Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

116.1991

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Theologische Literaturzeitung 116. Jahrgang 1991 Nr. 12

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re Fragestellung dann uninteressant geworden ist, wenn nach honor the voices of the dead even while forming echoes that

ststrukturalistischem Verständnis das den Prätext rezipie- transform their words in new acoustical environments". Hollan-

|?nde Subjekt des Textes verschwindet. Ist Intertextualität nicht ders Intention ist "consider a way of alluding that is inherently

w weiteren auch dadurch - wiederholen wir ruhig das Wort! - poetic rather than expository, and that makes new metaphor ra-

Un>nteressant geworden, daß. wie bei Julia Kristeva, ein Text nur ther than learned gestures" (19). Sprach Bloom vom „Akt der

s Mosaik von Zitaten gesehen wird und so das innovatorische kreativen Korrektur", so geht es Hollander darum, „eine neue

ment. das doch der Theologe unverzichtbar im Neuen Testa- Metapher zu erzeugen"; das Echo erzeugt (generates) mit seiner

ment gegenüber den Aussagen des Alten Testaments sieht, fak- Anspielung eine neue Figuration. H. erwähnt Paul Ricoeur leider

isch oder sogar ausdrücklich geleugnet wird? nur 8anz am Rande. Aber man wird bei diesen Überlegungen

Eine ähnliche Aporie zeigt sich bei der Frage nach dem Leser, doch stark an ihn erinnert, der ja bekanntlich die Metapher als

wahrend es z. B. für Michael Riffaterre immerhin noch der indi- Sinnerweiterung innerhalb eines Satzes interpretiert; sie ist „eine

%,duelle User ist, der als einziger die Verbindung zwischen Text .impertinente" Prädikation", ihren semantischen Mechanismus

Und Intertext herstellt und der daher die Intertextualität primär begriffen zu haben bedeutet „zu verstehen, daß dieser andere

als einen Modus der Textrezeption versteht9, löst sich in post- Sinn eine andere Dimension der Wirklichkeit aufdeckt und damit

j^ktureller Sicht der Leser als Subjekt in eine unendliche Plura- eine neue Deutung der Welt und unserer selbst freisetzt".20 Er-

"tät intertextueller Bezüge auf 10 ncut als0 das Moment des Neuen, des Kreativen!

1 Miu' n. c Wir halten zunächst fest: H. will das Phänomen der Intertex-

VerständtleHSem , n ? T* "'^ a ^^\woraJlf z"m tualität in den paulimschen Briefen durch seine Bemühungen um

'Creti T d3ß, "■■ ^ In'erte/tua"tatsf0^JunS furd'e die Zitate und Anspielungen angehen. Zitate und Anspielungen

•SmST dC!" pau,'niSChen Bnf nU,Z!nnw'."-ih'nzuwe^en also aus dem „symbolischen Feld" des einen großen Vorgängers.

ameriJ? 2 ^ bere'tS S° V'd M**5 !? TT T der Heiligen Schrift Israels. Allerdings bleibt unklar, wessen Vor-

^its deut rChen EXTte" S? Tm entSCI;e'denidefn TTk*~ gänger Israels Schrift ist. Sind es die Texte der paulinischen

'The Pu7 " f8epmafht W„erde" k3nn- m (e'nle,tende" Briefe? lst es ihr Autor Paulus? Wenn intertextualität per defim-

^stZut t ^ Z* "ermfneut'CSn) ne"ntvHrtZU,nafl!"'S tionem die Beziehungen von Texten zueinander ist. dann müßte

ln^:axtUnftRo1^ es eigentlich in unserem konkreten Fall um die Begehung von

*i hm u h L * defin'^«f "the study of the sem.ot.cmatnx 8^ ischen Bricfen hen ^ ^ um *

dazTjZ ? V?? 3C,S °f S,gniflCatl0n °CKCUr 05 ■ Ef Zlt'ert Menschen Paulus zum Text der LXX. H. sprich« jedoch im Zu-

for a w T , Ul'en " Intertextual.ty thus becomes less a name sammenh des Phänomens der intertextualität von einem

cpat.on S i Tn 10 Pn°r teXtS,than 3 deS!^at,°" °f 'tS T tiefen Eindruck der LXX auf den Geist des Paulus, spricht von

Aus nänn , ^VC SP3Ce » 3 CU'tUre , t l vr l Z, seinem Glauben' Dem Zusammenhang nach ist es also nicht klar.

üse'nandersetzungen um das Wesen von Intertextualität geht ob H. die Paulinen oder Paulus meint, wenn er von Israels Schrift

nen ük Ik D'e Bf,muhunSen um poststrukturalistische Posifo- sor kht £s

grammmf h " ^ " ^ ob dem Au,or hier "ur ei"e U"SChärfe dcr Diktion unabsicht:

-u/ if 1S° zusammen (15): . lieh unterlaufen ist oder ob er hier in einer programmatischen

Wl hout denying (he value or jntrjnsic ,nteres( of suchi .nvestigat.ons bewußt dgs ft _ _

0f Juha Kristeva and Roland Barthes), I propose instead todiscuss the 6 ...... „ " _ «uiua rau

P^nomenon of intertex.uality in Paul's letters in a more limited sense, fo- Abriefe vorgestellt hat. Genau diese Frage müssen wtr tn Erin-

cusjng on his actual citations of and allusions to specific texts. This ap- nerung halten, wenn wir zu einem Urteil über seine Gesamtkon-

Pr°ach to Paul is both possible and fruitful because Paul repeatedly situates zeption kommen wollen.

h,s discourse »ithin thesymbolicfieldcreatedby a singlegreat textualpre- Den Terminus Echo haben wir bisher so gut wie nicht bedacht.
""Ur: Israel s Scripture."13 auch und gerade nicht bei unserem kurzen Überblick über die In-
Paulus hat es also mit nur einem Vorgänger (predecessor) zu tertcxtualitätsdiskussion der Literaturwissenschaftler. Aber im-
'un, nämlich dem Alten Testament, vornehmlich in der Gestalt merhin trägt das Buch, in dem H. das Phänomen der Intertextua-
der griechischen Übersetzung der Septuaginla. Deren Vokabular ütät für die Interpretation der Paulusbriefe fruchtbar machen
und Redeweisen sind tief in seinen Geist eingeprägt. Daher ist will, den Titel "Echoes of Scripture in the Letters of Paul". Der
le Artikulation seines Glaubens notwendigerweise intertextuell Autor will also für seine Rezeption der Intertextualität gerade
geartet; Israels Heilige Schrift ist deshalb, mit Thomas Greene%e- <jen Terminus „ Echo" als Schlüsselbegriff verwenden. Die Frage.
sProchen. "the 'determinate subtext that plays a constitutive ro- <jje sich für den von der Paulusforschung Kommenden zunächst
e 4 in shapinghis literary produetion" (16). stellt, ist, wie H. das, was er unter dem Begriff „Echo" versteht.

Für sein Vorgehen beruft sich H. dann auf 7'. 5. Eliots 1919 publizierten von Zitat und Anspielung abgrenzt, ja, ob er ihn überhaupt koor-

tss*y "Tradition and the Individual Talent." Dieser bedauerte die Ten- dinativ neben diese beiden Begriffe setzt

cV,ieler User und Kritikcr-Neuheit und Individualität zu loben. H. zi- Mehrfach faßt H. Echo als Oberbegriff zu Zitat und Ansoie-

"en EliotsprovokativesDiktum(l6).daß"notonly the best, but the most fc. . ,. j. _ . 6 . . " V™

indivi^ i - ,L , 1 i . ■ ,_ t j j . u „„„„ lung. also zu den beiden Begriffen, mit denen wir in der Reeel die

'"anidualpartsofhisworkmav bethose in which the dead poets. hisance- ° . ° uci rvcgci uie

s,ors.asserttheirimmortalitymostvigorously".'5GroßesGewichtfürdas Rezeption alttestamentlicher Stellen durch neutestamentliche

Erfassen des Problems des intertextuellen Einflusses mißt H. auch Harald Autoren bezeichnen.- Wenige Seiten danach erklärt er (20):

Blooms Monographie "The Anxiety of Influence"16 bei. Dessen These "'Recoliection' is much the betterdescription than 'citing': this is

Every poem is a misinterpretation of a parent poem"17 beurteilt erzwar a pure case of echo rather than quotation oreven overt allusion."

a|s überspitzt: er sieht Bloom hier unter dem Einfluß von Nietzsche und Dann wieder spricht er von "allusive echo"; dieses könne oft als

Freud. Doch anerkennt er im überzogenen Urteil vom notwendigen Miß- diachronische Trope fungieren, mit Hollander als metalepsts

As^"d"p Td T Kampf d,CS DiCh,erS T'^^"'h" denftr"V<"' (20): "Metal^is- by contrast (sc. to metaphysical coneeit) pla-

Aspekt: Poenc influence... a.ways proeeeds by a misreadingof «he pnor ces the r£ader within P > ^resoon

Poet, an act of creative correction that is actually and necessanly a misin- " ins^cicu ui uiiMdiea correspon-

terpretation.-1« Insofern sie jedes Gedicht hermeneutisch und jede Her- £ences ... we will see that Paul's echoes of Scripture repeatedly

meneutik poetisch. Das Moment des Kreativen wird uns später noch be- bnn8 tne Tope of metalepsis into play."

schaft.gen. . Die Probe aufs Exempcl macht H. noch im I. Kap.. woerals illustriercn-

DcrcgentlicheGewahrsmann von H. ist jedoch John llollan- des Beispiel das intertextuelle Echo von Hiob 13.16 LXX in Phil 1.19 vor-

der mit seiner M.lton-Stud.e. "Im Gegensatz zu Bloom will die- führt. Hier versteht er Zitat, Anspielung und Echo als drei voneinander zu

ser in der Kontinuität zu seiner Tradition bleiben (19): "...poets scheidende Begriffe (21)! Phil 1.19 verteidigt Paulus seine gegenwärtige
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