Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 5

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e) Die Konkretion der Symbolisatiön, d. h. die Figuration Gottes in ikonographische Motive in der symbolistischen Malerei (Hofstätter),
der Vorstellung eines „Christus" macht m. E. das Besondere des Chri- in der Abstrakten Kunst (Kern, Rosenblum u.a.) oder „im Dienst der
stusbildes aus. Dieses kämpft gegen die Fixierung des Gottesbildes in Gesellschaftskritik" (Haufe) spielen. Schließlich erhält der Katalog
einem bestimmten Menschenbild und umgekehrt! Deshalb hat sich sein eigenes Gewicht durch die Selbstzeugnisse der Künstler, die der
das Abendland dafür entschieden, das Gottesverhältnis nicht nur, wie Ausbeutung von Bildideen widersprechen, weil die Wahrnehmung,
im Osten, im Akt der Kontemplation des Beters, sondern'auch im die Aisthesis durch theologische und philosophische Begriffe immer
A/a/akt kritisch werden zu lassen. Es ist schade, daß dieser wichtige wieder verschüttet wird. Kunst ist eben nicht Symbol für etwas, was
Aspekt, nämlich die Frage nach dem „usus", dem jeden Bilderstreit die Begriffswelt schon vorher entwickelt hat. Sie schafft umfassendere
bestimmenden Umgang mit Bildern, ausgeklammert bleibt. Man und sensiblere Notationen für Anschauungen, in denen das Unwahr-
mutet einem Bild zuviel zu, wenn man mit Schwebel erwartet, es sei scheinliche wahrscheinlich gemacht werden will und ist damit noch
„gleichsam gegen sich selbst" befähigt, der „Verdinglichung" zu vor jeder wissenschaftlichen Sprache Grundlage aller religiösen Aus-
widerstehen, es könne „selbst" jenen Punkt erreichen, „wo das Ge- sagen. Die begrifflichen Widersprüche, welche der Theologe in den
heimnis wachgehalten wird" (S. 133). In berechtigter Ablehnung vul- Künstleraussagen schnell zusammenstellen könnte, wiegen nicht
gärer Ikonographie übersieht Schwebel, daß diese inzwischen mit gegenüber der Einsicht, daß unser gegenwärtiges Begriffsarsenal nur
ikonologischen, hermeneutischen und semiotischen Fragen das Feld ein Spiegel der Vielfalt von Weltbildern ist, für die die Kunst Akte der
der Erfahrung einbezieht; über die bloße Beschreibung und Klassifi- Katharsis zur Verfügung stellt"'.

2. 3. Die Frage nach dem Gottesbild ist eine Frage nach Gottesbil

zierung von Phänomenen hinaus ist daher die Erforschung von Funk-
tion und Bedeutung der Bilder und Bildmotive die heute gestellte
Aufgabe" geworden. Wer immer noch beansprucht, ein für alle gültiges

Menschen- und Gottesbild durchsetzen zu können, versperrt indivi-

i , „, .. , ■ , ,. • ... • , , „ . duelle Erfahrungen mit Gott, er blockiert jene Abweichler, welche

•i-^. Phänomenologisch auf eigene Weise hat Wieland Schmied ... , . „, . , „ , , _.. .. Li

Hac „, ...... ° , , . , überhaupt Christuserfahrungen machen. Die verkitschte Vermittlung

uas Lnristusbild im Zusammenhang einer weit angelegten Ausstel- _ . , » _ . .>•*•■ j u • • ui- ■
i, , , , , ° . der Botschalt - Symptom einer Privatisierung, d. h. kirchlichen Ver-
ging behandelt: Unter dem Thema „Zeichen des Glaubens-Geist der ... , „ .... ,. , , . ,. , . ... ,

* . , ,. . . , drangung der Gefühle - will das Unwahrscheinliche ohne Wahr-

^vantgardc wurden 1980 „Religiöse Tendenzen in der Kunst des . . .. . , . . .. . . , . _. .... ....

->n ., „ • , 14 „ scheinlichkeitsbefund zur Herrschaft bringen. Die unheilige Allianz

-u. Jh. (der Untertitel) unabhängig von kirchlicher Beauftragung . , „ _ . . . . . r .

. der solchermaßen Privatisierten mit der Institution setzt dann auf ein

oaer theologischer „Angemessenheit" aufgearbeitet. Nicht die Kate- . . . . . _. . , K. r,. . ... „

„ ■ , f . " B . , Arsenal metaphysischer Tricks und Normen, statt auf die Indikatoren

gonen theologischer Wissenschaft, sondern die Signale der Künstler , . . „ , . , _ ... , . .

., . t metaphysischer Schrecken und Erlosungschancen der Kunst zu ach-
seiost gaben die Kriterien ab, nach denen die Bildwelt der letzten hun- , . _ , .... . , „ , . . . ,

H„ . . , . , ... ten. Mehr konnte das Buch von Wieland Schmied nicht darlegen, aber

uen Jahre durchforstet wurde. Desto überraschender, Chnstusbilder . , . . . „. , , , „ ,. , ...

, . , . das ist schon sehr viel. Bleibt zu bemerken, daß die Kirche - die Aus-

im Zentrum der Arbeiten von van Gogh, Connth, Klee, Malewitsch, ,, , . . „ . ..,___, .

n- „ „ . . _ Stellung erstand anläßlich eines Katholikentages - von einigen Auto-

■-"x, Orosz, ja selbst den Dadaisten, den Mexikanern wie Orozco . , .... , . , ,. . ,

i n, . . ren und Kunstlern unter eben jener Allianz gesehen wird. Um diesbe-

»„^nristus zerstört sein Kreuz"!) bis hin zu Dali, Tapies, Newman „ . . . tA . . . ,_, ... ... ......

zugliche Vorbehalte bei denen abzubauen, die ja unsere Weltbilder

zimmern, den Künstlern, muß in Kirche und Theologie noch viel

und Beuys zu finden. Christusbilder, einbezogen in die Fülle derGot

tesbilder der gegenwärtigen europäischen und amerikanischen Kul

hir • , , ,■ , . ■ , „ r gearbeitet werden.
lur, entwickeln in diesem Kontext ihre eigene konfessorische Kraft,

wodurch die Frage nach dem Gottesbild auf neue Grundlagen gestellt ... ,, ..

Wjrj 3. Vom Umgang mit Ooltesoilaern

„ ,. Jedes Bild enthält unausgesprochen die Regeln über den Gebrauch

wissenschaftlich überprüfbar gemacht wurde der Vorgang durch , „.., ..... , ,__,, _;,/-_». u /-u • . u-u

vy. . . des Bildes. Wurde man den Umgang mit Gottes-bzw. Chnstusbildern

"'leland Schmied von wenigstens vier Seiten: Zunächst klopfte er die , _ r ,. ... , f ,, . , . x, ,. , r r ,

. 6 K dem Zufall uberlassen (der Zufall ist ein Nullwert an Erfahrung)

gesamte bemerkenswerte Kunstszene nach religiösen Impulsen im ... , ,. . D.. , , . . „ .. ... ,

I, . . uii^ic^ v wurde man auch die im Bild erarbeitete Gottesvorstellung verachten.

Umkreis christlicher Kultur ab („Welche Gedanken haben sie getne- Deshalb reden wjf yon Symbo|en d h Zeichenkomplexen, welche

&en, welcher Glaube hat sie gestützt, welchen geistigen Rückhalt besa- die Reggln ihres Gebrauchs ausdruckiich gemacnt haben; Glaubens.

"en sie in allen Wagnissen, die sie unternahmen, in allen Bindungen. bekenntnjsse sind dafür die besten Beispiele. Wo der Symbolwert der

die sie verließen?" S. 5) - ein Novum im Kunstbetrieb. Sodann sor- Gottesbilder> die die Kunsl entwickeit hat> nicht übergreift, ansteckt

»erte er die Phänomene vorsichtig: expressiv - abstrakte kreatürlich - und motivjertj wird die chance einer Auseinandersetzung mit den

spirituell; leidensfähig - diesseitsbejahend; Mystik - Aufklärung. ^ wahrschejnlich gemachten Gottesvorstellungen blockiert, wenn

Umens versammelte er im Katalog, der auf lange Sicht ein Standard- nicht verachtct Deshajb ^ gs mehr a,s nuf gjne Frag£

*erk zu diesen Fragen sein dürfte, viele von denen, die sich zum |ung> wenn über dje Hermeneutik" und Didaktik der Gottesbilder

1 nema schon exponiert hatten (beratend die Redakteure von „Kunst zunehmend nachgedacht wird.
und Kirche", wo das Thema vorgearbeitet war ): Wolf-Dieter Dube,

F|"iedhelm W. Fischer, Janos Frecot, A. v. Graevenitz, Hans Haufe, 3. 1. Unter dem Titel „Bildtheologie und Bilddidaktik" publizier-
Anton Henze. Hans H. Hofstätter. Hermann Kern, Hans Küng, Hans ■ ten Alex Stock und Manfred Wichelhaus „Studien zur religiösen

Maier. Otto Mauer. Günter Rombold, Robert Rosenblum, Eberhard Bildwelt" (Untertitel)3*. Schon zuvor hatte Stock erkennen lassen, daß

Rothers. Wicland Schmied, Horst Schwebel, Harald Szeemann, Paul in jedes Bild ein Bezugsgefüge von Bildproduzent und Rezipient inve-

Til|ich. Rainer Volp und H. Wcitcmeier-Steckel. Sie liefern eine stiert ist, das struktural analysiert werden müßte". In diesem Buch

s°lche Fülle von Beobachtungen und Einsichten in Kriterien auf der versuchen die beiden Autoren, die Lernprozesse als Transformation

Grenze zwischen Kunst und Religion, daß es unmöglich ist, im Rah- von Strukturen vorzustellen, was für Bilder besonders angemessen

men dieses Beitrags darüber genauer zu berichten. Deutlich ist erscheint. Denn es müssen zugleich wahrnehmungs- und kommuni-

a"erdings die Einsicht einer keineswegs säkularisierten Kultur, son- kationstheoretische wie auch religionswissenschaftliche Zusammen-

dern in eine umfassende Metamorphose der Bildwelt, welche die hänge gesichtet werden.

1 ranszendenzbezüge anders sortiert und damit die bestehenden Reli- Auch wenn Stock mit Schwebel die kritische Aufgabe der hohen

8'onen, die sich auf historisch gewachsene Mythen festgelegt haben, Kunst herausstellt, wendet er sich nicht nur gegen eine bloß ikono-

grundlegcnd herausfordert. Die meisten Beiträge widmen sich der graphische, sondern auch gegen eine bloß phänomenologische

Umschichtung der Phänomene, beginnend mit allgemein-philosophi- Beschränkung der Kunstreflexion. Phänomenologie verbleibt für

sehen Feststellungen etwa über die „Transzendenz in der modernen Stock auf der syntaktischen Ebene; die zugleich therapeutische und

Kunst" (Rombold) bis hin zur Frage, welche Funktion christlich- kathartische Erwartung an die Bilder (S. 82) dient ihm und Wichel-
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