Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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837 Theologische Literaturzeitung 1 14. Jahrgang 1989 Nr. 1 1 838

den Papst an. Die Synode kann in Zukunft ihre eigentliche Position
nur dann gewinnen, wenn sie ihre Grundlage in einer „Ekklesiologie
der communio" findet, d. h., wenn das „ekklesiologische Problem"
der nachkonziliarcn Ära gelöst ist.

Der zweite große Abschnitt von J. A. Selling analysiert die Synode
von einer ganz anderen Perspektive her, nämlich vom theologischen
Inhalt der Dokumente, die mit der Bischofssynode in Verbindung
stehen: die Lineamenta, das Instrumentum Laboris, die 43 Proposi-
tionesund Familiarisconsortio.

Ausgangspunkt der Erörterungen ist ein kurzer Überblick über die
Entwicklung der kirchlichen Lehre über Ehe und Familie in den letz-
ten hundert Jahren bis zu deren Höhepunkt in der Pastoralkonstitu-
tion des Zweiten Vatikanischen Konzils „Gaudium et spes" (Teil IL
Kap. I) und der nachkonziliarcn Phase über „Humanac vitae" von
1968 bis zu den Vorbercitungsdokunienten der Bischofssynode.

Kriterium der Bewertung der Vorbercitungsdokumente für die
Synode ist bei Vf. die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils
über Ehe.und Familie. In einer kritischen Analyse dieser Dokumente
(Lineamenta und Instrumentum Laboris) kommt Vf. zu dem Ergeb-
nis, daß sie, wenngleich ihre Terminologie personalistisch klingt,
stark im vorkonziliaren essentialislischen und naturrechtlichen Den-
ken verhärtet sind. Das zeigt sich besonders in deren Ausführungen
zur Rolle des Lehramtes und in der Konstruktion einer ontologischen
Natur als Ausgangspunkt für das Verständnis von Sexualität, Ehe und
Familie.

Zu einem weitaus positiveren Urteil kommt Vf. bei der Analyse der
von den Bischöfen in der Synode erstellten „Propositiones". In ihnen
wird deutlich, daß die Synode nach Geist und Inhalt eine ganz andere
Theologie vorlegt als die Vorbereitungsdokumentc. Außer in den
Aussagen zur Empfängnisrcgelung. in denen sich die Bischöfe ganz an
die Entscheidung von ..Humanac vitae" halten, stehen die Propositio-
nen ganz auf der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils.-gehcn von
der Erfahrung aus und sind theologisch wie pastoral positiv.

Demgegenüber erfahren die Schlußansprache des Papstes wie auch
besonders „Familiaris consortio" beim Vf. scharfe Kritik. Zwar sind
manche Aussagen der Synode in FC aufgenommen worden, aber
andere haben nur geringen oder gar keinen Einfluß auf das päpstliche
Dokument ausgeübt. So kommt Vf. zu dem Urteil: "In short. one
searches dcsperately for something in FC that emanated speeifieally
from the Synod and was not already part of prc-synodal teaching or
practicc" (S. 337). FC hätte auch geschrieben werden können, wepn
die Synode nicht stattgefunden hätte.

Eine angemessene Würdigung dieser umfangreichen Studie ist auf
dem zur Verfügung stehenden Raum nicht zu leisten. Die VIT. legen
eine Fülle von Material vor, beschreiben die Stimmung in und nach
der Synode, untersuchen und vergleichen die Texte und weisen auf die
unterschiedlichen Ansätze in der Theologie hin. Hierbei ist allerdings
auch nicht zu übersehen, daß die Vff. in der Bewertung des Synoden-
vorganges wie der dort vertretenen Theologie selbst von einem
bestimmten Vorverständnis ausgehen, das dann naturgemäß in das
Urteil über das Eingreifen des Papstes und seiner Theologie einfließt.
Von daher wird dem Leserein kritisches Lesen der kritischen Ausfüh-
rungen nicht erspart bleiben.

Erfurt Wilhelm Ernst

Systematische Theologie: Allgemeines

Kodalle, Klaus-M.: Die Eroberung des Nutzlosen. Kritik des Wunsch-
denkens und der Zwcckrationalität im Anschluß an Kierkegaard.
Paderborn-Münchcn-Wicn-Zürich: Schöningh 1988. 324 S.
gr. 8\ Lw. DM 78,-.

Das aus mehreren etwas veränderten, veröffentlichten Abhandlun-
gen zusammengestellte Buch will unter kritischer Berufung auf
Kierkegaard, besonders auf seine Politik- und Gesellschaftsthcorie.

„gegcn-utilitaristisch" das Dasein erhellen. Hier ergibt sich eine
Grundlinie. Indirekt mit Kierkegaards Sprungtheorie arbeitend, setzt
der Vf. ein mit der Frage nach der Gegenwart des Absoluten aus exi-
stentieller Betroffenheit heraus. Wer jene stellt, „läßt sich auf etwas
zuhöchst Nutzloses ein" (S. 13). Damit wird die äußere Lebenssicher-
heit ausgeschaltet: in das Leben kommt ein „Sprung" hinein. Hier
ergibt sich dann ein möglicher Einstieg in die Kierkegaardsche Kritik
an der beginnenden Massengescllschaft wie am Gewohnheitschristen-
tum. Von derZwecklosigkeit des Absoluten her kann nach dem Wert
der Nutzlosigkeit gefragt werden. '

Das ist eine aufregende Problemstellung, die der Analyse harrt. Da-
bei geht es zuerst um die „Kennzeichnung der modernen Eskalation
der Zweckrationalität" (S. 13). was mit Arno Baruzzis Gedanken
(„Recht auf Arbeit und Beruf?. Freiburg/München 1983) angegangen
wird (vgl. S. I4f). Daraus ergibt sich eine Überleitung zum „ersten
Teil" mit der Überschrift „Das Abenteuer des Geistes im philosophi-
schen Diskurs der Gegenwart. Spurensuche und Auseinanderset-
zung" (S. 27-85).

Zum Beginn dieses Teils zeigt sich ein gelungener Einstieg vom ab-
gründig sich ängstigenden Selbstbewußtsein Kierkegaards her als
mögliches Fundament für Freiheit und als deren „Bewahrheitung im
Glauben" zu H. Blumenbergs „Arbeit am Mythos" (Frankfurt21981:
vgl. Kierkegaard, S. Der Begriff Angst, 1844, Kap. 5!): „Die Philoso-
phie beerbt den Mythos." Dieser ist die „Manifestation der Überwin-
dung blanker Macht" (S. 30). Es gelingt dem Vf.. mit diesen Grund-
gedanken und mit dem Nachfragen bei anderen gewichtigen Philoso-
phen der Gegenwart die Spuren vom „Abenteuer des Geistes" zu mar-
kieren (vgl. die ausgezogene Verbindungslinie Kierkegaard - Paul
Feyerabend [Widerden Methodenzwang, Frankfurt 1983] S. 64IT).

Im zweiten Teil kommt Kierkegaard dann selbst verstärkt zur Spra-
che: Der „Versuch mit Kierkegaard" zeigt die „gegcn-utilitaristi-
schen" Tendenzen im Denken des Dänen auf (vgl. die diesbezügliche
„Vorbemerkung" S. 89!). Eine gelungene Einsicht in Kierkegaards
Theologie bietet innerhalb dieses zweiten Teils das Kapitel II mit dem
aussagekräftigen Titel „Allmacht der Liebe als absolute Zweckfrei-
heit. Zur Rekonstruktion der vorparadoxalen Theologie Kierke-
gaards" (S. 9611"). Hierbei werden die „Papirer" Kierkegaards - beson-
ders die der mittleren und späteren Lebensperiode - erfreulich ort
herangezogen.

Der Begriff des „Vorparadoxalen" wird im vierten Teil. Kap. XI.
bei der Heranziehung von J. Ringlebens Habilitationsschrift „Aneig-
nung: Die spekulative Theologie Sören Kierkegaards" (Berlin-Ncw
York, 1983) verdeutlicht. Jener wird dort verbunden mit der Theorie
des Absoluten: Danach gibt es bei Kierkegaard eine solch vorpara-
doxale Theorie des Absoluten, die der vorparadoxalen Theologie ent-
spricht (vgl. S. 259!). Hier wird folglich spekulativ, im Potenzicrungs-
verfahren verstanden. „Glauben im unverwechselbar christlichen
Sinn zu denken!" (ebd.; vgl. auch die „Folgerungen für einen philoso-
phischen Zugang zur Christologie" im letzten Teil S. 291 II"). Dann ist
es auch angemessen, im Sinne des (positiv) Nutzlosen vom „Gott-
Raum-Geben" - auch im denkerischen Prozeß - und von dem „Mut
zur Ohnmacht" zu reden (S. 101).

Die Frage ist natürlich, ob die so gefaßte Begrifllichkcit des Vor-
paradoxalen der Antiklimax-Struktur des Spätwerkes Kierkegaards
voll gerecht wird. Der Vf. kommt im Kap. IV des zweiten Teils selbst
auf den „Sinn des Paradox" zu sprechen (S. 109-11 7), um es grenz-
denkerisch zu skizzieren. Dann gäbe es eine innere dialektische Bewe-
gung vom Vorparadox zum eigentlichen Paradox. Weggelcit gibt der
Satz: „Der Begriff .Paradox' ist von Kierkegaard als ein klar umrisse-
ner negativer Begriff im Grcnzbercich der menschlichen Vernunft
gemeint" (S. 115). D. h.: „Was die Vernunft als das Paradox erkennt"
ist ein .Zeichen'. Dessen Sinn ist metatheoretisch im Horizont unse-
rer Theorie absoluter Zweckfreiheit durchaus zu enträtseln" (ebd.).

In verschiedenen Variationen werden wichtige Begriffe Kierke-
gaards gebraucht, um das Nutzlose als Wertindiz zu sehen. Existenz-
vollzüge werden enträtselt.
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