Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 8

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Abgeschlossen wird der Band mit Imaginationen Gottes als Mutter,
Liebender und Freund. Diese Mataphern werden durch die je unter-
schiedlichen Aspekte der Liebe verbunden (Agape, Eros, Philia).
Ebenso werden jeweils spezifische Züge des Handelns und der Ethik
für jede der drei Metaphern entfaltet.

Trotz de/ Distanz, die die Autorin gegenüber der hermeneutischen
Theologie an den Tag legt, leistet sie letztlich selbst einen Beitrag
dazu, wie es ihr Bemühen, sich mit der Tradition auseinanderzuset-
zen, nicht anders erwarten läßt. Die Dringlichkeit der Herausforde-
rungen unseres Zeitalters hat sie im Horizont ihrer Erfahrungen - „Ich
bin Weiße, gehöre zum Mittelstand und schreibe für die breite christ-
liche Mitte." (XIII) - zu einem Gedankenversuch veranlaßt, der jen-
seits von Prä- oder Postmodernismen in der Diskussion jedenfalls
über die Rekonstruktion christlicher Bildsprache angesichts gewach-
sener ethischer Verantwortung gehört werden sollte als ein auch in der
Verbindung von theologischem Feminismus und Prozeßtheologie
bemerkenswerter Beitrag. So werden neben G. Kaufmann und ande-
ren auch Rosemary R. Ruether und J. B. Cobb jr. dankbar als
Gesprächspartner genannt.

Rostock Jens Langer

Systematische Theologie: Ethik

Thönissen, Wolfgang: Das Geschenk der Freiheit. Untersuchungen
zum Verhältnis von Dogmatik und Ethik. Mainz: Grünewald 1988.
341 S. gr. 8" = Tübinger theologische Studien, 30. Kart. DM 48,-.

Schon A. Schopenhauer betonte: „Moral predigen ist leicht, Moral
begründen ist schwer." Die Aufgabe einer Begründung von Ethik hat
die neuzeitliche Philosophie und Theologie durchgängig begleitet,
wobei auch die Theologie sich dem Denkhorizont einer säkularisier-
ten, nach-aufgeklärten Gesellschaft zu stellen hat. Die vorliegende
Tübinger kath.-theol. Diss. erörtert die ethische Begründungsthema-
tik in theologiegeschichtlicher wie in systematischer Hinsicht, und
zwar anhand der theologischen Grundlagenfrage nach dem Verhältnis
von Dogmatik und Ethik.

In einem 1. Teil (19-129) stellt der Autor theologiegeschichtliche
Aspekte sowie die gegenwärtige Diskussion zum Dogmatik-Ethik-
Problem dar, wobei er umfassend auf katholische wie evangelische
Positionen eingeht. Für die evangelische Theologie wird der Gegen-
satz zwischen kulturprotestantisch bzw. liberal geprägter Sicht (u. a.
Schleiermacher, Troeltsch, Rendtorff) und K. Barth betont. Die für
das evangelische Verständnis von Dogmatik und Ethik ebenfalls wich-
tige Debatte zur Zweireichelehre bleibt hingegen beiseite. Im Blick auf
die katholische Theologie wird, in interessanter Weise, die nach-
thomanische Kasuistik und Verrechtlichung der Morallehre als Ab-
lösung der Ethik von der Dogmatik dargestellt; die Tübinger Schule
des 19. Jh. (v. a. J. M. Sailer, J. B. Hirscher, später: F. X. Linsenmann)
mit ihrer Forderung nach einer „Theologisicrung der Moraltheolo-
gie" (48f) wird hiervon positiv abgehoben. Die Intention, die Moral-
lehre theologisch bzw. dogmatisch zu begründen, macht sich der
Autor zu eigen. Daher lehnt er die in der heutigen evangelischen
Theologie seines Erachtens vorherrschende „Tendenz zur Verselb-
ständigung der Ethik gegenüber der Dogmatik" (76) ab. Er verweist
negativ auf das von E. Troeltsch vertretene Anliegen, Ethik statt
Dogmatik als Grundlagendisziplin neuzeitlicher Theologie zu begrei-
fen, und greift den Troeltsch rezipierenden Ethik-Entwurf Trutz
Rendtorffs an, der den Gottesgedanken funktionalisiere und die Theo-
logie preisgebe (94). Die überpointierte Kritik an Rendtorffs ethischer
Theologie hätte freilich nähere Belege erfordert. Ihrerseis fragt die
Studie danach, an welcher Stelle die theologische Ethik mit neuzeit-
lichem Denken „kompatibel" sei: Dies sei beim neuzeitlichen Auto-
nomie- und Freiheitsbegriff der Fall (z. B. 124), der, im 2. Teil des
Buches (131-164), anhand des Frciheits- und Menschenrechtsden-

kens von I. Kant entfaltet wird. Kant stehe einer „theoiogische(n)
Inanspruchnahme" (162), nämlich der Deutung durch ein christologi-
sches Personverständnis, offen.

Im Anschluß an diese Sicht Kants beschäftigt sich der 3. Teil des
Buches mit dem eigentlichen systematischen Anliegen, der dogmati-
schen Begründung von Moraltheologic: „Gnade und Person. Versuch
einer Bestimmung des Verhältnisses von Dogmatik und Ethik im
Horizont einer Theologie der Freiheit" (165-321). Unter Rückgriff
auf H. Krings' „reduktiv-analytische" Untersuchung von Freiheit
(168ff) wird endliche Freiheit als verwiesen auf Gott bzw. Gott als
unbedingte und vollkommene Freiheit interpretiert. Ebenfalls mit
Hilfe der transzendental-logischen Analytik wird die dialogische
Struktur des Menschseins erörtert. Die Klassiker dialogischen Den-
kens, etwa M. Buber oder F. Rosenzweig, werden freilich nur beiläufig
oder gar nicht erwähnt. Zu Bubcr wird die (verkürzende, sehr einsei-
tige!) geistesgeschichtliche Deutung M. Theunissens rezipiert, die
Bubers Dialogik nur als bloße Antithese und als Gegenentwurf zur
Transzendcntalphilosophie versteht (263). Demgegenüber betont der
Autor, J. Heinrichs u. a. folgend, die Vermittelbarkeit von dialogi-
schem und transzendentalem Denken (264f, 215ff). Dies führt ihn zu
einem Verständnis der zwischenmenschlichen Beziehung als „Mitein-
ander von Freiheiten" (219). Insofern sich - so die theologische Zu-
spitzung- menschliche Freiheit und die zwischenmenschliche Rela-
tion letztlich göttlicher Gnade verdanken (223 ff, 268ff), lassen sich
Freiheit und Dialogik theologisch in der Gottes- und Gnadenlehre
begründen, ebenso wie der dialogische Personbegriff auf die Trinitäts-
lehre (2890 und Christologie (316f) zurückgeführt wird.

Die Leitgedanken des Buches bestehen mithin darin, mit Hilfe des
neuzeitlichen dialogischen Personbegriffs die überzeitlich-ontologi-
sche Naturrechtslehre der Neuscholastik (278ff) zu überwinden, hier-
durch eine Öffnung katholischer Morallehre zur Neuzeit zu doku-
mentieren, zugleich aber auch eine erneute dogmatische (Letzt-)
Begründung der Ethik zu formulieren. An die Lehre von Natur und
Gnade anknüpfend, werden Ethik und Dogmatik im Analogiemodell
einander zugeordnet. Moralische Aussagen, u. a. zur Freiheit und zum
Personsein des Menschen, sind reflexiv-rcduktiv bzw. in einer trans-
zendentalen theologischen Reflexion auf die „christologische (.) Be-
stimmung menschlicher Personalität" (3200 zurückzubeziehen. -
Ungeachtet instruktiver Einzeldarstellungen zur Theologiegeschichte
und zu heutigen Denkansätzen fordert die Studie freilich insgesamt zu
Anfragen heraus.

I. Die vom Autor rezipierte reflexiv-rcduktive Methode (z. B. 198f.
3140 sucht die neuzeitliche Ethik der Freiheit, des Personseins und
der Menschenrechte begründend auf sinnstiftende dogmatische Aus-
sagen (Gnade, trinitarischer Personbegriff Christologie) zurückzufüh-
ren. Jedoch: Welches sind die Kritirien und die Grenzen für eine
solche Methode theologischer „Reduktion", d. h. theonomer Fun-
dierung neuzeitlicher Begriffe? Sicherlich ist ein deduktives Verständ-
nis der Ethik gegenüber der Dogmatik nicht aufrechtzuerhalten (mit
Recht kritisch hierzu 3l9f u. ö.). Aber das „reflexiv-reduktive" Prin-
zip mutet seinerseits wie ein apologetisches Verlähren an, das philoso-
phische Aussagen jeweils nachträglich theologisch nachvollzieht und
legitimiert. Überdies: Insofern eine „theologische Inanspruchnahme"
(162) und „Kompatibilität" zwischen neuzeitlicher Philosophie und
Theologie angestrebt wird, wird das ja auch spannungsreiche Verhält-
nis von Philosophie und Theologie von vornherein unter ein harmo-
nisierendes Vorzeichen gestellt: zu Ungunsten wechselseitiger kriti-
scher Akzente. Wenn der Autor z. B. - an sich einleuchtend! - den
neuzeitlichen dialogischen Personbegriff mit dem personalen christ-
lichen Gottesgedanken verknüpft, wären auch die erkenntnis- und
religionskritischen Einwände gegen ein personales Gottesverständnis
(J. G. Fichte, L. Feuerbach; vgl. auch G. Simmel) mit aufzuarbeiten
gewesen. Überhaupt werden Religionskritik, Nihilismus und Atheis-
mus in der vorliegenden Studie, die doch die Theologie in den Kon-
text der Neuzeit einzustellen sucht, ausgeklammert. Zum Untertitel
des Buches („Verhältnis von Dogmatik und Ethik") fällt auf, daß das
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