Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

109.1984

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Theologische Literaturzeitung 109. Jahrgang 1984 Nr. 11

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zungen inhaltlicher Art (Schriftliche Tora, urchristliches Kerygtna).
keine Evidenzmittel, die nicht in der griechisch sprechenden Völker-
gemeinschaft seiner Zeit allgemeinverständlich gewesen wären. Das
gilt auch für den sog. Schriftbeweis. Rabbinische Schulung ist zum
Verständnis der Paulusbriefe nicht erforderlich, wohl aber die Fähig-
keit, nicht nur kausale, sondern auch analoge, symbolische und finale
Verknüpfungen der Dinge nachzuvollziehen.

Berichte und Mitteilungen

„NOBISCUM VIVUNT,
COLLOQUUNTUR..."

(Ln)zeitgernäßes zu Neuauflagen und Textausgaben der
„Griechischen Christlichen Schriftsteller" (GCS)
Von Carl Andresen, Güttingen

Es mag zunächst als ..unzeitgemäß" erscheinen, wenn die Würdi-
gung textphilologischer Arbeit unter das Motto eines Humanisten-
zitates gestellt wird. Es stammt bekanntlich aus der Feder Petrarcas,
der Augustins Konfessionen auf seinen Reisen mit sich führte und
seine Schriften mit Reminiscenzcn aus Vergil oder Cicero würzte.
Was hier zur Sprache kommen soll, liegt von jener Euphorie des
14./15. Jh. weit ab. welche die Entdeckung der antiken Literatur und
ihrer humanistischen Werte ausgelöst hatte. Im Gegenteil - die nach-
stehende Anzeige führt in den grauen Alltag textphilologischen All-
tages, der um den ..Buchstaben" bemüht ist. der in jedem Fall von
dem Kampf wider den „Druckteufel" bestimmt wird, wenn man nicht
gar dem Todesstrahl des „Buchstaben" (2 Kor 3,6) erlegen ist. Deshalb
schwingt bei der Anzeige untenstehender Textausgaben die Trage
nach der ..Lebendigkeit" mit. Wenn noch andere Textausgaben ange-
zeigt werden , dann resultiert diese thematische Ausweitung einer
rezensorischen Verpflichtung aus persönlich bedingten Gründen der
Verhinderung.

Schon der Untertitel deutet an. daß primär nach den Motivationen
gefragt werden soll, die bei den Neuauflagen altchristlicher Literatur
zum Tragen kommen. Als Ausgangspunkt hierfür eignet sich sehr gut
der Jesajaskommentar von Eusebius, den Joseph Ziegler herausge-
bracht hat. Die Textausgabc kann vor allem beanspruchen, für jene
Bände der ..GCS" repräsentativ zu sein, die bei der Rekonstruktion
altchristlicher Kommentarwerke auf die Katenenüberlicfcrung ange-
wiesen sind. Der Einstieg berücksichtigt zugleich, daß wir heute eine
Blütezeit der Katcncncrforschung erleben. Der Schlußband IV des
„Clavis Patrum graecorum". den M. Geerard schon 1980 herausgab,
dokumentiert in seinem 2. Teil („Catenae": 185-259) dies mit den
Projekten ebenso eindrucksvoll wie die bereits im „Corpus christiano-
rum" und in den ..Sources chretienncs" erschienenen Textausgaben
von G. Dorival. M. Marl. S. Lcanza, S. Lucä. Fr. Petit u. a. Auch die
Göltinger Arbeitsstelle der Patristischen Kommission bundesdeut-
scher Akademien der Wissensehaften ist mit den ..Psalmenkommen-
taren aus der Katenenüberlicfcrung" (E. Mühlenberg) an dieser Ent-
wicklung beteiligt. Göttingen wird deshalb erwähnt, weil die „GCS"
mit dem Daniclkommentar des Hippolyt 1897 eröffnet wurde, der als
erster die Katenenüberlicfcrung für die Textgcstaltung heranzog. Der
Editor und Göttinger Kirchenhistoriker Nathanacl Bonwetsch erfüllte
darin ein Programm, das vor ihm bereits Paul de Lagarde aufgestellt
hatte, indem er die systematische Analyse altchristlicher Randkom-
mentare zu den Schriften Alten und Neuen Testaments forderte

(GGA 1870, 801-824). Bonwetsch war es auch, der bei derGöttingcr
Akademie die Ausschreibung einer Preisarbeit zu Apollinaris von
Laodikeia betrieb, die nur unter Heranziehung der Katenen zu bewäl-
tigen war. Es eröffnete Hans Lictzmann den Zugang zur akademi-
schen Karriere, der nun seinerseits zum Anwalt der Katenenfor-
schung wurde. Unter Befürwortung von Bonwetsch machte sich die
Göttinger Akademie der Wissenschaften das Lietzmannsche Pro-
jekt eines Gesamtkataloges der Katenen' zu eigen, so daß die anfäng-
liche Zurückhaltung Harnacks überwunden werden konnte (Aland
nr. 170- Nur Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf kündete in einem
Dankesschreiben für die ihm übersandten „Catenen" (1897. JCB
Mohr [Siebeck]; nicht mit dem bekannten „Karo-Lietzmann" [1902,
Göttingen] zu verwechseln) seinen Widerstand gegen „Abdrücke der

Katenen" an und begründete dies u. a. damit:.....Praktisch hieße das

eine Reihe Bücher drucken, die keiner lesen wird" (a. a. O. nr. 19)

Daß solches Veto obsolet geworden ist, bezeugt der eusebianische
Jesajaskommentar von Ziegler, der die Katenenüberlicfcrung in einer
fast optimal zu bezeichnenden Weise mit der Direktüberlieferung
kombiniert. Der Texteditor, der seit 1939 die Jesajasausgabc des
Septuagintaunternehmens betreut (2. durchgesehene Aufl. 1967; als
3. Aufl. deklarierter Nachdruck 1983). verfügt nicht nur über das
nötige Wissen zum griech. Bibeltext, sondern auch die gebotene Sensi-
bilität, um die Katenen dem Kommentar einzuverleiben. Die Floren-
tiner Scptuaginta-Handschrift (cod. Laur. XI 4) begünstigt außerdem
solche Integrierung: Ihre Randkatcne bringt vollständig und fortlau-
fend den „Jcsajakommentar des Eusebios von Kaisareia" (A. Möhle:
ZNW 33, 1934, 87-89). Es ist im übrigen nicht das einzige Beispiel
optimaler Katcnenauswertung. Erinnert sei nur an den Jesajaskom-
mentar des Hesychius von Jerusalem (Clav. Patr. gr. III, 1979. 261 f -
nr. 6559), wo mit dem Vatic. gr. 347 saec. XI eine Randkatcne zur
Septuaginta ähnliche Möglichkeit einer integrierten Textausgabe
geliefert hat. In solchen Fällen der Anwendung auf die Katenenübcr-
lieferung altehristlicher Kommentarwerke erhält das humanistische
Bekenntnis „Nobiscum vivunt" seine spezifisch christliche Beleuch-
tung: Dieses „convivium" ist primär durch den Bibcltext gestiftet. Wo
man mit den „Heiligen Schriften" zusammenlebt, dort werden auch
Werke ihrer Kommentierung stets Leser finden, ob dieselbe nun von
einzelnen oder mehreren Kirchenvätern erfolgt. Eben das macht die
einstigen Bedenken des Altphilologen von Wilamowitz-Moellendorf
obsolet. Es relativiert aber auch den Streit von heute, ob man Kate-
nenausgaben nun in ihrer Originalfassung zum Abdruck bringt, wie
Marguerite Harl zusammen mit G. Dorival es eindrucksvoll für
Psalm 118 mit der sog. „Palästinensischen Psalmenkatene" getan hat
(SC 189f)4. oder ob man die Texte nach ihren patristischen Autoren
aufgliedert und so die verschiedenen Katencntypen zu einer edito-
risch-künstlichen Einheit zusammenläßt - erinnert sei an das be-
kannte Beispiel der „Pauluskommentare der griech. Kirche aus
Katcnenhandschriftcn gesammelt" von K. Staab (Münster 1933):
eine Neuauflage bereitet B. Körting vor) - oder ob man gar die ver-
schiedenen Katenenkommentatoren den kommentierten Texten sub-
summiert, wie es neben den bekannten Matthäus- und Johanneskom-
mentare „aus Katcnenhandschriftcn gesammelt und herausgegeben"
von J. Reuss (Berlin 1957, 1966 = TU 61.89) die Katenenausgaben
von Francoisc Petit. Sandro Leanza und Santo Lucä (CChr. gr. 2.4;
11) tun. In allen Fällen handelt es sich um Textausgaben von Schrift-
exegese. Die „Schrift" ist eben nicht nur „Buchstabe", sondern auch
„Leben", weil an-sprechendes Offenbarungswort, das zwischen den
Autoren von Bibelkommcntaren und ihren Lesern gemeinschaftsstif-
tende Brücken seh lägt.

Doch „reden sie" auch heute noch mit uns, wo sie unmittelbar ihre
eigenen Gedanken entfalten und nicht von der Schriftautorität getra-
gen sind? Und wie tun sie es dann? Mit dieser Fragestellung verdichtet
sich die hermeneutische Problematik. Sie wird durch das dialogische
Element ausgelöst, das einem „Colloquium" innewohnt. Es involviert
zugleich rationale Reflexion, da nur gemeinsames Wissensgut einen
literarischen Dialog zwischen der „Quelle" und ihrem geistigen Nutz-
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