Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

107.1982

Zitierlink

167

Theologische Literaturzeitung 107. Jahrgang 1982 Nr. 3

168

ständnisses geprägt. Mit ihr ist wohl auch der Anlaß für gewisse, fast
regelmäßig wiederkehrende innere Schwierigkeiten in der Überliefe-
rung des lutherischen Schriftprinzips gegeben. Luther selber hat
durch die Aufnahme der von Bernhard von Clairvaux her bekannten
Trias „Gebet - Meditation - Anfechtung" dieser inneren Schwierig-
keit zu steuern gewußt. Im Vorwort zum ersten Band seiner Werke in
der Wittenberger Ausgabe, die vielleicht aus mehr als nur äußeren
Gründen mit der deutschen Reihe vor der lateinischen begann, gab
Luther 1539 „eine rechte Weise, in der Theologia [Hervorhebung
H. B.) zu studieren" an" und sagte, oratio, meditatio, tentatio bestim-
men das rechte Schriftverständnis.20

Das Besondere bei der Verwendung dieser an sich formal einsichti-
gen Anleitung zum Verstehen der Heiligen Schrift durch Beten, durch
Bewegen der Worte einzelner Texte im Geist der Heiligen Schrift und
durch Erproben und Bewähren ihrer Wahrheit in der Anfechtung ist,
daß Luther so ausschließlich und ganz selbstverständlich an die Auf-
gabe der Schriüauslegung verweist, weil dabei nach seiner Einsicht
eben die Heilige Schrift an Erkenntnis für den eigentlichen Lebens-
sinn inhaltlich und sachlich alles übertrifft und die menschliche
Weisheit, um sie zu verstehen, sich ihre Wahrheit schenken lassen
muß, da sie sonst doch an ihr scheitert. Laut dieser Anleitung ist die
theologische Aufgabe also polemisch und apologetisch zugleich, in-
dem mit der menschlichen Vernunft allein keine zutreffende Ausle-
gung gelingen kann. Nach Luther überwindet nur die Heilige Schrift
aus sich selbst heraus die Grenzen menschlicher Weisheit (scriptura
sui ipsius interpres) und sie verteidigt auch den rechten Schriftsinn
gegen den Theologen selbst, der ohne Anfechtung zur Schrifter-
kenntnis kommen will. Er wird ohne Anfechtung nicht zur rechten
Auslegung und Erkenntnis der Schriftstellen gelangen.

Das reformatorische Schriftverständnis geht aus von dem Grundge-
danken des Widerspruchs zwischen menschlicher und göttlicher
Weisheit. In Anlehnung an die Umwertung aller Werte, wie sie von
Paulus I Kor 1 und 2 in Jesus Christus durch Gottes Offenbarung be-
zeugt wird, Baut sich die Schrifterkenntnis auf. Luther verbindet des-
halb die einzigartige Überlegenheit der Heiligen Schrift über alle
anderen Traditionsquellen mit dem Gegensatz von göttlicher und
menschlicher Weisheit. Die im Hören den Glauben weckende und
den Glauben erhaltende geglaubte Botschaft der Heiligen Schrift,
nichj irgendwelche äußeren Wahrnehmungen an den biblischen Bü-
chern und Texten, gibt den Beweis des Geistes und der Kraft. Denn
Christus ist das eine Wort Gottes, welches um unserer menschlichen
Schwachheit willen - wie Jesus als Kind in der Krippe in arme Win-
deln - in die menschliche Sprache (lingua carnis) eingehüllt in der
Heiligen Schrift und im verkündigten Offenbarungszeugnis das Heils-
geschehen vergegenwärtigt und das Heil bringt.

Das Evangelium von der Gerechtigkeit und Liebe Gottes übersteigt
nicht nur die menschlichen Vorstellungsmöglichkeiten und muß also
verkündigt, gehört und angenommen werden, sondern es wird auch je
und je den Menschen umändern. Den eigenmächtigen, selbstbe-
zogenen Menschen in der Sünde, die Undurchschaubar in der Welt
wirkt und unter deren Fluch er leidet, wird Gottes Liebe und Gerech-
tigkeit „durchkreuzen". Der Geist Gottes, der den Menschen durch
die Verkündigung des Evangeliums von außen her trifft und den
Glauben bewirkt, erschafft sich seinen neuen Menschen. Somit sind
die Verkündigung und die Lehre an die Heilige Schrift gebunden.
Denn sie bewahrt sozusagen das Evangelium in seinem „extra-nos"-
Charakter über die Zeiten.

Wie Psalm 1 von dem Reden und Sinnen „Tag und Nacht" über
die Heilige Schrift für den Weg der Glaubenden spricht, gibt es für
den Schriftausleger nur die Methode, zur rechten Schrifterkenntnis in
ihr zu meditieren, und das heißt nach Luther: „Nicht allein im Her-
zen, sondern auch äußerlich die mündliche Rede und das buchstabi-
sche Wort im Buch immer treiben und reiben, lesen und wiederlesen,
mit fleißigem Nachdenken, was der Heilige Geist damit meint."21 Die
Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes gehört zum Beginn, zur
Fortsetzung und zum Nichtaufhören des Schriftstudiums.

Gerade im Blick auf die Psalmen sagt Luther von der Heiligen
Schrift, sie sei den Glaubenden bzw. der glaubenden Seele das,
was dem Tier die Weide, dem Menschen ein Haus, dem Vogel ein
Nest, dem Fisch ein Strom sei, nämlich das Lebenselement.22 So geht,
wer diese theologische Methode der Textmeditation treibt, in das ihn
bergende Element. Freilich begibt er sich auch in das große Drama, in
welchem Gott mit dem lügnerischen Teufelsgeist um das Gewissen
des Menschen selber kämpft. Darum sind unvermeidlich Anfech-
tungen mit jeder Theologie der Schriftauslegung verbunden. Denn
überall, wo Gott wirkt, stellt sich Satan als Feind Gottes ein.
Dennoch muß er sein Werkzeug bleiben: Der Angriff des Satans
scheitert immer an den vier Lebensformen der christlichen Ge-
rheinde. Gemeint ist das Bleiben in der Lehre der Apostel, in der Ge-
meinschaft der Kinder Gottes, in dem Brotbrechen, also in der Eu-
charistie, und in dem Gebet (Apg 2,42).

In den Anfechtungen und Prüfungen des Lebens wächst die Erfah-
rung mit der Heiligen Schrift. Ja, der Glaubende erfährt die „getroste
Verzweiflung" (fiducialis desperatio).23 Es entsteht die feste Gewiß-
heit des angefochtenen und erprobten Glaubens. Die Erfahrung
macht den Theologen, lehrt Luther in solchem Sinne von der tenta-
tio.24 Aber Gottes Wort führt auch zur inneren Erkenntnis unseres
wirklichen Zustandes angesichts unseres vielfachen Versagens gegen-
über Gottes Geboten. „Gottes Wort als Quelle der Anfechtung ist
also auch zugleich ein Mittel, um das Wesen der caro zu enthüllen."25
Mit dem Kreuz, in dem sich die in Christus offenbare Liebe Gottes
bekanntmacht, kommen unsere Leiden alle zum Schweigen. Denn
eine Theologie unter dem Kreuz hilft uns lernen, „wie recht, wie
wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich" Gottes
Wort ist.^ Sie macht erst eine wahre Rede von Gott mögljeh.

Wie sich Gott in seiner Erschließung für uns an Jesus Christus
gebunden hat, so hat er sich auch an sein Wort gebunden. Durch sein
Wort will Gott in zweierlei Weise zu uns reden und das Heilsgesche-
hen vergegenwärtigen. Als Gesetz treibt Gottes Wort das ihm fremde
Werk (opus alienum), als Evangelium ist Gottes Wort das eigentliche,
ihm wirklich zueigene Werk (opus proprium). Zum einen ist das
Schriftwort in der Form des Gesetzes der in seinem Wort fordernde
Wille Gottes, zum anderen ist es ein „Zuchtmeister auf Christus hin",
die Sünden aufdeckend und sie dem Sünder deutlich machend. Dem-
gegenüber ist Gottes Wort als Evangelium, welches nämlich auch in
dem Wort Gottes als Gesetz schon verborgen wirksam ist, Ausleger
des Gesetzes, so daß der auf Gottes Wort hörende Mensch seine
Sünde erkennt, die dem Glauben angebotene Gnade (favor dei) er-
greift und sie als in Christus geschenkte Gabe Gottes (donum dei)
preist und in Liebe zum Mitmenschen verkündigt.

Christus, das eine Wort Gottes für uns, ist zugleich äußeres und in-
neres Wort. Verbum externum: das bezeichnet im reformatorischen
Schriftverständnis Gottes Handeln durch das mündliche Wort des
Evangeliums und Gesetzes, also als Predigtwort, und durch das sakra-
mental handelnde Wort der leiblichen Zeichen in Taufe und Abend-
mahl, also als Sakrament. Verbum internum: das heißt Gottes Wort
in bezug auf das beim Hören und Empfangen des äußeren Wortes er-
folgende innerliche Erfahren des Wortes Gottes durch mitgehendes
Bewirken des Heiligen Geistes.

Gottes geschichtliches Handeln in Gesetz und Evangelium bezeu-
gen die beiden Teile xies Kanons als Einheit. Der Kanon der Heiligen
Schrift umfaßt die heiligen Schriften des Bundesvolkes Israel und die
Schriften des neuen Bundes. Dabei findet sich im ersten Teil des Ka-
rions, der als „Gottes Gesetz" verehrt worden war, auch Evangelium
und im zweiten Teil, der sich eigentlich als „Euangelion" von Jesus
Christus bezeichnete, auch Gesetz. Das Verhältnis zwischen beiden
Teilen läßt sich bei Luther in Anlehnung an eine Terminologie, die
von Augustin kommt, als ein Verhältnis von signum und res be-
schreiben. Signum geht auf Verheißung, res auf Erfüllung. So sind die
im Kanon enthaltenen Schriften des neuen Bundes eigentlich nicht
Schrift, sondern als „Öffnung der Schrift" zu verstehen. Luther be-
greift das Neue Testament als apostolische Christus-Proklamation,
loading ...