Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

106.1981

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Theologische Literaturzeitung 106. Jahrgang 1981 Nr. 3

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hängt an dem. was ich bin. Es gibt nur eine Wirklichkeit, die ungeteil-
te Welt Gottes, die im Alltag des Lebens zu bewähren ist. Es gibt
nichts in der Welt, aber auch gar nichts, was nichts mit Gott zu tun
hätte, ob ich bete oder meine Schuhe schnüre, alles geschieht in Got-
tes Gegenwart. Denn überall ist ER, der mir als DU begegnet. Dies ist
es, was Buber künden wollte.

Jedes echte Erleben ist wesentliches Sein, und das betrifft jeder-
mann; Lehre als Leben, Kunde als Biographie. Das Bändchen
„Begegnung" enthält siebzehn solcher autobiographischen Fragmen-
te, die jeweils das Ganze umfassen. Wer einen Einstieg in Bubers
Werk sucht, wird hier ein Tor finden, das ihn in die Welt Gottes
führt. Auch der Wissende findet hier immer neue Kunde. Das
Wesentliche geschieht immer in der Begegnung, mit dem Buch, das
wir lesen, mit dem Wort, das uns ruft. Immer wieder führt Buber in
seinen Werken solch wesentliche, das Sein betreffende Begegnungen
an. In diesem Band sind sie mustergültig zusammengestellt. Was die
Sprache der Philosophie so schwer und kompliziert ausdrückt, er-
schließt sich leicht und überzeugend in der Biographie. Wie könnte
man die Anderheit des Anderen besser begreifen als durch jene
Geschichte vom Pferd? Die philosophische Kategorie des Zwischen,
wie wäre sie einfacher zu formulieren, als durch die Geschichte vom
Stab und dem Baum? Jede wahre Begegnung firdet im Zwischen
statt, in dem Raum also, in den sich beide begeben, verbunden, aber
doch frei: den Stock in der Hand, dessen Spitze den Baum berührt, im
Stab ist das Zwischen der Begegnung. Noch etwas lehrt uns diese
Geschichte: Begegnung hat nicht nur zwischen Menschen statt, son-
dern auch mit der Natur - und überall greifen unsere Hände hinaus
zum ewigen DU. das alles in Händen hat. Begegnungen schließen
neue Räume auf, erschließen neue Einsichten, zeigen einen neuen
Weg. In der Begegnung ist Buber auch das DU Gottes geboren. Aus
dem Fragment ist eine Welt geworden.

Es gibt Bücher, die man sich kauft, und es gibt Bücher, die man
immer wieder von neuem liest, denn Weisheit ist in ihnen verborgen.
Martin Bubers ,.Zwischen Zeit und Ewigkeit. Gog und Magog" ist ein
solches Buch voller Weisheit. Größe und Einfalt, ohne die wahre
Weisheit nicht sein kann. Die von Buber vorgelegte chassidische
Chronik ist der Versuch, Lehre und Anekdoten in Leben umzugie-
ßen. Die Weisheit Gottes nimmt Gestalt an und trägt einen jüdischen
Mantel. ..Ich bin ein polnischer Jude" - diesen erstaunlichen Satz fin-
det der Leser im Nachwort. Bekenntnis zu einem Schicksal und
Schickung der Gnade in einem. Dieser Satz überrascht um so mehr,
wenn man bedenkt, daß Buber sich selber als einen in die deutsche
Sprache Verliebten bezeichnet. Die Wurzeln reichen tiefer als das
Auge sieht. Das Buch ist von Mythos und Tiefe der Erkenntnis so
randvoll, daß R. Pannwitz in ihm den zweiten Teil des Kanons
erblickt, in Form einer religiösen Tragödie. Dies allerdings nur, inso-
fern dem Schicksal die Hand gereicht wird. Gott und Welt gehen in
keinen Geschick unter, aber Gott läßt sich auch nicht pressen. „Zum
Messias geht man nicht, man kommt zu ihm." Diese Kunde läßt
Martin Buber durch den Mund von Rabbi Bunam ausgehen. Man
kann die Welt zwar zu Gott hin lieben, aber den Messias nicht in die
Welt hereinzwingen. Denn die Welt wird durch Gnade erbaut. Der
Jude Buber verkündet hier das Evangelium des Juden Jesus Christus.
Das „Christliche" dieser chassidischen Chronik entstammt keiner
Tendenz, sondern entwächst der Wirklichkeit der Welt als der Wirk-
lichkeit der leidenden Knechte Gottes. Auch der wahre Chassid ist
ein leidender Knecht des Herren, allerdings, wie Buber ausdrücklich
hervorhebt, in der Verborgenheit des Köchers, von der Jcs 49,2
spricht. Zwei Aussagen sollen hier noch genannt werden, die allein
schon die „Schwere" dieses Buches ausmachen. Das eine ist eine Ant-
wort auf die Frage nach dem rechten Verhalten zum Bösen. Die Ant-
wort ist ebenso einfach wie tief: „Es auf die eigenen Schultern neh-
men und tragen" (237). Darin liegt die Erkenntnis, daß der Nichttäter
des Bösen nicht „besser" ist als der Täter des Bösen, und die Hoff-
nung, daß das Böse niemals so groß sein kann, daß nicht noch Gutes

daraus hervorgehe. Eine Hoffnung, die z. B. auch Thomas Mann in
seinem Doktor Faustus zum Sagen bringt und ohne die unsere Welt
nicht existieren könnte. Die andere Aussage handelt von der Weisheit
der Pflicht: „Es dauert lang, bis ein Mensch versteht, was seine Pflicht
ist. Die Pflichten hindern ihn daran" (III). Um diese Weisheit zu
begreifen, bedarf es vielleicht der Länge und des Maßes eines Lebens
- aber das Leben ist diese Weisheit wert.

Unser Leben ist jeden Augenblick ein Zwiegespräch mit Gott, der
nicht wider die Welt, sondern durch die geschehene Schöpfung den
Menschen anspricht. Wir sind allezeit gefordert, Antwort zu geben.
Der Klärung dieser unserer Antwort dient das Buch „Zwiesprache.
Traktat vom dialogischen Leben". Der Band ist durch die geforderte
Sache in drei Abschnitte gegliedert: I. Beschreibung. II. Begrenzung
und III. Bewährung. Zwiesprache ist Hinwendung, umfaßt als solche
Reden und Schweigen, nicht immer bedarf das Gespräch eines Lauts,
denn auch in der Stille redet das Herz an. Da, wo die Kammern des
persönlichen Lebens aufgemacht werden, versinken die Meinungen
und das Faktische wird leibhaft. Nur wer die innere Sprache ver-
nimmt, kann auch nach außen sagen. Das Wort will laut werden und
heischt Antwort - denn angeredet werden wir unabhängig und unab-
lässig durch das Leben selber: das heißt doch schon: Leben ist Exi-
stenz in der Zwiesprache, ist Gestaltwerden unserer dialogischen
Struktur. Nur sehe man zu, daß man den echten Dialog führe. Buber
unterscheidet drei Arten von Dialog: I. der technische Dialog, der
lediglich der sachlichen Verständigung dient. Wer einen Hammer
haben will, muß dies auch verstehbar sagen; bei diesem Dialog ereig-
net sich kein Zwischen. 2. der dialogisch verkleidete Monolog und
schließlich 3. der echte, geredete und geschwiegene Dialog, der in
lebendiger Gegenseitigkeit besteht und sich im Raum des Zwischen
ereignet. Dialogisch leben heißt: mit den Menschen, mit denen man
zu tun hat, wirklich zu tun zu haben, also: nicht sagen, ich bin da.
aber gar nicht da sein. Nur wer zum anderen ausgeht, kommt bei sich
selber an. Erst im Gespräch mit dem Gegner wird solcher Dialog
bewährt. Zu fordern freilich ist das Dialogische nicht. Die Antwort
wird nicht gesollt, im Gespräch nicht und im Leben auch nicht, die
Antwort wird vielmehr gekonnt. Auch hier ist Antwort Gnade.

Die Menschen, die sich wahrhaft begegnen, reichen einander „das
Himmelsbrot des Selbstscins". Wie das geschehen kann, versucht
Martin Buber mit „Urdistanz und Beziehung" aufzuzeigen. Das Prin-
zip des Menschseins besteht ebenso in der Distanz zum Sein als auch
in der Beziehung zu ihm. denn sofern es Welt gibt, gibt es den die
Welt bedingenden Menschen, der sich unterscheiden muß von der
Welt, den Dingen und den Menschen, um ein Gegenüber sein zu kön-
nen. Denn nur der Unterschiedene, der ist, was er ist, kann sich hin-
wenden, kann also in Beziehung existieren, was den Menschen hin-
wiederum erst zum Menschen macht. Denn nur bestätigt hat der
Mensch. Der Eine im Anderen, seine Gegenwart, in der allein er zu
leben vermag.

Wie ist Buber zu diesem dialogischen Denken, in dem Karl Heim
die kopernikanische Wende der Philosophie gesehen hat, gekom-
men?

Der Beantwortung dieser Frage geht Rivka Horwitz in ihrer
Untersuchung nach. So lautet denn auch der Titel: Buher's Way 10 "'
and Thou". Der von L. Stichm herausgegebenen Schriftenreihe
„Phroncsis" ist so ein weiterer schöner Band hinzugefügt. Die Vfn. ist
für ihre selbstgestellte Aufgabe bestens prädestiniert, hat sie doch ihre
Dissertation über Franz Rosenzweig geschrieben. Wer nach solchen
sucht, die Buber auf seinem Weg zu „Ich und Du" begleitet haben,
frage doch zuerst Franz Rosenzweig . . R. Horwitz. hat ihre Arbeit in
zwei Teile gegliedert: Part I The Lectures Religion als (icgenwart und
Part II The History and Development of I and Thou. In der Einlei-
tung bietet die Vfn. einen instruktiven Überblick über die Wirkung*'
geschichte von „Ich und Du", in dem zu Recht eines der einflußreich*
sten Werke der modernen Philosophie und Theologie gesehen wird-
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