Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

109.1984

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Theologische Lileratur/eilung 109. Jahrgang 1984 Nr. 10

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man sich eine ausdrückliche Rechtfertigung dafür, daß als dogma-
tische Bezugstexte nicht die überlieferten Gleichnistexte, sondern die
historisch-kritisch rekonstruierten Texte herangezogen werden. Ob
auch die nachösterlich Uberformten Texte dogmatisch von Belang
sind, erfahrt man leider nicht. Endlich erscheint es gerade dogmatisch
nicht ganz unproblematisch, im Anschluß an Bultmann und Barlach
(!) so prinzipiell von den „Wandlungen Gottes" ZU reden. Diese Rede
kann leicht im Sinn von Willkür mißverstanden werden. Ist auch im
Blick auf den „liebenden Gott" von dessen „Wandlungen" zu spre-
chen? Tatsächlich kann es sich wohl doch nur um die „Wandlung"
des Richtenden zum Liebenden und umgekehrt handeln. Die Rede im
Singular scheint zumindest angemessener zu sein als die im Plural.
Solche und ähnliche Anfragen betreffen jedoch weder den Grund-
ansatz der Arbeit noch die in ihr sich dokumentierende denkerische
Leistung. Sie belegen nur, wie sehr der Autor den Leser zum inten-
siven Weiterdenken anregt.

Corrigenda: S. 162 werden unter Anm. 3 und 4 nicht zutreffende Absehnitts-
nummern aufgeführt.

Greifswald Günter Haufe

%

Systematische Theologie: Ethik

Kibach, Ulrich: Kxperimentierfeld: Werdendes Leben. Eine ethische
Orientierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983. 241 S. 8'
Kart. DM 32,-.

Wenige Gebiete der Wissensehaft haben sich in den letzten Jahren
so stürmisch entwickelt wie die Genetik und die Embryologie. Seit
dem Ciba-Symposion 1965 "Man and his Future" wird von dem dort
initiierten Programm einer „positiven Eugenik" unter dem Schlag-
wort der „Menschenzüchtung" gesprochen. Was zunächst von der
Medizin im Zuge therapeutischer Maßnahmen entwickelt worden ist.
scheint so ausgeweitet werden zu können, daß Experimente mit
menschlichen Embryos, Samen und Keimzellen zu einer verfügbaren
Technik werden. Die Furcht vor einem Mißbrauch derartiger Mög-
lichkeiten ist groß, und die Gentechnik erscheint deswegen vielen
geradezu als eine dämonische Versuchung. Man darf aber auf der
anderen Seite nicht vergessen, daß etwa der Embryotransfer von der
Medizin als eine Hilfe für Ehepaare, denen ein Kind versagt ist, also
als eine legitime medizinische Maßnahme betrachtet wird. Ebenso
kann die vorgeburtliche Diagnostik zur Feststellung erblich geschä-
digter Kinder als eine vorbeugende ärztliche Hilfe aufgefaßt und
begrüßt werden.

Die Beschäftigung mit der ethischen Problematik kann jedoch nicht
den Medizinern und Genetikern überlassen bleiben, denn die ethische
Beurteilung hängt nicht vom Zugang zum Expertenwissen ab und ist
gerade für die betroffenen Eltern und Angehörigen wichtig. So ist es
sachgemäß, wenn auch die theologische Ethik dieses Gebiet nicht
ignoriert und sich zu den dabei auftretenden ethischen Problemen
äußert. Das kann allerdings nicht in pauschalen Verboten oder Frei-
gaben geschehen, sondern erfordert eine Auseinandersetzung im
Detail, die sich nicht durch mangelnde Sachkenntnis bloßstellt.
Ulrich Eibach ist auf dem Gebiet der medizinischen Ethik durch zwei
umfangreiche Bücher und eine Reihe von Aufsätzen bestens ausge-
wiesen und kann mit diesem neuen Band auf den dort gewonnenen
Einsichten aufbauen. Die sechs Kapitel sind allerdings nicht neu
geschrieben; vielmehr handelt es sich um eine Zusammenstellung von
Aufsätzen aus den letzten Jahren, die zu einem fortlaufenden Text
verbunden worden sind.

Das Buch beginnt mit zwei Aufsätzen zum Schwangerschaftsab-
bruch, die vor allem darauf zielen, „daß dem Embryo in jedem
Augenblick die volle Würde als Mensch zukommt" und daß die
Eltern eine Geburtenkontrolle nur vor der Konzeption durchtühren
können, „aber nach geschehener Befruchtung die ganz konkrete Ver-
antwortung für ein von ihnen ins Leben gerufenes und ihnen anver-

trautes menschliches Dasein zu übernehmen haben" (47). Das dritte
Kapitel behandelt Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik und kriti-
siert die dadurch geweckte Erwartung, daß nur gesunde Kinder ein
Recht darauf hätten, zur Welt zu kommen. „Eigentlich nur als gesun-
des Kind dasein zu dürfen, kommt einer Bestreitung des Lebenswerts,
wenigstens aber einer Disqualillzierung der Menschenwürde des
behinderten Kindes gleich" (105). Das umfangreichste Kapitel des
Buches informiert über die heute bereits möglichen Experimente mit
menschlichen Embryos und steckt die Grenzen solcher Manipulatio-
nen ab. Menschliches Leben darf nicht zu einer Sache des „Machens"
und des „Ilerstellenwollens" werden, und die wesentliche Zusam-
mengehörigkeit von Zeugung und personaler Liebesgemeinschaft
sollte nicht aufgegeben werden. Bei der ethischen Beurteilung der
Gentechnik (dem Thema des Fünften Kapitels) geht es weder um ein
generelles Ja oder um ein absolutes Nein, sondern „ob wir mit diesen
Eingriffen . . . Leben bewahren, schützen und zu einem menschen-
würdigen Leben helfen oder ob wir Leben gefährden und zu den vor-
handenen zerstörerischen Faktoren in der Welt weitere hinzufügen"
(200). Das abschließende Kapitel entfaltet die prinzipielle Sicht des
Autors zur Frage ethischer Normen und wendet sich gegen ein „unre-
flektiertes Argumentieren mit dem BegriIT .Wohlergehen',. . . das ein
Freisein von Entsagungen, ein Leben ohne wesentlichen Verzicht und
ohne Hingabe an den Mitmenschen, der der Hilfe bedarf, um zu leben,
meint" (238).

Der Grundhaltung Eibachs, dem Eigenwert jedes menschlichen
Lebens Achtung zu verschaffen und es nicht den Interessen der For-
schung oder gewinnträchtiger Vermarktung zu opfern, ist gewiß zuzu-
stimmen. Man muß nur fragen, ob es richtig ist, wenn der Autor das
mit der Aussage verknüpft, daß „das Recht auf Fortptlanzung eine
(Natur-)Gegebenheit ist, das jedem Glied der Gattung Mensch glei-
chermaßen zukommt" (176). Wird dieses Recht extensiv akzeptiert,
gibt es keine Argumente mehr gegen den Wunsch kinderloser Mütter,
durch „extrakorporale Zeugung" doch noch zu Kindern zu kommen
und sei es auf dem Wege der heterologen Insemination, der der Autor
mit Recht große Bedenken entgegenhält. Ein so formuliertes Recht
unterstützt zudem die Tendenz, auf die eheliche Gemeinschaft zu ver-
zichten und dennoch ein oder mehrere Kinder haben zu wollen.

Eine weitere Frage bricht an den wissenschaftsethischen Passagen
des Buches auf. Eibach spricht selber von der „stark konservativen
Komponente" des von ihm vertretenen Wissenschaftsethos, weil es
der Wissenschaft vor allem auflegt. Leben zu bewahren und zu schüt-
zen. Damit soll ein Prinzip zur Geltung gebracht werden, daß
Schaden-nicht-Zuzufügen den Vorrang hat vor dem Übel-Verhin-
dern. Aber läßt sich in der Praxis beides wirklich auseinanderhalten?
Letzten Endes spräche dieses Prinzip nicht nur gegen jede eugenische,
sondern auch gegen jede medizinische Indikation des Schwanger-
schaftsabbruchs, und das will der Autor wohl kaum. So scheint es
wenig hilfreich zu sein, wenn deontische Prinzipien in die Argumen-
tation eingebracht werden.

Das soll nicht heißen, daß der Autor den auftretenden Fragen nicht
gerecht würde. Eibach geht sehr intensiv den verschiedenen Einwän-
den nach, die in der medizinischen und sozialethischen Diskussion
erhoben worden sind, und weist auf eine Fülle von Literatur und Vor-
schlägen gerade auch aus dem angelsächsischen Bereich hin. Wie bei
den meisten derartigen Sammelbänden mit ursprünglich isoliert von-
einander erschienenen Beiträgen wiederholt sich dabei vieles (z. B. im
zweiten Kapitel gegenüber dem ersten), so daß die zusammenhän-
gende Lektüre darunter etwas leidet. Für die Orientierung auf diesem
ethisch so brisanten Gebiet, bei welchem es um anthropologische
Grundentscheidungen für Gegenwart und Zukunft geht, sind die ein-
zelnen Beiträge sehr hilfreich und auch Für den nicht-theologischen
Leser (also etwa für Menschen, die im medizinischen und pflegeri-
schen Bereich tätig sind) ein gutes Beispiel, wie sich ein Ethos von
theologischen Voraussetzungen her in diesem Fragenkreis gewinnen
und verantworten läßt.

Leipzig Joachim Wiebering
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