Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

108.1983

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Theologische Literaturzeitung 108. Jahrgang 1983 Nr. 4

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eigene Strophe gebildet haben. Diese Strophe habe ein Kopist zuerst
überschlagen, nachher aber am Fuße des Gedichts niedergeschrieben,
vielleicht mit einem Vermerk. Ein späterer Kopist habe den Vermerk
ignoriert und die Zeilen aufs Geratewohl verteilt, wodurch unser Text
entstanden sei (S. 2570- Wer erwartet hätte, die Textumstellungen de
Wildes würden den Abschnitt im Zusammenhang besser verständlich
machen, wird enttäuscht. Die kühn rekonstruierten Verse 24,13-18a
erweisen sich als ein Fragment, das sich nirgendwo unterbringen läßt
S. 233! De Wilde vermutet, man habe sie als „hingekritzelte" Skizze in
der Mappe des Dichters gefunden.

Als ursprünglich heimatlosen und verirrten Text, ohne Zusammen-
hang mit dem folgenden „Lied von der Weisheit" betrachtet de Wilde
auch 28,1-4. Der schlechte Zustand dieser Verse soll zeigen, es gehe
um „lose Zeilen aus dem Portefeuille des Dichters, die von den Edito-
ren des großen Gedichts mit den Stücken in Kap. 24-27 ohne viel
Sorgfalt einfach publiziert worden sind", oder sie seien an den Rand
beigeschriebene Glossen (S. 269). Das Ausscheiden der Verse 1-4 ist
textkritisch schwach begründet und für die Auslegung des Liedes ver-
hängnisvoll. In ihnen kommt nämlich gerade das zum Vorschein, was
den Dichter fasziniert: die menschliche Tatkraft. Der Bergbau mit sei-
ner hervorragenden Technik und perfekten Organisation liefert das
glänzendste Beispiel menschlichen Könnes. Die erstaunlichen Ergeb-
nisse menschlicher Tüchtigkeit und Einsatzbereitschaft zwingen den
Dichter, nach der unsichtbaren Quelle dieser Leistungen zu fragen:
„Die Weisheit aber, wo wird sie gefunden, und wo ist die Stätte der
Einsicht?" V. 12 und 20. Was hierc/iofcma und bina genannt wird, ist
offenbar soviel wie Tatkraft, Energie, Tüchtigkeit. Diese schöpfe-
rische Macht, deren Wirkungen im Menschenleben spürbar werden,
hat ihren eigentlichen Sitz bei Gott. Als Ratgeberin stand sie in seinem
Dienst, als er die Welt schür, Hi 28,25 ff, desgleichen Spr 8,27 ff.

Lund GillisGerlemann

Bartczek, Günter: Prophetie und Vermittlung. Zur literarischen Ana-
lyse und theologischen Interpretation der Visionsberichte des
Arnos. Frankfurt/M.-Bern-Cirencester: Lang 1980. 330 S. m.
7 Abb. 8* = Europäische Hochschulschriften, Reihe XIII: Theo-
logie, 120.sfr56.-.

In dem anzuzeigenden Buch, einer überarbeiteten und zum Teil
erweiterten katholischen Dissertation aus Münster vom Winterse-
mester 1977/78, bietet der Verfasser nach Vorwort (S. 7) und einlei-
tenden Bemerkungen zum Problem der Visionsberichte in der alt-
testamentlichen Prophetie (L S. 9-14) die literarische Analyse der
Visionsberichte aus dem Amosbuch (II. S. 10-240) mit Literar-,
Form- und Gattungskritik sowie den Versuch einer theologischen
Interpretation der Visionsberichte des Arnos (III. S. 241-317). Er
unternimmt seine Arbeit in der Erwartung, „daß über die Vermittlung
v°n Visionsberichten etwas über Prophetie und Propheten auszu-
machen ist" (S. 12). Das Literaturverzeichnis (S. 319-330) beschließt
den Band.

Der Unterschied in der Formulierung der Überschriften befder
Hauptteile dürfte bewußt gewählt sein, denn der im Amosbuch ent-
haltene fünfte Visionsbericht (Am 9,1-4) wird im ersten Teil als epi-
gonenhafte Kopie erwiesen, die ein Bearbeiter eingefügt hat, und „als
sicher liquidiert" (S. 90), erscheint also künftighin nicht mehr unter
den Visionsberichten des Arnos, von denen ihm nur die ersten vier
bleiben.

Die umfangreichen literarkritischen Untersuchungen der Texte, bei
denen man freilich manchmal meint, man habe ein Buch aus dem
Jahre 1910 vor sich, bringen außer der Bestätigung der meisten in BHS
und Kommentaren vorgeschlagenen Emendationen einige neue Vor-
schläge. Am 7,4 möchte B. Irbb als unverständlichen Restbestand
eines Wortes oder mehrerer Wörter auffassen. Am 7,7 will er nach der
Einleitung nur hömal «näk (Zinnmauer) beibehalten und in V. 8b

statt kam lesen iämä und '"näk durch ^nähä (Seufzen, Stöhnen)
ersetzen.

Daraus ergibt sich sein Verständnis der vieldiskutierten dritten
Vision: Arnos schaut eine Zinnmauer, gebildet von den Schilden her-
anrückender Krieger, die Seufzen, Stöhnen bedeutet und bringen
wird. Wie in der vierten Vision handelt es sich also um einen Wort-
anklang.

Die form- und gattungskritische Untersuchung läßt erkennen, daß
die Visionsberichte verstanden werden wollen „als Gesichte, die Bot-
schaft sind und als Berichte, die Spruchautorität besitzen" (S. 153).
Ihren Sitz im Leben haben sie nicht im Frivaten und Exklusiven des
Erlebnisbereichs des Propheten, „sondern sie sind auf Öffentlichkeit
hin angelegt" (S. 201) und stellen sich als Reflexionen dar (S. 203).
Strukturell vergleichbar sind mit ihnen im Alten Testament nur die
Visionsberichte des Jeremia (Jer 1,11 f. 13f; 24,1 ff). Ähnlichkeiten
finden sich in Mari-Texten, die ausführlich herangezogen werden.

Die theologische Interpretation erweist die Visionsberichte als ein
eigenes Genre, das schöpferisch formgebend arbeitet; Bildhaftigkeit ist
ihr Konstitutivum. Sie sind Praxis- und nicht Gedankenmodelle,
„Rollenspiele im weitesten Sinn", wobei der Prophet als Initiator
angesehen werden kann (S. 277). Sie interpretieren und vermitteln
Unheil in seinem umfassendsten Anspruch, „nicht als strafende Reak-
tion ..., sondern als Interpretament im Heilsverständnis Israels, das
der Erweiterung und Vertiefung bedurfte ..." (S. 310).

Die weitere Forschung an den Visionsberichten des Amosbuches
wird sich mit dem vorgelegten Entwurf auseinanderzusetzen haben.
Was die Interpretation der dritten und die Liquidierung der fünften
Vision anbetrifft, dürfte damit noch nicht das letzte Wort gesprochen
sein. Die Frage der Herkunft der Visionen, bisher vorwiegend Gegen-
stand psychologischer Erwägungen, bleibt offen und verlangt nach
theologischer Klärung. Und ob mit der in der Linie früherer Exegeten
liegenden Abschwächung der Unheilsdrohung des Arnos die Aussage
der Visionsberichte getroffen oder nicht vielmehr gründlich verfehlt
wird, muß man fragen.

Freilich ist die Auseinandersetzung mit dieser Arbeit nicht einfach.
Zum einen, weil sie zu breit und weitläufig angelegt ist. Zum anderen
aber, weil sie die Zahl der Bücher vermehrt, deren Gedankengänge
und Aussagen von modernen linguistischen und soziologischen Theo-
rien so stark geprägt sind, daß sie zwar vielleicht den Eingeweihten
verständlich reden, aber nicht mehr in der Lage sind, in deutlichen
Worten zu sagen, was sie meinen.

Salzgitter Gerhard Pfeifer

Judaica

Offerhaus, Ulrich: Komposition und Intention der Sapientia Salo-
monis. Diss. ev.-theol. Bonn 1981.405 S. 8".

Kümmel, Werner Georg: Jüdische Schriften aus hellenistisch-
römischer Zeit, hrsg. in Zusammenarb. m. Ch. Habicht, O. Kaiser,
O. Plöger, J. Schreiner. III: Unterweisung in lehrhafter Form. Lfg.
4: Dieter Georgi: Weisheit Salomos. Lfg. 5: Georg Sauer: Jesus
Sirach (Ben Sira). Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn
1980. 1981. S. 389-478.481-644 gr. 8*. Kart. DM 40,-; 84,-.

Dem Herausarbeiten der Komposition der Sap hat O ffe r h a u s den
weitaus größten Raum gewidmet (29-221, Anm. dazu S. 284-350).
Dagegen „sind alle traditions- und religionsgeschichtlichen Fragen
ausgeklammert" (4)'. Gesichtspunkte für den Aufbau ergeben sich
freilich nicht nur an Hand formaler Beobachtungen (wie Inklusionen,
Verstrebungen, Aufreihungen, Gegenüberstellungen, Überleitungen
usw.), sondern auch vom Inhalt her; eines stützt das andere. Die vor-
ausgesetzte Interpretation wird im allgemeinen thetisch vorgeführt,
muß aber mitunter auch spezieller begründet werden. Sagt O., er habe
„sich im wesentlichen auf die durchgängige Arbeit mit den Kommen-
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