graden der Sicherheit bei seinen Be-
mühungen um Identifizierung und Interpretation intertextueller
Echos. Präzision sei bei derartigen Urteilen unerreichbar, weil
Exegese "a modest imaginative craft, not an exaet science" sei:
freilich sei es möglich, Faustregeln aufzustellen (29). Dazu nennt
er 7 Tests: 1. Availability, 2. Volume, 3. Recurrence, 4. Thematic
Coherence, 5. Historical Plausibility, 6. History of Interpreta-
tion, 7. Satisfaction. Mit Hilfe dieser Tests sei ein Weg gefunden,
daß "texts can generate readings that transcend both the cons-
cious intention of the author and all the hermeneutical strictures
that we promulgate" (33). In diesem Sinne verwende Paulus die
Schrift: " Scripture is for him the text of the world-play23 in which
he performes and from which familiär lines repeatedly spring to
life in new situations".

4. Was ist zu diesem Vorschlag zu sagen? Zunächst ist festzu-
stellen, daß H.s Erklärung, es gehe ihm nicht so sehr um Methode
als vielmehr um Sensibilität, nicht ganz die Intention seines Bu-
ches trifft. Denn letztlich geht es ihm doch - und das ist gut so! -
um methodisch verantwortliches Vorgehen, das freilich die erfor-
derliche Tugend der Sensibilität fordert. Würde er die Methode
ignorieren, dann brauchten wir uns nicht so ausführlich mit dem
amerikanischen Exegeten zu befassen. Sensibilität allein ist ein
zu vages, ein zu willkürliches Kriterium, als daß sie Methodik er-
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