Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 5

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theologische und kulturelle Unterschiede zu verwischen, muß wenig-
stens die Forschung strukturale Zusammenhänge sehen lehren, zumal
gerade aus dem Buddhismus die christlich anmutende Überzeugung
kommt, daß „ohne den Körper der Mensch keinerlei Ergebnis
erzielt"26.

2. Zur Phänomenologie heutiger Christusbilder

2. 1. Sein Buch „Das Christusbild in der bildenden Kunst der
Gegenwart" versteht Horst Schwebel27 nicht als ikonographische
„Prolongierung" der Geschichte des Christusbildes, sondern als den
Versuch, die Gottesfrage im Christusbild der „Gegenwartskunst"
„phänomenologisch" zu erheben (S. 6 u. ö.). Unabhängig von histori-
schen Entwicklungen fragt er nach einer spezifischen Mitteilungs-
weise von „Christuskunst" (S. 141), welche auch dort, wo sie „im
strengen Sinn noch keine theologische Erkenntnis" darstelle, etwa
durch die „Wahrheit des künstlerischen Engagements selbst" Einsich-
ten in die Tiefendimension der Zeit erschließe (S. 4f). Als ein „neues
phänomenologisches Datum" dürfte man das Christusbild der
Gegenwart weder als bloßes Element aktualer Interessen (gegen Kon-
rad Farner) noch als Nachklang einer abgelaufenen Bildgeschichte
Gottes im Abendland (gegen Wolfgang Schöne) ansehen. Neue theo-
logische Kriterien seien gefragt.

Die ersten beiden Teile (A+B) entfalten die Frage nach dem Chri-
stusbild theoretisch und material, d. h. neben der Klärung von Auf-
gabenstellung und Methodik ist für eine solche Arbeit das Material
entscheidend. Schwebel versteht unter „Gegenwartskunst" eine
„Kunstepoche", der Krise und Traditionsbruch „gemeinsam" ist
(S. 19), so daß die Hauptmasse der kirchlichen Kunstprodukte weg-
fallt, dagegen „entwicklungsleitende" Christusbilder, die dem Krite-
rium der „Innovation" genügen, zum Gegenstand der Untersuchung
avancieren (S. 18): „Die Ikone bleibt metaphysisch zurück. Die Aus-
einandersetzung mit dem biblischen Thema auf der Ebene des Perso-
nalen fängt erst nach der Ikone an" (S. 10). Ein dritter Teil (C) kon-
frontiert mit Brennpunkten der Diskussion um das Christusbild in der
Geschichte, so daß in einem letzten Kapitel (D) nach der „theologi-
sche^) Relevanz des Christusbildes in der Bildenden Kunst der
Gegenwart" gefragt werden kann (S. 120-141). Der phänomenologi-
schen Aufgabe entledigt sich Schwebel durch den Aufweis von drei
charakteristischen Tendenzen im Christusbild der Gegenwart:
Werke, die das Grauen unserer Zeit dokumentieren und deren Auto-
ren sich mit Christus selbst oder dem von ihm angesprochenen „Du"
vorstellen, sind für Schwebel „Aufweis der conditio humana" (Gies,
Gutmann, Kuhn, Richier, Barlach, Masareel, Rouault, Bacon, Falken
und Hrdlicka). Die zweite Gruppe von Christusbildern unterstellt
Schwebel dem Thema „Aufweis von Heil" (Schmidt-Rottluff, Nolde
und Chagall), eine dritte dagegen - abstrakte Bilder - sind ihm Hin-
weis auf die Unverfügbarkeit Gottes, Bilder der „Heiligen Leere".

Kriterien, in denen sich die Einsichten dieser Typologie und theolo-
gische Maßstäbe treffen, entnimmt Schwebel der Geschichte: Bilder-
feinde (Euseb, Epiphanius von Salamis, Karlstadt und Zwingli) und
Bilderfreunde (Johannes Damascenus, Theodor Studites und Luther)
geben Grenzwerte an: Sosehr jene stets und bis zur gegenwärtigen
Theologie von monophysitischen, ja gnostischen Tendenzen bedroht
waren, weil sie die menschliche Natur nicht ernst genug nahmen,
spricht ihnen Schwebel auch das Verdienst zu, Gottes Unverfügbar-
keit über das Sichtbare, vor allem über das Verdinglichte festgehalten
zu haben (S. 100). Die Bilderfreunde dagegen, die mit ihrer Erlösungs-
metaphysik im Sinne des Damaskeners geneigt waren, dem Bild als
Kultobjekt zusätzliche Erlösungsfunktionen zuzusprechen, haben
andererseits den bloßen Gegensatz von Geist und Materie durch die
umfassendere Dialektik von Glaube und Unglaube in Luther über-
wunden - womit nach Schwebel die Intentionen moderner Christus-
bilder greifbar nahe sind (S. 130).

Wer weiß, wie die Vorurteile von Theologen gegen die moderne
Kunst die Kirchen immer mehr in ein kulturelles Abseits treiben28,
kann die detaillierten Bild- und Werkanalysen des Buches im Rahmen

einer ümfasssenden Kriteriensuche nicht hoch genug einschätzen.
Noch zu wenig hat sich herumgesprochen, daß nicht die moderne
Kunst, sondern eine Theologie, die in der Nachfolge Kierkegaards
verbal befangen bleibt, gnostisch genannt werden muß. Desto wichti-
ger ist es, die Einsichten Schwebeis genauer, aber auch kritisch zu
umreißen.

a) In der Achtung vor dem „Unverfügbaren" gibt es für Schwebel
eine durchgehende Linie von den Bilderfeinden der Alten Kirche bis
zu gegenwärtigen Christusbildern. Dies verdankt der Autor phänome-
nologischem Interesse, welches die Wirklichkeit jeder Epoche durch
die Überschneidung vieler Perspektiven ermittelt. Dem steht
allerdings noch unverbunden die Aussage gegenüber, erst in der
Gegenwart habe „Wirklichkeit" eine für Luther noch kaum denkbare
Qualität der „Anfechtung" erreicht (S. 119). Denn die Christusbilder
dokumentieren eine Verschiebung von der Überwindung der Krise
zum Krisenbewußtsein (S. 133ff). Entsprechend leugnet der Autor
jede Brücke von den morgenländischen Bilderfreunden zur modernen
„Christuskunst" (ein etwas verwaschener Ausdruck; S. 128f)- Ent-
sprechend sind modernes „Krisenbewußtsein" (Tillich) und „Wahr-
heit des künstlerischen Engagements" (H. E. Bahr)2* Kriterien gegen
die Vergangenheit, ohne durch den Gedanken des Unverfügbaren in
der Alten Kirche aufgeschlüsselt zu werden30. Auch die Polemik gegen
den Ikonenbegriff in der gegenwärtigen Kunstrezeption wäre nicht
nötig, zumal die Entwicklung vielmehr die Konkurrenz von Ikonen
(statt eines alles übergreifenden Gottes- und Weltbilds) offenlegt.

b) Die drei von Schwebel erarbeiteten Gruppen („conditio humana",
„Aufweis von Heil" und „Heilige Leere") sind zur Orientierung auch
für weitere Entwicklungen in der aktuellen Kunst ganz hilfreich. Man
muß sich freilich vor vorschnellen Zuweisungen hüten, zumal vom
Standort des Betrachters aus Krisisbewußtsein vergangener Epochen
oft ästhetisch eingeebnet wird (vgl. Bachs Kantaten!). Ensor wie
Chagall gelangen durch Identitätsfragen zum Christusbild - beim
einen sieht Schwebel einen Widerspruch zum NT, der andere, der
Jude dagegen, wird christlich gedeutet und mit Nolde zusammenge-
stellt, bei dem wie bei Schmidt-Rottluff eine Verschlossenheit gegen-
über „dem Ansturm der Wirklichkeit" konstatiert wird, weil sie den
„Riß", d. h. die Krise „ekstatisch" übersprängen (S. 58). Nebenbei
bemerkt: „mystisch" und „mythisch" werden bei Nolde mitunter ver-
wechselt.

c) In allen neueren Christusdarstellungen fehlt trotz der Erfahrung von
Gottes Unverfügbarkeit nach Schwebel jene Objektivität und Ver-
bindlichkeit, mit der „das große Ja Gottes zum Menschen in Christus
zum Ausdruck zu bringen" sei. Sie könnten daher nicht den ganzen
Christus enthalten (S. 139-141), Verkündigung sei ihnen nur „Kon-
text", keineswegs, wie bei Luther, der die heutigen Schreckensbilder
abgelehnt hätte, Aufgabe und „Dienst" (S. 118-130). Der seit Sedl-
mayr übliche Gegensatz von der modernen Kunst als Frage gegenüber
dem Wortereignis als Zuspruch der Gnade und Antwort (S. 135-137;
141 u. ö.) schlägt hierdurch. Doch ist die Kunst (modern oder profan),
wirklich dem Luxus des bloßen Fragens zuzuordnen3'? Sie hat doch
höchst kerygmatische Implikationen (vgl. „Christus in der Vorhölle"
von Max Beckmann v. 1948)32. Anders postuliert man „Norm und
Maßstab des Glaubens" in einem unanfechtbar aussagefreien Raum.
Kein Phänomen ist für unser Bewußtsein mit dem Intendierten iden-
tisch, weil es nicht die Sache selbst, sondern seine Symbolisation ist.
Die Diskussion dieser Fragen bleibt leider ausgeklammert. Schon der
Kunstbegriff nötigt, in jeder Aussage die Modellsituation, d. h. meta-
phorische Funktionen zu bedenken, in denen sich verbale und bildne-
rische Darstellung gleich sind.

d) Ein breiter abgestützter Erfahrungshorizont der Kunstkritik hätte
das Auswahlkriterium der besprochenen Werke im Sinne der „Inno-
vation" theoretisch und praktisch verbessert. Innovation soll Qualifi-
kation einschließen - im Sinne des Autors müßten statt mancher
zweit- und drittklassiger Werke die Christusbilder von Beckmann,
Jawlensky, Newman, Rothko, Tobey, Tapies, Rainer oder Beuys
stehen.
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