Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 1 I

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Religionsbegriffs, vertieft diesen aber im Sinne der Gewissensreligion
und verwendet zur Entfaltung und Systematisicrung von Luthers
Grundgedanken (die er wesentlich umfassender aufnimmt ars Har-
nack - vgl. Zorn Gottes, Anfechtung, Sünde), ein begriffliches Instru-
mentarium, das eher der Ethik oder Philosophie als der Dogmatik ent-
nommen zu sein scheint (Sollen, Pflicht, Sittlichkeit, Autonomie
u. a.). Inwieweit darin eine Verzeichnung Luthers an bestimmten
Punkten vorliegt, wird seit langem diskutiert. Daß Luther mit anderen
als seinen eigenen Begriffen oder Kategorien erfaßt wird, ist noch kein
Anlaß zur Kritik. Was man Holl gegenüber aber wird anfragen müs-
sen, ist das Fehlen einer Rechenschaft über das Interpretationsver-
fahren22; darüber hinaus legt sich bei einer gründlichen Beschäftigung
mit Holls Lutherdeutung der Gedanke nahe, daß seine Luther-Inter-
pretation Darstellung und Kritik in ei,nem ist, implizite Kritik also
und daher schwerer faßbar als bei .Harnack oder Barth, bei denen
explizite Kritik vorliegt, allerdings sehr unterschiedlich gerichtet.

4. Bei Karl Barth, dem wir uns in unserem Überblick jetzt zuwen-
den23, finden sich anfänglich ganz unbefangene Äußerungen zu
Luthers Bedeutung: „Franz von Assisi und Bodelschwingh sind mit
ihren Taten so gut Offenbarungsquellen für ihre Mitmenschen
gewesen, als Paulus und Luther mit ihren Gedanken" (1922)"4. Im
2. Römerbriefkommentar25 taucht in einer Namensliste wiederum
Luther zwischen Abraham, Jeremia, Sokrates, Grünewald, Kierke-
gaard, Dostojewski auf, diesmal bezogen auf Jesus als den Christus, in
dessen sich ankündigender Negation ihre Positionen nicht nur auf-
gehoben, sondern gleichzeitig begründet sind (im Sinne von Einheit,
Gleichzeitigkeit und Zusammengehörigkeit) (zu Roni 4,1-2).
Gemeinsam mit Erasmus wird Luther als „Religiosus" bezeichnet
(113). Am Rande der Religion Luthers ist Glaube als Krisis auf-
getaucht (118). Luther hat sich wie schon Paulus gegen den Bau einer
neuen besseren Kirche gewehrt und nur gezwungen sich endlich doch
dazu entschlossen (324). Sein Verhältnis zum Papsttum wird zustim-
mend als prinzipielle Feindschaft aufgefaßt (456).

In der „Christlichen Dogmatik" (1927)26 wird Luther häufig
zustimmend zitiert, besonders zu Offenbarung und Trinität. Es fällt
aber auch das Wort vom „irregulären Dogmatiker" in Anwendung auf
Luther. Solche Dogmatik wird folgendermaßen definiert: „Besinnung
von einzelnen Gedanken und Gesichtspunkten aus, bestimmt von
irgendeinem konkreten Eindruck oder Erlebnis aus" (1130- Als Bei-
spiel für eine gewisse leidenschaftliche Willkür und Überbetonung,
wie sie mehrfach bei Luther zu beobachten sei, führt Barth das ein-
seitige lutherische Verständnis von Offenbarung als Evangelium und
vom Glauben an. In beiden Punkten wird von der reformierten Posi-
tion her Kritik geübt; was das Evangelium betrifft, in dem Sinne, daß
neben ihm „in gleicher Würde als Wort derselben ewigen Güte das
Gesetz" stehe (und nicht wie bei Luther und dem Luthertum nur
„vorher, um den ungläubigen Sünder zu schrecken, nachher, um den
gläubigen Sünder zu leiten" (326). Bezüglich des Glaubens wird auf
die Zweiheit von Glaube und Gehorsam hingewiesen und im luthe-
rischen sola fide die Gefahr eines Mißverständnisses gesehen. Man
sieht: hier deutet sich bereits die spätere Kontroverse über Gesetz und
Evangelium an, ohne daß man sagen könnte, Barth vertrete hier schon
die später eingenommene Position" .

In der „Christlichen Dogmatik" übt Barth auch eine gemäßigte Kri-
tik an Luthers Schriftprinzip „Was Christum treibet" (340 u. ö.). Er
sieht darin u. a. den Ansatz zu einem versteckten Rationalismus (auch
hier läßt sich der Unterschied zu den Positionen der „Kirchlichen
Dogmatik" nicht übersehen). Sehr viel schroffer wird die Auseinan-
dersetzung Barths mit Luther, wenn es um dessen Anschauung geht,
der Prediger bedürfe der Sündenvergebung nicht, denn seine Predigt
sei Gottes Wort: „Nein. Das geht zu weit, genau so (und das alles steht
unter sich im Zusammenhang) wie Luthers Lehre von der Menschheit
Christi, vom Abendmahl, vom Glauben und von der Kirche notorisch
zu weit geht" (416). Damit kündigt sich eine umfassende kritische
Auseinandersetzung Barths mit Luther über die Thematik der

Prolegomena hinaus an. Im Erscheinungsjahr der „Christliehen Dog-
matik" wurde das in einer wichtigen Frage schon offenkundig. Bereits
in der CD findet sich der Hinweis auf Luthers Satz, Glaube und Gott
gehören „zuhaute", von dem gesagt wird, daß Wobbermin ihn beson-
ders gern anrufe, daß aus ihm aber wohl nicht die Möglichkeit folge,
an Stelle Gottes „den frommen Menschen" zum Subjekt der Theo-
logie zu machen (88). Eine Verbindung zu Feuerbach wird an diesem
Punkt direkt noch nicht hergestellt. Dies geschieht aber in einem Auf-
satz ebenfalls 192728. Nach Barths Meinung berief sich Feuerbaeh
„nicht ohne allen Schein von Recht auf Luther". Dies gilt besonders
für „Luthers eigentümliches Reden vom Glauben als einer fast selb-
ständig auftretenden und wirkenden göttlichen Hypostase ... Er und
Gott gehören .zuhaufe', er macht (als Trauen des Herzens!) beide Gott
und Abgott. . ." Barth folgert: „lnterpretations- und sicherungs-
bedürftig ist diese überschwängliche Anschauung auf alle Fälle. Unge-
brochen dürfte man Luther nach Feuerbach diese Dinge nicht mehr
nachreden." Ahnlich kritisch wird der Zusammenhang von Feuer-
bachs Anthropologie mit Luthers Christologie und Abendmahlslehre
gesehen (25)" . Die entsprechenden Formulierungen in Barths Theo-
logiegeschichte sind etwas zurückhaltender: es könnte empfehlens-
wert sein, „gerade in Bezug auf die Unumkehrbarkeit des Gottesver-
hältnisses einiges zu bedenken, was Luther. . . nicht bedacht zu haben
scheint" (488). Bereits die bisherigen Ausführungen haben gezeigt,
daß Karl Barth sich in einem ständigen (kritischen) Dialog mit Luther
befindet (in der „Christlichen Dogmatik" findet sich dafür folgende
Charakterisierung: „Was Luther geredet hat, das redet noch mit,
wenigstens da, wo wir stehen, während Stimmen wie die des Marcion,
des Arius, des Arminius . .. verklungen sind" - (CD 368). Dabei
wechseln Zustimmung und Kritik, Diskussion von Einzelthemen und
generelle Stellungnahmen zur Bedeutung Luthers. So ist das Bemühen
Barths erkennbar, möglichst genau den Standort (oder „Stellenwert")
Luthers im Ganzen des Christentums und der Theologie zu bestim-
men. Eindeutig ist die Abgrenzung gegenüber den von Barth unge-
liebten Traditionslinien: Luther ist Reformator. Schleiermacher nicht
(Begründung: Luther fragte, wie die Kirche vor der Schrift bestehen
könne, Schleiermacher.aber, wie die Kirche der Welt gefalle - 386f).
Was gegenüber Schleiermacher ohne Einschränkung festgestellt wird
-Lutherist Reformator-erfährt jedoch Differenzierungen einmal für
die inner-lutherische Situation: Das „Dokument der Konsolidierung
der lutherischen Kirche" ist die „Augsburger Konfession" (nicht ein
„Luthertum" aus Luthers Schriften) (378)-zum anderen hinsichtlich
des Verhältnisses Luthers zu den anderen Reformatoren: besonders
Calvins selbständige Bedeutung wird von Barth betont (375). Darüber
hinaus wendet sich Barth allgemein gegen eine Überschätzung der
Reformation überhaupt (Kritik an der „tumultuarischen Weise", die
„Reformation als den Anfang aller Weisheit zu behandeln" - 3750-
Demgegenüber wird auf die Bedeutung der Kirchenväter hingewiesen,
ebenso auf das Dogmen-Erbe der alten Kirche, das die Reformatoren
zwar etwas vernachlässigt haben, dessen sie sich aber sicher waren.
Die Reformation wird definiert „als eine entscheidende Etappe auf
dem Erkenntnisweg der Una Sancta Catholica et Apostolica" (keine
neue Religionsgründung) (197). Von daher ist nicht nur die Autorität
Luthers als Lehrer der Kirche, sondern die aller Reformatoren „rela-
tiv" (375). Den Terminus „ein Lehrer der (christlichen) Kirche"
nimmt Barth auf in seinem Beitrag zum Luther-Jubiläum 193330. Er
bezeichnet diese Ausdrucksweise als eine „von den Zeiten und Zeit-
geistern unabhängige Kategorie" und ergänzt sie durch „Evangelist",
eine auch von Luther auf sich selbst angewandte Bezeichnung (11 f).
Verwendet Barth auch eine „zeitunabhängige" Kategorie für Luther,
offenkundig in Abgrenzung gegen die Tendenz, daß sich „die Zeiten"
offenbar das Recht nehmen, „aus Luther (auch aus Luther!) je ihr eige-
nes Symbol zu machen" - so sind seine Ausführungen zum Jubiläum
selbstverständlich alle nicht ohne Zeitbezug. Im Vorwort heißt es:
,,. . . wer Luther heute einsichtig und ehrlich feiern will, der muß das
Schwert zur Hand haben" (3). Die deutsche evangelische Kirche („so
wahr sie die Kirche Luthers ist") könnte sich (angesichts des deutsch-
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