Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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^ Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 3 214

durch welche er sich als moralischen Gesetzgeber ankündigt". (220) beitet Sch. einen Begriff der Metaphysik, der sich einerseits paradig-

r 'st eine mögliche Vernunftidee, die aus Begriffen der reinen prakti- matisch an Aristoteles (80-89) und Leibniz (89-99) anlehnt und sich

sehen Vernunft deduziert werden kann. Dabei ergibt sich die mögliche andererseits von der Kantischen Kritik und Neubegründung der

^Priorität derselben. Metaphysik geschieden weiß (99-118). Indem Sch. den „Aristote-

Naturreligion und geoffenbarte Religion verhalten sich nach Fichte lisch-Leibnizschen Metaphysikbegriff (122) aufnimmt und zugleich

*Ur Religion überhaupt oder Vernunftreligion als der „idealtypi- die durch C. Wolffs „Uminterpretation" (120) der Metaphysik ver-

^Mn) Konstruktion" der reinen Religion „wie Ideal- und Normal- mittelte Kritik Kants zurückweist, definiert er „Metaphysik als

a '• Sie gehören .. . demselben Genus an. Ihre spezifische Differenz .Grundlagenforschung'" (121). Dieser Grundlagenforschung fällt als

e8t.. in unterschiedlichen Erkenntnisprinzipien." (233) Offen- „Protometaphysik" die Aufgabe zu, „nach letzterreichbaren Grund-

Darungsbegriffund Vernunft sind in der Form unterschiedlich, bezie- Ursachen für die Existenz der Weltordnung" zu suchen, und als

^jn sich aber auf den gleichen Inhalt. Qua ihrer theonomischen Struk- „Deuterometaphysik" oder Ontologie soll sie die „grundlegenden

Ur kommt der Vernunft Entscheidungskompetenz zu. - Fichte ist es Individuenbestimmungen" formulieren (122). Die so im Anschluß an

Jm Rahmen des ihn prägenden Zeitgeistes wichtig, der Basiskonformi- Aristoteles artikulierte doppelte Zielsetzung der Metaphysik soll

von Vernunft- und Offenbarungswahrheiten begrifflich struktu- zugleich in Berücksichtigung des Leibnizschen Programmsauf zwei-
te Identität mittels Moralität zu geben, fache Weise vertieft und präzisiert werden. Einmal lasse sich durch

Man liest die Arbeit Michael Kesslers mit Interesse und Gewinn. den Begriff der möglichen Welten die Zusammengehörigkeit von
erdings wären eine Straffung des Argumentationsganges und Ver- Proto- und Deuterometaphysik dadurch begründen, daß die Ontolo-
meidung von Wiederholungen der Arbeit förderlich gewesen. Gefragt gie mittels ihrer in jeder möglichen Welt geltenden Aussagen die
ma8 werden, ob gerade wegen des den Vf. primär leitenden theolo- Bestimmungen formuliert, „die in jeder ,Protometaphysik' immer
Aschen Interesses hinsichtlich von Fichtes Offenbarungskritik (98) es schon vorausgesetzt sind" (120). Und ein andermal sei für die Ontolo-
nicht stärker erforderlich wäre, den philosophiehistorischen gie das Programm einer speziellen formalen Sprache konstitutiv, das
gesellschaftlichen Background heranzuziehen. sich schließlich im Anschluß an G. Frege durch die „Mathematisie-

Jena ,,, „ ™ng der Metaphysik" verwirklichen lasse. Die so bestimmte Konzep-

Uuo Kern , . '

tion einer „strengen oder „signifikanten" Metaphysik rundet St.

S,°ck, Eberhard, n- ■/ •••».. _ . dadurch ab. daß er „im Sinne von Scholz Kriterien für metaphysische

; coernard: Die Konzeption einer Metaphysik im Denken von „,,„„, •, , „ ,^ , .

Sk,nrich Scholz- Berlin (West) - New York: de Gruyter 1987. XV. Satzc (|25> rekonstruiert, die jeweils als Grund- und Zusatzkntenen

% s- 8' = Theologische Bibliothek Töpclmann,44. Lw. DM 98,-. auf dle Erfahrungstranszendenz, die Fundamentalst und die sprach-

liehe Präzision der metaphysischen Sätze abheben (123-125).
Ie vorl'egende vom Fachbereich Evangelische Theologie der Uni- Mit dieser Konzeption einer strengen, weil mathematisierten und
die K ^arbur8 ,985 angenommene Dissertation stellt eine durch folglich nach Logikkalkülen geregelten Metaphysik ist das Meta-
steil inrcr Oedankenführung und Präzision ihrer Frage- physik-Programm von Sch. allerdings noch nicht erschöpft. St. zeigt
Un8en eindrucksvolle Untersuchung dar. die ihrem Gegenstand in nämlich, daß Sch. von dieser strengen oder signifikanten Metaphysik
Th U, r Weise gerecht wird. Einzelne Teile des Denkens des einen zweiten Typ einer „meditierenden Metaphysik" unterscheide
(1884 Philosopncn und Logikers Heinrich Scholz (= Sch.) (126-140). Während sich die strenge als „transzendental-philoso-
Ph ~* J 956), nämlich seine theologiehistorischen, rcligionsphiloso- phischc" Metaphysik auf die Gesamtheit möglicher Welten beziehe,
zWar e" Und ,neo,0Biscn-wissenschaftstheoretischcn Beiträge sind richte sich die meditierende als „realphilosophische" Metaphysik auf
sic[) Von der Theologie rezipiert und diskutiert worden. Das offen- die wirkliche Welt. Diese Unterscheidung führt dazu, daß allein die
einer kÜ! Hauptintcresse des Sch.schen Denkens jedoch: der Aufbau signifikante Metaphysik, da sie „von formaler, axiomatisch-dedukti-
reli f °8lScn_rat'°nal geleiteten Metaphysik, die zugleich als Basis ver Struktur" (133) ist, als strenge Wissenschaft gilt. Demgegenüber ist
ist f °nspmlos°Ph'schcr und theologischer Bemühungen dienen soll, die real-philosophisch-meditierende Metaphysik „mit der Person des
den °F Tneol°g'e so gut wie nicht zur Kenntnis genommen wor- Philosophen verknüpft" (133), so daß ihr ein konfessorischer, ja sogar
daß StOCk (=St-) weist jedoch im I. Teil seiner Arbeit (1-67) nach, glaubensmäßig-verkündigender Charakter zukomme. St. weist nach,
der Cln cntsPrechendes Desinteresse auch in der Philosophie und in daß auch diese Zweiteilung der Metaphysik wohl begründet sei. Denn
(7- w*ttlematisch-logischen Grundlagenforschung weit verbreitet sei insofern die strenge Metaphysik „nach letzterreiehbaren Ursachen
lieh gilt we8en seines als kontinuierlich oder diskontinuier- und Begründungen fragt", müsse sie auch den Gründen für die Wahr-
SCni 'nterpretierbaren Weges von der Theologie zur Philosophie und heit der von ihr vorausgesetzten Axiome nachgehen (135). Aber auf-
So d'C 'lch 2"r mathematischen Logik, wenn nicht als „Sonderling", grund des von K. Gödel geführten Unvollständigkeitsbeweises müßte
Sch als "Grenzgänger" (16). Angesichts der Tatsache, daß sich der Versuch, die von der strengen Metaphysik vorausgesetzten
Reli naCh" Und nebeneinander auf die Themenbereiche Theologie, Axiome ihrerseits zu begründen, zu einem regressus in infinitum füh-
sUcn^°nspnil°sophie, Philosophie und Logik konzentriert hat, ver- ren und somit scheitern. Aus der Einsicht in die Unmöglichkeit einer
"ndd ZUnächst auf biographisch-historisch-philologischem Weg „Selbstgarantie" (139/140) des menschlichen Denkens zieht Sch.
Bescna"n auf 'hematisch-inhaltlichc Weise zu zeigen, daß Sch. seiner daher die Konsequenz, die Grundfrage der Begründung der von der
°enkk "8 mit disparaten Themen zum Trotz auf eine einheitliche strengen Metaphysik vorausgesetzten Axiome lasse sich nur dadurch
Rek °nzeption ziele (17-67). Im Sinne einer problemorientierten lösen, daß die strenge in die meditierende Metaphysik übergehe.
Sch °dnStruktion des Denkweges von Sch. kann St. verdeutlichen, daß „Damit wird jedoch die meditierende Metaphysik diejenige Form der
der TLrCh die Frage nach der Wahrheit der Religion folgerichtig von Metaphysik, die letztlich fundamental ist." (136) Indem Sch. diese
physi. COlo8ie zur Religionsphilosophie und schließlich zur Meta- mediticrend-konfessorische Metaphysik „zum Ausdruck eines per-
Met ,8erührt werde. Da aber Sch den Möglichkeitserweis von sönlichen Glaubens" (137) erklärt, sucht er das persönliche Bekennt-
math yS'k" (64) an die insbesondere von G. Frege neu begründete nis als „Schlußstein" (138) seiner Metaphysik-Konzeption durch den
I_0„jke?1at'scne Logik binde, verfolge er mit der Rezeption dieser Rückgriff auf die Augustinisch-Leibnizsche Illuminationsichre abzu-
verh-| " "se'hstzweck" (65). Folglich steht die Frage nach der stützen: Der „intellectus divinus" sei der Garant der Axiome des
Den, "'Bestimmung von Metaphysik und Logik im Zentrum des menschlichen Denkens. „Gott selbst hat durch Illumination jedem
Hau V°n Sch" der St im II Teil (69-176) anhand des Sch.schen denkenden Wesen das Wissen um die Wahrheit dieser fundamentalen
undStWerkeV' "MclaPhysik als strenge Wissenschaft" (1941,21965) Sätze eingeprägt." (220) St. selber ist bereit. Sch. an dieser Stelle zu
Au|:" es bereitenden Publikationen nachgeht. fo|8en- Aber das dürfte nur um den Preis der Akzeptanz eines dezisio-
dem Wege historisch-systematischer Rekonstruktionen erar- nistischen Supranaturalismus möglich sein, was immerhin den seit
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