Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 5

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haus als Beleg dafür, daß semantische Einsichten ohne pragmatische
Dimensionen ausgeschlossen bleiben. Christusbilder fragen nach
Gesichtern. ■

Unter dem ikonographischen Thema „Christusbild" verbirgt sich
den Autoren stellvertretend für andere Topoi ein exponiertes ikoni-
sches Feld, das nur umschreibend vermessen werden kann
(S. 64-126). Weder der theologisch noch ästhetisch fixierte Begriff ist
zureichend („Schönheit" wird travestiert - A. Wahrhol - oder ironi-
siert - S. Salvo - gehandelt), Bild wird auf dem Hintergrund von „Bild-
nis" erläutert, also historisch aus Kaiser- und Totenkult entwickelt,
erkenntnistheoretisch als Bild eines Gesichts, nicht als Gesicht (S. 84).
Dem Didaktiker muß also die Magie des durch das Bild vermittelten
Paradigmas bewußt sein. Daher ist den Autoren Ensors Christus als
Selbstbildnis nicht bloß, wie bei Schwebel, Vorstufe, sondern unaus-
weichliche Dimension der Christusdarstellung (S. 91). So gesehen
können Christusbilder auch nicht unter der Prämisse eines Dogmas
beurteilt werden, sondern nur unter der eines prospektiven Symbols,
welches ständig Wunschvorstellungen verschiebt, „Bruchstücke und
Spiegelungen der ersehnten Vollendung von Angesicht zu Angesicht"
(S. 730.

Das Buch besteht aus z. T. schon veröffentlichten Aufsätzen, die-
jenigen über Bilder im kirchlichen Gebrauch der letzten 200 Jahre,
Religionsbücher inklusive (S. 43-63), sind besonders spannend, da sie
das Interesse des Didaktikers verraten, und da die allgemein theologi-
schen Aspekte zur Kunst ohnehin nur Aphorismen bleiben. Beides
wird durch eine kritische und eine pragmatische Klammer verbun-
den: erstere (S. 11-35) zeigt eindrücklich die tragische Kluft zwischen
Kirche und Kunst (die immer größer wird), die Kirchen versacken täg-
lich mehr im gestaltlosen Sumpf: desto erfreulicher der kleine Reiß-
verschluß wichtiger Kodes zur Bildanalyse von Stock (S. 36-42).

Die von Stock und Wichelhaus vorgeschlagene Markierung zu ver-
folgen lohnt schon um der Elemente einer fundierten Praxistheorie
willen. Ihr Interesse an dem Gesamtzusammenhang von theologischer
Reflexion trifft sich mit meinen Vorschlägen zu semiotischer Analyse
auf semantischen, syntaktischen und pragmatischen Ebenen40 und
bietet zur breiten Diskussion um die Imagines Dei heute solide
Ansatzpunkte. Freilich muß der Gedanke vom Christusbild als eines
prospektiven Symbols menschlicher Wunschvorstellungen überprüft
werden: Vorstellungen unserer Anschauungen sind nicht nur Projek-
tionen, wie dies schon F. Schleiermacher scharf erkannte, sondern
Figurationen wahrscheinlicher Strukturen, die dem zugrunde liegen,
was die Realität ausmacht4'. Konnte Kant vom formalen Apriori des
Bewußtsein sprechen, so hat Schleiermacher davon abweichend das
Anschauen aus dem „Einfluß des Angeschauten auf den Anschauen-
den"42 zur Basis jeder Handlung erklärt. Er wie Kant wußten noch
etwas von dem Gegensatz considerare (einen sidus beachten) versus
desiderare = wünschen43. Die Neigung, das Handeln aus Utopien zu
begründen, die gewöhnlich Erfahrung spekulativ überspringt, ist bei
Stock wie in vielen anderen theologischen Annäherungen an die
Kunst zu beobachten44.

3. 2. Die im Bildbegriff angelegten Funktionen von Ähnlichkeit
(similitudo) bzw. Gleichheit (aequalitas), wie sie Augustin gesehen
hat45, könnten Grenzen über den Umgang mit dem Bildbegriff anzei-
gen: stets müßte ein Minimum von Modellcharakter vorhanden sein,
wenn man sinnvoll vom Bild im Unterschied zu andern objektivierten
Einheiten reden will; es ist der Eigencharakter einer Figuration,
welche die ikonische von der symbolischen Funktion unterscheidet.
Während die letztere vor allem die Sprachfähigkeit begründet, so die
ikonische die bildnerische. Aber jede Wortkultur, welche die Ange-
wiesenheit auf die Ikonizität, d. h. die Modellsituation von Metaphern
übersieht, gerät unweigerlich in monophysitische bzw. gnostische
Sackgassen. Das gilt desto mehr dann, wenn sich mit Hilfe einer
Begriffskultur die Worte mythisch aufladen, weil die eingangs erwähn-
ten Seh- und Hörgewohnheiten dahin tendieren, Bilder absolut zu set-
zen und doch zugleich mit ihnen zu taktieren - das typische Feld für

Mythen. Dann werden unversehens Gottesbilder zur Last, weil sie
nicht mehr in der Lage sind, die absolut gesetzten Weltbilder zu kata-
lysieren. Es sind große Anstrengungen nötig, die Christusbotschaft aus
der dadurch ausgelösten und noch bestehenden Lähmung herauszu-
führen.

Schluß

Wenn man die besprochenen Neuerscheinungen, welche durch
zahlreiche weitere Publikationen zu ergänzen wären46, in ihrem
Ergebnis zusammenfaßt, so kann man für die theologische Diskussion
folgende Thesen einbringen:

1. Keine Aussage über die Entwicklung der Kirchen ist ohne Belege
aus der Bildgeschichte zureichend begründbar. Sowohl die Spuren aus
der jeweiligen Frömmigkeit als auch das alles Handeln bewegende
Welt- und Gottesbild muß als wesentliche Motivation erfaßt
werden.

2. Die Meinung, der Protestantismus sei aufgrund seiner besonderen
Hinwendung zur Musik weniger dem „Gesicht" als dem „Ohr" ver-
pflichtet, ist weder historisch richtig noch von der Sache her vertret-
bar; das „Bild" ist kein Adiaphoron, sondern zentrales Paradigma für
den interkulturellen Horizont des Evangeliums.

3. Die gegenwärtige Kunst scheint nicht zwischen Gottes- und Chri-
stusbild zu unterscheiden, womit zusammenhängt, daß es kein allge-
mein gültiges Gottesbild mehr gibt, sondern lediglich konkurrierende
Christusbilder. Es bleibt offen, ob hier in besonderer Weise und also
unübersehbar die Frage nach der Unverfügbarkeit Gottes gestellt
wird, oder monophysitische Tendenzen durchschlagen.

4. Es ist eine Revision der Begriffe „Verkündigung" (Missio) und
„Darstellung" (Präsenz) vor dem Hintergrund der ikonischen und
symbolischen Funktionen der Sprache fällig. Theologie ohne Bild-
und Symboltheorie steht in der Gefahr, sich bzw. die zeitgenössische
Kultur materialistischem bzw. gnostischem Denken zu über-
lassen.

5. Religionswissenschaft ist bei der Klärung dieser Fragen ebenso-
wenig auszublenden wie Kommunikations- und andere Humanwis-
senschaften. Wahrscheinlich kann Hermeneutik bzw. Semiotik die
Aufgabe umfassend klären helfen47.

6. Theologisch wartet der Topos von Jesus als dem „Ebenbild Gottes"
(Joh 12,45; 2Kor 4,4; Kol 1,15; 2,9; Hebr 1,3) sowie vom Menschen
als Gottes und Christi Ebenbild (Gen l,26f; 5,1; 9,6; Psalm 8,6fT;
Rom 8,29; IKor 11,7; 2Kor3,18; Kol3,10; 1 Joh 3,2; Jak 3,9) drin-
gend einer Aufarbeitung in syntaktischer, semantischer und pragmati-
scher Hinsicht48. Die Gottesfrage ist nicht ablösbar vom umfassenden
Rekurs auf die Darstellung der Imago Dei.

7. Angesichts der Divergenzen zwischen qualifizierten Kunstleistun-
gen mit religiösen Tendenzen und belanglos schabionisierten Aus-
sagen im kirchlichen Rahmen ist die Arbeit an Ästhetica, die über die
Theologie hinaus zureichende Aussagen machen, dringend geboten.
Ohne Rücksicht auf die „Kunst" - als Lebensstil und hochqualifi-
zierte Kunstproduktion4v - bleibt der Streit um Bedeutung und Wir-
kung der Massenmedien ungeklärt.

' Ölten und Freiburg 1963, S. 15.

2 Wegen en Grenzen, dt.: Vom Heiligen in der Kunst, Gütersloh 1957,
S. 186.

3 Van der Leeuw stellte das Bild kategorial in einen interreligiösen Horizont
(ebd. S. 359). Zwar hat H. E. Bahr recht, wenn er van der Leeuw vorwirft, vom
Topos des Bildes Gottes zu unmittelbar auf die Bilderfrage überzugchen (H. E.
Bahr, Poiesis, Stuttgart 1961,43 f), doch es wird bislang zu wenig berücksichtigt,
daß als erster van der Leeuw in der Kritik gegen die eigene reformierte Tradition
Christologie und Phänomenologie der Bilder verband (a. a. O. S. 355) und eine
noch unausgewertete Ästhetik entwarf (S. 269-345).
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