Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

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Theologische Literaturzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. 2

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für sie Verbindliche durchaus nun in eigenen Worten sprechen zu
müssen glauben. Dazu kommt ferner die empfundene Nötigung,
angesichts großer neuer Herausforderungen in Abwehr von willkür-
lichem Vorgehen auf eine bekenntnismäßige Neubesinnung zurück-
zugehen. Dazu kommt schließlich, daß sich da, wo durch den Geist
der Ökumene kirchliche Unionen hervorgerufen wurden, die Besin-
nung auf ein gemeinsam zu sprechendes Bekenntnis aufgedrängt hat -
S. 233 IT ist mit Texten dieser Art gefüllt. Gut, daß der für die Refle-
xion ökumenischer Praxis vorbildliche Text der südindischen Kir-
chenunion von 1941 auch hier mitabgedruckt ist! Daß es aus diesen
oder jenen Gründen jedenfalls zu einem neuen Bekennen gekommen
ist, zeigt zweifellos etwas von der Lebendigkeit reformierter Kirchen
in der Gegenwart.

Die Texte machen die Spannweite der reformierten Familie
bewußt, die ja reformierte, presbyterianische, kongregationalistische
Traditionen vereint und die eben überdies durch Kirchenunionen
weiter ausufert. Angesichts dessen kann man schon fragen (so auch
VII), wie sich denn diese neuen zu den alten Bekenntnisschriften und
wie sie sich in ihrer Vielfalt zueinander verhalten? Immerhin zeigen
sich, bei mancherlei Abweichungen oder Akzentverschiebungen im
einzelnen, beim Großteil der Texte gemeinsame Linien, die von
einem durchhaltenden reformierten Profil zu reden erlauben. Das gilt
auch und gerade, indem diese Texte sich nicht zu einer Sonderkirche
bekennen wollen, sondern so, wie es einmal explizit heißt: „In der
einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche anerkennt die
Vereinigte Reformierte Kirche (Großbritanniens). . ." Das gilt, ob-
wohl erstaunlicherweise in den Texten z. B. die Prädcstinationslehre
keine Rolle spielt (die eine Ausnahme 39 ist ein bedauerlicher Rück-
schritt noch hinter Calvin). Das reformierte Profil, zeigt sich aber vor
allem in der eigentümlichen Doppelung der Grundaussagen: Heilige
Schrift (und zwar betont Altes und Neues Testament zusammen!) als
„oberste Norm des Glaubens und Lebens" (141, 225), Jesus Christus
in seiner „souveränen Gnade" (276) der gekreuzigte Versöhner und
der siegreiche Herr über alle Mächte (15,43), Rechtfertigung aus Gna-
den allein ohne alle Selbsterlösung (67, 229, 254), aber unabtrennbar
von der Heiligung. Erneuerung. Nachfolge des Menschen (16.25, 148.
198). Dazu derdurchwcgantihierarchische Kirchenbegriff, in dem der
Dienst aller Glieder dem „ordinierten" Dienst durchweg betont vor-
geordnet ist (71. 233) und in dem sich die Frage der angemessenen
sichtbaren Gestalt und Ordnung gemeinschaftlicher Sammlung mit
der Sendung in die Welt verbindet. Das Sakrament ist in der Regel
weiter als ein die Verkündigung bestätigendes Siegel verstanden, in
welchem die Elemente reine Zeichen für den durch den Geist gegen-
wärtigen und im Glauben wahrgenommenen Herrn sind (146, 229).
Im Blick auf das politische Leben verbindet sich die Betonung der
Loyalität mit der ihrer deutlichen Grenze im Gehorsam gegen Gott
(15. 17. 193).

Im Vergleich mit den alten Bekenntnistexten treten freilich in den
neuen Texten neue Themen hervor, im Blick auf die nach einer
bekenntnisartigen Aussage gesucht wird: Neubestimmungen über die
bleibende Erwählung Israels (67f. 132. I36f, 181 ff, 194), aber auch
zur Begegnung mit den Religionen (27. 152. 195) und mit dem Un-
glauben in den Industrieländern (153. 195). Für uns Mitteleuropäer
könnten noch einmal die Definitionen von Kirchenmitgliedschaft
(231, 239, 253) wichtig werden, für die in Kirchen der Dritten Welt
das persönliche Christusbekenntnis eines jeden konstitutiv ist (281).
Entsprechend sind, im Unterschied zu der restriktiven Haltung unse-
rer Kirchen, einige der Texte weit auch für eine Verantwortlichkeits-
taufe und für Darbringungen von Säuglingen geöffnet (230, 256f.
279); in Nordindien kann ein Pfarrer nicht zur Säuglingstaufe genötigt
werden (257). Vor allem aber sind die Texte sozialethischen Themen
zugewendet: Gleichberechtigung von Mann und Frau (41, 134, 150),
Einsatz für Demokratie (48). Menschenrechte (151), soziale Gerech-
tigkeit (72) und gegen Rüstungswettlauf (152), Umweltzerstörung (29.
40), Rassendiskriminierung usf. In Indonesien setzt man sich mit der
Sitte, „Adat", auseinander (17, 28). in Japan mit der Christenschuld

im 2. Weltkrieg (320. in Taiwan mit der politischen Isolierung des
Landes (56ff). in Südafrika mit der Apartheid (S. 8ff), in Südkorea mit
der Diktatur (51).

Gerade in der Behandlung der letzteren Themen tauchen in einigen
Texten freilich auch gegenüber der Tradition neue theologische
Begründungen auf. die auch von der Argumentation anderer, neuer
Texte abweichen und die zu diskutieren eine der vordringlichsten
theologischen Aufgaben sein wird. In diesen Texten wird mit einem
erstaunlich bruchlosen Übergang des Wirkens Gottes in das der Chri-
sten zum Heil der Menschheit gerechnet, so daß nicht nur er, sondern
auch sie das Reich Gottes bauen (46), die Gerechtigkeit Gottes ver-
wirklichen (4. 151). die „Rettung der Gesellschaft" in die Hand
nehnSen (46), so daß in solcher Praxis der Liebe geradezu ihr
„Existenzgrund" gesehen wird (50). Dabei kann der Beitrag Gottes zur
Herbeiführung von „Gerechtigkeit und wahrem Frieden unter den
Menschen" auf einmal damit bezeichnet werden, daß er das bloß
„wünscht" (8). und kann die Wahrheit von Kreuz und Auferstehung
als Beispiel für die allgemeine Wahrheit erscheinen, daß nun einmal
Böses den Tod. Liebe Leben schafft (49). Man wird es wohl als Hinter-
grund und Grund dieser Aussagen ansehen dürfen, daß in denselben
Texten mit einem fließenden Offenbarungsbegriff gearbeitet wird,
demzufolge sich Gott wohl „besonders" (15) in Jesus, aber auch sonst
„in Natur und Geschichte . . . immer wieder offenbart" (23), eben
auch „durch sein Handeln mit Menschen in ihrer gegenwärtigen
Situation" (64). Die hier angedeutete Linie steht im Widerspruch
nicht nur zu den älteren, sondern auch zu neuen, auch in diesem Band
gesammelten reformierten Bekenntnistexten. Um eine Klärung ge-
rade dieses Widerspruchs im Licht des biblischen Zeugnisses werden
die reformierten Kirchen sich nicht drücken dürfen.

Über diese Linie noch erheblich hinausgehend, finden sich unter
den Texten zwei Außenseiter. Im einen aus dem englischen Kongre-
gatfonalismus (1967) feiert der arminianische Liberalismus fröhliche
Urständ. Gottes Offenbarung findet demnach dort statt, wo das
Gewissen durch „Wirklichkeiten, in denen Gott am Werke ist",
erweckt wird (77), und Gottes Reich ist dort, wo der Kampf „für das
Recht an dem Menschen teilhaben,... zu einer befriedigenden Erfül-
lung" gekommen ist (99). Toleranz und Gewissensfreiheit werden hier
so groß geschrieben, daß selbst Gott „immer die menschliche Freiheit
respektieren" muß (ebd.). Im Glauben bekämen wir die „Freiheit
Gottes Gebot zu erfüllen", und „auf dieser Grundlage suchen wir mit
Menschen anderen oder gar keinen Glaubens nach Maßstäben für
menschliches Handeln" (100), wobei ein Handeln „ohne Ideale" als
ebenso verwerflich gilt wie ein Handeln nur nach Idealen (105). Der
andere Text, ein „Glaubensbekenntnis" aus Cuba (1977), vollzieht
eine weitestgehende Identifizierung der Kirche Christi mit dem Sozia-
lismus-Prozeß dieses Landes. Problematisch ist, wie diese Identifizie-
rungerzielt wird. Nachdem sich Gott „auf Kosten seiner selbst radikal
und bedingungslos" weltlich gemacht habe, hätten die Kirchen Glei-
ches zu tun (I 140. Konkrete biblische Gehalte treten denn nun auch
zurück oder werden zur Chiffre für die Aufgabe, den Tod der alten
Gesellschaft und das Leben einer neuen Gesellschaft herbeizuführen,
sprich: „den geschichtlichen Forderungen zu entsprechen, die Gott
ihnen (sc. den Christen) mit der Errungenschaft einer Gesellschafts-
form auferlegt, in der der vollständig erneuerte Mensch, die Absicht
des Evangeliums, erscheinen kann" (124). Sollte bei dieser Identifika-
tion ernstlich Besseres als bei unserer einstigen (aber immerhin wenig-
stens nicht bekenntnismäßig fixierten) Verbindung von Gott, Kaiser.
Volk und Vaterland herauskommen? Aber wer den Text aus Cuba
kritisiert, sollte jenen liberalen aus England nicht schonen; er steht
Calvin auch nicht näher.

Die zwei m. E. theologisch respektabelsten Bekenntnisse in der
Sammlung Vischers kommen aus der Vereinigten Presbyterianischcn
Kirche in den USA (1967. 159fT) und der Presbyterianischcn Kirche
in Amerika (1976. 1771T). In ihnen begegnet man einem an bester
reformierter Tradition geschulten Denken, das nun freilich von der
Tradition kaum einen Stein auf dem anderen läßt und dabei doch
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