Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

107.1982

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Theologische Literaturzeitung 107. Jahrgang 1982 Nr. 6

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selben Seite, wo er das unpersönliche „es regnet" verurteilt, ja in eben
demselben Satz sagt er (ich zitiere): „es wird die Welt hier einem
unpersönlichen Gang überantwortet" und auf der nächsten Seite: „es
gibt viele Götter". Das braucht uns nicht zu wundern; wie könnte
man es anders formulieren? Würde man das „es" hier persönlich
machen, so käme etwas Außerordentliches heraus. Das Fazit ist doch
wohl, daß man nicht weit kommt mit derartigen Bemühungen. Ich
erinnere noch an Karl Barth, der sich leidenschaftlich wehrte gegen
die Frage: „Gibt es einen Gott?", weil es eben keinen Gott gibt,
sondern weil Gott ist. Man kann sich aus guten Gründen gegen die
Frage „Gibt es einen Gott?" wehren, aber zu diesen guten Gründen
gehört nicht, daß die Formel „es gibt" zu unpersönlich sei, um auf
Gott angewandt werden zu können.

Ich schließe meinen ersten Punkt hiermit ab. Es war nur die Ab-
sicht, zu erläutern, daß die Kenntnis einiger Ergebnisse der Linguistik
einen davor bewahren kann zu stolpern, wenn es um Theologie und
Sprache geht. Wenn' man sich als Theologe schon über Sprache
äußern möchte, dann nicht ohne Kenntnis der Linguistik.

II. Sprachphilosophie

Nicht nur die Wissenschaft beschäftigt sich mit Sprache, auch die
Philosophie. Ich benütze als Oberbegriff aller philosophischen Be-
schäftigungen mit Sprache den Begriff Sprachphilosophie, aber unter-
scheide zwischen Sprachphilosophie im Sinne der (Sprach)analyti-
schen Philosophie, wie diese in England populär geworden ist, und
der kontinentalen Philosophie der Sprache. Was beide mit Theologie
zu tun haben, oder umgekehrt: was Theologie mit diesen beiden
Arten von Sprachphilosophie zu tun hat, läßt sich leicht zeigen. Die
analytische Philosophie hat eine Reihe von Theologen herausgefor-
dert, Glaubensaussagen (oder sogar theologische Aussagen) mit Hilfe
der analytischen Philosophie neu zu interpretieren, was in einigen
Fällen sogar in eine Art analytische Theologie mündete. Die konti-
nentale Philosophie hat sich niedergeschlagen in der Hermeneutik
und damit eben die Hermeneutik zu einer der fundamentalen, aber zu
gleicher Zeit am schwierigsten zu definierenden Elemente der euro-
päischen - zumal der deutschen - Theologie gemacht.

Über diese beiden Arten von philosophischer Bemühung mit
Sprache werde ich mich kurz äußern. Nur soviel sei vorgetragen, wie
für mein Ziel nützlich ist: Einige Klarheit zu schaffen über die mög-
liche Beschäftigung von Theologen mit Sprache.

So kann ich, um mit der (Sprach)analytischen Philosophie anzu-
fangen, nicht daran denken, eine Übersicht über die Entwicklungen
zu geben, die diese Art von Philosophie durchgemacht hat. Ich werde
nur das aus dem Ganzen herausgreifen, worum es sich immer wieder
dreht, wenn Theologen sich in die Probleme der Sprachanalyse ein-
mischen.

Sprachanalytische Philosophie ist eigentlich nicht Philosophie im
üblichen Sinne des Wortes. Sie hat nicht die Sprache als solche zum
Gegenstand ihrer Bemühungen, sondern konkrete Aussagen, die
Menschen machen, um einander zu verstehen. Voraussetzung der
Sprachanalyse ist, ganz pauschal gesagt, daß viele, vielleicht die
meisten philosophischen Probleme gelöst werden können, wenn wir
uns nicht so von der Sprache behexen ließen.

Also Clarification der gesprochenen Sprache ist das Schlüsselwort.
Ein holländischer Dichter hat einmal geschrieben (und das positiv ge-
meint): Lies mal, es steht nicht da was da steht. So könnte man die
analytische Philosophie mit dem Satz charakterisieren (aber diesmal
lst er kritisch gemeint): Hör mal, du sagst nicht, was du sagst; du sollst
deine Äußerung von Zweideutigkeiten säubern.

Was hat Theologen fasziniert - oder zumindest angezogen - an der
Sprachanalytischen Philosophie? Ganz einfach gesagt: das Problem
der Bedeutung einer Aussage. Auf die Theologie zugeschnitten: das
Problem der Bedeutung von Glaubensaussagen oder in der Termino-
'°gie Ramscys: Die Bedeutung des God-talk.

Bultmann hat einmal die Frage gestellt: Welchen Sinn hat es, von
Gott zu reden? Seine Voraussetzung war, daß dem God-talk jeden-

falls ein Sinn abzugewinnen ist. Aber die Analytiker der ersten
Stunde fragten ganz schlicht: Hat es Sinn von Gott zu reden? und
beantworteten diese Frage mit einem klaren Nein. God-talk ist non-
sense, Sprache ohne Bedeutung. Die Analytik hat also angefangen als
Herausforderung an die Theologie.

Gewiß hat man schon früh erkannt, daß ihr Kriterium für Bedeu-
tung / bedeutungslos (sense/non-sense) stark vom Positivismus ge-
prägt war: Aussagen haben Bedeutung, wenn sie Erkenntnis vermit-
teln (kognitiv sind) und sie vermitteln Erkenntnis, wenn sie einer
empirischen Überprüfung ausgesetzt werden können. Da gibt es kei-
nen Raum mehr für Glaubensaussagen.

Hat die nachher eintretende Lossagung vom strengen Positivismus
die Lage verbessert? Das ist die Frage.

Eigentlich besteht die spätere Loslösung vom Positivismus darin,
daß man zugesteht, daß Aussagen Bedeutung haben können ohne
erkenntnisvermittelnd zu sein, also eine Bedeutung haben können
ohne kognitive Komponente. Wenn einer sagt: „Gott ist mein Lied",
so spricht er zwar keinen non-sense; es ist eine Aussage voller Bedeu-
tung, aber sie ist nicht kognitiv zu verstehen. Was er sagt, ist so etwas
wie: „Ich bin heute froh" oder „Ich möchte heute gerne singen". Eine
schöne Beobachtung! Es steckt etwas Richtiges darin und manche
Theologen freuten sich über dieses Ergebnis: sogar die Sprachanalyse
kann etwas mit Glaubenssätzen anfangen. Die Frage bleibt aber bren-
nend, ob die Bedeutung - man sieht wie unumgänglich sich immer
wieder die Bedeutungsfrage einstellt - der Glaubensaussage „Gott ist
mein Lied" erschöpft ist mit der Wiedergabe „Ich bin heute froh".

Da hat sich zur rechten Zeit John Langshaw Austin - Impulsen des
späteren Wittgenstein folgend - eingestellt und klar gemacht, daß eine
Aussage jedenfalls einen Sprecher voraussetzt, und daß ein Sprecher
etwas beabsichtigt mit seiner Aussage. Wir tun also etwas, wenn wir
Aussagen machen, und die Bedeutungsfrage kann, wie Austin hervor-
hob, nur dann richtig beantwortet werden, wenn wir Aussagen als
Sprachhandlungen verstehen. Fragen wir also: was ist das für eine
Sprachhandlung, wenn ich sage „Gott ist mein Lied".

Diese Hinwendung zur gesprochenen Sprache, also bei der Frage
nach der Bedeutung einer Glaubensaussage beim Sprecher einzuset-
zen, der die Aussage macht, kann - es sei nur nebenbei bemerkt -
noch einmal einem Mißverständnis über die Bedeutungsfrage zuvor-
kommen.

Wir fragen z. B., wenn wir nach Bedeutung fragen, nicht, was das
Wort Gott bedeutet, sondern was ein Sprecher oder ein Text, in dem
das Wort Gott benützt wird, mit dem Wörtlein Gott meint. Oder noch
etwas stärker zugespitzt: es geht in der Bedeutungsfrage nicht darum, ob
wir Gott begreifen können, sondern darum, ob wir begriffen haben, was
unser Nachbar meint, wenn er Gott zur Sprache bringt.

Es zeigt sich als lohnend, namentlich unter Theologiestudenten
ausdrücklich auf dieses Mißverständnis hinzuweisen.

Zurück zum Hauptthema dieses Abschnittes: Die Sprachanalyse.
Man kann sagen, daß die oben referierte sprachanalytische Position
große Bedeutung erlangt hat für die Wertschätzung religiöser
Aussagen überhaupt. Solche Aussagen sind also nicht als Unsinn zu
betrachten, sondern können mit gutem Gewissen, mit Glanz und
Ehre sogar verglichen werden mit ähnlichen Sprachhandlungen auf
nicht-religiöser Ebene. Sich selbst verpflichten, sich engagieren,
Bekenntnisse machen, um einige Sprachhandlungen anzuführen, das
alles tun Menschen auch außerhalb der religiösen Sphäre mit ihrer
Sprache. Mir scheint das Fazit der analytischen Sprachphilosophie zu
sein: Aufwertung der Glaubensaussagen. Nach einer Zeit von Gering-
schätzung unter dem Einfluß des logischen Positivismus hat die reli-
giöse Sprache wieder ein Gesicht bekommen, könnte man sagen. Sie
kann auch positiv gedeutet werden. Dasselbe scheint mir im Großen
und Ganzen von der Arbeit Ian Ramseys gesagt werden zu können.
Seine Theorie über die religiöse Sprache als disclosure (Auf-
schließung - wortwörtlich übersetzt) besagt, daß religiöse Sprache das
Vermögen hat - wenn es Gott gefällt, hätte Karl Barth sicherlich
hinzugefügt - die religiöse Wirklichkeit, also Gott selber, für die
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