Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

107.1982

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Theologische Literaturzeitung 107. Jahrgang 1982 Nr. 6

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sind, oder doch praktiziert werden sollten, wenn sie sich überhaupt
mit dem Sprachproblem abgeben. Diese fünf Weisen von Beschäfti-
gung mit Sprache sind:

1. Allgemeine Sprachwissenschaft oder Linguistik

2. Sprachphilosophie

3. Logik

4. Semantik

5. Literaturwissenschaft.

Vorausgesetzt ist dabei, daß Theologie eine eigene Fachdisziplin ist
und daß sich der Theologe bei einer Beschäftigung mit Sprache
außerhalb seines eigenen Fachgebietes begibt. Am Schluß wird meine
Frage sein:. Soll er das tun oder geht es auch ohne?

I. Die allgemeine Sprachwissenschaft oder Linguistik

Müssen Theologen etwas von Linguistik wissen? Das steht nicht
fest. Auf den ersten Blick möchte ich die Frage sogar verneinen, weil
ein Theologe doch auch nicht, um über das Nachdenken reden zu
können, das menschliche Gehirn studiert haben muß, oder um über
das Leben zu predigen, von der Biologie etwas wissen muß. Dennoch
meine ich, daß es gut wäre, wenn wir - und wenn unsere Studenten -
einige Kenntnisse dieser allgemeinen Sprachwissenschaft besäßen.
Mein Argument: Es wird viel über Sprache theologisiert und philoso-
phiert, ohne daß es auf Ergebnisse der Linguistik zurückgeht oder es
steht sogar mit diesen Ergebnissen im Streit. Umgekehrt gesagt:
Kenntnis der Linguistik kann einen vor dem Stolpern bewahren,
wenn man sich als Theologe mit Sprache beschäftigt.

Zur Definition: Linguistik oder Allgemeine Sprachwissenschaft ist
die wissenschaftliche Beschäftigung mit der menschlichen Sprache als
solcher; Philologie ist wissenschaftliche Beschäftigung mit einer
Sprache, und Sprachphilosophie ist Nachdenken über die Sprache als
solche, wünschenswerterweise gestützt auf die Ergebnisse der allge-
meinen Sprachwissenschaft. Diese letzte Bemerkung füge ich, wie
sich bald erweisen wird, nicht ohne Absicht hinzu. Ich schließe einige
Beobachtungen an. In den Niederlanden gibt es ein Büchlein mit dem
Titel: „Theologie der Sprache". Es wurde von einem renommierten -
jetzt verstorbenen - Schriftsteller verfaßt, der die Sprache als Kommuni-
kationsmedium so hoch schätzte, daß er sie nur noch theologisch zu
kommentieren vermochte. Das heißt, er sah sie als Medium der Offen-
barung Gottes. Der theologische Kommentar gilt in diesem Falle der
Sprache als solcher, sagen wir: der Sprache als Phänomen. Ist damit
schon viel, vielleicht zu viel gesagt, auffallend wird Theologie der Sprache
- oder werden theologische Bemerkungen zur Sprache - erst dann, wenn
es sich dabei um theologische Bemerkungen zu bestimmten Ausdrücken
einer bestimmten Sprache handelt.

Dazu deute ich nur in Kürze folgendes an: Thorleif Bomans Arbeit
über das hebräische Denken hat viele Theologen dazu veranlaßt, in
bestimmten hebräischen Wörtern und Satzkonstruktionen einen
Mehrwert gegenüber unseren eignen europäischen Sprachen zu fin-
den, einen Offenbarungsgehalt, der sich kaum übersetzen läßt, da
traducere ein tradere bedeutet. Genau das Unübersetzbare ist also der
Offenbarungsinhalt. So kann es geschehen, daß ein Pfarrer am Sonn-
tag die Gemeinde überfällt (ganz wörtlich) mit dem Aufruf zum
Tesjoeva oder seine Gemeinde nach Hause schickt im Namen des
Masschiachs Jehoshua.

Was ist verkehrt daran, so könnte man sich fragen: Nur, daß die
Gemeinde erschrickt, weil sie meint, ihr Pfarrer rede in Zungen? Ge-
rade die allgemeine Sprachwissenschaft kann sagen, woran es fehlt.

Zum ersten: Eine derartige Theologie der Sprache, wie sie unser
Pfarrer vertritt, zieht ihre Folgerungen (wenn es überhaupt um Folge-
rungen geht!) aus nur einer Sprache. Theologie der Sprache - wenn
schon gestützt auf Ergebnisse von Forschung^- ist also im besten Fall
Theologie der deutschen Sprache, oder der niederländischen Sprache.
Das bedeutet, daß diese Theologie im besten Fall - dasselbe gilt von
der theologischen Wertung der hebräischen Sprache - gegründet ist
auf eine nur kleine Zahl von Besonderheiten von nur einer kleinen
Zahl von miteinander verglichenen Sprachen, Hebräisch zum Bei-

spiel, verglichen mit Holländisch oder Deutsch oder vielleicht im
vorliegenden Überblick auch noch einmal mit Englisch.

Aber es gibt (1) viel mehr Sprachen als diese. Genau das ist es, was man
bei der Linguistik lernen kann: Über das Phänomen Sprache vermag
man nur Aussagen zu machen, wenn man soviel Sprachen wie möglich
in soviel Facetten wie möglich zu erforschen versucht hat.

Und (2) ist die Voraussetzung, daß sich in der Sprache das Lebens-
gefühl, die Lebensphilosophie oder gar das religiöse Denken nieder-
geschlagen hat, von der Linguistik her eine falsche Annahme. Das
Band zwischen Sprache und Lebensorientierung ist viel lockerer als
von vielen Theologen angenommen wird. Gerade die Linguistik kann
uns das zeigen.

In der Linguistik unterscheidet man zwischen langue (englisch:
language) und parole (englisch: speech); benützt man also zwei
Worte, wo wir das eine Wort Sprache benützen. Langue (language)
und parole (speech) verhalten sich zueinander wie das Kapital zum
Handel, den man nicht ohne Kapital treiben kann. Oder, ohne Bild
gesagt, langue ist Sprache als System, und parole ist Sprache als Spre-
chen. Nun bringen wir gewiß mit dem Sprechen unserer Sprache
unseren Glauben, unser Lebensgefühl (oder was man weiter noch
sagen will) zur Sprache, aber was die Linguistik uns lehrt ist, daß es
eben keine natürliche Verbindung gibt zwischen Wort und Sache
(oder Handlung), genauer gesagt: es gibt keine natürliche Verbindung
zwischen dem Wort als Zeichen und dem, was damit gemeint wird.

Das ist eine der vier Universalien der menschlichen Sprache als
System, also als langue. Ich nenne sie alle vier:

1) Das Band zwischen Wort-Zeichen und Wort-Bedeutung ist nicht
natürlich, sondern konventionell.

2) Worte sind polysem, das heißt: mehrdeutig und eben darum in
einer Vielfalt von Situationen anwendbar.

3) Kontext und Situation determinieren die Bedeutung der Worte.

4) Die Strukturen einer Sprache (langue) sind weder logisch noch
natürlich, sondern konventionell.

Ich gebe zwei Beispiele, die verdeutlichen sollen, wie Erkenntnisse
der Linguistik uns vor theologischen Fehlschlüssen bewahren kön-
nen. Die Hebräer dachten noch konkret und kannten also keine
Abstrakta, so wie wir sie kennen. Denn wo wir von Ewigkeit
sprechen, einem Abstraktum, da redet der Hebräer von olam, was
eine konkrete lange Zeitstrecke bedeutet. Eigentlich hat der Hebräer
kein Wort für Ewigkeit.

Eine solche Argumentation hört man öfters, wenigstens bei uns in
den Niederlanden. Man kann aber erstens fragen, was dann der He-
bräer sagen würde, wenn er das, was wir Ewigkeil nennen, zur
Sprache bringen möchte? Sollte es so sein, daß er darüber überhaupt
nicht sprechen konnte, oder kannte er vielleicht andere Hilfsmittel,
um zu sagen, was wir mit „ewig" ausdrücken? Zweitens: ist der
Unterschied zwischen dem hebräischen olam und dem deutschen
ewig so groß wie man sagt? Keineswegs, denn wenn die Bedeutung
von olam gefunden werden soll durch einen Rekurs darauf, was olam
„eigentlich" bedeutet - etymologisch also -, dann kann man dasselbe
mit dem deutschen Wort „ewig" machen, und findet dann bald
heraus, daß ewig eigentlich eine „aevum"-Zeit bedeutet, also hundert
Jahre, was hieße, daß die deutsche Sprache noch konkreter redete als
die hebräische usw. Ein anderes Beispiel: Rosenstock-Huessy be-
dauert es, daß sich die deutsche Sprache des Ausdrucks „es gibt" oder
„es regnet" bedient. Das leere Wörtchen „es" mache klar, wie unsere
Welt allmählich an das Unpersönliche verfalle. Die Gnechen sagten
ja noch: Zeus regnet, benützten also noch eine Subjektskonstruktion.

Nun würde ich unsere Verfallenheit an das Unpersönliche nicht so-
fort bestreiten. Vielleicht ist die unpersönliche Welt uns zu mächtig
geworden. Aber das Unpersönliche kommt weder von der Sprache
her über uns, noch schlägt es sich als Lebensgefühl in der Sprache
nieder.

Die Sprache (langue) hat ihre Konventionen, die nicht zurückzu-
führen sind auf Motivationen des Sprechers. Sie sind eben da, und
auch Rosenstock-Huessy kann sich aus ihnen nicht befreien. Auf der-
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