Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

107.1982

Zitierlink

169

Theologische Literaturzeitung 107. Jahrgang 1982 Nr. 3

170

durch welche die ganze Heilige Schrift klar wurde. Deshalb kann er Luther hat nämlich ein sehr eigenes Motiv zu einer hermeneutisch
auch den Römerbrief in der Vorrede 1522 zu ihm „ein helles Licht, wirksamen Grundkategorie für die Beurteilung der einzelnen bibli-
fast genugsam [= ganz ausreichend], die ganze Schrift zu erleuch- sehen Bücher ausgeprägt, das heute fast ökumenische Anerkennung
ten" , nennen. hat. Es geht um Christus als die Mitte der Heiligen Schrift. Er hat dem
Diese theologische Erkenntnis zur Heiligen Schrift ist wiederum in seinem Grundkriterium des „Christum-Treibens" so nachdrück-
exegetisch aus der paulinischen Gegenüberstellung von „Buchstabe" lich wie sonst kaum einer Ausdruck gegeben. Damit trennt er apo-
und „Geist" im 2. Korintherbrief genommen (vgl. 2 Kor 3,6). Der üb- stolisch von nicht-apostolisch und kann dem Jakobusbrief, dessen
liehe Gegensatz im Gebrauch dieser Trennung von Buchstabe und Bezeichnung als „stroherne Epistel" ihm heute auch gern von evan-
Geist für den zweifachen Schriftsinn bei der altkirchlichen hermeneu- «eliscner Seite angelastet wird, so herrliche Stellen wie Jak 1,18: „Er
tischen Theorie wurde durch Luthers Unterscheidungen von altem hat uns geschaffen nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit,
und neuem Bund, von Gesetz und Evangelium, von Dienst am Ge- auf daß ™r waren Erstlin8e seiner Kreaturen", als apostolisch ent-
setz und Dienst am Evangelium abgelöst, die er im Gegenüber zur nehmen." „Wenn man aber die Frage stellt, ob Luther die vier ausge-
alten Art, die Heilige Schrift auszulegen, als neu notwendig einge- sonderten Schriften innerhalb oder außerhalb des neutestamentlichen
führt hatte. Deshalb ist - wie Luther zugespitzt im Blick auf die Theo- Kanons gestellt wissen will, läßt sich keine begründete Antwort ge-
logie einmal sagte - Bücherschreiben eigentlich überflüssig, jedenfalls ben- In sPateren Ausgaben wurde das Inhaltsverzeichnis des Neuen
kein neutestamentlich gebotenes Tun, und die Kirche Christi ist ein Testaments normalisiert, die auffällige Neugestaltung der Reihen-
..Mundhaus" kein Federhaus" 28 folge der Schriften blieb aber in lutherischen Bibelausgaben bis in un-
^ sere Zeit erhalten. Die theologischen Urteile, die er in den Vorreden

Den Satz: „Das Gesetz tötet, aber der Geist macht lebendig", wie c . l. ic->-ir __, , . . ...

„ . ., ' ^ ' seines Septembertestaments von 1522 formulierte, hat Luther selbst

Paulus ihn 2Kor3,6 nahelegt (vgl. Gal2,19; Röm4,15; 8,2; 10,4), , „ . .... • .. . _ c ■ A ... .

, . ovo »,,,./, der 5acne nacn spater nicht geändert. Seinen Anhängern wurden sie

oezieht Luther auf eine steril wirkende Schriftlichkeit und eine dyna- . . ,. ...n- j o j- #u. ,• . , ...

. , ' aber bald so anstoßig, daß man die Ubersetzung lieber ohne die Vor-

misch das Wort Gottes belebende Mündlichkeit des biblischen Zeug- re(kn drucken ,jeß „* Heute sjn(J sie bjs auf einzg|ne ^ yerges.

n.sses, das den Boten aufgetragen ist, weiterzusagen. „Schriftlichkeit ^ r, Dagggen gj,t auf römiscner Seite das Kanondekret des Tridenti-

als Merkmal des Gesetzes und Mündlichkeit als Merkmal des Evan- ngr Konzüs vQn , J46 ^ dem def humanistisch geprägten Kanon.

geliums" sind also, wie Lonn.ng es beschreibt, sich nicht innerlich kritik>. _ gtwa auch bgi Erasmus _ ) dogmatisch ein Ende gesetzt-

gegenseitig ausschließende Formen des Evangehums. Wohl aber s.nd wurde> ^ ^ ^ Testament mit ausdrücklicher Kennzeich-

s.e „mehr als äußere, formale Kennzeichen, sie sind mit den beiden nung jeder einze]nen der 2? Schriften a,s aposto|isch.. bewertet ist «

unterschiedlichen, aufeinander bezogenen Funktionen des Wortes ,n den lutherischen Kircnen ist dagegen >>die Frage nach dem

Uottes verbunden" . Diese beiden „Funktionen des Wortes Gottes" u_r j u, c u a. u- u . » • i _• i

■ .... vjvjiivo genauen Umfang der Hl. Schrift bis heute , wie Lanning konstatiert,

lassen sich jedenfalls nicht mit den beiden Teilen des Kanons gleich- A .• . ,,. . » n . , . ■ . .• ., ,

• ., " " b'viw" ein Adiaphoron geblieben. Dennoch erleben wir wieder die Hoch-
setzen, - eben weil das Evangelium Jesu Christi „Öffnung und Erfül- .... . » , , , . j , ,u i i
. ' 6 " "'""ö Schätzung der Apokalypse Johannis und war es Luther angelegen, als
lung der ganzen Hei igen Schrift ist. Christus als „rex scripturae" 0 u a. j vi -r . j u ictt j-
.. . " .7, »»»>„injui|»mai einziger Schrift des Neuen Testaments gerade ihr von 1522 an die in

manifestiert sowohl Freiheit gegenüber dem Buchstaben als auch seinem Auftfag geschnittenen Bilder des wittenberger Meisters Lukas

seine Gebundenheit an den Geist der Heiligen Schrift. Cranach d Ä beizugeben> die auch eine Interpretation seiner Theo-

Von da erklärt sich die differenzierende Einstellung Luthers zu ver- logie zu diesem letzten Buche der Bibel sind.40
schiedenen Schriften des neutestamentlichen Kanons, die später mit Das andere wichtige hermeneutische Prinzip Luthers, „scriptura
dem Begriff des „offenen Schriftkanons" verbunden wurde.31 Luther sacra sui ipsius interpres", nach dem die Heilige Schrift sich richtig
hat, anfangs vom humanistisch geprägten Universitätsideal angeregt, nur aus sich selber heraus auslegt, ergab sich aus seiner Feststellung
die altkirchliche Unterscheidung zwischen unumstrittenen und um- von der Klarheit der Heiligen Schrift.41 Auch dieser Grundsatz bei
strittenen Schriften (Antilegomena) aufgenommen und wie seine der Schriftauslegung ist bis heute für die un-„gesetzliche" Methode
Zeitgenossen „neu zu begründen und theologisch zu aktualisieren" und Offenheit in Sachen Schriftkanon paradoxerweise als „verur-
gesucht" Wenn heute von römisch-katholischer Seite im Vorfeld des sachend" anzuführen. Die Klarheit (claritas) der Heiligen Schrift liegt
Lutherjubiläums 1983 ihm dabei der Vorwurf gemacht wird, „seine für Luther im wörtlichen Sinn (sensus literalis) ihrer Texte. Sie zielt
stark subjektivistisch bestimmte Art ließ ... viele Seiten der Heiligen für die Schrift als ein Ganzes auf Christus und wird somit durch die
Schrift ganz neu aufleuchten, ließ ihn aber auch für andere blind sein, claritas rei bedingt, welche im Glauben erfahren und angenommen
ganz abgesehen davon, daß der Reformator Luther bald ganze Bücher wird. „Geist", „Christuszeugnis" und „Klarheit der Schrift" gehören
der Heiligen Schrift (Jakobusbrief und Apokalypse) abtun wird, weil für Luther, wie Linning betont, „notwendig zusammen. Geschicht-
S|e seinem Verständnis der Offenbarung zu widersprechen schei- lich wird das so gedacht: in dem Werk Jesu hat Gott alles zum Heil
nen" , dann verrät das - abgesehen von der polemischen Tendenz - der Menschen vollbracht; das Werk des Hl. Geistes besteht nun darin,
große Unkenntnis. Denn die alte Kirche stellte Jakobusbrief und .Christum zu treiben', das heißt die Heilsgabe des Werkes Jesu dem
Apokalypse, die Anfang und Schluß der sieben sogenannten Antile- Glauben auszuteilen. Im Glauben wird der Mensch als Geschöpf
gnomena Jak, Hebr, 2 Petr, 2 und 3 Joh, Jud, Apok ausmachen, als Gottes und somit erst recht als Mensch offenbar, indem er Gott dem
kanonisch in Frage, und die Theologen zu Beginn des 16. Jh. suchten Schöpfer die Ehre gibt und Jesus Christus sein läßt. Seit Pfingsten ge-
allgemein das apostolische Schrifttum genauer abzugrenzen. Bemer- schieht dies alles durch die kirchengründende Predigt des Evange-
kenswert ist an Luther, wie wenig sein Augenmerk auf die Errichtung liums; der Heilsplan Gottes, der in der .Schrift' (das heißt dem Alten
einer gleichsam absoluten Grenze für das Neue Testament geht. Testament) versiegelt war, wurde durch die mündliche Christus-
"Eigentümlich für Luthers Gestaltung der humanistischen Kanonkri- Proklamation der Apostel an den Tag gebracht. In der apostolischen
tik ist vor allem, daß ihr diese Intention fehlt. In der Erstausgabe Christus-Proklamation (aber auch durch sie) wurde die Schrift klar,
seiner deutschen Übersetzung des Neuen Testaments tritt das schon und in der Weiterführung dieser Christus-Proklamation in der Ver-
>m Inhaltsverzeichnis deutlich zutage: unbeziffert und von den übri- kündigung des Evangeliums bis an das Ende dieser Welt bleibt sie es
gen Schriften mit einem offenen Zwischenraum geschieden stehen auch."42

hier vier der traditionellen Antilegomena: Hebräer-, Jakobus- und Dem Gegensatz von „göttlicher Torheit" in der Christusoffen-
Judasbrief sowie die Apokalypse Johannis. In den Vorreden zu diesen barung, die weiser als menschliche, also die die eigentliche „Weis-
vier Schriften wird nur zum geringsten Teil mit den herkömmlichen heit" ist, und „menschlicher Weisheit", von dem oben der Ansatz
Argumenten gearbeitet. Entscheidend sind weder literarkritische Luthers ausging, gibt er auch durch seine Gegenüberstellung von
Beobachtungen noch geschichtliche Überlieferungen der Kirche."34 Gottes Wort und Menschenlehre Ausdruck. Lonning merkt dazu an:
loading ...