Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

107.1982

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Theologische Literaturzeitung 107. Jahrgang 1982 Nr. 6

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Hörer aufzuschließen. Diese Theorie Ian Ramseys befindet sich
ihrerseits innerhalb der Grenzen der Sprachanalytischen Philosophie,
das heißt: Sie ist eine Deutung der religiösen Sprache in
dem Sinne, daß sie klarmacht, daß religiöse Sprache (sich in Glau-
bensaussagen äußern) nicht notwendigerweise als Unsinn zu betrach-
ten ist, wenn man nur darauf achtet, daß diese Sprache disclosure
einer anderen Wirklichkeit beabsichtigt.

Hier sehe ich aber auch die Grenzen der Verwendbarkeit der
Sprachanalytischen Philosophie: Es klebt etwas Apologetisches
daran. Von meinen Prämissen her liegen die Grenzen der Sprach-
analyse genau dort, wo sie den Eindruck erweckt, mehr leisten zu
können als sie in Wirklichkeit tut. Sprachanalyse beantwortet nicht
die kognitive Frage, kann sie auch nicht beantworten. Ich sage nicht,
daß sie vorgibt, daß sie es kann, aber sie macht oft den Eindruck, daß
man von dieser Frage erlöst ist, wenn man nur mit Hilfe der Sprach-
analyse gelernt hat, die Eigenart der religiösen Sprache zu erkennen.

Ich meine, daß die Erkenntnisfrage (das kognitive Moment in den
Glaubensaussagen) sich immer wieder meldet als ein unbewältigtes
Problem, das nicht bewältigt worden ist von der Sprachanalyse, weil
es eben kein sprachliches Problem ist, sondern ein erkenntnistheore-
tisches oder wenn man will: ein wissenschaftstheoretisches Problem.

Ich füge dem Gesagten noch eine Bemerkung über die Metapher
bei, denn - wieder von meinen Prämissen aus - hier haben wir auch
den Ort, wo die Diskussion um die Metapher zu Hause ist.

Wenn ich es recht sehe, so ähneln sich die neueren Metaphertheorien
(die sogenannte kreative Metapher) und die disclosure-Theohe Ian
Ramseys. Eine Metapher zu benützen bedeutet, eine Sprachhandlung
auszuführen, und was da geschehen soll mit Hilfe der Metapher, ist,
daß die Wirklichkeit Gottes - wenn es Ihm gefällt - sich aufschließt.
Die Kraft der Metapher ist eben noch größer und soll Erkenntnis brin-
gen, die vorher noch nicht da war. Jedenfalls gibt es Metaphern, deren
kognitive (erkenntnisvermittelnde) Funktion darin besteht, daß sie
nicht, sozusagen, zurückzuparaphrasieren sind in nicht-metaphorische
Sprache. Die Metapher bringt etwas Neues, sie offenbart.

Ich bin von der Richtigkeit dieser Konstruktion nicht ganz über-
zeugt, aber es ist jetzt nicht meine Absicht, darauf einzugehen. Hier
war es nur mein Anliegen, zu zeigen, wo die Diskussion über die
Metapher zu Hause ist: eine Metapher anzuwenden bedeutet, eine
Sprachhandlung auszuführen, die so oder so gedeutet werden kann,
die diese oder jene Kraft, und wäre es möglich: Offenbarungskraft,
haben kann - aber das alles ist eine Analyse der gesprochenen Spra-
che. Was diese Analyse nicht kann, was also auch die Benutzung
einer Metapher nicht kann, ist die Lösung der allesentscheidenden
Frage nach der Kognitivität: woher weiß ich, daß diese oder jene
Glaubensaussage Erkenntnis vermittelt?

Den anderen Zweig der Sprachphilosophie - über den ich jetzt
noch kurz referieren möchte - habe ich die kontinentale Sprachphilo-
sophie genannt. Ich meine damit die Philosophie, die die Sprache als
solche, als Phänomen, sagen wir, zum Gegenstand hat. Wie eine sol-
che Philosophie aussieht, hängt selbstverständlich davon ab, wie der
betreffende Philosoph über Philosophie denkt. Steht er auf der Seite
der sogenannten wissenschaftlichen Philosophie, so wird seine
Sprachphilosophie der Linguistik nahe stehen oder auch der Sprach-
analyse. Sieht er aber Philosophie als Reflexion über das Sein des
Menschen in der Welt, über das Dasein oder wie man es auch sagen
möchte, so ist Sprachphilosophie für ihn Philosophie vom Menschen.
Ist er außerdem Christ oder sogar Theologe, so ist er in seiner Sprach-
philosophie der Frage zugewandt, was Gott und der sprechende
Mensch miteinander zu tun haben. Kurz, es gibt hier viele Möglich-
keiten, die alle darauf zurückgehen, daß Philosophie eine ganz freie
Sache ist. Hausbacken gesagt: Der Sprachphilosoph ist einer, der
seine persönlichen Gedanken über Sprache hat, uns mitteilt, was er
gedacht hat, und sodann abwarten muß, ob dieser oder jener mit
seinen Gedanken etwas anfangen kann.

Ich mache von diesen Selbstverständlichkeiten Meldung, weil sich
eben auf diesem Wege die Theologie mit der kontinentalen Sprach-

philosophie eingelassen hat. Man muß sich nicht mit Heidegger ein-
lassen, ich meine: es war keine Verpflichtung für Theologen, aber es
gab und es gibt Theologen, die mit der (Sprach)philosophie Heideg-
gers etwas anfangen konnten und sie für die Theologie nützlich zu
machen wußten, vor allem im deutschen Sprachgebiet. So erklärt sich
- jedenfalls weiß ich keine bessere Auskunft -, daß kontinentale
Sprachphilosophie praktisch als Hermeneutik in der Theologie wie-
derkehrt. Von der Hermeneutik müßten wir jetzt also reden, als auch
einer Beschäftigung von Theologen mit Sprache.

Ich tue das kurz, erstens weil der Begriff Hermeneutik so vieldeutig
geworden ist, daß man fast an sich selbst verzweifelt, wenn man ver-
sucht, einige Ordnung in diese Vielfalt zu bringen. Zweitens ist es
nicht mein Auftrag, über Hermeneutik zu referieren, sondern über
die Beschäftigung mit Sprache, wie diese sich unter anderm in einer
Vielfalt von hermeneutischen Theorien zeigt.

Nun, wie sieht diese Beschäftigung aus? Wenn ich es recht sehe, so
gibt es eine Tendenz in der Hermeneutik, sich loszusagen von der
langjährigen Verbindung mit der Sprachphilosophie (im kontinenta-
len Sinne) und sich mehr als vorher von der Semiotik und der Litera-
turwissenschaft leiten zu lassen. Darauf komme ich sogleich zurück.
Wie diese Entwicklung vor sich gegangen ist, könnte ich folgender-
maßen beschreiben. Als ich selbst Theologie studierte (in der unmit-
telbaren Nachkriegszeit) war Hermeneutik die methodisch ausgeübte
Kunst, einem Text - einem Sprachgewebe - aus der Vergangenheit
seine Bedeutung für heute zu entwinden, indem die Bedeutung, die
dieser Text damals hatte, rekonstruiert wird. Die Bedeutung wohnte
sozusagen in den Texten, und deshalb galt es geduldig und gehorsam
zuzuhören, wenn man als Leser oder Zuhörer die Bedeutung nicht
verfehlen wollte.

Dann kam die, sagen wir, Gadamer-Phase: Der Text steht nicht
mehr oberhalb von Leser oder Hörer, aber beide - Text und Hörer -
haben dieselbe Autorität: die Welt des Textes und die Welt des
Hörers schmelzen zusammen, und auf diesem Wege entsteht oder
wächst sozusagen für uns die Bedeutung eines Textes; oder auch
nicht!

Heute wird Hermeneutik oft beschrieben als ein Prozeß von Bedeu-
tung geben oder erteilen an einen Text, dem von sich aus keine
Bedeutung für uns (mehr) innewohnt.

Also eine Entwicklung von Zurückholen via Entstehung bis zur
Konstruktion von Bedeutung. Oder anders gesagt: vom Text ober-
halb des Hörers via: Hörer und Text im Gleichgewicht, bis zum Hö-
rer oberhalb des Textes. Wie schon gesagt: Hinter dieser Entwicklung
steckt der wachsende Einfluß von Semiotik und Literaturwissen-
schaft. Moderne Literatur-ob Gedicht oder Prosa - hat, genau so wie
bestimmte Richtungen in der Malerei, die Tendenz, es den Benutzern
zu überlassen, was sie daraus machen wollen. Soll man es so auch den
Benutzern der Bibeltexte überlassen, was sie daraus machen? Das ist
die Frage.

Wir haben gesehen: Beschäftigung von Theologen mit Sprache
beinhaltet auch Beschäftigung mit Sprachphilosophie, namentlich
soweit diese sich in der Hermeneutik eingenistet hat. Vergessen wir
aber nicht, daß Hermeneutik nicht nur Elemente der Sprachphiloso-
phie in sich hat, sondern auch Beziehungen zu anderen Formen von
Beschäftigung mit Sprache, wie Literaturwissenschaft und - aber das
gehört nicht hierher - mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen
außerhalb der Theologie.

III. Die Logik

Ich komme zum dritten Abschnitt: Beschäftigung mit Sprache
beinhaltet auch Beschäftigung mit der Logik. Aus mehreren Gründen
fasse ich mich hier kürzer als bei den anderen Abschnitten.

Einmal, weil andere eine viel größere Kompetenz dazu haben als
ich (es sei hier an die Arbeit von Joachim Track erinnert). Und zum
zweiten, weil man einerseits die logischen Exercitia und Experimente
ein selbständiges, formal-wissenschaftliches Gebiet nennen muß,
aber anderseits mit der Logik eine Wiederholung der Alltagssprache
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