Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

110.1985

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Theologische Literaturzeitung 110. Jahrgang 1985 Nr. II

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zieht (wenn sie stimmen, müßte man wohl dazu sagen, ob man Lukas
heute noch folgen kann) und daß Lukas die Lage offener sieht.
21,27-36 soll besagen: „Jerusalem hat nun endgültig und abschlie-
ßend das Angebot des Evangeliums abgewiesen. Damit ist es vom Ort
des Heils zum Ort des Unheils geworden. Die Tatsache, daß es in Jeru-
salem noch eine christliche Gemeinde gibt, ändert daran nichts, daß es
seine heilsgeschichtliche Stellung verloren hat" (S. 318); Jerusalem ist
seither eine „Unheilssphäre" (S. 341.359.373). Mit Zehntausenden
von Judenchristen (21,20)7 Durch 22,30-23,11 will Lukas zeigen,
„daß das Judentum, das sich der Heilsbotschaft verschlossen hat,
seine innere Identität und äußere Glaubwürdigkeit verloren hat. Weil
der Pharisäismus, der das echte Judentum repräsentiert, nicht zu der
Einsicht bereit war, daß sein Glaube im Christentum zur Erfüllung
kommt,, ist er orientierungslos geworden. Während der Gang der
Heilsgeschichte von Jerusalem weg führt, bleiben dort sinnlos strei-
tende jüdische Parteien zurück" (S. 327). Aber der frei entwerfende
Lukas läßt die Pharisäer ausdrücklich Paulus für unschuldig erklären
(23,9). Sind Leute, die das tun, eine sinnlos streitende Partei? Ähnlich
versteht R. die Reaktion der römischen Juden (28,24). Aber darf man
das, wenn die eine Hälfte Paulus akzeptiert? R. spielt das m. E. zu Un-
recht herunter, indem er „die einen" als „einige" deutet und bei „sie
ließen sich überzeugen" die Erwähnung von Glauben vermißt, vgl.
13,43; 17,4 u. ö. (S. 374). Paulus' Hinweis auf die Auferstehung
24,20f deutet an: „Wenn die Juden Paulus wegen der Hoffnung darauf
aus ihrer Mitte ausstoßen, so begehen sie damit Verrat an einem
zentralen Punkt ihres Glaubens (vgl. V. 15). Das heißt aber: sie selbst
geben ihr Judentum preis!" (S. 338, ähnlich S. 351 zu 26,60- 28,26f
setzt den Schlußpunkt: „Von jetzt an wird es zwar einzelne Juden
geben, die zum Glauben kommen, aber eine Umkehr Israels in seiner
Gesamtheit steht nicht mehr zu erwarten" (S. 375). Aber wenn die
Juden nicht glauben, daß die Auferstehung Jesu die Hoffnung auf Auf-
erstehung der Toten, von der sie leben, bekräftigt und der Erfüllung
näher bringt (nicht erfüllt: erfüllt wird sie erst bei der Parusie), geben
sie dann die Hoffnung selber auf, so auf, daß sie bekehrungsunfähig
werden? Das Jesajawort Jes 6.9f, das Lukas an den Schluß der Apg
gestellt hat (28,260, könnte das in der Tat sagen. Freilich fällt auf, daß
Lukas es „zu euren Vätern" gesagt sein läßt und nicht direkt auf die
römischen Juden bezieht. Mit „Kund soll euch also sein" folgt dann
eine Wendung, die anderswo dazu auffordern kann, Schriftauslegung
zu begreifen (2,14; 13,38; vgl. 2,36). Soll Paulus mit dem Zitat als
Nachsatz zu seiner ganztägigen Bibelarbeit (28,23) einen Schrift-
beweis für die Heidenmission liefern: weil die Väter verstockt waren,
„wurde [nicht: ist] dieses Heil Gottes den Heiden gesandt" (V. 28)?
Lukas kann dabei die Ablehnung der Römer durchaus mitgedacht
haben (vgl. 7,51). Aber selbst wenn man das Zitat allein auf sie
bezieht, bleibt bemerkenswert, daß Paulus sie nicht einfach konsta-
tiert, sondern die Juden auffordert, ihre eigene schriftgemäße Ver-
stockung als Beweis der Erwählung der Heiden zum Heil zu akzeptie-
ren. Ironie, die das Schicksal der Juden besiegeln soll - oder ein Ver-
such, Rom 1 1,11 in Szene zu setzen? So einfach ist es wohl auch nicht.
Israel bei Lukas wird uns vermutlich noch länger beschäftigen.

Heidclberg-Ziegelhausen Christoph Burchard

Lambrecht, Jan: Ich aber sage euch. Die Bergpredigt als programma-
tische Rede Jesu (Mt 5-7; Lk 6,20-49). Stuttgart: Kath. Bibelwerk
1984. 252 S. Beilage: Synoptische Übersetzung des Textes 19 S. 8°.
Kart. DM 32,-.

Das Buch reiht sich in die zahlreichen Veröffentlichungen unserer
Tage zur Bergpredigt ein, in denen versucht wird, die alte Botschaft für
unsere heutigen Fragen aufzuschließen. Der Verfasser möchte, wie er
im Vorwort mitteilt, keine Arbeit für Spezialisten schreiben, sondern
er denkt an ein weiteres interessiertes Publikum, darunter auch an
viele „Laien". Er ist sich darüber im klaren, „daß die manchmal
langen Analysen dem Leser eine große Ausdauer abfordern werden"
(S. 150- Dies trifft gewiß zu. da ein starkes Gewicht auf dem synop-

tischen Vergleich liegt, welcher teilweise in minutiöser Sorgfalt durch-
geführt wird. Uberhaupt steht das Exegetische durchaus im Vorder-
grund, das Buch muß sehr genau gelesen werden. Es scheint mir je-
doch für den „Laien" immernoch zu fachlich. Dies betrifft bereits die
Terminologie. In vielen Fällen wird man nicht damit rechnen kön-
nen, daß der nicht theologisch geschulte Leserkreis mit Fachaus-
drücken zurecht kommt (vgl. schon Ausdrücke wie „Aorist", „Lo-
gion", „Kontext", „Inklusion", „chiastische Struktur", „Redaktion"
usw.), abgesehen davon, daß zum nutzbringenden Lesen die Übung
im synoptischen Vergleich unabdingbar ist.

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel. Im ersten wird ein grober
Überblick über die beiden Tcxtüberlieferungen bei Matthäus und
Lukas gegeben. Das zweite handelt von den Seligpreisungen, das
dritte von den Antithesen (Mt 5,17-48). Im vierten Kapitel wird
Mt 6,1-18 angezeigt, tatsächlich aber nur das Vaterunser besprochen.
Das fünfte Kapitel trägt die Überschrift „Unbesorgtheit und Engage-
ment" (Mt 6,19-7,12). Im sechsten („Der Weg zum Leben" -
Mt 7,13-27) wird der letzte Teil des matthäischen Textes besprochen,
und schließlich im siebenten Kapitel die lukanische Feldrede
(Lk 6,20-49) zusammenhängend erläutert. Ein Epilog bringt einen
überraschenden Ausblick: von der Bundesthematik des Alten Testa-
ments wird ein Bogen geschlagen zur Anleitung privater Lebenserneue-
rung, wie sie in Exerzitien geschehen könne. Am Ende eines jeden
Kapitels steht ein ausführliches Literaturverzeichnis. Das Buch weist
außerdem ein Stellen- und ein Personenverzeichnis auf, ferner eine Bei-
lage mit dem synoptisch angeordneten Text. Es ist sorgfältig gedruckt.

Die synoptischen Vergleiche und die Exegesen der Einzellogien
fallen unterschiedlich lang und präzis aus. Schwerpunkte bilden die
Seligpreisungen und die matthäischen Antithesen. Manche Sprüche
und Zusammenhänge werden mehr summarisch ausgelegt. Zugrunde
liegt die 2-Quellen-Theorie, jedoch wird der redaktionellen Tätigkeit
der beiden Evangelisten weiter Spielraum zugestanden. Lambrechts
Auslegung besticht durch ein läSt immer wohlbegründetes und verläß-
liches Urteil, ohne alle Extravaganzen. Die verschiedenen Versionen
werden nicht nur sorgsam beschrieben, sondern auch im Zusammen-
hang der redaktionellen Intention und der theologischen Leitbilder
der Evangelisten gedeutet. Im ganzen scheint mir die Beschreibung
der literar-kritischen Differenzen so stark im Vordergrund zu stehen,
daß die eigentlichen Exegesen der Logien nicht so voll zum Tragen
kommen. Die Abschnitte, in denen die Aktualisierung für heute und
für unsere Fragen versucht wird, fallen unterschiedlich intensiv aus.
besonders gelungen scheint mir die Darlegung zur „Gerechtigkeit" zu
sein (S. 101 ff). Etwasaus dem Rahmen fällt nach meinem Eindruck
Kapitel 5 (zu Mt 6,19-7,12), das formal und inhaltlich nicht recht
einheitlich wirkt. Zugrunde liegen diesem Abschnitt wie auch den
Kapiteln 3 und 4 frühere Veröffentlichungen des Verfassers (vgl.
S. 16). Für den Abschnitt Mt 6,19-7,12 referiert Lambrecht zunächst
den Aufsatz von Günther Bornkamm in den NTS (Der Aufbau der
Bergpredigt = 24/1978/419-432), in dem der Versuch gemacht
wurde, diesen wenig gegliedert erscheinenden Abschnitt der Bergpre-
digt von der Thematik des Vaterunsers her zu beleuchten, ja einzelne
Teile davon als direkte Kommentierung von Vaterunser-Bitten zu
begreifen (vgl. S. 146ff, 153). Auch Lambrecht geht davon aus (vgl.
S. 144) und stellt später tatsächlich fest (S. 154), „daß die Bergpredigt
durch die Gebetsthematik gleichsam beherrscht wird" (also nicht nur
der in Frage stehende Teil). Speziell wird Mt 6,33b als Konkretisie-
rung der Brotbitte des Vaterunser gedeutet (vgl. auch S. 163). Kann
man dies wirklich angesichts des Antithesenteils aufreiht erhalten?
Nun äußert Lambrecht selbst Bedenken zu diesem Erklärungsversuch
(vgl. S. 154, 165) und hält in der praktischen Durchführung auch
selbst nicht daran fest (vgl. etwa S. 169 zu 6,19-22). Die Frage ist, ob
wir genötigt sind, überhaupt solche Systematik aufzuspüren, ob die
Betonung des ethischen Tuns, die ja Lambrecht sonst mit Recht so
stark herausstellt, nicht genügt, oder anders: ob das Leitwort der
dikaiosyne, der Gerechtigkeit, nicht für das Ganze der matthäischen
Komposition zureicht?
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