Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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Theologische Literaturzeitung I 14. Jahrgang 1989 Nr. 9

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lität von Ehe und Familie dargestellt (vgl. 63). Leider wird der Versuch
unterlassen, einmal an den sexualethischen Weisungen darzustellen,
wie der Gehalt der hell.-röm. Popularphilosophie über die Vermitt-
lung des Judentums von Paulus rezipiert wurde. Y. setzt dies unter
Hinweis auf Veröffentlichungen von J. J. Collins, R. Hock, A. J.
Mal herbe, W. A. Meeksu. a. generell voraus. In 1 Thess 4,3-8 sieht Y.
nur Mahnungen für den sexuellen Bereich. Entscheidendes Motiv für
die Paränese der V. 1-12 (vgl. 67) ist das Anliegen des Paulus, die,
Gemeinde in ihrem Selbstverständnis als Volk Gottes zu bestärken.
Dabei wird festgestellt, daß alle hier vertretenen Mahnungen sowohl
im jüdischen wie im hell.-röm. Bereich nachweisbar sind (80).
Indem Paulus sie jedoch als Wille Gottes geltend mache und in pole-
mischer Sprache der unsittlichen Heidenwelt gegenüberstelle (84),
kräftige er die Identität der Gemeinde. Gerade die Erkenntnis des
grundsätzlichen Charakters dieser Paränese hätte freilich nach ver-
gleichbaren paulinischen Texten fragen lassen dürfen und danach,
wieso gerade hier das Habgier-Motiv fehlen sollte. Auch im jüdischen
Bereich wurde die Identität der Glaubensgemeinschaft nicht nur in
sexuaiethischen Weisungen gesehen. Die Formulierung 1 Kor 7,1b
wird von Y. als Zitat aus dem an Paulus gerichteten Brief gewertet
(analog zu 6,12; 8,1; 10,23). Unter dieser Voraussetzung gibt es die
Haltung derjenigen in Korinth wieder (11 7-122), die aufgrund ihrer
gesteigerten spirituellen Erfahrung (Reden in Zungen, höhere
Weisheit, Essen von Götzenopferfleisch, Auferstehungscrlebnis)
geschlechtliche Enthaltsamkeit fordern. 7,7 macht deutlich, daß
Paulus diese 'Thematik in den Zusammenhang der übrigen Geistes-
gaben einbezieht (120).

Es bleibt die Frage offen, ob Paulus wirklich so pragmatisch gedacht
hat (125), daß er um der Stabilität der Gemeinde willen lediglich
gängige moralische Konzepte übernahm und deren Begründungen
durch christliche ersetzte (123). Die Frage, ob solch eklektischer
Beliebigkeit eine tatsächliche Identität der Gemeinde hätte zuteil wer-
den können, weist auf die Aufgabe hin. nach der theologischen
Grundentscheidung im Denken des Paulus zu fragen, aus der heraus
seine Weisungen verbindliche Geltung beanspruchen konnten.

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-: Institutions Divines. Livre II. Introduction, Texte Critique,
Traduction et Notes par P. Monat. Paris: Cerf 1987. 231 S. 8° -
Sources Chretiennes, 337. ffr 150.-.

Über die Epitome des Laktanz gab und gibt es mancherlei Fragen,
die in der Einführung ausführlich aufgearbeitet werden. Zunächst
wird an der Authenzitität des Laktanz festgehalten, wobei jene
Gründe erneut genannt werden, die auch schon S. Brandt genannt
hatte. Dessen Ausgabe in der Wiener Kirchenväterausgabe bleibt von
größter Bedeutung (CSEL 19, 1890). Erneut wird auf die Datierung
eingegangen: Zunächst wird der Zeitraum zwischen den Jahren 315
und 321 eingegrenzt, um dann noch genauer die letzten Jahre vor dem
zweiten Krieg zwischen Konstantin und Licinius zu nennen, also um
das Jahr 320.

Die Epitome entstand jedenfalls mehr als ein Jahrzehnt nach den
Institutiones, die zwischen 304 und 311 angesetzt werden; auch die
Schrift de morte persecutorum ist deutlich davor zu datieren, etwa auf
314/15. Nach einer knappen Inhaltsangabe folgt ein langes Kapitel
über die literarische Methode und Praxis des Laktanz (20-36). Die
von Laktanz genannten Ziele „prolixa breviare" und „diffusa
substringere" werden untersucht. Es ist mit ziemlicher Wahrschein-
lichkeit damit zu rechnen, daß Laktanz seine Institutiones schon
früher einmal zusammengefaßt hat, so daß wir es bei seiner Epitome
mit einem «resumc de resume» zu tun haben (24). Insgesamt macht
die Epitome nur ein Achtel der Institutiones aus; aber Buch I der
Institutiones füllt ein Fünftel der Epitome, dagegen die Bücher 2 und 5
nur ein Zehntel. Laktanz hat also seine Vorlage recht ungleichmäßig
gekürzt. Am interessantesten sind natürlich jene Stellen, an denen er
noch etwas hinzufügt, weil dies dem Ziel einer Zusammenfassung
entgegen steht. Man kann daran erkennen, daß Laktanz an manchen
Stellen seine Vorlage für unzureichend erkannt oder aber neue
Erkenntnisse gewonnen hat (31).

Das Werk liegt in drei Manuskripten vor; eine verstümmelte Aus-
gabe hatte schon Hieronymus vor Augen: Librum unum akephalon
(De viris illustribus 80). Diese Kurzfassung ist in zwei Manuskripten
überliefert und lag der Editio prineeps von 1472 zugrunde. Entschei-
dend war die Entdeckung des Codex Taurinensis, der im 6./7. Jh. in
Italien geschrieben wurde und auf dem Wege über das Kloster Bobbio
nach Turin kam. Auf dieser Grundlage brachte Christoph Matthäus
PfafF 1712 in Paris erstmals den Text der vollständigen Epitome her-
aus; sehr rasch folgten Ausgaben von Johann Georg Walch (Leipzig
1715), J. Davisius (Cambridge 1718) und Christoph August Heumann
(Göttingen 1736). Die erste wissenschaftliche Textedition war die
schon genannte von S. Brandt in der Wiener Kirchenvätcrausgabe
CSEL 19, 1890, S. 673-761, der auch die jetzt folgende Edition im
Grundansatz folgt. Man hält sich an den im Codex Taurinensis über-
lieferten Text und hat einige «meleetures» korrigiert (41). Die Über-
setzung ist die erste in französischer Sprache; dem deutschsprachigen
Leser steht schon seit 1919 die Übersetzung von Aloys Hartl in
Band 36 der Bibliothek der Kirchenväter zur Verfügung.

Neben der Epitome geht auch die Ausgabe des größeren Werken
von.Laktanz weiter. Buch II der Institutiones wird nach einer nur
kurzen Einführung geboten (22-215). Hingewiesen sei auf ein
Stemma codicum (17) sowie auf sechs Indiccs (221-230). Ausführ-
licher war über die Pariser Edition von Buch I der Institutiones
berichtet worden in ThLZ 113, 1988, 526. Buch V war bereits 1973
als Band 204 der Reihe Sources Chretiennes zu registrieren (ebenfalls
ediert von P. Monat).

Rostock Gert Haendler
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