Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 4

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mus ist nach C. das eine Eckhart bestimmende Element (11 fT). Daß
Eckhart wesentlich von Aristotelischer Philosophie geprägt ist und
weit weniger neuplatonisch als oft angenommen (vgl. H. Fischer, Mei-
ster Eckhart. Einführung in sein philosophisches Denken, Freiburg-
München 1974, 50, 1030, kommt nicht in den Blick. (2.) Die „mysti-
sche Strömung" des Hochmittelalters (15 ff) ist das zweite Eckhart prä-
gende Element (Elisabeth von Schönau, Hildegard von Bingen,
Mechthild von Magdeburg). (3.) Auch die „mystizistischen Häresien"
(z. B. Ortlieb von Straßburg, Begarden) gehören zum „religiösen Hori-
zont der Zeit Meister. Eckharts" (17ff).

Eckharts Bedeutung „kann man .. . kaum übertreiben", seine Ge-
danken prägen bis heute christliche Spiritualität (29). Um Eckhart zu
verstehen, ist es wichtig, die dem Eckhartschen Werk zugrundelie-
gende ontologische Basis zu sehen. „In einer Theorie des Seins
erblickt er (sc. Eckhart) die Grundlagen des mystischen Lebens" (43).
Den „Herzpunkt" des Eckhartschen „Systems" sieht C. in der „Iden-
tifikationsmystik" der Seele mit Gott. Diese erliegt nicht der Gefahr
des Pantheismus (90). - Um den Leser mit dem Eckhartschen Werk
vertraut zu machen, bringt C. eine Fülle von Zitaten aus Eckharts
Schriften. Leider geht dies auf Kosten des systematischen Aufbaus des
Buches. Eine Fülle herrlicher Assoziationen erschwert dem Leser den
Durchblick. Viele Probleme aus dem Eckhartschen Werk werden
angezeigt (z. B. Gott - Gottheit, Sünde, Inkarnation, Anthropologie,
Trinität etc.), aber recht unterschiedlich analysiert und einander zu-
geordnet.

Wie Tür Ruusbroec, Seuse und Tauler urgiert C. nachdrücklich die
■ntegrität des Verhältnisses Eckharts zur katholischen Kirche und
ihrer Sakramentenlehre (80), ohne Letzteres überzeugend zu begrün-
den. Leider atmet C.s Buch konfessionelle Enge. Generalisierend und
unexakt werden Luther und die protestantische Forschung disqualifi-
ziert und übler Vereinnahmung von Mystik bezichtigt (122, 101).
..Luther [UK: Wo?!] und zahlreiche deutsche Kommentatoren [UK:
Wer?!], selbst R. Otto" [UK: Wo?] machten Eckhart völlig ungerecht-
fertigt und willkürlich „zu einem Vorkämpfer der Rechtfertigung
ohne Kirche und Sakramente" (80). Daß das Problem Eckhart -
Luther noch seiner gründlichen Erörterung harrt und daß es hier Re-
ktionen (z. B. in der Gottesfrage) geben könnte, wird nicht gesehen.
(Auch hätte man gerne gewußt, wer sich hinter der Meinung gewisser
Kommentatoren-S. 49, 54 u. ö.-verbirgt.)

Hilfreich sind die verhältnismäßig ausführlichen biographischen
Angaben C.s zu Eckhart, Tauler, Seuse, Ruusbroec und andern. Tau-
ler, wie die ganze deutsche Mystik entscheidend durch Eckhart
bestimmt (92), ist „auf die Umsetzung der Spiritualität in die Lebens-
Praxis bedacht" (106). „Die Spiritualität Taulers ist ebenso theozen-
trisch wie die Eckharts. Gott ist ihre Mitte, und der Mensch ist nur
dazu da, um Gott zu suchen" (106). Ein „verhältnismäßig eigenstän-
diger Gedanke" bei Tauler, der „wahrscheinlich" selbst eine Bekeh-
rung erlebt hat, ist, daß er starkes „Gewicht auf die zweite Bekehrung
]egt, durch die die Seele von einem bloß tugendhaften Leben zu einem
Leben der Vollkommenheit übergeht" (1020- Dieses ist in Relation
z"r Taulerschen Anthropologie. Drei Bereiche sind hier, der sinn-
''che, der intellektuelle, der geistliche (=gemuele). Dasgemuete ist der
a"es entscheidende „Habitus mentis", der alles messende, Ausrich-
tung gebende Grundtrieb (107 0-

Während „Eckhart und Tauler Vertreter einer vor allem spekulati-
ven Mystik" sind, beginnt mit Seuse die „Erlebnismystik" (145).
Seuse, der im Unterschied zu Eckhart ekstatische Phänomene geist-
'"chen Lebens praktiziert (1350 und metaphysischer Thematik abge-
neigt ist, will nicht in sich stehende Metaphysik; er optiert Für eine
••Philosophia spiritualis" (Augustin) als Grundlage des geistlichen
Lebens (1560. - Im Zentrum Seusescher Mystik steht aber der gekreu-
zigte Christus, die Passion, das Leiden, das uns tief Anteil haben läßt
an der Liebe Christi (160). So ergibt sich für Seuse folgerichtig „eine
Banz auf das Leiden eingestellte Ethik" (160). Etwas kühn sieht C. bei
^use Umrisse der Sühneaskese des 17. Jahrhunderts aufleuchten
(160).

Wie die Rheingegend werden auch Flandern und die Niederlande
vom mystischen Strom und Eckhartschen Gedanken geprägt (199).
Hier ist Ruusbroec zu Hause, den C. einen „der größten mystischen
Schriftsteller des Abendlandes" (210) nennt. Ruusbroec, der durch die
Hadewijchs mit Eckhartschem Gedankengut vertraut gemacht wird
(203), insistiert in der Trinitätslehre mehr als Eckhart darauf, die Ein-
heit als potentielle Dreiheit zu interpretieren (221). Entscheidend für
den Menschen ist nach Ruusbroec, daß er den richtigen, den überna-
türlichen Weg zu Gott findet und nicht auf dem sinnlichen oder natür-
lichen Wege stehen bleibt. Der sinnliche Weg führtnurzum Erkennen
und Lob Gottes „auf Grund der äußeren Weltordnung", (222) der
natürliche „, die natürliche(n) Tugenden (zu) üben mit fremder Mei-
nung, ohne Antrieb des Heiligen Geistes'" (223). „Der einzige richtige
Weg. .. ist. .. der übernatürliche Weg, auf dem die Seele bewegt wird
.mittels des Heiligen Geistes, das ist die göttliche Liebe'" (225).

Wichtig für das Weiterwirken Eckhartscher Gedanken ist Nikolaus
von Kues, dem C. leider nur wenig Beachtung schenkt, (196-199) und
als karrieristischen „Streber,. . . nicht ein geistlicher Mensch" disqua-
lifiziert, dem er allerdings Genialität, enzyklopädisches Wissen und
kraftvolle Metaphysik nicht absprechen kann (1961). Angemessen ist
es dagegen, mit Josef Koch von einer „kongenialen Begegnung" (Mei-
ster Eckharts Weiterwirken im deutsch-niederländischen Raum, in:
Kleine Schriften I, Rom 1973, 452) zwischen Eckhart und Nikolaus
zu reden. (Vgl. R. Haubst, Nikolaus von Kues als Interpret und Ver-
teidiger Meister Eckharts, in: Udo Kern (Hrsg.), Freiheit und Gelas-
senheit. Meister Eckhart heute, München-Mainz 1980,75-96.)

Zuwenig differenziert sind C.s Ausführungen zur „Theologia

deutsch"......simple(n)r Moralismus" (1970 ist keine angemessene

Interpretationschiffre; das gleiche trifft für die Kennzeichnung des
Verfassers der „Theologia deutsch" als „Amateur" (196) zu. Richtig
betont C. die „zentrale Stellung" der Nachfolge Jesu in der Spirituali-
tät der „Theologia deutsch" (195) und die Bedeutung Taulers für die
„Theologia deutsch" (190). Wie Eckhart, nur nicht so metaphysisch
begründet, insistiert sie auf der Nichtigkeit der Natur und darauf, „daß
alles wahrer in Gott besteht als in sich selbst" (194). Das Verhältnis
Luthers, der von der deutschen Mystik „nichts anderes . .. gekannt zu
haben" „scheint" „als Tauler und die .Theologia deutsch'" (242), zur
„Theologia deutsch" und zur Mystik überhaupt wird bei C. außer
summarischen historischen Informationen (187,242) kaum ana-
lysiert.

Einfluß rheinisch-flämischer Mystik im 16. Jahrhundert sieht C.
bei den französischen Humanisten, die hier „Piatonismus zu finden"
glaubten (243). Das „letzte große Werk" der rheinisch-flämischen
Mystik ist die anonyme Schrift „Margarita Evangelica" (255), die ins-
besondere die mystische Identifikation des Christen mit Christus bis
zum mysteriellen Nachvollzug des Erdenlebens Christi vertritt (251).
Mit Blosius (1506-66), der die introversio. den Weg der Seele nach
Innen urgiert (260), kommt die direkte Wirkung der rheinisch-flä-
mischen Mystik an ihr Ende, aber als Einfluß auf andere Bewegungen,
die Gegenstand neuer Forschungsarbeit sein müßten, wirkt sie weiter
(2630- Blosius ist schon auf dem Weg zur Devotio moderna.

Erfurt Udo Kern

Böhme, Jacob: Von der Menschwerdung Jesu Christi, hrsg. u. kom-
mentiert v. G. Wehr. Freiburg/Br.: Aurum Verlag 1978. 243 S.

8°.

-: Von der Gnadenwahl oder Von dem Willen Gottes über die Men-
schen, hrsg. u. kommentiert v. G. Wehr. Freiburg/Br.: Aurum Ver-
lag 1978. 217 S. 8'.

-: Christosophiä. Ein christlicher Einweihungsweg, hrsg. u. kommen-
tiert v. G. Wehr. Freiburg/Br.: Aurum Verlag 1975. 217 S. 8'.

-: Theosophische Sendbriefe l. 1. Teil der vollständigen Ausgabe,
hrsg. u. kommentiert v. G. Wehr. Freiburg/Br.: Aurum Verlag
1979.207 S.8\

-: Theosophische Sendbriefe II. 2. Teil der vollständigen Ausgabe,
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