Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

106.1981

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Theologische Literaturzeitung 106. Jahrgang 1981 Nr. 11

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per weder ein Märtyrer dämonischer Gewalt noch ,.ein deutsches
Schaf (R. J. Humm, s. S. 8). Am Bild eines zwiespältigen und tief be-
wegenden Einzellebens will sie das Bild seiner Zeit deutlich werden
lassen - „schrittweise", damit insbesondere die jüngeren Leser zu
einem begründeten eigenen Urteil darüber kommen können, wie es
und warum es so gewesen ist, als in Deutschland Hitler herrschte.
R. Thalmann braucht Kleppers Lebensweg nur sparsam zu kommen-
tieren. Denn erzählend bringt sie seine Selbstzeugnisse so ins Spiel,
daß schon daraus die Aporien erhellen, in die der tief verinnerlichte
deutsche Konservativismus diesen in seiner Jugend exzentrischen, in
seinen Mannesjahren um ein konzentrisches Werk ringenden Dichter
geführt hat.

Sympathisch ist der Respekt, mit dem die Biographin sich um
dieses nahe und fremde Leben bemüht. Sympathisch ist der Verzicht
auf politisch-moralische Direktbelehrung des Lesers. Umso schnei-
dender wirkt die Kritik an Klepper, wenn sie sich, selten genug, von
der Erzählung abhebt. „Kämpfen" ist das letzte Wort des Buches,
und der Generalvorwurf an Klepper lautet eben, daß er nicht ge-
kämpft, d. h. seiner im persönlichen und künstlerischen Bereich
wahrgenommenen Verantwortung nicht auch politisch Ausdruck ge-
geben habe. Die Isolierung, die ihm wegen seiner Ehe mit der Jüdin
Hanni Stein aufgezwungen war, habe er weder durch Auswanderung
noch durch illegale Gegenaktivität durchbrechen wollen. Er wollte es
nicht, weil er es nicht wollen konnte, und er konnte es nicht, weil er
wie zahllose andere unter dem Zwang einer Erziehung stand, die statt
Auflehnung Verinncrlichung forderte. Nicht etwa Kleppers Selbst-
mord, „die verzweifelte Kapitulation von drei wehrlosen Menschen",
dürfe Sünde genannt werden, sondern: „Sünde war und ist das Ein-
trichtern - von Jugend auf - einer Ideologie der .gottgewollten Bin-
dungen', die den Geist der Urteilskraft beraubt. Sünde war und ist
eine Lehre, die durch blindes Vertrauen auf Gottes Führung den
Menschen in resignierte Duldsamkeit drängt, ihm den Weg zur ver-
antwortungsvollen Tat versperrt" (381).

R. Thalmann hat 1976 eine französische Habilitationsschrift über
„Protestantisme et nationalisme en Allemagne (de 1900 ä 1945)" ver-
öffentlicht, der Leben und Wirken von Gustav Frenssen, Walter Flex,
Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer zugrundeliegen. Im vorlie-
genden Buch greift die Vfn. offenbar auf eine dort erarbeitete Konstel-
lation zurück. Gleich anfangs weist sie auf eine Analogie im Herkom-
men und Milieu von Flex und Klepper hin (11 IT). Später, bei der Be-
sprechung von Kleppers Feldzug-Skizzen, mit denen er sich „litera-
risch unter seinem Niveau" zeigt (309), heißt es, er sei zum „Walter
Flex redivivus 1941" geworden (308). Mit Bonhoeffer dagegen wird
ihm noch auf der letzten Seite der Mann gegenübergestellt, der
schließlich der „mündigen Welt" ansichtig geworden sei, der Welt
nämlich, in der man sich nicht in sein Verhängnis schickt, sondern
um menschenwürdige Verhältnisse kämpft (381). Über Vorzug und
Schwäche eines solchen Rahmens läßt sich ohne Kenntnis der er-
wähnten Habilitationsschrift wenig sagen. Es genügt die Feststellung,
daß er dem Leser nicht als Interpretationsmaßstab aufgedrängt wird.
Immerhin, es steckt eine theologische Herausforderung ersten Ranges
darin. Das Gespräch über Klepper läßt sich nicht mehr (schon längst
nicht mehr!) nur im schützenden Gemeinderaum fuhren.

Der wissenschaftliche Apparat dieser Biographie ist recht knapp
gehalten, und die Autorin hatte gewiß ihre Gründe dafür. Dennoch:
Wäre dies nicht die Gelegenheit gewesen, eine einigermaßen vollstän-
dige Bibliographie der Veröffentlichungen Kleppers wenigstens aus
dem letzten Lebensjahrzehnt abzudrucken? Die Liste in der Stuttgar-
ter Tagebuchausgabe ist für die wissenschaftliche Arbeit völlig unzu-
reichend - wie gerade aus der vorliegenden Biographie deutlich wird.
Ich vermisse auch einen Hinweis auf Rudolf Hermanns „Gesammelte
und nachgelassene Werke" (1967 ff). Die dort veröffentlichten Vorle-
sungsmanuskripte reichen ja bis in die Zeit der Breslauer
Schülerschaft Kleppers bei Hermann zurück. Womöglich läßt sich
Hermanns Lehre von der zeitlichen Struktur des Ich im Zeitmotiv der
Klepperschen Lieder wiedererkennen. Es ist jedenfalls grundsätzlich

damit zu rechnen, daß Hermanns theologische Bedeutung für Klep-
per sich nicht in der Lutherinterpretation und der Reserve gegenüber
der Bekennenden Kirche erschöpft. Überhaupt beleuchtet R. Thal-
manns Biographie mehr die Beziehungen zwischen Person und
Epoche als die zwischen Person und Werk. Hier bleibt noch vieles zu
tun. Aber für alles, was in Sachen Klepper an weiteren Untersuchun-
gen ansteht, ist nunmehr ein weit verläßlicheres Fundament vorhan-
den, als wir es bisher hatten.

Corrigenda: Auf S. 263 wäre bei einer Neuauflage die numerische Ord-
nung der Anmerkungsziffern herzustellen. Jetzt steht 48 zwischen 46a und 47.
Auf S. 388 sind die Texte der Anmerkungen 43 und 44 miteinander auszu-
tauschen.

Petershagen b. Berlin Jürgen Henkys

Systematische Theologie: Aligemeines

Casalis, Georges: Die richtigen Ideen fallen nicht vom Himmel.

Grundlagen einer induktiven Theologie. Stuttgart-Berlin-Köln-
Mainz: Kohlhammer 1980. 220 S. 8° = Urban-Taschenbücher,
640:T-Reihe. Kart. DM 18,-.

Dieses Buch legt Zeugnis ab von einer Theologie in den Kämpfen
unserer Jahrzehnte. Der Vf. gibt Rechenschaft von seiner Arbeit, und
zwar ebenso leidenschaftlich wie theologisch seriös. Denn Theologie
„darf nicht zu einem Ort werden, wo fremde Rechnungen beglichen
werden, und sie sollte nicht als Alibi für andere Zusammenstöße die-
nen" (23). So „webt" C. einerseits unbeirrt „das christliche Grund-
muster" weiter und behält andererseits ausdauernd „die Fäden der
Aktualität in der Hand" (ebd.) Mit seinem induktiven Vorgehen stellt
er sich in Gegensatz u. a. zu den Elitechristen, „welche zwar unbe-
streitbar im Dienst der ganzen Kirche stehen, aber losgelöst von ihrer
Mehrheit nicht mit den Alltagschristen zu Tische sitzen müssen"
(28). Von dieser Haltung aus fragt er die ungenaue kirchliche Ver-
wendung des Begriffs „Volk Gottes" an (32-37). Eine Theologie, die
wirklich auf den laos bezogen wäre, müßte nach der Meinung von C.
inmitten des Volkes und seiner Befreiungskämpfe entstehen. Wo in
diesen Kämpfen der Glaube gereinigt und erneuert wird, beginnt sich
eine Theologie des Volkes herauszubilden, die einer künftigen Kirche
des Volkes dient. Als Hoffnungszeichen dafür nennt C. Reflexion und
Praxis von Christen in Lateinamerika und Vietnam, er gibt aber auch
Algerien an, „wo sich eine sehr interessante sozialistische Hermeneu-
tik des Islam abzeichnet" (37).

Mit diesen Aussagen gibt C. seinen Standort und die Richtung sei-
nes Theologisierens zu erkennen. Ihm fällt es auf der Gegenseite nicht
schwer, die induktive Arbeitsweise der scheinbar deduktiv vorgehen-
den theologischen Richtung aufzuhellen: „Auch die herrschende
Theologie, mit all ihren Ansprüchen auf Universalität und Endgültig-
keit, ist verwurzelt in sozialen und geschichtlichen Strukturen und
Praktiken: und zwar jenen, die in Gestalt der Herrschaft der politi-
schen-religiösen Kasten und der Klassenherrschaft über die europä-
ischen Bevölkerungen und in Verlängerung dazu über die Bevölke-
rungen der kolonisierten und missionierten Völker gegeben sind."
(41) Hierzu kommen die unbequemen Stimmen aus der Dritten Welt
als „brüderliche Störung" (Käsemann) zu Gehör (z. B. 30. 44-48).
Bei alledem will C. der Bibel als der entscheidenden Basis seiner
Überlegungen nicht ein beliebiges ideologisches Raster unterschie-
ben, sondern „ihren roten Faden" (65) wiederauffinden, d. h. es geht
ihm bei klarer Positionsangabe „um Erfindungsreichtum bei gleich-
zeitiger Verwurzelung in den Ursprüngen, um schöpferisches und
phantasievolles Neugestalten bei gleichzeitigem Festhalten an der
Überlieferung" (59, vgl. 77). Kurz gesagt: C. liest die Bibel auf poli-
tische Weise - d. h. als Mensch, der allseits zugestandenermaßen ein
politisches Lebewesen darstellt -, indem er die Widerspiegelung poli-
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