Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

114.1989

Zitierlink

67

Theologische Literalurzeitung 114. Jahrgang 1989 Nr. I

68

licher Hinsicht. Die Betrachtung eines Gemäldes z. B. kann im Be-
trachter einen unmittelbaren Eindruck ("immediate impression")
hervorrufen; in zeitlicher und räumlicher'Distanz kann eine Über-
legung ("reflection") folgen, und schließlich kann aus der reflektierten
Betrachtung eine veränderte Sicht der eigenen Wirklichkeit resultie-
ren ("praxis"). Diesen drei Bewußtseinsvorgängen ("moments in
consciousness") ordnet B. drei Predigtarten zu, die er anhand ausge-
führter Beispiele erläutert (wodurch die überwiegend formale Homile-
tik auch .material' angereichert wird).

Predigt in der Weise von Unmittelbarkeit ("immediaey") ist narra-
tiv und folgt darin ihren narrativen biblischen Vorlagen. Für sie ist
besonders von "Black preaching" zu lernen, wie B. selber es getan hat
(vgl. 469). Allerdings ist für die narrative Predigt unerläßlich, daß sie
nicht nur "story-telling" ist, sondern daß sie gegenwärtiges Glaubens-
verständnis prägen will. Das gilt auch fürdie reflektierende Predigtart,
die sich weder auf die historisch ursprüngliche Meinung eines Bibel-
textes noch auf ein einzelnes Thema bezieht, sondern die geformt wird
"from a struetured field of contemporary meaning in consciousness
that has been produced by a study of the text" (387). Biblisch wird eine
Predigt nicht dadurch, daß sie sich unmittelbar auf biblische Texte
bezieht oder sie sogar häufig zitiert, sondern allein dadurch, daß sie die
Arbeit der Interpretation und Vermittlung leistet: "preaching media-
tes Symbols of revelation to a consciousness of being-saved in the
world" (390).

Noch deutlicher wird dies bei der dritten Predigtart "in the praxis
mode", die ihren Ausgang bei einer bestimmten Situation nimmt, wie
sie sich im Gemeindebewußtsein darstellt. "True Christian preaching
is not only a hermeneutic of texts. but a hermeneutic of human situa-
tions" (405). Zur Begründung verweist B. auf den schlichten Vorgang,
daß Christen bei der Lösung eines Problems nicht unmittelbar zur
Bibel greifen, sondern in erster Linie ein theologisches Verständnis der
Situation suchen, um erst dann nach einem geeigneten Bibeltext Aus-
schau zu halten.

Mit dem entschiedenen Einsatz bei dem naheliegenden "congrega-
tional consciousness", das es in der Predigt nachzubilden und mit der
metaphorischen Kraft der "ordinary language" zu transformieren gilt,
will B. ein homiletisches Modell überwinden helfen, das einen direk-
ten Weg vom Bibeltext über dessen Exegese zur Predigt behauptet.
"Preachers do not move directly from exegesis to sermon. Instead.
they move from exegesis to a field of understanding, and then to the
produetion ofa sermon" (308). Hier scheint mir die besondere Bedeu-
tung der Homiletik von B. zu liegen, daß sie aus dieser hermeneu-
tischen Einsicht methodisch nachvollziehbare und theologisch be-
gründete Wege zur Predigt zeigt, die ihren Ausgang nicht in einer von
der Gemeinde abstrahierten Textsituation nehmen, sondern in ihrem
gegenwärtigen Bewußtsein einer "being-saved Community in the
world". In Anlehnung an Calvins bekannte Formel von der Gottes-
und Selbsterkenntnis als den Teilen jeder Weisheit (261) bestimmt B.
den „Ort der Predigt" durch eine „doppelte Hermeneutik": "We
interpret revelation in light of being-saved, and we grasp being-saved
in view of revelation " (ebd.).

Eine deutsche Übersetzung dieser über den englischen Sprachraum
hinaus bedeutenden Homiletik scheint mir wünschenswert zu sein;
nicht zuletzt darum, weil sie in der wachsenden Auseinandersetzung
mit Spiritualisten und Fundamentalisten aller Schattierungen helfen
kann, der Gemeinde mit dem freien Wort des Evangeliums ("gospel")
zu dienen. Und auch für unseren Sprachraum dürfte der Satz zutref-
fen: "Preaching in America during the last quarter of the twentieth
Century may be difficult indeed" (455).

Haan Henning Thcurich

Trowitzsch, Michael: Die bunte Gnade Gottes. Von der Einbildungs-
kraft des Glaubens. München: Kaiser 1988. 138 S. 8' = Kaiser
Taschenbücher, 27. Kart. DM 12,80.

Hier spricht ein Prediger, der intensiv an seiner Sprache arbeitet
und seine Verkündigung selbständig hermeneutisch reflektiert, ob-
wohl er im Vorwort bekennt, Eberhard Jüngel und Günter Klein
..bestohlen" zu haben. Außer zwei schon veröffentlichten Predigtme-
ditationen und einem Aufsatz über „Ironie und Verstehensfreude"
enthält das Buch 11 Predigten, die zumeist im akademischen Gottes-
dienst in Münster gehalten wurden. Die Predigten lassen die „Ver-
stehensfreude" spüren, die den Vf. bei der homiletischen Arbeit mit
biblischen Texten erfüllt und die er den Hörern mitzuteilen sucht. Er
möchte der Einbildungskraft der Prediger und Hörer Nahrung geben.
Die gegenwärtige Predigt ist ihm zu farblos in ihren Bejahungen. „Viel
mehr als die Beteuerung, .daß Gott Ja zu uns sagt', fällt uns Christen
des 20. Jahrhunderts selten ein." Trowitzsch fällt mehr ein, der Hörer
bzw. Leser stößt auf manche überraschende Idee. Die Predigtsprache
ist auf unkonventionelle Weise biblisch gefüllt, und der Prediger wagt
es. die Hörer mit „du" anzureden, ohne daß diese Anlaß hätten, sich
bevormundet zu fühlen. Beim Hören ist es unmöglich, alle Pointen zu
erfassen. Deshalb ist der Druck solcher Predigten sinnvoll als Form
moderner Erbauungsliteratur, aber auch als Anregung für Prediger. In
diesem Sinn wünscht der Vf., daß seine „Beiträge von Interessierten
nach Belieben ausgeplündert würden".

E.W.

Praktische Theologie:
Pädagogik/Religionspädagogik

Jerger, Günter: „Evangelium des Alten Testaments". Die Grund-
botschaft des Propheten Deuterojesaja in ihrer Bedeutung für den
Religionsunterricht. Stuttgart: Kath. Bibclwerk 1986. VII, 469 S.
gr. 8Ü = Stuttgarter Biblische Beiträge, 14. Kart. DM 39,-.

Die vorliegende, an der Theologischen Fakultät der Universität
Freiburg eingereichte Dissertation hat sich die schwierige Aufgabe
gestellt, die Ergebnisse der historisch-kritischen Wissenschaft trotz
aller notwendigen Verkürzung und Vereinfachung so darzustellen,
daß der Unterrichtende, der selber keine Zeit hat, den wissenschaft-
lichen Problemen bis in alle Einzelheiten nachzugehen, die wesent-
lichen Einsichten gewinnt und für die Hörer didaktisch aufarbeiten
und verständlich machen kann.

Die theologische Bedeutsamkeit Deuterojesajas heute warder Aus-
gangspunkt für die Erarbeitung des Materials. Gerade weil Deuteroje-
saja-Texten in der Praxis christlicher Unterweisung sehr vereinzeil
und dann auch nur recht nebensächliche Bedeutung zugewiesen wird,
kommt dieser Veröffentlichung besonderer Wert zu: „Das Alte Testa-
ment ist nicht ein ,altes' Buch, über das man im Religionsunterricht
informieren muß, sondern es ist ein .zukunftsträchtiges Vermächtnis',
das für alle Zeiten und alle Menschen gilt" (1, Zitat). Der Vf. geht
davon aus, daß die Botschaft des uns in seinen Lebensverhältnissen
weithin unbekannten Propheten aus der Zeit des Babylonischen Exils
zu den Höhepunkten biblischer Theologie gehört. Sie erhält „in den
verschiedenartigen Exils- und Exoduserfahrungen von heute aktuel-
len Bezug und beantwortet drängende Fragen nach dem Sinn-Grund
menschlichen Lebens" (1).

Biblische Botschaft, die im Gottesknecht einen glaubwürdigen Zeu-
gen aufweist, wird auch heute als lebendiges Wort getrostes, hoff-
nungsvolles Leben ermöglichen, wo und wie auch immer es Men-
schen begegnet und durch sie wirkt, und zwar in dem Maße, wie
eigener Glaube für andere überzeugend erfahrbar wird. „Deshalb soll-
ten im Religionsunterricht auch die biblischen Vorbilder den jungen
Menschen erschlossen werden. Die Botschaft Deuterojesajas ist jeden-
falls mit einer erfahrbaren und modellhaften menschlichen Ge-
schichte verbunden" (2).

Teil 1 „Die Grundbotschaft des Propheten Deuterojesaja" (4-75)
stellt den gegenwärtigen bibelwisseYischaftlich-exegetischen For-
schungsstand zu Deuterojesaja vor. Anschließend werden neun Posi-
loading ...