Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 5

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Lötzsch, Frieder: Was ist „Ökologie"? Hermann Samuel Reimarus.
Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts. Albert
Schweitzer in memoriam. Köln-Wien: Böhlau 1987. XXXVI,
350 S., 1 Taf. gr. 8'. Lw. DM 78,-.

Zu den gegenwärtigen Bemühungen um eine sachgerechte Erfor-
schung der vielgestaltigen deutschen Aufklärung und der protestanti-
schen Aufklärungstheologie des 18. Jahrhunderts gehört die vor-
liegende Untersuchung. Sie ist, wie ihr Untertitel andeutet, im wesent-
lichen eine Analyse der Probleme und Perspektiven, die sich aus den
Werken des Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) ergeben. Sie
gliedert sich in vier Hauptteile, welche erstens das Ringen um die
Logik (S. 3-56), zweitens das Ringen um die Religion (S. 59-146),
drittens die Religionsphilosophie (S. 149-276) und viertens das blei-
bende Erbe des Reimarus (S. 279-329) behandeln. Hauptquellen sind
dabei „Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion"
(1754,2. Aufl. 1755), aber auch andere Werke dieses Hamburger Auf-
klärers.

Mit seinen theologischen und religionsphilosophischen Grund-
gedanken wird Reimarus in eine geistesgeschichtliche Entwicklung
eingezeichnet, die von Luther und der Lehrtradition der lutherischen
Orthodoxie (A. Calov) bis zu Moses Mendelssohn und Immanuel
Kant führt. Verbunden damit ist eine wirkungsgeschichtliche Be-
trachtungsweise, die den von Reimarus ausgehenden Impulsen und
Motiven nachspürt und dabei bis zu Theologen und Philosophen
unseres Jh. vorstößt. Genannt werden hier vor allem Albert
Schweitzer als Ethiker der Ehrfurcht vor dem Leben, der Philosoph
Constantin Brunner sowie - etwas überraschend - der schwedische
Theologe, Religionsphilosoph und Bischof Anders Nygren. Von
letzterem wird behauptet, daß er mit seiner Deutung des Christentums
durch das Agapemotiv in den Spuren geistiger Wahlverwandtschaft
mit A. Schweitzer wandelt.

Fraglich erscheint, ob der aktuell klingende Haupttitel (Was ist
„Ökologie"?) glücklich gewählt ist, weil er Erwartungen weckt, die
vom Gang der Untersuchung kaum eingelöst werden. Denn weder
wird ein Beitrag zur gegenwärtigen Ökologiedebatte und ihrer schwie-
rigen Sachproblematik geboten noch eirie begriffsgeschichtliche
Untersuchung angestellt. Soweit der Ökologiebegriff Verwendung
findet, stellt er eher eine RückÜbertragung dar und dient als Interpre-
tament, um das Schöpfungs- und Naturverständnis der lutherischen
Orthodoxie und des Reimarus zu charakterisieren. Bemerkenswert ist
die Metapher, deren sich der Vf. bedient: „Ökologie ist der Sinn-
begriff, daß die Schöpfung wie ein Schiff, von einem ,Steuermann'
geführt, nicht die Fahrt... ,blinder Notwendigkeit' ist. Sie ist der
Transparenzbegriff für die göttliche Perspektive eines menschenwür-
digen Lebens, das unter dem ,Trost' der .Vorsehung' steht" (S. 65).
Mittelpunkt für dieses ältere Verständnis von „Ökologie" ist also
nicht der Mensch mit seinen Bemühungen um die Sicherung der
Lebensgrundlagen und die Erhaltung der bedrohten Natur, sondern
Gott als weiser Haushalter seiner Schöpfung.

Aus den Darlegungen des Vf. ergeben sich an die Adresse der
theologiegeschichtlichen Forschung und speziell der Reimarus-
Forschung eine Reihe von Fragen. Kann noch von Christentum und
einem Festhalten an der christlichen Religion gesprochen werden,
wenn nicht nur auf unterschiedliche Gestalten der Christologie,
sondern auf den Christusglauben verzichtet und die Reduktion auf
einen Gott-Vater-Glauben vollzogen wird? Stellen die Bibelkritik des
Reimarus und sein Vorsehungsglaube originelle Gedanken dar, oder
gehören sie eher zum Allgemeingut der damaligen Aufklärung und zu
den Grundüberzeugungen des englischen Deismus? Führt von
Luthers Verständnis der Freiheit und Dienstbarkeit des Christen-
menschen wirklich eine direkte Linie zu den entscheidenden religiö-
sen und ethischen Anliegen des Reimarus?

Der Vf. vertritt die These, daß man auf Luther zurückgehen müsse,
um die in ihren entscheidenden Anliegen positiv einzuschätzende
Aufklärung des 18. Jh. in den von der Reformation geprägten prote-
stantischen Ländern recht verstehen zu können. Das Urteil, wonach

Reimarus eine Sonderstellung im Zeitalter der Aufklärung gebührt,
begründet der Vf. mit dem Hinweis auf die intellektuelle Redlichkeit,
mit der Reimarus seine „Korrelation von Ethik, Logik und Theolo-
gie" (S. 250) vollzogen habe. Reimarus habe die Intention verfolgt,
das Buch der Bibel mit dem der Natur zu einer einstimmigen Lesbar-
keit zu synchronisieren. Er habe „zuerst das Prinzip der Ökologie als
ein solches der Aufklärung zum Imperativ vernünftiger Religion'
gemacht (S. 287).

Bochum Gottfried Hornig

Lessmann, Thomas: Rolle und Bedeutung des Heiligen Geistes in der
Theologie John Wesleys. Eine Darstellung. Hg. von der Studien-
gemeinschaft für Geschichte der Evang.-method. Kirche. Stuttgart:
Christliches Verlagshaus 1987. 174 S. 8' = Beiträge zur Geschichte
der Evang.-method. Kirche, 30.

Im einleitenden Abschnitt betont der Vf., er lege „nur eine Darstel-
lung" (S. 9) der Pneumatologie Wesleys vor. In der Tat besteht sein
wesentliches Verdienst darin, Äußerungen Wesleys zum Wirken des
Heiligen Geistes in systematischen Zusammenhang gebracht und prä-
sentiert zu haben. Die „Darstellung" kommt zum Schluß. Wesleys
Geistlehre sei aufs engste mit der Gnadcnlchre verknüpft, ja gehe in
ihr teilweise auf. Als wissenschaftlicher Beitrag zur Wcsleyinterpreta-
tion kann das Buch nicht angesehen werden. Dazu fehlt sowohl die
methodisch verantwortete Benutzung der Quellen (beispielsweise
bleiben die seit 1975 erschienenen fünf Bände der Kritischen
Wesleyausgabe unberücksichtigt) als auch die notwendige Einord-
nung von Wesleys Anschauungen in den theologiegeschichtlichen
Kontext. Überhaupt wurde darauf verzichtet, von den Ergebnissen
der reich blühenden Wesleyforschung, insbesondere des englischen
Sprachgebiets, zu profitieren. Wegen dieser Schwächen ist zweifelhaft,
ob das Buch sein erklärtes Ziel, Wesleys Pneumatologie für die heutige
methodistischc Theologie und ihre Stellung im ökumenischen Dialog
fruchtbar zu machen, wirklich erreicht.

Amsterdam Ulrich Gabler

Systematische Theologie: Dogmatik

Vitoria Cormenzana, F. Javier: iTodavia la salvaciön cristiana? L°s

disenos soteriologicos de cuatro cristologias actualcs: „Jesus, e[
Cristo", „El Dios crueificado", „Cristologia desde America Latina
y „La Humanidad Nueva". t/H. Vitoria: Editorial ESET 1986. XX,
748 S. gr. 8" = Victoriensia,48/49.

Das Werk wi 11 die schwierige und notwendige Analyse einiger neuer
Christologien in Angriff nehmen, die die verlorene Einheit zwischen
Christologie und Soteriologie wieder herstellen wollten. Diese ist nur
teilweise in Ergebnis und Form einer Einseitigkeit des Protestant!*'
mus anzulasten, bedingt durch die Auflösung der Christologie 111
Soteriologie. Dafür hat Vf. eine Dissertation erarbeitet über die Werke
von W. Kasper, Jesus, der Christus (dt. 1974: sp.41982) und J. MoK-
mann, Der gekreuzigte Gott (dt. 1972, sp. 1975) aus Mitteleuropa und
die Werke der spanischsprachigen Theologen J. Sobrino, Christolog'e
aus Lateinamerika (Mexiko 21977) und J. I. Gonzalez Faus, Die neue
Menschheit (Santander61984). Vf. berücksichtigt auch andere Werke
dieser Theologen, mit Ausnahme deutschsprachiger Veröffentlichun-
gen, wie er selbst schreibt.

Es ist wichtig, auch zu erwähnen, daß Vf. seine Diss. unter Leitung
eines der Autoren erarbeitet hat: nämlich bei Prof. Gonzalez Faus,
Ordinarius der Theologischen Fakultät von Catalufia. Dort hat Vf
auch seine Thesen verteidigt. Diese ausgedehnte zweibändige Arbeit
ist gegliedert in zwei Teile, die sehr ungleich in Umfang und Behand-
lung sind. Teil 1 ist überschrieben „Formale Charakterisierung <Jcr
Christologien und ihrer soteriologischen Konsequenzen" (Kap. •
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