Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

Zitierlink

805

Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 11

806

ReligionsbegrifTs begründet Holl in diesem Zusammenhang mit der
zeitgenössischen Entwicklung in Philosophie und Religionswissen-
schaft. Luther werde dabei nicht überfremdet, denn er habe „vom
Gottesbegriff aus neu gebaut" und damit alle die Fragen berührt, „die
uns heute quälen" (2). Luthers Religion ist für Holl „Gewissens-
religion", die „als Ganzes auf der Überzeugung (ruht), daß im
Bewußtsein des Sollens, in der Unwidcrstehbarkeit, mit der die an den
Willen gerichtete Forderung den Menschen ergreift, das Göttliche sich
am bestimmtesten offenbart" (35). Sehr summarisch kann es bei Holl
heißen: „Luthers Gedankenbildung geht überall von der sittlichen
Frage aus" (36). Dennoch sollte man Holl gegenüber nicht vorschnell
den Vorwurf der Ethisierung erheben, denn zur Gewissensreligion
gehört für ihn auch der immer wieder betonte „schlechthinnige
Abstand zwischen Gott und Mensch" (31), der als „unaufhebbar"
bezeichnet wird, allerdings (anders als bei Kierkegaard oder K. Barth)
für den Menschen erkennbar wird „vermöge des ihm (dem Menschen)
mit Gott gemeinsamen Wissens um das Sittliche". Es geht also um das
Verhältnis von Religion und Sittlichkeit, das Luther an seinem „tief-
sten Punkt" faßt: „Gott hat dem Menschen das Gesetz, das sittliche
Bewußtsein gegeben" (31). Dies ist zugleich eine starke Vergewisse-
rung: Gott selbst führt „unmittelbar im Gewissen den Beweis für sein
Dasein" (37). Dies soll in der Sicht Holls jedoch keinen Verzicht auf
den Glauben bedeuten; dieser wird vielmehr als der eigentliche
„Erweis der Religion" bezeichnet, als ein „Ernstnehmen Gottes, ein
Anerkennen seiner Wahrhaftigkeit, sowohl wenn es sich um das Ver-
werfungsurteil Gottes, als wenn es sich um das Evangelium handelt"
(34). Dieser Glaube kann von Holl als Willensakt, als grundlegende
Pflicht, indirekt als „persönlicher Entschluß" (37) beschrieben
werden. Immer wieder wird betont, Luther denke streng theozen-
trisch, sein Gottesbild sei „die getreue Wiedergabe des von ihm
Durchlebten" (38). Damit ist freilich kein Subjektivismus unterstellt,
vielmehr (ähnlich wie bei Harnack) eine Art Korrelation von Bibel-
wort und Erfahrung oder Erlebnis. Dies wird sowohl für Luthers
Erleben von Gottes Zorn (40) wie auch hinsichtlich des Evangeliums
herausgearbeitet: „Nicht nur die Auktorität des äußeren Bibclwortes
(Paulus), sondern die persönliche Erfahrung, daß Gott durch die Pein
ihn sucht und zu sich heranzieht" führt dazu, daß Luther Gott als
Güte begreift (29). Holl nimmt in diesem Zusammenhang Luthers
Unterscheidung auf, der Zorn sei das uneigentliche, die Liebe das
eigentliche Werk Gottes (42). Damit steht die Vergebung (auch als
unbegreifliches Wunder bezeichnet) und die Vergebungsgewißheit im
Mittelpunkt des Christentums (30). Für das von Holl stets aufs neue
bedachte Gott-Mcnsch-Vcrhältnis bedeutet dies aber keine Auf-
hebung des Abstandes (s. o.), vielmehr wird gefordert: „Der Abstand
zwischen Gott und Mensch muß bei aller Nähe des Verkehrs gewahrt
bleiben" (52)17.

Während Holl bisher die verschiedenen Seiten von Luthers Reli-
gions- bzw. Gottesbegriff im Blick hatte, wendet er sich nun dem zu,
was er die „persönliche Religion" in der Sicht Luthers nennt . Hier
begegnen zunächst solche Formulierungen wie die, daß der Mensch
Gott den Dienst der Religion schulde, daß die Furcht Gottes der erste
Schritt zur Religion sei, daß das Sündcnbewußtscin nicht von selbst in
das Gnadcnbcwußtscin umschlage (68) u. ä. Im Zusammenhang
damit finden sich in der Lutherdeutung Holls die umstrittenen Aus-
sagen zur Christusbezichung Luthers. Es muß ja heute (nach Barth)
besonders befremdlich erscheinen, wenn Holl behauptet, Luthers
Frömmigkeit sei keineswegs in dem Sinne Christusfrömmigkeit
gewesen, „als ob sein ganzer Glaube nur auf Christus gestanden wäre"

(73) . Holl spricht in diesem Zusammenhang von einem, „Zurück-
treten" oder „Vergessen Christi" in äußerster Bedrängnis und Anfech-
tung bei Luther, wo diesen dann „nur" das I. Gebot aufrecht hielt. An
dieser Stelle, so formuliert Holl, wird klar, „daß das Gefühl eines Sol-
lens die Grundlage seiner (Luther) ganzen Frömmigkeit war und daß
die Pflicht gegen Gott ihm als die erste unter allen Pflichten erschien"

(74) . Das I. Gebot richtet Luther aber auch auf: „unter und über dem
Nein (vernimmt er) das tiefe heimliche Ja", das Gott zu ihm spricht

(75). Damit ist für Holl zugleich die Rechtfertigung beschrieben. Mit
der Verknüpfung von 1. Gebot und Rechtfertigung wird aber deutlich,
daß von einer prinzipiellen Unterschätzung der Christologie bei
Luther durch Holl nicht die Rede sein kann;19 auch bei ihm wird letzt-
lich deutlich, daß sich das 1. Gebot nicht in seinem Sollenscharakter
erschöpft, wohl aber sieht er mit Luther in dem „Sollen" eine Hilfe in
Anfechtung. Auch die Interpretation von Luthers Rechtfertigungs-
lehre durch Holl hat zu sehr kritischen Anfragen an diesen geführt,
bekannt als die Fragestellung: „analytisches" oder „synthetisches"
Rechtfertigungsurteil Gottes? Es wird angemessen sein, zunächst
einige allgemeine Gesichtspunkte festzuhalten: Holl betont, daß
Rechtfertigung nichts Rationales sei, kein Vernunftschluß „aus der
Tatsache des sittlichen Gesetzes" (die „Vernunft" und das „Gewis-
sen" können es nie zu einer anderen Gottesanschauung bringen als zu
der, daß Gott den vor ihm gerecht Wandelnden anerkennt).

So nimmt Holl auch ohne Einschränkung Luthers Rede von der
„Torheit des Evangeliums" auf. Dennoch will er sich offenkundig
gegenüber einem bloß „antirationalen" Rechtfertigungsverständnis
ebenso abgrenzen wie gegenüber einem „folgenlosen". Dafür spricht,
was er als Auflösung des scheinbaren Widersinns „einer Rechtferti-
gung des Sünders" bezeichnet: „Wenn Gottes unverdiente Güte
anerkennen, ihm die höchste Ehre erweisen heißt, dann hält Gott den,
der ihm diese Gesinnung zutraut, doch mit Grund für .gerecht'" (79).
Später" geht es Holl nicht nur um die Auflösung eines „scheinbaren
Widersinns", sondern darum. Gottes Gnadenakt nicht als „Laune"
oder „Selbsttäuschung" mißzuverstehen. Rechtfertigung heißt dann:
Gott nimmt den Menschen an, „um ihn umzuschaffen zu einem wirk-
lich Gerechten, weil er - Gott - die Macht seines eigenen Wollens
kennt (nicht weil er - Gott - etwa .voraussähe', was der Mensch aus
eigenen Kräften tun oder werden wird)". Dies nennt Holl ein „analy-
tisches" Rechtfertigungsurteil, in dem der „schließliche Erfolg, das
wirkliche Heiligwcrden des Menschen der entscheidende Punkt ist".
Von daher ist sicher folgerichtig, daß Rechtfertigung nicht als ein ein-
maliges Ereignis, sondern als ein „sich immer wiederholender Vor-
gang" (94) verstanden wird, aber wohl auch, daß hier das simul justus
et peccator aufgenommen und mit folgendem Akzent versehen wird:
„. .. das Stärkere muß die Zuversicht zur Kraft der Gottesgemein-
schaft sein" (94).

Unverkennbar ist Holl also um den Nachweis einer Art innerer
Logik des Rechtfertigungsvorganges bemüht, ebenso auch um den
Aufweis der ethischen Konsequenzen. Beides darf aber sicher nicht
synergistisch mißverstanden werden, bemüht sich doch Holl heraus-
zustellen, daß bei Luther der Gedanke der Alleinwirksamkeit Gottes
verbunden ist mit dem Verantwortungsbewußtsein des Menschen
(100). Luthers Gottesglaube enthält so die stärksten Antriebe zum
Tun. Der Mensch ist nicht nur Gefäß, sondern Werkzeug Gottes. In
diesen Zusammenhang gehört dann auch Luthers Berufsgedanke
(102) oder allgemeiner die Forderung: der Gläubige muß sich „als
Vollstrecker des göttlichen Willens fühlen können" (106).

Holl beurteilt das Verhältnis „Luther und der Protestantismus"
ähnlich wie Harnack: „Einen Größeren als ihn oder auch nur einen
ihm Ebenbürtigen hat der Protestantismus bis zur Stunde nicht her-
vorgebracht" (I). Uneingeschränkt bekennt sich Holl zur Gegenwarts-
bedeutung Luthers, der als der große „Gewissenswecker" für seine
Zeit und für die unsere bezeichnet wird (1080- Im Unterschied zu
Harnack fehlt bei Holl weitgehend eine direkte Sachkritik an Luther
(gelegentlich wird dessen „Biblizismus" kritisch-distanzierend
erwähnt - 110); auch der bei Harnack schon anklingende und dann
vor allem von Ernst Trocltsch geltend gemachte Hinweis auf Luthers
Verhältnis zum Mittelalter wird von Holl nicht nachvollzogen. In der
Auseinandersetzung mit Trocltsch wird diesem vorgehalten, er habe
wohl Angst vor einer „Modernisierung" Luthers, man dürfe Luther
aber doch nicht „künstlich mittelalterlicher" machen als er ist
(106)21.

Für Holl ist Luther also uneingeschränkt Voraussetzung der Theo-
logie; er erfaßt Luthers Grundanlicgen wie Harnack mit Hilfe des
loading ...