Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

115.1990

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Theologische Literaturzeitung 115. Jahrgang 1990 Nr. 12

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nistheoretischen und religionsgeschichtlichen Entwieklungen" bei H.
reklamieren (20.

Dennoch - um es gleich zu sagen: das Resultat der vorl. Unter-
suchung überzeugt, aufs ganze gesehen, nur wenig; allzu vieles bleibt
problematisch.

Das beginnt mit Irritationen angesichts der Aufgabenbeschreibung.
Da stehen zum einen die klaren Angaben von Titel und Untertitel.
Demgegenüber jedoch möchte P. laut Vorwort aufweisen, daß „die
Sozialphilosophie von Jürgen Habermas einen wichtigen Beitrag zu
einer Neukonzeption der Fundamentaltheologie zu leisten vermag"
(IV). Schließlich verweist die sehr knappe „Einleitung" (1-3) auf die
Verklammerung von H. erkenntnis- sowie religionsthcoretischer
Konzeption (20- Letzterem entspricht der faktische Verlauf; P. unter-
sucht einerseits die erkenntnistheoretische Konzeption H. - ein-
schließlich ihres gesellschaftstheoretischen Kontextes - und anderer-
seits H. entwicklungslogische Analyse religiöser Deutungssysteme.

Vordem jedoch entfaltet er den „Problemhorizont" anhand von
„Horkheimers Entwurf einer .kritischen Theorie'" (3-63), indem er
zum einen Horkheimers „erkenntnistheoretischen Neuansatz" und
zum anderen dessen „Darstellung der religiösen Frage" erörtert. Dies
soll die Denktradition erhellen, in der H. sich befindet, und zugleich
die Fragestellungen sichtbar machen, von denen er ausgeht. Insoweit
dürften diese Ausführungen auch durchaus ihren Zweck erfüllen.
Freilich frage ich mich, ob es nicht weitaus näher gelegen hätte, H.
Überlegungen auf dem Hintergrund des Ansatzes Adornos darzustel-
len. Sicher wäre dann u. a. eher deutlich geworden, daß H. Theorie
wohl kaum als bloßer Fortsehritt gegenüber den Vätern der kritischen
Theorie beurteilt werden kann, wie P. offenbar will. Denn der Preis
scheint doch zumindest der zu sein, daß H. die Universalität der Idee
der Versöhnung (einschließlich der mit der Natur!) reduzieren muß
auf die Idee der idealen Kommunikationsgemeinschaft. Dies aber
dürfte theologisch von erheblicher Bedeutung sein.

In einem ersten Hauptteil nun analysiert und diskutiert P. die
erkenntnistheoretische Konzeption von H. (64-21 I). Dabei geht es
zum einen um die Konsensustheorie der Wahrheit, die mit ihrer
Orientierung an InterSubjektivität, kommunikativer Rationalität,
Revidierbarkeit das zerfallene, an Objektivität, Identitätsdenken.
Letztbegründung orientierte metaphysische „theoria"-Modell ablö-
sen soll. Zum anderen zeigt P„ in welcher Weise der auf den Konsen-
sus zielende Diskurs eingebettet ist in die soziale Lebenswelt im all-
gemeinen sowie in den auf Verständigung zielenden Zusammenhang
kommunikativen Handelns im besonderen. Hier legt er sowohl die
Elemente der Konsensustheoric als auch die der Theorie kommunika-
tiven Handelns, soweit ich sehe, treffend dar. Indes kommt er zu der
seltsamen Auffassung, wonach die Wahrheitsfrage sich nur „den auf
das kommunikative Handeln bezogenen historisch-hermeneutischen
Wissenschaften" stelle, nicht aber den Natur- und den technischen
Wissenschaften (zusammenfassende Thesen, 328). Und dies, obwohl
er einerseits sachgemäß erläutert, daß sich für H. die Wahrheitsfrage
im Blick auf konstative Sprechakte überhaupt stellt; und obwohl er
andererseits darauf hinweist, daß H. gerade neuerdings eine Vertei-
lung instrumenteller bzw. kommunikativer Rationalität auf verschie-
dene Wissenschaftsbereiche nicht mehr für angebracht hält (vgl. 92).
Des weiteren verzichtet P. ohne gute Gründe (vgl. 306) auf eine Erör-
terung von H. Diskursethik. Dabei dürfte gerade der praktische
Diskurs, der auf die Frage der Richtigkeit von Normen zielt, nicht nur
für die Dimension kommunikativen Handelns (einschließlich der
historisch-hermeneutischen Wissenschaften) zentral, sondern auch
für die Theologie von hohem Interesse sein.

Der zweite Hauptteil, den P. mit zusammenfassenden Thesen zum
gesamten Gang seiner Überlegungen abschließt (327-331), beschäf-
tigt sich mit der „expliziten Thematisierung der religiösen Furage" bei
H.. näherhin mit der von diesem entworfenen Entwicklungslogik reli-
giöser Deutungssysteme (21 1-327). P. weist dabei auf die ersichtliche
Parallelität der Entwicklung hin: verlief die Entwicklung auf dereinen
Ebene vom theoria- zum Konsensus-Modell, so verläuft sie auf der

jetzigen vom Mythos zur Moderne. Diese allerdings bezieht ihre Ver-
bindlichkeiten laut H. überhaupt nicht mehr aus religiös grundierten
Weltbildern, sondern allenfalls aus den Normativen intersubjektiver
Verständigung. P. belegt H. Entwieklungslogik vornehmlich an des-
sen Rekonstruktion der Entwicklungsmodelle von M. Weber und E.
Dürkheim, was zwar von H. Diktion her verständlich, aber gleich-
wohl etwas mühsam erscheint, da hier sozusagen ein Dritter über
einen Zweiten schreibt, der seinerseits über Erste geschrieben hat.
Ansonsten ist die Parallelisierung der beiden genannten Entwicklun-
gen m. E. durchaus interessant, wenngleich über die Parallelität hin-
aus die von H. avisierte Entwicklung der Weltbilder für ihn auch eine
Begründungsfunktion für seine Konsensustheorie haben dürfte, was P.
offenbar nicht sieht. Vor allem aber seheint ihm völlig zu entgehen,
daß H. Entwicklungslogik zufolge religiöse Deutungssysteme in der
Moderne ganz offensichtlich obsolet sind. (Daran ändert auch H.
Rezeption der jüdischen Mystik, vgl. 317ff, nichts, wobei hier über-
dies als besonders problematisch hervortritt, daß P. H. Denken über
einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren gleichsam llächenhaft behan-
delt.)

So scheint schließlich anstatt harten Widerstreits eitel Eintracht
zwischen H. und der Theologie zu herrschen, wie es P. mit seinen
Schlußbemerkungen zu „Konsensus-Theorie und Geschichte der
Deutungssysteme als Angebot für einen theologischen Diskurs"
(331-355) nahelegen möchte. Allein der Schein dürfte trügen. Wohl
besitzt nicht nur der Vorgriff auf eine ideale Kommunikationsgemein-
schaft, sondern auch glückendes kommunikatives Flandeln deutliche
religiöse Konnotationen (vgl. bereits I98ff; 347IT); wohl eröffnet das
Konsensusmodell Chancen „für Theologie und Kirche in der Mo-
derne" (347ff). Aber: kann sich die Theologie auf ihren gleichsam
internen Konsensus zurückziehen mit dem Hinweis, daß sie als histo-
risch-hermeneutische Wissensehaft durch die empirisch-analy-
tischen Wissenschaften nicht anfechtbar sei (vgl. 33411")? Stellt nicht
die Theologie - wie P. Pannenberg zitiert - Behauptungen auf. „deren
Eigenart darin besteht, daß sie etwas über einen Sachverhalt aussagen
und dafür Wahrheit in Anspruch nehmen, nämlich Übereinstimmung
mit dem Sachverhalt, der den Gegenstand der Aussage bildet" (345)?
Und ist es nicht bezeichnend, daß P. gar nicht zu bemerken scheint,
daß der von ihm zustimmend zitierten Pannenbcrgschen Äußerung
ein korrespondenztheoretischer WahrheitsbegrilT zugrunde liegt'.'
Dies aber magu. a. damit zusammenhängen, daß P. nicht differenziert
/wischen Wahrheits/>('er//A WahrheilsAr/Vir/f/w und dem entspre-
chenden Entscheidungsverlähren. Täte er dies, würde sich m. E. nicht
nur herausstellen, daß der von ihm angeführte Haupteinwand von H.
gegen die Korrespondenztheorie der Wahrheil schwach ist (vgl. 84); es
würde darüber hinaus und vor allem der Stellenwert des Konsensus
für die theologische Theoriebildung merklich modifiziert. Daraufhin
erst aber könnte die Theologie der Diagnose H. begegnen, wonach
religiöse Deutungssystemc für die Moderne eigentlich obsolet sind.
(Daß ich en passant weit über 100 Schreibfehler gezählt habe, merke
ich nur an, weil sich darunter auch einige gravierende belinden, bis
dahin, daß Sätze offenkundig unvollständig sind.)

Eiscnaeh Wolfgang Pfilller

Systematische Theologie: Dogmatik

Bühler. Pierre [Ed.]: Humum ä fImage de dieu. La theologie et les
sciences humaines face au probleme de l'anthropologie. Travaux de
troisieme cycle en theologie systematic|ue des Facultes de theologie
des Universites romandes, 1985-1986. Genf: Labor et Fides 1989.
334 S. 8' = Lieux Theologiques. 15.

Hughes, Philip Edgcumbe: The True Image. The Origin and Destiny
of Man in C hrist. Grand Rapids: Eerdmans: Leicester: Inter-
Varsity Press 1989. IX.430 S. gr. 8\ Pb. £9.95.

Deutsche Theologie wird in der Ökumene oft als theoretisch, als
überspannt, ja auch als praxisfern angesehen. Ob diese Vorwürfe nun
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