Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

107.1982

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Theologische Literaturzeitung 107. Jahrgang 1982 Nr. 1

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gehören kann. Es geht um die Wirkungsgeschichte essenischer Fröm-
migkeit. Ehe aber diese im Blick auf die johanneischen Texte disku-
tiert wird (Teil IV), erörtert Teil III in einer Art Gegenprobe „Dualis-
mus und Prädestination in gnostischen Texten". Beim Mandäismus
kommt der Vf. zu dem Schluß, daß für den Gedanken der Prädestina-
tion kein Raum sei: „So sind die Menschen zwar für den Seelenauf-
stieg disponiert, aber es gibt keine Prädestinierten" (S. 128). Entspre-
chendes gilt für die Hermetica: „Der Mensch ist nicht im vorhinein
dazu bestimmt, entweder die ekstatische Gnosis zu empfangen oder
vom Weg der Vergöttlichung ausgeschlossen zu sein" (S. 140).

Das Apokryphon Johannis und andere nichtchristliche Schriften
entfallen als Möglichkeit, den johanneischen Dualismus als prädesti-
natianischen zu erklären. Ähnliches ergibt die Besprechung des
christlichen Gnostizismus: „Erst im Zuge der Gnostisierung neutesta-
mentlicher Verkündigung entstanden gnostische Prädestinations-
aussagen ..." (S. 189). Nach diesem Ergebnis wundert es nicht mehr,
daß der Vf. folgert, daß gerade der prädestinatianisch akzentuierte
'Dualismus im JohEv nichtgnostischen Ursprungs ist.

Teil IV unternimmt den positiven Nachweis, inwieweit johan-
neische Texte in die geistige Strömung gehören, die als „prädestina-
tianische Neuauslegung weisheitlicher Determinationsaussagen"
(Qumran) bestimmt worden ist (Teil II B). Ehe das geschieht, erörtert
der Vf. die Sonderstellung der johanneischen Briefe sowie besonders
die theologische Schichtung im JohEv selbst, ohne daß diese berech-
tigte Differenzierung zu wirklichen Konsequenzen im Blick auf die
notwendige Unterscheidung innerhalb der dualistischen Aussagen im
JohEv führt.

Der Gebrauch von ehai ix, bezogen auf die Glaubenden, drückt an
vielen Stellen die Prädestination derselben aus (z. B. 10,26 oder auch
3,27; 6,44.65). Gleichzeitig kommt dabei der Dualismus zum Tra-
gen, da die Wendung elvai ix die Zugehörigkeit meint, sei es zu Gott
oder zur Welt. Ih besonderer Schärfe ist dieser dualistisch-prädesti-
natianische Grundgedanke in Joh 8,37-47 ausgeprägt, auf andere
Weise in 12,37-43. Der Vf. betont, daß der prädestinatianische Ak-
zent in der johanneischen Theologie „nicht aus unmittelbarer Berüh-
rung mit essenischer Theologie" stammt, sondern „auf Vermittlungs-
stufen" beruht, „die zwar die Terminologie teilweise modifizieren,
aber die Struktur des Denkens bewahren" (S. 229). Abschließend
untersucht der Vf. das johanneische Thema „Christus und die Sei-
nen". Auch hier bestätigt sich ihm die prädestinatianische Zuspit-
zung, die aus gnostischen Texten nicht ableitbar sei.

An dieser Stelle ist die kritische Frage anzumelden, ob der Vf. die
exklusive Alternative „Wirkungsbereich essenischen Denkens - gno-
stisches Denken" nicht überzieht. So sehr an einer Reihe johannei-
scher Aussagen die Verwandtschaft mit essenischem Denken nahe-
liegt (z. B. Joh 3,19-21; 6,44; 8,43f.47), so sehr wäre zu prüfen, in-
wieweit dieser Dualismus nicht auf dem Wege einer gnostischen Um-
prägung liegt. Die prädestinatianische Spitze des johanneischen Dua-
lismus mag ja durchaus ihre Herkunft in einer Weiterentwicklung
qumranischen Denkens haben; daß aber die dualistische Sichtweise
des JohEv ganz ohne Berührung mit der werdenden Gnosis steht, ist
damit noch nicht ausgemacht. Abgesehen von diesem religions-
geschichtlichen Problem wird man zu untersuchen haben, ob der Vf.
mit seiner konsequent prädestinatianischen Einschätzung der Theo-
logie des Evangelisten wirklich recht hat. Findet sich nicht in Joh
3,16 („Gott liebt die Welt" vgl. 6,33) eine Durchbrechung des präde-
stinatianischen Ansatzes (vgl. auch die Betonung des „alle" in 1,7.9;
12,32)? Ist 3,16 von 3,19-21 her zu interpretieren oder vielmehr
nicht umgekehrt?

Aufs Ganze gesehen, wird man die Arbeit des Vf. begrüßen, da sie
in gründlicher Weise das religionsgeschichtliche Problem des JohEv
anpackt. Gerade weil sie dem vorherrschenden Forschungstrend ent-
gegensteht, kann sie als Korrektiv gegenüber einer allzu schnellen
gnostischen Ableitung des JohEv dienlich sein.

Kiel Ulrich B. Müller

Richard, Earl: Acts 6:1 -8:4. The Author's Method of Compo-
situm. Missoula, MT: Scholars Press 1978. XIII, 379 S. 8" = Society
of Biblical Literature. Dissertation Series, 41.

Die Dissertation (Ph. D. 1976, Catholic University, Adviser
J. P. Clifton) behandelt ein relativ in sich geschlossenes, charakteristi-
sches und wichtiges Stück der Apg, das in jüngerer Zeit mehrfach be-
sondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.' Auch wenn das Ge-
wicht der Arbeit vornehmlich auf der stilistischen Analyse und dem
Vergleich der literarischen Organisation des Stoffes liegt, werden
doch alle wesentlichen Probleme des Textes diskutiert und zu lösen
versucht.

Ein - kurzes - erstes Kapitel setzt sich mit bisherigen Arbeiten zur
Apg allgemein und besonders zum Stephanuskomplex auseinander.
Das ausführliche zweite Kapitel untersucht umfassend die Verwen-
dung des Alten Testaments in der Stephanusrede. Kap. 3 präsentiert
Listen charakteristischer stilistischer Erscheinungen in dem gesamten
untersuchten Text, geordnet nach solchen grammatischer oder lexi-
kalischer Art und nach solchen, die bestimmte Sprachfiguren betref-
fen (Parallelismus Membrorum; formelhafte Wiederholungen; kor-
respondierende Ortsangaben zu Beginn und Ende einer Episode,
Listen u. ä.). Diese Erscheinungen werden sodann näher analysiert,
und zwar innerhalb der einzelnen Stücke des Gesamttextes (Rede, Er-
zählung, jeweils wieder untergliedert) sowie abschließend auch mit
Blick auf die Beziehungen zwischen der Rede und den erzählenden
Partien. Dieser letztgenannte Teil ist freilich nur vergleichsweise kurz
(S. 229-242). Das vierte Kapitel schließlich bietet eine Studie über
die Redaktion von Act 6,1-8,4, in der die bisherigen Ergebnisse des
Vf. ausgearbeitet und von ihnen aus eine Gesamtdeutung des Stepha-
nustextes im Rahmen der Apg versucht wird. Dabei geht es dem Vf.
nicht um eine (neue) historische Hypothese hinsichtlich Stephanus
und der „Hellenisten", sondern um die inhaltlich-literarische Funk-
tion des Textes in der Geschichtsdarstellung des Lukas. Indessen be-
deutet das nicht, daß R. die Verarbeitung von Tradition leugnen
würde; nur interessiert nicht sie, sondern ihre literarische Verarbei-
tung ihn primär. Ein kurzes Schlußkapitel faßt gestrafft und präzise
die Ergebnisse der Arbeit zusammen.

Ein entscheidendes Ergebnis, auf dessen Erarbeitung und Siche-
rung das Buch hauptsächlich ausgerichtet ist, lautet, "that the struc-
tured composition and literary features of Acts 6:1-8:4 owe to a
common author" (S. 356), und daß darüber hinaus die Stephanus-
geschichte ein integraler Teil der Apg ist (S. 358), mithin vom glei-
chen Verfasser wie das übrige Werk stammt.

Die Untersuchung der Benutzung des Alten Testaments in der
Rede im zweiten Kapitel ist sorgfältig und zeigt wesentliche und
interessante Tatbestände auf. Problematisch ist allerdings die unre-
flektierte Bezeichnung der Sätze der Rede, die im Wortlaut fast oder
auch ganz der LXX folgen, als „Zitate". Dadurch wird der katego-
riale Unterschied zu den wirklichen Zitaten Vv. 42b. 43 und 49f ver-
wischt. Er wird vom Vf. denn auch nicht seiner Bedeutung entspre-
chend gewürdigt. Vielmehr neigt R. auch sonst dazu, starke Ein-
schnitte zugunsten bestimmter struktureller Gleichförmigkeiten zu
überspielen. Das gilt etwa für den - auch von R. beobachteten - Ein-
schnitt bei V. 35, vor allem aber hinsichtlich der gesamten Rede im
Vergleich mit dem übrigen Werk des Lukas. Denn wenn auch mit
Blick auf die Funktion der Rede als Ganzer durchaus Parallelen zu
anderen Reden in der Apg bestehen, so doch nicht im Hinblick auf
ihre Ausführung. Hier wäre zudem ein genauer, gerade das Einzelne
des Inhaltes berücksichtigender Vergleich mit Act 13, 17-23 notwen-
dig gewesen. Die souveräne Kenntnis der LXX, die R. überzeugend
als Hintergrund der Stephanusrede aufweist, müßte sich doch auch in
dem übrigen Werk des Lukas niedergeschlagen haben. Der Vf. ent-
schärft diese Frage dadurch, daß er der Rede im Sinne des Lukas die
Funktion zuweist, die christliche Interpretation der israelitisch-
jüdischen Geschichte vorzustellen. "Stephen represents ... the Inter-
preter par exellence of God's promise to men, beginning with Abra-
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