Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

110.1985

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Theologische Literaturzeitung 1 10. Jahrgang 1985 Nr. 12

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Kuske, Martin: Weltliches Christsein. Dietrich BonhoeiTcrs Vision
nimmt Gestalt an. Berlin: Evang. Verlagsanstall 1984. 152 S. 8°:
zugleich München: Kaiser.

Dies ist eine warme, eingelebte. sehr persönliche Darstellung. Nicht
auf eine Gesamtdarstellung der Theologie Dietrich BonhoefTers zielt
dieses Buch ab, es geht in Gestalt von vier thematischen Hauptab-
schnitten ins Detail.

Der erste Abschnitt - ,,Menschen auf dem Weg der Mündigkeit"
(S. 19-47)-behandelt BonhoefTers Bezugnahmen auf die Geschichte
vom „Reichen Jüngling" (Mt 19,16-26). Diese Pcrikopc wird von
Bonhoeffer auf sehr unterschiedliche Weise ausgelegt. Ist der „Reiche
Jüngling" in den frühen Bezugnahmen derjenige, derauf der Flucht
vor Jesus ist, so ist er später der, der auf dem Weg zu Jesus ist: „Der
Jesus der .Nachfolge' schaut alles, was der reiche Jüngling macht, .wie
eine faule Frucht an'. Daß es etwas Gutes sein kann, wie da einer zu
Jesus kommt und ihn fragt, sieht Bonhoeffer nicht." (S. 33) Ganz
anders in der „Ethik", in der Bonhoeffer „das Gute und Menschliche
des reichen Jünglings, sein Halten der Gebote, in den Blick bekommt.
Die Schritte des Jünglings im Vorletzten sind ihm wichtig geworden."
(S. 29) Kuske führt überzeugende Gründe dafür an, daß Bonhoeffer in
beiden Auslegungen, die „in Spannung zueinander stehen" (S. 34),
jeweils auch von sich selbst redet. Damit wird der für Bonhoeffer so
charakteristische Zusammenhang von Biographie und Theologie bis
in exegetische Details hinein erhärtet.

Das zweite Kapitel - „Es kommt ein Mensch zum Menschen"
(S. 49-78) - enthält zwei Fallstudicn; am Beispiel eines „Trauer-
besuchs" geht der Vf. dem „.religiösen Christsein' eines Pastors"
nach; der Bericht von einem „Krankenhausbesuch" dient als Vorlage
dafür, die Konturen des „weltlichen Christscins" zu bestimmen. Der
dritte Abschnitt - „Weil wir das Abendmahl neu als etwas Nahes er-
fahren haben" (S. 79-102)- handelt vom Abendmahl als einem der
Orte weltlichen Christscins. Um den „Prozeß des unübersehbaren
7.erfalls der Volkskirche, des Abschieds von der Landeskirche, der
Entwicklung zu einer Freiwilligkcitskirche . . . schöpferisch bewäl-
tigen zu können, ist eine neue, eine nahe, eine weltliche Gestalt des
Abendmahls nicht nur hilfreich, sondern auch unumgänglich."
(S. 790

Das letzte Hauptkapitel - „Jesus aus Nazaret - Mensch mit ande-
ren" (S. 103-138)- ist der Absicht gewidmet, „von Jesus aus Nazaret
weltlich zu sprechen" (S. 103). Der Vf. folgt damit dem Duktus von
„Widerstand und Ergebung", insofern ja auch Bonhoeffer sich ge-
nötigt sah. im Rahmen eines weltlich-religionslosen Christentums
von Jesus weltlich zu reden. Kuske ändert jedoch BonhoefTers Wen-
dung „Jesus, der Mensch für andere" ab. indem er stattdessen von
Jesus als „Mensch mit anderen" redet. Diese Formulierung wird als
Leitfaden verwandt, um anhand ausgewählter Abschnitte des Mar-
kusevangeliums „in Umrissen ein menschlich glaubwürdiges Bild des
Jesus aus Nazaret zu entwerfen. Zum weltlichen Christsein gehört ein
solches Bild. Es ist sein Fundament." (S. 106)

Diesen kenntnisreichen Bonhocffcrstudien ist gemeinsam, daß der
Vf. ganz neu nach der Bibel fragt: „Die ganze Arbeit möchte von
dieser neuen Entdeckung der Bibel berichten." (S. 73) Dabei ist sich
Kuske der möglichen Gefahren einer „durch und durch subjcktivc(n)
Auslegung" sehr wohl bewußt: „Ich interpretiere die Geschichte nicht
nur von meinen Erfahrungen aus. sondern lege in sie meine Erfahrun-
gen hinein. Ich eigne sie mir an. spreche mich in ihr aus. Das ist
einerseits ein Zeichen dafür, daß mir diese Geschichte lebendig ist.
Andererseits droht die Gefahr der Vercinnahmung. Das Bibelwort ist
dann nicht mehr das fremde Wort, das mir gegenübersteht." (S. 20)
Ich denke, daß, wer diese Gefahr sieht, sich ihr aussetzen darf; ja. daß
er dies tun muß. soll das Bibelwort nicht zu einem unbekannten Wort
werden. Nirgends ist Kuske Bonhoeffer näher als bei diesem Versuch,
in der Neuentdeckung der Bibel weltlichem Christsein das Funda-
ment zu geben.

Kassel Christian GremmcJa

Spiegel, Yorick: Glaube wie er leibt und lebt. 1: Die Macht der Bilder
128. S. Kart. DM 19,-. 2: Gottesbildcr von Herrschaft und Liebe.
152 S. Kart. DM 22,-. 3: Bilder vom neuerstandenen Leben. 136 S.
Kart. DM 19.-. München: Kaiser 1984. 8°.

Mit diesen drei schmalen Bändchen legt Spiegel Rechenschaft von
einer Wandlung, seiner persönlichen Entfaltung ab, die 1981 begann
(1,5). Dabei bricht er mit nahezu allen für die Theologie geltenden
Tabus, für mich besonders häufig im Bereich politischen Wohlverhal-
tens westlicher Couleur. Dafür mag Spiegels Rezeption des Arbeiter-
liedes „Die Internationale" als Beispiel stehen. Diese Annahme und
Auslegung schafft Freiheit für das Verständnis des Liedes; denn: „Es
geht aber nicht, wie fälschlicherweise oft unterstellt wird, um eine reli-
giöse Selbsterlösung, sondern um die Durchsetzung des Menschen-
rechtes; es geht darum, daß es gegen leere Werte verwirklicht wird."
(1.13) So entfaltet Spiegel die Sinnbilder, die wirklich in uns wohnen,
und es sind mehr, als wir meinen: „Keiner von uns. auch nicht der
frömmste Christ, lebt von den christlichen Sinn-Bildern allein, und
keine Theologie, die aus dem Sinn-Bild Gott in Christus heraus kon-
struiert ist, kann flächcndeckcnd das in einen theologischen Zusam-
menhang stellen, was Glaubende als lebenswichtige Sinn-Bilder in
sich tragen. Sic und andere lassen sich auch von Sinn-Bildern bestim-
men, die in der Schatztruhc der christlichen Religionen nicht aufge-
funden werden." (1,18) Dabei sind'lebenswichtige Sinnbilder allein
die. deren Änderungen oder gar Vergehen Krisen bew irken. Der Ver-
fasser markiert deutlich Nähe und Distanz in Tillichs Symboltheorie:
Bei aller Zustimmung sind es drei Differenzen, die Spiegel gegenüber
Tillich feststellt: ..- Politische und religiöse Sinn-Bilder kann ich
nicht so auscinandcrdividicrcn, daß die politischen sich auf Staat oder
Nation, religiöse dagegen auf etwas letztlich Unnennbares, auf das
Sein-Selbst oder auf den Grund des Seins beziehen. - Ich teile die Auf-
fassung nicht, daß Abstraktes mehr Mächtigkeit hat als Anschau-
liches, ihm überlegen ist. - Ich sehe ein Gerangcl zwischen verschiede-
nen Sinnbildern, wo Tillich von einer Hierarchie von Symbolen mit
einem Zentralsymbol ausgeht, das wiederum auf ein Letztgültiges und
Unbedingtes verweist. Ich bin gegen Hierarchien." (1.1240 Am Vor-
abend von Tillichs cinhundertstem Geburtstag werden hier also be-
merkenswerte Linien in die Zukunft gezogen, mit denen sich die
Tillich-Forschung auseinandersetzen muß.

Die religiösen Sinnbilder untersucht Spiegel in einem transkonfes-
sionellen Cieisl. Die „konventionellen Theologen", die Dogmen un-
erfahren voraussetzen, stehen auf der anderen Seite: „Aber das Inter-
esse an einer solchen beruflichen Abgrenzung ist nicht mein Problem
und vermutlich auch nicht das von anderen. Wichtiger ist es zunächst
einmal, selbständig religiöse Erfahrungen zu machen und für sich
selbst einigermaßen abzuklären, was mir die vorhin vorgestellten
Sinn-Bilder bedeuten. Um erst einmal einen Einstieg in die religiöse
Erfahrung zu bekommen und mir nicht gleich vorschreiben zu lassen,
was ich zu glauben l>abe und was nicht." (1,58)

Seine religiösen Erfahrungen macht Spiegel im Horizont der Säku-
larisation. Es ist das besondere, daß hiereine Korrelation gelebt wird,
die anderswo in ein Entweder-Oder umkonstruiert worden ist: „Säku-
larisierung ist theologisch das. was anderswo Demokratisierung oder
Humanisierung heißt, nämlich der Abbau des Glaubens an Autori-
tätspersonen . . . Säkularisierung, als die religiöse Form der Demokra-
tisierung verstanden, bedeutet hier nur. daß die Ubermacht des zen-
tralen Sinn-Bildes Gottes gebrochen ist und andere Sinn-Bilder neben
es treten. Damit wird dem Einzelnen die Freiheit gegeben, sich mit
den Sinn-Bildern in Beziehung zu setzen, die ihm persönlich nahege-
kommen sind. Er kann nicht länger gezwungen werden, sich einer
autoritären Führer-Figur zu unterstellen (was heute noch allzuviele
mit dem konventionellen Gottesbild verbinden)" (1.6011"). Spiegel
stellt die Sinnbilder dar. die in die „Enge" und zu Ängsten führen bis
hin zu den „ckklesiogenen Neunisen" (Klaus Thomas). Hilfreiche
Sinnbilder zeichnen sich dadurch aus. daß sie entw icklungsfähig blei-
ben. Spiegel läßt uns danach fragen, wo über oder unter uns unsere
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