Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 4

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dem Interesse für das „Umfeld" vertragen ließe. Wenn nur das Zugeständnis
festgehalten wird, daß dadurch noch kein Beweis vorliegt, und daß „der Bogen"
Gregor - „Augustinerschule" - Staupitz - Karlstadt/Luther auch mit allem,
was bisher auf den Tisch gelegt wurde, noch mehr Probleme aufwirft als er löst,
scheint dies keinesfalls unmöglich. Das wird aber von den Beteiligten verlangen,
daß sie sich mehr für die Sache als für die Autoren anderer Meinungen interes-
sieren, was jedoch keine Überforderung sein dürfte. Dann könnten sowohl
„Feld" als auch „Umfeld" je das ihre erhalten.

Es dürfte deutlich sein, daß dieses Buch von Bedeutung ist. Mit ihm
haben die Mitarbeiter der Edition uns nicht nur einen zugänglichen
Text geschenkt, sondern außerdem auch anregende Beiträge zur
weiteren Diskussion geliefert. Sie haben mit Gelehrsamkeit und Fleiß
alles getan, um die Gregor-Hypothese lebendig zu halten. Daß sie
nicht überall die Hypothese unterstützen konnten, weil sie bisweilen
vom Material gezwungen wurden, von ihr abzusehen bzw. sie abzu-
schwächen, sollte man - als ein Zeichen ihrer Integrität - mit Dank-
barkeit und Anerkennung entgegennehmen.

Kopenhagen Leif Grane

Badewien, Jan: Geschichtstheologie und Sozialkritik im Werk Sal-
vians von Marseille. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1980.
211 S. gr. 8' - Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte,
32, Kart. DM 40,-.

Die Heidelberger Dissertation von 1978 wendet sich der viel unter-
suchten Schrift „De gubernatione Dei" des Salvian zu. Man hat diese
Schrift als Quelle für die Völkerwanderung und die Germanen ausge-
wertet, man hat sie mit Augustins „Gottesstaat" verglichen und die
Geschichtsschau Salvians näher untersucht; auch als Sozialkritiker ist
Salvian mehrfach gewürdigt worden. Jedoch „ist eigentlich nirgends
der Versuch unternommen worden, die so eigentümliche Verbindung
von Geschichtsinterpretation, Sozialkritik und theologischen Grund-
strukturen bei Salvian auf ihre innere Beziehung hin zu untersuchen"
(12). In diese Richtung will Badewien ein Stück vorstoßen. „Die Frage
nach der inneren Verbindung der einzelnen, von der Forschung zu oft
isolierten Themen in Salvians Werk steht hinter allen Abschnitten
dieser Arbeit" (13).

Teil A beschreibt den Aufbau der Quelle und will Salvian als Pre-
diger verstehen (29). Teil B „Salvians Geschichtstheologie und ihre
Prämissen" stellt Gerichtstheorie, Gesetz und Gottesbild an den An-
fang, ehe „Christologische und soteriologische Aspekte" (76-80) erör-
tert werden. Jesus wird von Salvian als Lehrer und Vorbild gesehen,
dagegen treten „die Heilsereignisse Inkarnation, Tod und Auferste-
hung in den Hintergrund" (77). Teil C „Konkretionen der Geschichts-
theologie Salvians" bringt die Fülle des Materials ein: Salvians Kritik
an der Lebensweise aller Christen (81-98), Salvians Kritik an den
Reichen und Mächtigen (99-115), Kontrastbilder zur römischen Ge-
sellschaft bei den alten Römern und den Barbaren (116-138). Salvians
„Zielperspektive" wird erarbeitet: Der Umgang des Christen mit dem
Besitz (141-148), Beispiele aus dem Alten Testament und der ältesten
Kirchengeschichte (149-151), die Verwirklichung bestimmter Ideale
im gegenwärtigen Mönchtum (151-157). B. faßt zusammen: „Die
ethische Besserung, der Gehorsam gegen Gott ist sein politisches Re-
formprogramm, beides geht bruchlos ineinander über. Die Rückkehr
zu den Gesetzen ist für ihn auch die einzige Möglichkeit, die Miß-
stände innerhalb der Gesellschaft abzuschaffen" (158). Neben dem
Ruf zur Buße kann man bei Salvian auch „eine theologische Hilfsar-
gumentation zum faktisch sich vollziehenden Arrangement der Be-
siegten mit den Siegern" sehen. Salvian „liefert eine Theorie, die diese
Zusammenarbeit von Goten und Römern legitimiert: Der neue Status
quo muß als Ergebnis des göttlichen Gerichts akzeptiert werden"
(161).

Teil D „Salvians Ort im Spektrum zeitgenössischer christlicher Ge-
schichtsinterpretation und Theologie" bringt eine anregende These:
Salvian wird in die Nähe des Pelagius gerückt. Zahlreiche Überein-

stimmungen mit pelagianischen Gedanken werden herausgearbeitet:
Willensfreiheit, Gnade und Gerechtigkeit, Gesetzesverständnis, Mög-
lichkeit eines sündlosen Lebens, Übereinstimmung in einzelnen
Punkten der Ethik, Übereinstimmung im Kirchenverständnis
(179-197). Hier führt B. weit über bisherige Beobachtungen hinaus
(177-179). Einen Abschnitt überschreibt er: „Salvians Konzeption als
Weiterentwicklung pelagianischer Ansätze" (197-199). B. behauptet:
„Salvians Geschichtstheologie beruht damit auf pelagianischen Theo-
logumena, nur hat Salvian deren ursprünglich auf das Individuum zie-
lende Form so umgewandelt, daß sie nun auf die ganze Gemeinschaft
der Christen bezogen sind. Auch die positive Beurteilung der Germa-
nen durch Salvian läßt sich am ehesten auf dem Hintergrund pelagia-
nischer Theologie verstehen: nirgends sonst steht christliches Leben
so hoch über dogmatisch richtigem Glauben, nirgends sonst wird
Glauben so eindimensional mit dem Handeln identifiziert wie in pela-
gianischen Schriften und bei Salvian" (198). B. erahnt wohl Gegen-
fragen und formuliert vorsichtiger: „Die zentrale Bedeutung der Ge-
rechtigkeit in allen Lebensbereichen, die Salvian mit den Pelagiancrn
verbindet, kann als mögliches Bindeglied zwischen Sozialkritik und
der zugrundeliegenden Theologie angesehen werden." Dann macht B.
selbst einen wichtigen Einwand: „Die einzelnen Gedanken sind auch
bereits vor Pelagius in christlich-asketischen Kreisen bekannt gewe-
sen" (199). Auch auf die doch erheblichen Unterschiede zwischen
Pelagius und Salvian macht B. selbst aufmerksam. Salvians Blick geht
weit über den des Pelagius hinaus: „Die Gesellschaft, die Staatenwelt,
die Barbarenstämme, soziale Interdependenzen sind in seinen Hori-
zont getreten. Um dies alles in ein Koordinatensystem zu bringen und
von christlicher Theologie her interpretieren zu können, hat Salvian
das pelagianische Gedankengut rezipiert und in entscheidenden
Teilen transformiert, mit Versatzstücken aus anderen Traditionen
(z. B. der Rhetorik) kombiniert und so einen durchaus eigenständigen
Versuch vorgelegt, seine Welt und die turbulenten Ereignisse zu ver-
stehen" (199).

Mögen die Einflüsse des Pelagius auf Salvian nun mehr oder weni-
ger groß gewesen sein - die Beschäftigung mit Salvian in dieser Gründ-
lichkeit ist auf jeden Fall ein Verdienst, die Hinweise auf Ähnlich-
keiten zwischen Pelagius und Salvian sind weiterführend und anre-
gend.

Rostock Gert Haendler

Cognet, Louis: Gottes Geburt in der Seele. Einführung in die Deut-
sche Mystik. Freiburg-Basel-Wien: Herder 1980. 287 S. 8". Kart.
DM 36,-.

Das anzuzeigende Werk ist 1968 in Paris unter dem Titel «Intro-
duction aux mystique rheno-flamands» erschienen. Die Übersetzung
für den Herderverlag besorgte August Berz. Louis Cognet (= C),
katholischer Priester und Professor am Institut Catholique in Paris, ist
Autor zahlreicher Werke zur Spiritualität und zur Mystik, hervorzu-
heben ist seine Mitarbeit am Standardwerk «Histoire de la spiritualite
chretienne». Wie der Züricher Germanist Alois M. Haas in seinem
Geleitwort zu C.s Buch betont (50, entspricht C. mit seiner Zuord-
nung von altdeutscher und altniederländischer Mystik einem be-
rechtigten Postulat Kurt Ruhs (Altdeutsche und altniederländische
Mystik, hrsg. von K. Ruh, Darmstadt, 1964, XI). - Den Höhepunkt
der rheinisch-flämischen Mystik sieht C. im 14. Jahrhundert (242).
Ihre „Leitsterne" sind Eckhart, Tauler, Seuse und Ruusbroec, die zu
den hervorragendsten Vertretern christlicher Spiritualität überhaupt
gehören (242, 167). In den darauffolgenden Jahrhunderten sinkt das
Niveau mystischer Schriften. Meister Eckhart, „der echte mystische
Erfahrung" kannte (29), steht im Vordergrund von C.s Arbeit. Aber
Eckhart ist „keine beziehungslose Einzelerscheinung", auch er und
sein hervorragendes Werk werden „durch seine Umwelt getragen"
(20). Diese ist durch drei Elemente gekennzeichnet: (/.) Der Piatonis-
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