Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

106.1981

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Theologische Literaturzeitung 106. Jahrgang 1981 Nr. 12

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thoden der Aneignung des Erbes bezeichnen, die im NT und in der
unmittelbar nachneutestamentlichen Zeit erkennbar werden. Eine
Reflexion über ,Alt' und ,Neu' und die Zusammengehörigkeit beider
bietet die Gelegenheit dazu, über die Gnosis und Marcion zu spre-
chen. Die Exegese des 3., 4. und 5. Jh., sowohl des Ostens wie des
Westens, wird unter das Thema ,die dogmatische Verdrängung des
Problems' subsummiert. Mit dem III. Kap. „Das Alte Testament im
Licht der Reformation und im Feuer historischer Kritik" (42-84) be-
findet sich der Autor historisch schon in der Reformationszeit, die er
mit eiligen Schritten bis hin zu den neuesten Entwürfen einer Theolo-
gie des AT (Eichrodt, Vriezen, Köhler, von Rad, Fohrer, Zimmerli)
in der Gegenwart durchmißt und hinter sich läßt. Auch hier sind wie-
der einzelne historische Phasen unter mehr oder weniger pauschali-
sierende Sachstichwörter gesammelt, so wird z. B. die der Reforma-
tion voraufgehende Epoche der Großkirche und ihres Verhältnisses
zur Schrift als .sakramentale Vergegenwärtigung' beschrieben. „Das
Heil wird nur im Sakrament gegenwärtig, nur durch das Sakrament
gespendet. Die Schrift hingegen hat nur hinführende Funktion, in-
dem sie über die offenbarten Wahrheiten belehrt. Sie wird zum gött-
lichen Lehrbuch kirchlich-dogmatischer Heilswahrheiten und Heils-
tatsachen" (43). „Die sakramentale Lösung des Problems drängte die
hermeneutische Frage nach der Schrift ... an den Rand und brachte
sie als gleichsam gelöst zum Verstummen" (44). An solchen Stellen
beschleichen den Leser Sorge und Unbehagen darüber, ob sich hierin
nicht doch Verkürzungen der tatsächlichen hermeneutischen Sach-
verhalte aussprechen mögen. Der zusammenfassende (10.) Abschnitt
dieses Kapitels (82-84) scheint Sinn und Ziel der ganzen differenzier-
ten Überlegungen zu dem genannten Thema und zu anderen weiteren
thematischen Raffungen wie z. B. ,Wiederentdeckung der Schrift',
.Luther und das Alte Testament', ,Dogmatisches System und kirchl-
iche Restauration' usw. anzugeben. G. kommt es bei dieser Zusam-
menfassung darauf an herauszustellen, wie das AT durch .histori-
sches Bewußtsein und historische Wissenschaft' zum NT und dann
schließlich auch zur Gegenwart einen großen Abstand erhielt und er-
hält, ja geradezu zu einem fremden Buch wurde, dem nur eine histori-
sche Methode im sachgerechten Verständnis entsprach und. bis heute
noch entspricht. Dies führt nach G. zu gewissen Aporien wie etwa im
G. v. Radschen Konzept, die es sichtbar und vermeidbar zu machen
gilt (820.

Das IV. Kap. „Das Alte Testament als Gesetz und Bundesur-
kunde" (85-120) beschäftigt sich u. a. mit Themen wie ,das AT als
Gesetz und Grundordnung der Kirche', mit der Ablehnung des
Judengesetzes', wo noch einmal der Spannungsbogen von Marcion
über Luther, Agricola, Kant, Schleiermacher, Harnack bis hin zu E.
Hirsch gespannt wird und wo selbst bestimmte Äußerungen H.
Brauns noch in der Fluchtlinie dieser Themenbehandlung liegen
(104). Als weiterer Gegenstand der Untersuchung folgt das prophe-
tische Kanonverständnis und die Relativierung des Gesetzes'. Hier
kommt G. schließlich auch auf Graf, Kuenen und Wellhausen zu
sprechen. Immer wieder möchte der Autor gern ein solches Thema
aus der Tiefe der Geschichte heraus bis in die Gegenwart hinein ver-
folgen. So setzt er für das prophetische Kanonverständnis bei der Ka-
nonanordnung der Septuaginta und bei der jüdischen Apologie des
Josephus (Contra Apionem) ein, die er für prophetisch hält. Freilich
ist diese Linienführung oft nur allzu sparsam und knapp vorgenom-
men worden, so daß ihr Sinn sich schwer erschließt.

Es ist nicht notwendig, über die Kapitel V und VI („Das Alte
Testament als Dokument einer Fremdreligion", 121-145; „Das Alte
Testament als Geschichtsbuch", 146-182) ausführlich zu referieren,
die Methode ist die gleiche. Neben Marcion (122f) werden jetzt der
Manichäismus und dann später Grotius und Spinoza, Hegel und wie-
der Schleiermacher, Friedrich Delitzsch und erneut E. Hirsch ge-
nannt. Gewiß, diesmal ist der Gesichtspunkt der Fremdheit des AT
leitend, nicht der des Gesetzes. So sind in diesem V. Kap. auch
Baumgärtel und Hesse und in gewisser Weise R. Bultmann (Weissa-
gung und Erfüllung, 1949) berücksichtigt, da sie sehr prononziert die

Unterschiedenheit, ja geradezu Gegensätzlichkeit von Altem und
Neuem Testament unterstrichen haben. Im Mittelpunkt des VI. Kap.
steht dann die Geschichtstheologie, deren prominentester Vertreter
G. v. Rad gewesen ist. Er und seine Schüler und Freunde (bis hinein
in die Systematische Theologie, Panhenberg, Moltmann) werden kri-
tisch gewürdigt, aber auch die neuesten Versuche u. a. von P. Stuhl-
macher und H. Gese, eine biblische Theologie wiederzugewinnen, ge-
raten unter das Verdikt G.s, das durchweg gegenüber den geschichts-
theologischen Bemühungen um das AT ausgesprochen wird. Die An-
gesprochenen werden selber darüber urteilen müssen, ob sie sich in
den Ausführungen unseres Autors wiederfinden können.

Ist sonst schon in den ,kritischen' Darstellungen der expliziten oder
impliziten alttestamentlichen Hermeneutik innerhalb der Wissen-
schaftsgeschichte die freilich vornehmlich kritische Meinung des Au-
tors erkennbar geworden, so treten im letzten Kapitel „Das Alte
Testament als Teil des christlichen Kanons" (183-198) die eigenen
hermeneutischen Grundlinien (endlich) stärker hervor. G.s Destruk-
tion der Geschichtstheologie ist getragen von der Sorge, daß dem AT
(bewußt oder unbewußt) im Geschichtsablauf faktisch nur ein vorläu-
figer „Stellenwert" zugebilligt werde, wo es doch um die Erfassung
seines Eigenwertes gehen muß. Gunneweg führt wörtlich aus: „Hier
werden Traditionsbildung als Prozeß - ein wissenschaftlich-histo-
risch rekonstruierbarer Vorgang - und Gottes Offenbarung - die nur
geglaubt werden kann - identifiziert. Durch diese Ineinssetzung wird
die Offenbarung zu einem Geschichtsprozeß und ein Geschichts-
ablauf zur Offenbarung." „Wer die Geschichte zum Medium Gottes
und gar zum Gott macht, erfährt, daß dieser Gott ein Moloch ist"
(174). Ein in diesem Zusammenhang herangezogenes Zitat von J. T.
Beck kann nicht von 1915 stammen (ebd.). Auszugehen ist nach G.
vom NT, das als ,Kriterium für die kanonische Geltung des AT' zu
nehmen ist (183 ff). Freilich wird dann dieser neutestamentliche An-
satz nicht durchgehalten. Der Autor spricht im weiteren Verlauf sei-
ner Ausführungen vom .Christlichen' als dem Kriterium. Mit Gel-
tung des AT kann nur gemeint sein, „was im Bereich der christlichen
Kirche Anspruch auf Gültigkeit hat. Geltung in diesem strengen
Sinne ist also christliche Gültigkeit, geltend gemessen am Maßstab
dessen, was als christlich gelten kann", „also auf Grund und anhand
des Neuen Testaments geurteilt und entschieden" (185). Leider er-
fährt man nicht, wie man dieses Kriterium .Christliches' aus dem NT
gewinnt und was das eigentlich ist. Der zweite Abschnitt dieses letz-
ten Kapitels befaßt sich mit drei Stichwörtern, mit ,Schrift', .Sprache'
und .Monotheismus'. .Schrift' ist das, was neutestamentliche Zeugen
bei Zitation alttestamentlicher Stellen oder bei Verweisung auf alt-
testamentliche Sachverhalte sagen. Es ist ein schon gefüllter Begriff.
Die neutestamentliche Art und Weise des (eklektischen) Umgangs
mit dem AT hat Modellcharakter für die von Fall zu Fall und von
Text zu Text vorzunehmende exegetische Befindung „über die christ-
liche Geltung auf Grund von Prüfung und Wertung", obwohl die
„damals üblichen Auslegungsmethoden im einzelnen heute so nicht
mehr gehandhabt werden dürfen" (187). Viel stärker als an der Schrift
hat G. Interesse an der Sprache (s. auch den 3. Abschnitt: „Die Spra-
che der Christusverkündigung", 195-198). „Das in die griechische
Sprache der Ökumene übertragene Alte Testament liefert die Sprach-
mittel für die Verkündigung des Christusgeschehens" (ebd.). „Darin,
daß die Anfangsverkündigung von Jesus Christus diese Sprache auf-
griff und in diese Sprache einging, liegt die Notwendigkeit und die
Kanonizität alttestamentlicher Texte begründet" (188). Ob man das
wirklich so sagen kann? Sprache ist für Gunneweg Instrumentarium
tür die im Bultmannschen Sinne mögliche Daseins- und Existenzer-
hellung. Dieses sich sprachlich artikulierende Daseins- und Weltver-
ständnis ist im Alten wie Neuen Testament das gleiche. Ihm ent-
spricht die Gottesvorstellung, die das „Spezifikum des Alten Testa-
ments" ist, „der konsequente und radikale Monotheismus" (189).
Die „Beibehaltung der Schrift bedeutet Wahrung des Monotheismus"
(190). In einer gewissen Weise bejaht G. auch Typologese: „das Alte
Testament legt Welt und Dasein der Menschen aus vor Christus, vor
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