Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 11

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Materialien vor . Freilich bleibt auch in der Nachlaßveröffentlichung
„Luthers Theologie"4'* der Bezug zu Karl Barth spärlich, was aller-
dings nicht so verwunderlich wäre, wenn der Herausgeber dieses
Nachlaßbandes (J. Haar) recht hätte mit seiner Auffassung, „die
innere heimliche Mitte von Iwands Theologie Luthers" läge „in dem
Gedanken der Wiedergeburt, in dem Begriff des neuen Menschen"
(13). Ich kann freilich nicht erkennen, daß diese Bestimmung der
Mitte durch Iwands Ausführungen bestätigt wird, sondern sehe die
christologische Konzentration auch hier als das Entscheidende, mit
der besonderen Zuspitzung „Christus und die Seinen". Luther mußte
neu fragen: Wer sind die Seinen (Christi)-und „ich glaube (so schreibt
Iwand), daß sich aus dieser Frage die Reformation ergab . . . Diese
Frage wurde zur Kritik an der Kirche" (131). Die Meinung allerdings,
man könne den Protestantismus identifizieren mit dem, was Luther
,die Seinen' genannt hat, war eine Täuschung (der u. a. Holl unterlag).
Jedenfalls trennt Iwand scharf „die Seinen" (Christi) vom Protestan-
tismus und sagt, „die Seinen" könnten nicht mittels einer Definition
ermittelt werden, sondern im Durchdenken von Gesetz und Evange-
lium, Liebe, Heiligung, Glaube und Werke, Anfechtung. Gewissen
u. a. (hier wieder Ablehnung von Holls „Gewissensreligion" - 176).
Dabei wird immer wieder formuliert, was Grundanliegen der Refor-
mation sei: die Kirche zu verstehen vom Wort des Herrn her (220).

7. Die Kirche vom Wort Jesu Christi her verstehen - das wollte,
wie wir eben hörten, Iwand im Sinne Luthers und der Reformation.
Luther vom Wort her verstehen - das war und ist das Anliegen von
Gerhard Ebeling. Dieser verwendet dafür die Formel „Luther als
Sprachereignis", denn Lutger war es allein um das „rechte Zur-
Sprache-Bringen des Wortes" zu tun . Mit diesem Ansatz soll
Luthers Denken erfaßt und die „kaleidoskopartige Vielfalt" der
Lutherauffassungen überwunden werden, die Ebeling ebenso benennt
wie die Tatsache, daß Luther in der Gegenwart weniger wirkt als
Augustin, Thomas v. Aquin oder Kierkegaard (10). Von den vielen
Vorstellungen, die man über Luthers Person hat (genannt werden:
Prediger, Schriftsteller, Reformator der Kirche, geistiger Führer einer
Volksbewegung), hebt Ebeling den Professor, den Doktor heraus. In
seinem Luther-Buch will Ebeling versuchen, zu dem Grunde vorzu-
dringen, aus dem Luthers Denken bzw. Gedanken entspringen (16).
Dieses Denken wird als sich in antithetischer Spannung (in Polari-
täten) vollziehendes Denken bezeichnet: Philosophie - Theologie,
Buchstabe - Geist, Gesetz - Evangelium, zweifacher Brauch des
Gesetzes, Glaube - Liebe, Reich Christi - Reich der Welt, Christ-
person - Weltperson, verborgener Gott - offenbarer Gott (16). Ein
äußerliches Verständnis von Luther als Sprachereignis könnte zu der
Annahme verleiten, Luthers Tat trete in dieser Sicht in den Hinter-
grund. Dem ist aber nicht so. Ein eigener Abschnitt behandelt
.Luthers Tat'. Hier geht es um das Gesamtverständnis der Refor-
mation. Im Mittelpunkt steht die Einsicht Luthers, „daß das reforma-
torische Handeln allein durch das Wort geschieht" (65)5'. Im reforma-
torischen Handeln ist alles abzustellen auf Wort und Glaube (67).
Dadurch kam es zur Tat, gerade weil die Reformation „als Sache
allein des Wortes verstanden wurde" (70) („die reformatorische Tat ist
nicht die Verwirklichung des reformatorischen Wortes, sondern die
Wirklichkeit des reformatorischen Wortes" - 71). Indem so Ebeling
deutlich Grundsätze seiner theologischen Hermeneutik zur Luther-
deutung heranzieht, gewinnt er auch ein vertieftes Verständnis für
Luthers Hermeneutik, deren Grundthese so beschrieben wird: Das
„Einsetzen bei Jesus Christus als dem einen Grundsinn und Grund-
wort der Hl. Schrift" (113). Dies wird zusammengesehen mit der „für
Luthers Denken fundamentalen Konzentration auf die Beziehung von
Wort und Glaube" (I 1)". Im Ganzen findet Luthers Schriftauslcgung
eine positivere Würdigung als bei R. Hermann. Dies liegt vermutlich
daran, daß Ebeling Luther stärker grundsätzlich in seine eigene Her-
meneutik einbezieht..

Verständlich ist, daß bei Ebelings Luther-Interpretation das Thema
„Gesetz und Evangelium" einen breiten Raum einnimmt. Wenn auch

der Name Karl Barths in diesem Zusammenhang im Luther-Buch
nicht fällt, ist doch die innere Auseinandersetzung mit Barth spürbar
(122f). Gesetz und Evangelium - das ist im Sinn Luthers die Unter-
scheidungsformel, die der Theologe zu praktizieren hat - und zugleich
ist sie mit der Rechtfertigungslehre identisch (124). Als Luthers Inten-
tion wird deutlich herausgestellt: um der „Reinheit des Evangeliums"
willen ist es notwendig, „für das Gesetz einzutreten" (125). Damit ist
das Besondere der christlichen Verkündigung herausgestellt. Ebeling
nennt dabei Gesetz und Evangelium den „innersten Nerv von Luthers
theologischem Denken", das „Grundthema" (136). Konsequenzen
aus der Unterscheidung betreffen u. a. Person und Werk, Glaube und
Liebe; letzteres wird dann so präzisiert: die Existenz des Menschen
wird „durch die Zweiheit von Glaube und Liebe interpretiert" (186).
Weitere Überlegungen wenden sich gegen ein Lutherverständnis im
Sinne von „Rückzug in die Innerlichkeit und einen religiösen Indivi-
dualismus" (198); dabei wird auch die eschatologische Dimension
betont (199). Im Luther-Buch Ebelings finden sich auch immer wieder
Bestimmungen der Theologie (Gegenstand der Theologie ist nach
Luther der schuldige und verlorene Mensch und der rechtfertigende
und rettende Gott - 239'3).

Es ist gewiß kein Zufall, daß Ebelings Luther-Interpretation in
einem Abschnitt über „Luthers Reden von Gott" zu ihrem Ziel und
Ende kommt (280ff). Ebeling konstatiert: „Luthers Rede von Gott hat
etwas Herausforderndes": sie redet mit einer uns fremden Gewißheit
(280) und zugleich mit einer starken Entschiedenheit (283), die eine
umfassend einschließende (die gesamte Wirklichkeit) und umfassend
ausschließende (solus Christus usw.) Tendenz hat. In Luthers Reden
von Gott bekommen wir es mit „seiner ganzen Theologie" zu tun
(287). Die Grundformel dafür ist: „Gott und Glaube gehören zusam-
men" (288). Ebeling zitiert dann den bekannten Abschnitt aus dem
Großen Katechismus und nennt ihn einen gefährlichen Text: „Man
könnte fast meinen, Ludwig Feuerbach zu hören" (289f. Ebeling
merkt an, daß mit unter dem Eindruck von Feuerbachs Luther-Inter-
pretation „Barth gegen Luther mißtrauisch geworden ist" und lieber
bei Anselm von Canterbury in die Schule ging (290). Ebeling sieht in
Luthers Formel dagegen das Geltcndmachen von „Gott allein",
„durch den Glauben allein", „durch das Wort allein" (291). Es wäre
Unsinn (so betont Ebeling), Luther so zu deuten, daß der Mensch zum
Schöpfer und Gott zum Geschöpf wird; vielmehr will Luther von
einem Geschehen reden, nämlich wie „Gott sich als Gott durchsetzt,
wie er Glauben findet" (298). Zusammenfassend wird gesagt, daß
auch Luthers Ethik und seine Lehre von der Kirche „nur als Weisen
des Redens von Gott in ihrem eigentlichen Sinn verstanden" sind
(307).

Wenn bei Iwand eine „christojogische" Interpretation Luthers im
Vordergrund stand, läßt sich Ebelings Luther-Interpretation als kon-
sequent theo-logisch begreifen, was im Sinne des Einschlusses der
christologischen Bezüge zu verstehen ist (vgl. Anm. 53).

8.Konsequenzen

8. I. Luther in der Theologie des 20. Jahrhunderts: das heißt, wie
unsere sechs Beispiele wohl zeigen konnten, theologische Luther-
Interpretation als wesentliche Aufgabe der Luther-Forschung, als
permanenter Versuch, in unserem Jahrhundert einen Zugang zu
Luther, seiner Person und seinem Werk zu finden, ihn zu verstehen.
Dabei steht evangelische Theologie in der besonderen Situation, daß
Luther für sie Voraussetzung (im historischen Sinn), Gegenstand
(„Objekt" der Forschung) und in gewissem Maß Autorität bzw. Krite-
rium ist.

8. 2. Theologische Interpretation Luthers arbeitet im Wechsel der
verschiedenen Konzeptionen sowohl mit theologischer wie mit
nichttheologischer Begrifflichkeit, wobei die letztere stärker den zeit-
genössischen Veränderungen unterworfen ist (vgl. Erlebnis, Genie,
Sprachcreignis. Prozeß, Dialog usw.). Eine Beschränkung auf theolo-
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