Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

115.1990

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Theologische Literaturzeitung 11 5. Jahrgang 1990 Nr. 7

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lin", G. Heyms Gedicht „Der Gott der Stadt", Passos' „Manhattan
Transfer", J. Roths Berlin-Reportagen, Döblins „Berlin Alexander-
platz" und Joyes „Ulysses". Ihnen allen geht es um den Menschen in
der Stadt, in der sein „Ich ... ein bedrohtes" ist, „das verloren zu
gehen droht". Das „verändert" die Erzählung „von Grund auf". Den-
noch: „Sie erzählen anders als vordem, aber sie erzählen." (850
Ebenso ist die zweite Bestimmung, ein „Ereignis, das es zu erzählen
gilt" (66), gefährdet. Beispielhaft zeigt das Kafkas „Eine kaiserliche
Botschaft". Kafka „erzählt.. . sich ereignende Nichtereignisse", denn
„Ereignisse" bleiben da aus, „wo der Mensch sich im Netz der ihn
umgebenden Wirklichkeit - wie von einem Gitter umschlossen -
verfangen hat". Aber „auch das" ist „erzählend darzustellen". (890
Die Gefährdung der dritten Bestimmung, der „Möglichkeit authenti-
scher Erinnerung" (67), erzählt Orwells „1984". „Das Erzählen er-
zählt seine eigene Gefährdung." (94) Die vierte Bestimmung, die Aus-
richtung .jeden Erzählens" „aufein praktisches Interesse" (67), ist im
„praktischen Widerspruch" der Literaturauswahl gegen die Gefähr-
dungen des Erzählens aufbewahrt. „Gerade das, was nicht ist,
schwingt im Erzählen . .. abwesend - anwesend mit." (96) Als Ertrag
seiner Interpretationen resümiert Grözinger: Zwar ist heute „naives
Erzählen" nicht mehr möglich, aber gerade der „praktische Wider-
spruch" eines „hochreflektierten Erzählens" gegen seine Gefährdun-
gen gemahnt „an seine bleibende Notwendigkeit" im „Interesse an
einer humanen Welt". (970 Nur das Erzählen „eröffnet einen ...
bestimmten assoziativen Horizont, in dem Geschichte befragt werden
kann ... auch nach dem, was ... verloren gegangen ist" (101), wie er
gegen-,.Einwände" Lämmermanns geltend macht.

Der letzte Teil - „Kirche als handelnde Erzählgemeinschaft"
(102ff) - intendiert eine „narrative Struktur der Praxis", die „hervor-
ragend ... geeignet ist, das Handeln der Kirche theoretisch zu begrei-
fen". Denn sie entspricht dem theologischen Fundamentalsatz, daß
„allem kirchlichen Handeln das Handeln Gottes, von dem die trinita-
rische Gottesgeschichte erzählt, voraus"-geht und gibt ihm „seine
narrative Bestimmtheit". Gleichzeitig „erinnert" sie „daran", daß es
„nicht mit diesem Horizont schlichtweg identisch ist". Es bleibt in die
„trinitarische Gottesgeschichte" unter dem Vorbehalt: „wo und wann
Gott will (Confessio Augustana V)" „einbezogen" (106IT), oder, wie es
einmal vorher heißt, unter dem Vorbehalt des „Wirkens des Heiligen
Geistes", das wir „nicht im Griff" haben (57). Grözinger entgrenzt
jetzt bewußt das Narrative über das „mündliche Erzählen" (102) hin-
aus in narrative Bilder - am Beispiel Chagalls (103)-, in eine „narra-
tive Struktur" der Theologie - am Beispiel des „Kunstwerks" der
„Kirchlichen Dogmatik" Barths (105) -. vor allem aber in „narrativ
bestimmte Praxis" der Kirche, „die auf ein anderes, von ihr unter-
schiedenes Handeln, das Handeln Gottes in seiner Geschichte" „ver-
weist". „Dieser Verweisungscharaktcr" ist ihr „strukturimmanent".
(109) Er gibt der „Erinnerung", dem „Gedenken Gottes" als
„wesentliches Moment" der Praxis (110) ebenso Profil wie der „Frage
nach der Gestalt der Kirche" (114), nach ihren „Ämtern" (115), ihrer
„kommunikativen Stuktur" (116). Im Sinne Grözingers ließe sich die
Reihe fortsetzen. Trotz der Bedeutung der „Gleichnisse Jesu" als der
„großen Sprachschule der Kirche" (122), nicht ästhetische Vorliebe
für sie, sondern der „Verweisungscharakter" aller kirchlichen Praxis
kann mit sehr unterschiedlichen Zugängen der Adressaten der „Got-
tesgeschichte" des Evangeliums korrespondieren.

Die kleine Schrift enthält „Studien", deren Richtung deutlich zu
erkennen ist. Auch wenn Fragen offen bleiben, sie sollte im gegenwär-
tigen Grundlagenstreit der Praktischen Theologie Beachtung fin-
den.

Münster Lberharcl Hübner

Giraudo, Ccsare: Eucaristia per ia ('Iiiesa. Prospettive teologiche
sulT eucaristia a partire dalla „lex orandi". Rom: Gregorian Uni-
versity, Brescia: Morcelliana 1989. XXI. 679 S. gr. 8° = Aloisiana.
22. Kart. L 58.000.

Das vorliegende Werk des neapolitanischen Liturgikers und Dog-
matikers Cesare Giraudo ist eine umfangreiche Darstellung der
Eucharistie unter exegetischem, dogmatischem und liturgischem
Aspekt. Es ist entstanden einerseits aus Erwachsenenkatechesen,
andererseits aus der wissenschaftlichen Forschung und Lehrtätigkeit
des Vf. Daraus ergeben sich zwei Ansprüche, die das Buch erfüllt: es
ist ein Lehrbuch zur Eucharistie in Anlehnung an die klassische Form
der Traktate „De eucharistia", und es ist ein wissenschaftlich aus-
gebautes Werk, das sich auf 30 Jahre Forschung zur Eucharistie, be-
sonders zur Genese des eucharistischen Gebets, stützt. Vorausgegan-
gene Studien des Vf. sind in das Werk eingeflossen (vgl. Bibliographie
S. 642).

Die Arbeitshypothese, die dem Buch zugrunde liegt, ist die Er-
kenntnis, daß die Theologie der Eucharistie im 1. Jt. von der „lex
orandi" bestimmt wurde, die im 2. Jt. von der „lex credendi" bevor-
mundet und abgelöst wurde. (Anmerkung: Die Zählung der theologi-
schen Jahrtausende weicht von der der chronologischen etwas ab,vgl.
S. 520.) Der Vf. möchte zur Theologie des 1. Jt. zurück. So ergibt sieh
für ihn ein programmatisches Axiom im Blick auf das 3. Jt„ das er im
5. Jh. bei Prosperus von Aquitanien, dem Sekretär von Papst Leo dem
Großen und Redaktor und Mitautor des sog. „Indiculus" findet:
„legem credendi lex statuit supplicandi". Das Gebet der Eucharistie
soll also wiederentdeckt werden als originaler theologischer Aus-
gangspunkt: die Norm des Betens determiniert die Norm des Glau-
bens (S. 18).

Von diesem Axiom und solcher Zielbestimmung her nimmt der Vf.
den Leser mit auf den Weg der Erforschung des eucharistischen
Gebets und der theologischen Interpretation der Eucharistie. Im
ersten Teil untersucht er die Problematik in exegetischer und dogma-
tischer Hinsicht, wobei den Wurzeln der christlichen Eucharistiefeier
im jüdischen Passah-Fest und im letzten Mahl Jesu mit den Jüngern
nachgegangen wird. Die Grundstruktur der Feier wird vom alttesta-
mentlichen Kult her gedeutet und nicht vom hellenistischen Myste-
rienkult her (vgl. die Auseinandersetzung mit Odo Casel S. 577ff und
608 ff).

Der zweite Teil ist dogmengeschichtlich orientiert und zeigt die
vor- und nachtridentinische Problematik der Theologie der Euchari-
stie auf. Hier kommt es auch zur Auseinandersetzung mit reformato-
rischen Interpretationen des Abendmahls (Luther. Calvin), die recht
knapp ausfällt.

Bis dahin ist das Buch durchaus als liturgisches und dogmatische!
Lehrbuch zur Eucharistie zu lesen. Für die katholische Eucharistie-
feier sowie für das ökumenische Gespräch sind dann vor allem die
Perspektiven interessant, die im 10. Kapitel aufgezeigt werden.

In liturgisch-theologischer Hinsicht tritt der Vf. dafür ein, die
Dynamik des eucharistischen Gebets als Schlüssel für die gesamte
Eucharistie wiederzuentdecken. Die lex orandi soll die lex credendi
bestimmen, das sei die dynamische Bedeutung von sacramentum, wie
es die Väter verstanden haben (S. 607). Der Mensch des 1. Jt. trieb
betend Theologie (S. 603). Die Eucharistie vermittelt die theologische
Spannung zwischen zwei „Partnern": uns, den Sündern, und Gott,
dem Erlöser. Durch das Bekenntnis unserer Untreue wird der „Part-
ner" als immer treu erwiesen (S. 603). Das vollzieht sich in der
Dynamik von Anamnese und Epiklese: „Wir haben wiederholt ver-
sichert, daß die lex orandi den Theologen der Eucharistie zu einer
globalen und dynamischen Sicht des Mysteriums führt, indem sie ihn
zwingt, in der Epiklese für unsere cschatologische Verwandlung den
Schlüssel für das letzte Verständnis der eucharistischen Feier zu fifl"
den. In der Tat fürchtet sich diese Fragestellung nicht davor, die Ep'"
kiese für die Verwandlung der Hostie und mit ihr den Block .Linsct-
zungsbericht-Anamncsc' sich unterzuordnen" (S. 603).

Die Mitte der „mystischen Repräsentation" ist von der lex oranu^
her die Bitte um und der Vorblick auf unsere cschatologische Ver-
wandlung. Dahinter bleibt der Rückbczug auf das letzte Mahl Jesu so-
wie der Gemeinschaftsaspekt der sich als Leib Christi versammelnder1
Gemeinde zurück.
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