Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 8

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gischen und historischen Kompetenz greift der bekannte Tübinger eine Distanz zur Kirche mit sich, welche die Kirche zum „Wagnis kri-
Padagoge und Theologe die strittigen Fragen auf, führt in die fast tischer Religiosität" und zu einer „(selbst)kritischen" Kirche heraus-
unübersehbare englisch- und deutschsprachige Literatur ein und zieht fordern sollte, - um eine „nachkritische" Haltung bei den Schülern zu
klare Konsequenzen für die religiöse Erziehung in Religionsunterricht ermöglichen (180). Die Symboldidaktik, zu der er anschaulich und
und Kirche. -Über die Verläßlichkeit seines Belcgmaterials, d. h.reli- kompetent einen Überblick über die gegenwärtig aktuellen Symbol-
giöser Äußerungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. theorien gibt, soll auf „Entsprechungen zwischen psychosozialen Kri-
köunte man freilich streiten. Er gewinnt es aus autobiographischen sen und religiösen Symbolen" (188) achten, - ein oft vernachlässigter
Rückblenden Erwachsener (Tilmann Moser und Jutta Richter), aus Aspekt. Und die Entwicklung von Gottesbildern in Kindheit und
Romanen (K. P. Moritz', Anton Reisers und Marie Cardinais Schat- Jugend beschreibt er ausführlich und überzeugend, um Hinweise zu
tenmund). aus Kurzaufzeichnungen Jugendlicher (Schuster-Samm- geben, in welcher Gottesbildphase Schüler/innen offen sind z. B. für
!ung) und aus Kindcrbildern. Narrative Tiefeninterviews, Gruppen- den gekreuzigten, für den menschlichen oder für den allmächtigen
Befragungen oder systematische Alltagsbeobachtungen zieht er nicht Gott.

heran. Das ist schade, aber verständlich. Denn auch dieses verstreut In den beiden Sehlußkapiteln zieht der Tübinger Religionspäd-

vorliegende Material ist nicht zuverlässig. Außerdem hätte der Band agoge Bilanz: Welche Aufgaben fallen religiöser Erziehung angesichts

noch voluminöser werden müssen. Dem Autor ist vielmehr zu dan- religiöser Entwicklung zu? Seine Antworten bürsten erfreulicherweise

ken, daß er angesichts der dürftigen Matcriallage überhaupt induktiv gegen den Strich der Vulgär-Meinung: Keine Förderung im Sinne

vorgeht eines Emporklimmens von Stufe zu Stufe! Keine Erziehung zu .reifer'

Die Kernaussagen des Buches seien kurz resümiert: In den ersten Religiosität! Kein religiöser .Fortschritt'! Das wäre alles anti-evan-
zwei Kapiteln beantwortet der Tübinger Nipkow-Schüler mit Hilfe gelisch! Sondern: Entwicklungsbegleitung! Korrekturen bei Entwick-
autobiographiseher Erinnerungen die Gretchenfrage, ob es eine Kin- lungsstörungen und -Verfehlungen! Und „Pünktlichkeit" beim reli-
der- oder eine Jugend-Religiosität gäbe, positiv: Die buchstäblich- giösen Lernangebot, denn manche religiöse Themen würden entwick-
wörtlichen, animistischen und anthropomorphen Gottes-, Engels- lungsmäßig zu früh, andere zu spät angeboten,
unä Teufels-Vorstellungen von Kindern, und die begrifflichen, oft Schweitzers Buch hat den umstrittenen angelsächsischen religiösen
Poetischen Versuche Jugendlicher, Gott zu erfassen, zeugten von Entwicklungstheorien den Einzug in die ev. Religionspädagogik berei-
eincr je eigenständigen Religiosität! Das Entscheidende: Diese Kin- tct. Denn sein Resümee lautet: „Religiöse Entwicklung ist nicht als
der- und Jugendreligiositäten seien keine Vorformen .eigentlicher' eine Entwicklung zum Glauben zu verstehen . .. sondern de» Glau-
Erwachsenenreligiosität, sondern gleichwertige, aber eben .andere' bens" (2230- Jede Stufe ist gleichwertig. - Es ist zu wünschen, daß
Religiositäten. „Demnach wissen und verstehen Kinder und Jugend- Kritiker und Verfechter religiöser Entwicklung dieses großartige Buch
''che nicht einfach weniger als Erwachsene, sondern sie denken und und seine reformatorische Optik zur Kenntnis nehmen, bevor sie sich
verstehen anders "(162) im DisPut weiter erhitzen. Es wird sie auf einen neuen, gemeinsamen

In den beiden nächsten Kapiteln führt Schweitzer in die psychoana- Weg führen,

■ytischen (Freud, Erikson, Narzismus-Theoretiker) und kognitiv- Osnabrück Reinhold Mokrosch
strukturellen (Piaget. Kohlberg. Oser, Fowler) Theorien zur religiösen

Entwicklung (oder besser: in die Brocken, die zur religiösen Entwick- „ . , . . ... ,
|.._ „»._,. ^ ... a- v ■ u, „. nnHHen Heinonen, Reiio E.. I man, Karl-Johan, u. Aarne Ioivancn Hg. :
'ungabfa en) ein. Es gcingt ihm, den Kenner nicht zu unter-unclüen "... J . L j ™ ■ ij . .
I ■ , . , c. , , , • , ,u^i«-j«.h« Ruch Re gionsunterricht und Dialog zwischen Judentum und Christen-
Laien nicht zu überfordern. Selten habe ich ein theologisches Buch tumKAbt). Abo AkadcnlisFör,ag ,988. 207 S. 8'.
gelesen, das solch ein Glanzstück vollbringt. Schweitzers Rezept: br

stellt seine Analysen strengin den Dienst religionspädagogischcr und Sammelband enthält die Referate, die auf der Konferenz der

theologischer Fragestellungen. Aus der Genese der Religion bei Lutheriscben Europäischen Kommission Kirche und Judentum

Freud. Erikson und Kohut zieht er z.B. die Konsequenz, daß es (LEKKJ)vom9.-l3. 8. 1987 in Grankulla in Finnland gehalten wur-

'•Parallelcn zwischen den Problemstellungen der Entwicklungsstufen ergänzt durch eine Analyse des weit verbreiteten und vielfach

und den Fragestellungen der Theologie" gäbe (101), kurz, daß Schü- übersetzten Lehrmaterials der zunächst in deutscher Sprache heraus-

'er/innen in bestimmten Phasen auf bestimmte theologische Fragen gegebenen Faltblattserie: „Was jeder vom Judentum wissen muß"

hin besonders ansprechbar seien. Und aus den glänzend dargestellten (i93_203). Die Konferenz hatte es sich zur Aufgabe gestellt, „die der-

Thcorien Osers und Fowle/s, dem Herzstück des Buches, folgert er: zejtjge Lagc Jes Dialogs zwischen Christentum und Judentum zu prü-

-Soweit religiöse Entwicklung als Vollkommenheitsstreben aufgefaßt ^ unddie Möglichkeiten, die die Erziehung zu seiner Förderung bie-

w'rd. ist sie theologisch abzulehnen, . . . soweit religiöse Entwicklung ^ zu erwagCn" (4)

aber den Sinn einer ...selbständigen Erkenntnis des christlichen Auf der Tagesordnung stand vor allem auch die Frage, welche dog-

^aubens gewinnt und die Orientierung an einer Liebesethik bedeu- matischen Lehrtraditionen die Auffassung der jüngeren Generation

•et. entspricht sie auch dem Anliegen christlicher Theologie." (163) Er „ber d^ judcntum geprägt haben. Diskutiert wurde ebenfalls die

schließt eine „Deutung der religiösen Entwicklung als Reifung einer systematjsch-didaktische Frage, wie Religion und Lebenskunde in

von Geburt an vorhandenen Anlage sowie eine Deutung... als An- Schuie und Kirche so gelehrt werden können, daß sie auch nicht

Passung an die Religion, die von der Umwelt an das Kind herangetra- unbeabsichtigt antijüdischen Einstellungen Vorschub leisten können.

Ken wird" aus (169)- Mißverständnisse, die damit endlich ausgerottet go ergeben sich für die Sammlung drei Teile:

Se'n sollten. Wer solche neuen und religionspädagogisch weiterfüh- , „Historische Ansätze" (9-80) mit Beiträgen von T. Harviaincn, R. Saari-

rcnden Thesen aus Freuds und Eriksons Psychoanalysen und aus nen,J. P. Boendcrmaker. J. Forsberg und L. Eitinger;

°sers und Fowlcrs Entwicklungstheorien gewinnt, wer also diese „.„Unterweisungstraditionen" (81-140) mit Beiträgen von K.-D. Schunck.

Konzepte mit reformatorischer Theologie glaubwürdig versöhnt, der T. Veijola. R. Kastningu. JC.-J. Illman: '

erhnlt. v ,. . ,., iten Aufmerksamkeit III. ..Partizipatonschcs Lernen (141-203) mit Beitragen von R. E. Heino-

,Ult V°" KennCrP Und La,en glC,ChCT v r 7^ Felder reli- nen P Luumi. K. Belmki. S. Reimann. A. Baumann u. H. Skurnik.

"n weiteren drei Kapiteln beschreibt der Vf. noc, SpeziaIfclder nH ne^ Anwcscnhcit und engagierte Mitarbeit jüdischer

oser Entwicklung: die Entwicklung der Kirchlichke,.. der Symbol D g ^ ^ ^

'ahigkcit und des Gottcsbildes in der Lebensgcschichtc von Kindern, i eimen

Weh«, und Erwachsenen. Seme rel,gionspädalogischen Folge- ^ von Judcn und chrlslen tragen auch
£*n tm Anschluß an die «ausgezeichneten Analysen sol ,e s c D jenseitigen Nicht-Kennens und - manch-
er, christliche Erzieher/in ms Stammbuch schreiben. D e Pha e r resultierenden gewissen Mißtrauens. Diese Un-
'"nehnicnder individueller (ilaubensreflcxionen bringe notwendig mai
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