Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 12

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tation für vormarkinischen Ursprung - nicht ganz vollständig - refe-
riert und widerlegt (?) wird. Kumulativ schließt sich ein Referat weite-
rer Argumente sowie der abweichenden Lösungen von L Maisch und

H. W. Kuhn an, jeweils mit kritischer Bewertung, so daß bereits eine
erste These deutlich erkennbar wird: Die bis auf die Einzelheiten
abgestimmte, harmonische Komposition in 2,1-3,6 verdankt ihr Ent-
stehen dem Gestaltungswillen des Markus. - Anhangsweise wird -
noch im zweiten Kapitel - Albertz' These für die Streitgespräche in
Jerusalem besprochen.

Im Kern der Untersuchung wird nun die Struktur der Einzel-
geschichten (III) und der Sammlung als ganzer (IV) eruiert, wobei die
Tendenz nicht zu übersehen ist, alle möglichen Brüche und Risse im
Material rhetorisch-funktional in die stabilisierte Harmonie des vor-
liegenden Textes einzuordnen. Grundmuster beider Durchgänge
durch den Text bleibt die Aufdeckung symmetrischer bzw. konzen-
trischer Strukturen, je mehr - desto schöner.

Formalisiert stellt Mk 2,1-12 eine Folge von a-b-a' dar; 2,13ff wird
als x-x+y-y+x-y (orientiert an der Verteilung der Nomina „Gerechter
und Sünder") gelesen usw. usf. Der Makrotext hat demzufolge eine
Struktur, die durch den Formalismus A-B-C-B'-A' beschrieben und
erfaßt wird. Dabei erkennt die Autorin die Verbindungen zwischen
den beiden Sabbatperikopen und den beiden ersten zum Thema
„Sünde(r)" durchaus an, wertet aber das Thema „Heilung" bzw. „Es-
sen" sowie die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den chiastisch
zugeordneten Gesprächen als bewußte Redaktion des Makrotextes.

Wenn auch nicht ganz so vollkommen wie in 2,1-3,6 lassen sich
nach Frau Dewey auch für Mk 1,1-8; 4,1-34; 12,1-40 solche symme-
trischen Muster nachweisen, während sie ähnliche Versuche für

I, 21—45 (2,12) ablehnt, weil hier nicht alle Kriterien (Inhalt, Form,
Struktur, Wortwiederholung) durchgeprüft worden seien (V).

In einem letzten Kapitel (VI) schließlich resümiert die Autorin die
Gründe, die für markinische Redaktion sprechen und beschreibt kurz
den Stellenwert der kleinen Komposition im Ganzen des Evange-
liums. Danach scheint es so, als ob sie in ihr den eigentlich grund-
legenden Text der Anfangskapitel sieht. Er ruft einerseits zur Ent-
scheidung (Neu oder Alt), stellt Jesus als den unschuldig Verfolgten
dar und schlägt mit Heilungen/Mahlzeiten = Leben contra Unheil -
Tod die für das Markusevangelium entscheidenden Themen an.

Grundsätzlich dürfte die Autorin darin recht haben, daß die Beob-
achtung bewußt eingesetzter (und unbewußt gebrauchter) rhetorischer
Mittel Texte besser zu erschließen hilft. Sie wird auch darin recht
behalten, daß bei den eher unliterarischen Texten des NT einfachere
Muster vorherrschen. Dennoch wird der Leser dieser Dissertation von
1977, in der die Auseinandersetzung mit der bis zur Drucklegung
erschienenen Literatur nicht weitergeführt wird, nicht in jedem Gang
die Entdeckerfreude teilen oder auch nur nachvollziehen können.
Z. B. ist der unzweifelhafte Bezug von 3,1-6 auf die Passionsge-
schichte sicher nicht aus dem Vorkommen von „anklagen" 3,1 und
15,3 in Verbindung mit „Beschluß" 3,6 und 15,1 allein als redaktio-
nelle Verknüpfung durch „HakenWörter" zu schließen. (Welche Ver-
bindung hat dann Apg25,l lf zu diesen Perikopen? Darf man auch
hier auf literarische Beziehungen schließen?) Oder ergibt sich die
Symmetrie von 3,1-6 in sich selber wirklich aus der Wiederholung des
Verbs „ausstrecken" im Schlußteil (a') und aus der „korrespondieren-
den" Verdoppelung des Ausdrucks „verdorrte Hand" am Anfang (a)?
- Verweisen wirklich die beiden Heilungsstreitgespräche in 2,1-3,6
auf die zwei Tribunale der Passion? Die Liste der „ungereimten"
Symmetrien ließe sich beliebig erweitern. Sie wird besonders hoch bei
den behaupteten Beziehungen zwischen 2,13ff und 2,23ff, wo die
„häusliche" Mahlszene im „Haus Gottes" von 2,26 ihr Widerlager
finden soll.

Unsachgemäß und textwidrig scheint mir die Formalisierung von
2,18-22 durch a (= 18) -a' (= 19-20) -a" (210- Dadurch wird nicht
allein die Abfolge von Frage, Antwort und Anhang eingeebnet, son-
dern auch die sachliche Differenz von 19a zu 19b.20. Hier zeigt sich
der gravierende Mangel der Untersuchung: Überlieferungsgeschicht-

liche Vorstufen des Textes werden zwar nicht geleugnet, aber nicht
einmal dort rekonstruiert, wo die Beobachtungen am Text dazu
zwingen.

So wird man durch die Studie zwar die Position derer gestärkt
sehen, die in 2,1-3,6 eine geschlossene und gestaltete Größe erkennen.
Aber auf welcher Stufe der Überlieferungsgeschichte diese Einheit
geformt wurde, hat J. Dewey nicht schlüssig nachweisen können.

Der theologische Ertrag der Studie bleibt gering. Wie die Anregun-
gen der Untersuchung positiv aufzugreifen und weiterzuentwickeln
sind, hat Werner Thissen 1976 gezeigt, als er die wichtigsten Gesichts-
punkte dieser Dissertation aufnahm. Sie waren bereits in JBL 1973
durch einen präludierenden Aufsatz publiziert.

Leipzig Christoph Kahler

Kirchengeschichte: Reformationszeit

Rogge, Joachim: Martin Luther. Sein Leben. Seine Zeit. Seine Wir-
kungen. Eine Bildbiographie. Berlin: Evang. Verlagsanstalt u.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1982. 391 S. m.
532 Abb. auf Taf., 8 Farbtaf., 1 Faltkte4\

Die von Joachim Rogge zum Luther-Jubiläum vorgelegte Bild-
biographie ist das vierte große Werk dieser Art, das innerhalb eines
Jahres im deutschen Sprachbereich veröffentlicht worden ist. Als
erstes erschien das Buch von Peter Manns,' das eine beschränkte Aus-
wahl von Bildern in hervorragender Reproduktion bietet; in dem aus-
führlichen Text hat Manns nicht nur Luthers Leben vergleichsweise
detailliert nachgezeichnet, sondern auch eine eigene Deutung des
Reformators vorgetragen, wonach Luther auch für katholisches
Empfinden noch verständlicher gemacht wird, als es seinerzeit Joseph
Lortz in seinen bahnbrechenden Arbeiten schon getan hatte. In dem
Band von Hellmut Diwald und Karl-Heinz Jürgens2 sind ebenfalls in
ausgezeichneter Reproduktion zahlreiche Bilder zum Leben Luthers
dargeboten, wobei der Text im Großdruck nur sehr knapp einige
Grundzüge zur Vita des Reformators verdeutlicht. In dem besonders
aufwendigen Bildband von Gerhard Bott, Gerhard Ebeling und Bernd
Moeller,3 für den das Material der damals noch in Vorbereitung
befindlichen Nürnberger Ausstellung „Martin Luther und die Refor-
mation in Deutschland" herangezogen werden konnte, findet sich von
Ebeling eine hauptsächlich den Theologen Luther würdigende Dar-
stellung, während dann der vorzügliche Bildteil mit 291 Abbildungen
seinen besonderen Akzent in den ausführlicheren Erläuterungen zu
den Bildern und den jeweils beigegebenen Luther-Texten hat.

Rogge hat seine Bildbiographie etwas anders angelegt. Der biogra-
phische Teil (S. 10-91)- mit einem kurzen Anhang „Das Lutherver-
ständnis im Spiegel des Lutherbildnisses und des Luthermonuments
von den Anfängen bis zur Gegenwart" (S. 92 0 - ist ausführlicher als in
den anderen Bildmonographien. Hier wird auch stärker die Zeit-
geschichte berücksichtigt, obwohl Rogge ebenfalls natürlich Leben
und Wirken Luthers ins Zentrum rückt; immerhin findet auch die
reformatorische Entwicklung in Genf eine eigene Würdigung. In die-
sen Darstellungsteil sind manche alten Städtebilder eingefügt. In dem
Bildteil mit seinem besonders umfangreichen Material finden sich
jeweils nur knappe Legenden. Am Schluß des Bandes wird eine kurze
Vita der zahlreichen abgebildeten Personen gegeben (S. 333-351). Es
folgen Erläuterungen zu manchen Bildern (S. 352-384), eine Zeittafel
(S. 385-388) sowie Quellennachweise (S. 389-391). Dem Band ist
eine Faltkarte mit Übersichten über Kursachsen und die Ausbreitung
der Reformation im 16. Jahrhundert beigegeben.

Die Bildbiographie Rogges zeichnet sich vor allem durch das sehr
reichhaltige Bildmaterial aus. Hier finden sich viele Bilder nicht nur
von den damals handelnden Personen, sondern auch von Kirchen
oder Landschaften, die für Luthers Reformation von Bedeutung sind.
Die im Einbanddeckel vorn und hinten abgebildete alte Karte von
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