Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

109.1984

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Theologische Literaturzeitung 109. Jahrgang 1984 Nr. 10

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Wer die Möglichkeit einer Überlieferungsgeschichte auch nur zuge-
standen hat. kann nicht mehr auf einen Autor schieben, was sinn-
voller aus Verlagerungen während der mündlichen Weitergabe einer
Erzählung verständlich gemacht werden kann. Daß ein Autor in eine
Brot-Vermehrungs-Erzählung eine Fischvermchrung eingeschoben
habe (Mk 8,7 - so F. auf S. 830 und dies nun zum Modell einer Brot-
Fisch-Vermehrungsdarstellung erhob, ist unwahrscheinlich, sobald
man anerkennt, daß der Einschub - falls überhaupt dergleichen ange-
nommen werden darf! - in einer vorliterarischen Stufe vorgenommen
worden sein könnte. Ebenso ist die Annahme wahrscheinlicher, daß
Markus die Speisung der 5 000 bereits vorfand, als daß er sie aus der
Speisung der 4 000 transformierte. Das eben fehlt der Arbeit von F..
daß auch über die aufgearbeiteten „Vorlagen" methodisch nachge-
dacht worden wäre, und in dieser Richtung ist nun wirklich noch
allerhand zu tun! Wann endlich werden wir diesen Gegenstand
methodisch bedenken und dabei allgemein übliche Fehlerquellen aus-
räumen?

Im übrigen wird man F. gern folgen. Denn eine Transformation
bestimmter Übcrlieferungselemente anzunehmen, halte ich für glück-
licher als die These, Markus habe ältere Überlieferungsblöcke,
womöglich doppelt, bearbeitet.

Borsdorfb. Leipzig GottfriedSchillc

Schenk, Wolfgang: Synopse zur Redenquelle der Evangelien.

Q-Synopse und Rekonstruktion in deutscher Übersetzung mit kur-
zen Erläuterungen. Düsseldorf: Patmos 1981. 138 S. 8°. Kart.
DM 32,80.

W. Schenk hat in diesem knappen Büchlein, das auch für des Grie-
chischen nicht mächtige Laien oder des Griechischen fast nicht mäch-
tige Rcligionslehrer und Katecheten lesbar ist, ein gutes Arbeitsinstru-
ment geschaffen. Er druckt sämtliche Texte, die zur Logienqucllc
gehören, in einem Dreischritt ab: Zuerst stellt er in einer eigenen
Übersetzung die entsprechenden Matthäus- und Lukaspassagen ein-
ander gegenüber. Die jeweilige Redaktion der Evangelisten und die-
jenigen Tcxtstcllen, die sich aus dem nur einfach Bezeugten mit sehr
hoher oder relativer Wahrscheinlichkeit Q zuweisen lassen, sind
durch besonderen Druck gekennzeichnet. Es folgt dann zweitens die
Ühersct/ung des von Schenk rekonstruierten Q-Tcxtes, wobei mut-
maßliche Q-Rcdaktion besonders hervorgehoben wird. In einem drit-
ten Abschnitt folgt ein Kurz-Kommcntar, der ohne festes Schema
wesentliche Punkte des Textes heraushebt.

Schcnks Büchlein ist somit ein sehr nützliches Arbeitsinstrument
für Theologen und Nichttheologen. Es ist aber auch eine beachtliche
wissenschaftliche Leistung. Hier ist zunächst die Übersetzung zu
erwähnen, die dankenswerterweise sehr oll der semantischen Tiefen-
struktur des Textet folgt, also eine pointierte Interpretation des Textet
gibt. Zum Beispiel: Lk 9,58 wird übersetzt: ..Doch der, der der kom-
mende Menschensohn-Wcltenrichter ist, hat keinen Platz, wo er sieh
ausruhen könnte". Die Übersetzung ist also oll eine kräftige exege-
tische Herausforderung und muß vom Leser, der des Griechischen
nicht mächtig ist. unbedingt neben einer anderen Übersetzung ver-
wendet werden. Kühn ist Schenk in seiner Rekonstruktion der
„eigenen Redaktionsschicht" von Q: Dieser Schicht weist er sehr viel
zu, u. a. auch Logicn oder Teile von Logicn, die man weithin zum
Urgestein der Jesusüberlieferung zu rechnen geneigt ist (z. B.
Lk 3.16c: Lk 6,46; Lk 7,I8-I9a.27.28b.34f. Lk 9,58b; Lk 10.22-24:
Lk 11,13.30.31c. 32c.34f.51; I2.4f. 8-12.29-31.33.40.43f.59;
I3,34f; 15,5-7; 16,16; 17,37; 19, 18E24-26; unvollständige Aufzäh-
lung). Es fällt auf. daß fast alle Einführungen und Anwendungen von
Gleichnissen und fast alle Mcnschcnsohnworte der Redaktionsschicht
angehören. Das Verhältnis zwischen Nachfolge und dem Mcnschen-
sohn-Weltrichter ist für Schenk das Grundanlicgcn der Q-Redaktion.
Solche Hypothesen scheinen kühn und vermögen naturgemäß im
Rahmen eines so knappen Büchleins, der eine ausfuhrliche Begrün-

dung nicht erlaubt, noch nicht zu überzeugen. Es ist sehr zu hoffen,
daß Schenk die Begründung gelegentlich in einer ausführlicheren
Monographie über Q nachholen kann.

Andere in einer solchen Synopse notwendige Hypothesen sind dem
Forscher vertrauter: In der Rekonstruktion des Umfangs von Q hält
sich Schenk weithin an die Doppeltraditionen, stimmt also meist mit
Schulz überein. Die schwierige Frage verschiedener Q-Rezensionen
wird als im Rahmen eines allgemeinverständlichen Büchleins uner-
heblich ausgeklammert. Ansprechend ist der S. 5-9 deutliche Aufriß
der Quelle, den ich nur für den zweiten, schwieriger zu disponieren-
den Teil von Q referiere: Lk 12,2-34 Gemeinderede; Lk 12,39-13,21
Erste Endzeitrede; Lk 13,23-17,6 Zwei-Wege-Rede, Lk 17,23-22,30
Zweite Endzeitrede. Hilfreich sind auch die dem Büchlein beigegebe-
nen Indices. die u. a. eine Liste von Q-Texten mit möglichen Paulus-
Berührungen, eine Liste von Q-Texten mit möglichen Markusberüh-
rungen und eine Liste wichtiger jüdischer Paralleltexte enthalten.
Alles in allem ist dieses Bändchen für den Forscher ein anregender
Entwurf und für den Pfarrer und Religionslehrer ein wichtiges Instru-
ment, um die weitgehend nur theologischen Fachleuten bekannte
Q-Quelle auch für Bibelarbeit und Religionsunterricht zu erschließen.

Hern Ulrich Luz

Dussaut, Louis: Synopse structurelle de fepitre aux hebreux. Ap-

proche d'Analyse Structurelle. Preface de M. Carrez. Paris: Les
Editions du Cerf 1981. VIII, 202 S.,2 Faltbeilagen gr. 8*.

En 1940, dans le Memorial Lagrange, L. Vaganay presentait un
plan de l'Epitre aux Hebreux. decouvert ä partir des procedes de l'an-
eienne litterature juive: parallelisme. inclusio, Concatenatio, mot-
crochet. En 1963, A. Vanhoye exploite ces distributions verbales et
public «La Structure litteraire de l'Epitre aux Hebreux». Aujourd'-
hui, L. Dussaut, prenant pour point de depart ces hypotheses et ces
resultats, franchit une nouvellc etape en exploitant Fensemble des
procedes de strueturation: annonces et reprises du sujet, mots-cro-
chets, genres litteraires, termes caracteristiques, inclusions et struetu-
res symetriques. paralleles, concentriques, voire triangulaires. II
analyse le texte comme une surface redactionnelle interpretee geome-
triquement, comme s'il etait donne dans la simultaneite d'un tableau.
D'oü cette «Synopse» qui permet de saisird'un seul regard l'architec-
turc de l'Epitre: quatre niveaux hicrarchiques, quatorze Sections. sept
Golonnes qui les regroupent, trois Parties qui assemblent ces
Colonncs.

L'auteur n'a pas menage sa peine et son ouvrage n'cst pas facile ä
lirc, d'abord cn raison de la densite des analyses, mais aussi du voca-
bulairc esoterique. Qu'on en juge par l'expose des elements de cette
analyse structurelle : «1') Constitution d'une .synopse', .modele prag-
matique' du texte. 2') Etablissement dün Fichier ,scric' et .situa-
tionncl' du vocabulaire. 3') Elaboration du Processus et du Pro-
gramme d'analysc. 4') Constructions graphiques et systemes de codage
representatifs des struetures du texte» (pp. 5 sv.). Cette visualisation
geometrique et pluridimensionnelle du texte, qui est comme spatialise
et non plus simplement lincaire, permet de conclure que notreecrit est
integral (chap. XIII inclus) et qu'il n'est ni une lettre ni une homelic
proprement dire. mais une sortc de traite theologique tout impregne
de pastoralc (p. 159).

De nombreuses notations sont suggestives, telles les Fresques histo-
riques relevees dans chaque Partie: C'reation et Origines, Exode et
marchc au desert, entree dans le Repos (lere Partie); Alliance et Crea-
tion nouvelle, Liturgie des deux tentes (2C Partie); Tcrre promise, vie
ccclesiale et eschatologique (3C Partie). Mais on s'etonne que le
midrash sur Gen XIV. 17-20 et Ps CX, 4, ä propos de Melchiscdcch,
n'ait pas davantage de relief (VII, 1-28); de meme que fannonce du
themedu nouveau grand Prctre (IV, 14-V.4). La symetrie rclevee entre
l'lntroduction initiale (1.1-6) et la Doxologic finale (XIII,17-21/25),
oü entre le chätiment passe (111,1-8) et le chätiment final (X 11.25-29)
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