Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

109.1984

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Theologische Literaturzeitung 109. Jahrgang 1984 Nr. 11

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Folgen. Sie machen sich ihre Antworten überhaupt nicht leicht, son-
dern stellen Sachverhalte in ihrer ganzen Komplexität dar. Vorrangig
aber sind sie bestrebt, ihre Traditionen als wertvolles Erbe zu erwei-
sen, das es deshalb auch wert ist, kommenden Generationen weiter-
vermittelt und in ein christliches Glaubensleben wenigstens partiell
integriert zu werden, zumal es zuweilen auch eine nur auf den ersten
Blick überraschende Affinität zu alttestamentlichen Vorstellungen
hat. Fremdheit wie sittliche Überlegenheit über manche Verhal-
tensweisen des heutigen „westlichen" Menschen werden offensicht-
lich.

Rostock Gert Wendclborn

Bimwenyi-Kweshi, O.: Alle Dinge erzählen von Gott. Grundlegung
afrikanischer Theologie. Freiburg-Basel-Wien: Herder 1982.
180 S. 8' = Theologie der Dritten Welt, 3. Kart. DM 29,-.

Wer das Evangelium zur Sprache bringen will, muß das Medium
Sprache kennen. Vf. hat sich der Frage gestellt, wie die Sprache Afri-
kas mit dem Evangelium leben kann. Seine Antwort: Bei uns erzählen
alle Dinge von Gott. Das ist der Versuch zu zeigen, daß das sich in der
Sprache widerspiegelnde religiöse Leben Afrikas, seine Geschichte,
seine Philosophie der Anknüpfungspunkt, ja ein eigens auf das Evan-
gelium bezogenes Gefäß für seine Verkündigung ist. Damit beschrei-
tet Vf. einen Weg zur Grundlegung afrikanischer Theologie, der den
rtdigionsphilosophischen Ansatz der afrikanischen Theologie, aber
auch den andernorts bevorzugten politisch-gesellschaftlichen Ansatz
der schwarzen Theologie ein Stück tiefer gründen kann. Freilich ist
auch die Sprache in Afrika nicht überall die gleiche. Obwohl sich Vf.
besonders mit den oralen Traditionen beschäftigt, die in den verschie-
denen Regionen dieses Kontinents doch ähnliche Strukturen der Ini-
tiation aufweisen, bleibt die Frage unbeantwortet, ob man so verall-
gemeinern kann. Den Ertrag der Untersuchung kann diese Feststel-
lung jedoch nicht wesentlich beeinträchtigen. Denn der Leser, zumal
der europäische, wird im allgemeinen wenig Möglichkeiten haben, die
Initiation selbst zu durchleben, aus der heraus Vf. argumentiert. Viel-
mehr muß er akzeptieren, daß seine Position nicht geeignet ist, eine
afrikanische Theologie zu entwerfen. Vom materialen Ausgangs-
Punkt her ist dies Buch auf jeden Fall ein Stück ganz echter afrika-
nischer Theologie. Thomas Kramm sieht in seiner Einleitung in der
Arbeit Bimwcnyis, des Generalsekretärs der katholischen Bischofs-
konferenz in Zaire, einen Neuansatz, der die bisherigen Theologien
°«S „Ad-" (Adaption, Akkommodation, Akkulturation etc.) ablöst.
°as Buch ist eine kritische Auseinandersetzung mit anderen Entwür-
len und stellt Afrikas Fragen so, daß sie nur von Afrikanern mit Chri-
stus beantwortet werden können.

Als theologische Dissertation der Universität Löwen ist das Werk
tun allerdings dem in Europa üblichen Stil wissenschaftlicher Arbeit,
verpflichtet. Es liest sich nicht leicht. Oft ist die Übersetzung aus dem
Französischen nicht vollendet. Mancher Ausdruck ist als Fremdwort
stehengeblieben. Der Vf. geht seinen Gegenstand an, indem er vom
äußeren Ring zum inneren vorstößt. Der erste Hauptteil ist in der
vorliegenden deutschen Ausgabe entfallen. In ihm hat Vf. seine Arbeit
ln den Kontext der Entstehungsgeschichte von Entwürfen afrikani-
scher Theologie gestellt. Im zweiten Hauptteil, d. h. der vorliegenden
Ausgabe, durchdringen sich sprachwissenschaftliche und theologische
Fragestellungen. Die Auslührungen über die sprachphilosophischen
Zusammenhänge der Arbeit sind in der deutschen Übersetzung nicht
mithalten.

Das erste Kapitel behandelt die religiöse Sprache allgemein. Vf.
stellt dar, wie an ihr erkennbar wird, daß der Mensch „ein Wesen der
Selbstüberschreitung in Richtung auf seine Bestimmung" (S. 27) ist.
So erfüllt die Offenbarung „in reichem Maße - und über jedes Maß
hinaus - eine Erwartung der Sterblichen____weil ohne diese den Ge-
schöpfen vom Schöpfer eingegebene Erwartung die Offenbarung nicht
die Aufmerksamkeit der Menschen wecken würde." (S. 28) Was aber
heißt es, daß das neue Leben durch Sterben und Auferstehen Jesu

Christi erfüllt wird? Wie vollzieht sich Mitsterben sprachlich? Wir
stellen diese Frage schon an dieser Stelle. Sie begleitet uns durch alle
Phasen der Untersuchung. So faszinierend es ist. vom Vf. in Bereiche
menschlicher Kommunikation mitgenommen zu werden, die den
afrikanischen Menschen offen machen - und darum noch einmal
mehr so sympathisch -, hat er sich und der afrikanischen Theologie
diese Frage nicht gestellt?

Nach der Untersuchung der religiösen Sprache im allgemeinen wird
im zweiten Kapitel die theologische Sprache im besonderen darge-
stellt. In Afrika habe sie einen „the-andrischen" Charakter. Der
„the-ische" Bezug ist dabei stets ebenso präsent wie der „andrische".
Diese Zweipoligkeit findet ihre soziale Entsprechung in dem Verhält-
nis vom einzelnen zur Gemeinschaft, auf dessen Basis die Begegnung
mit Christus geschehen kann, und zwar im Tabor-Augenblick, der
den Schrei der Entzückung auslöst, im Gemeinschaftsleben, das um
Gottes willen Liebe praktiziert, und in einer theologischen Reflexion,
die „als reflexive Wiederholung des aus dem menschlichen und kos-
mischen Abenteuer genommenen neuen oder erneuerten Sinns für
alle jene, die fortan im Lichte Christi ihren Weg gehen wollen", ver-
standen wird (S. 55). Im Sinne dieses Dreischritts werden konkrete
Themen der Theologie angesprochen: Glaubensvertiefung, das Ver-
hältnis von Kontinuität und Diskontinuität und das konkrete Engage-
ment im Aufbau Afrikas und der Welt.

Kapitel drei und vier bilden den eigentlichen darstellenden Teil der
Untersuchung. Indem Vf. zunächst vom erkenntnistheoretischen An-
spruch ausgeht, um danach noch die existentielle anthropologische
Verwurzelung afrikanischer theologischer Sprache zu behandeln,
nimmt er das „the-andrische" Schema noch einmal auf, um sozusagen
in der Eigengesetzlichkeit der Sprache selbst theologische Aspekte zu
entdecken. Neben Mythen, Sagen, Märchen, geschichtlichen Berich-
ten, Sprichwörtern, Rätseln, Liedern und Gebeten wird hier der
oralen Tradition besonders viel Raum eingeräumt. Er sagt schlußfol-
gernd selbst: „Die Menge der verfügbaren, in loser Form gesammelten
Dokumente hat (bei der Ordnung des Materials nach semantischer
Nähe) nach und nach eine tiefergehende Kenntnis der vielfältigen
Konstellationen jenes wahren Universums vermittelt, das dieses .In-
itiationswäldchen' darstellt. Insbesondere drei große .Fresken' sind
aus dem Nebel klar hervorgetreten: dasjenige das Wortes als Verbum,
das der schwarzafrikanischen Theotropie und dasjenige, in dem sich
die durch diese beiden projizierten Lichtkegel kreuzen, um den
muntu, den Menschen in seinen Grundprofilen sichtbar werden zu
lassen. Am Ende dieser, wenn auch schnellen und schematischen
Untersuchung wird man bereits den Nuancenreichtum einer mensch-
lichen und religiösen Erfahrung bemerkt haben, die von großer Trag-
weite und Bedeutung ist für das Selbstverständnis des Sterblichen als
ein von Grund auf hingewendetes Wesen, als ein .Knotenpunkt der
Beziehungen', und zwar der Beziehung zu Gott (Theotropie und
Wort-Verbum), zur Gemeinschaft (Membralität, Gliedschaft) und
zum Kosmos (ontologische Osmose). Dieses Vorverständnis liegt so
dem gesamten Bereich zugrunde, der sich als fundamentaler Horizont
jener ersten und wesentlichen Bedeutungen ausbreitet, nach denen die
menschliche Existenz zu interpretieren ist: Spätersein, Vergänglich-
keit, sehnsüchtiges Ausgerichtetsein und ontologische Osmose
erscheinen als Schlüsselbegrifte, die diese Interpretation artikulieren,
indem sie den Sterblichen auf den Wegen der Welt und seines Schick-
sals darstellen, angezogen von seinem Gegenpol, jenem .Vorher schon
Dagewesenen', dem .Unerschaftenen Abgrund', der als derjenige
wahrgenommen wird, der der große, wenn auch verwirrende Verbün-
dete ist. Spät in diese Welt hineingekommen und seinen Weg durch
die Lichtung der Tränen bahnend, bleibt der Sterbliche ein vehemen-
ter Lebenswunsch, eine Herausforderung gegenüber der Hoffnungs-
losigkeit, eine unumstößliche Hoffnung." (S. 171/172)

Man würde dem Vf. sicher Unrecht tun, wollte man davon ausge-
hen, daß afrikanische Theologie damit erschöpfend dargestellt sei. Im
Gegenteil: Es gelingt ihm, den Leser, indem er ihn immer näher an
den zentralen Ort der Begegnung des Menschen mit sich selbst heran-
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