Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

104.1979

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hezug auf die Morallchre sorgfältig analysiert und gewährt da-
durch einen guten Einblick in den spätmittclalterlichen Stand
dieses theologischen Fachgebietes. Er erleichtert dadurch den Zu-
gang zu einem wenig erschlossenen Gebiet. Der Vf. geht auch
auf die Beziehungen Adrians zu Kirchenvätern und anderen
Scholastikern ein, ohne das erschöpfend zu tun, so daß z. B.
nicht deutlich wird, wie Adrian mit der Unterscheidung eines
Naturrechtes für den Status innocentiae von dem des Status
Haturac curruptae auf verbreitete Naturrechtsvorstellungen zu-
rückgriff (83). Der Vf. erwähnt einen Bischof von Herzberg,
womit er den von Merseburg meint (43). Für das Verhalten
Hadrians VI. zu den sich miteinander verschlingenden Strö-
mungen Scholastik, Renaissance und Reformation an der Wende
zur Neuzeit trägt die Arbeit allerdings noch nicht sehr viel aus.
Seine Quacstiones zeigen ihn als einen typischen Vertreter der
Spätscholastik vor der Auseinandersetzung mit Humanismus
und Reformation. Welche Folgen seine nur kurzen Verbindun-
gen mit dem Kardinal und Beformer Francisco Ximenez de
Cisnero hatten — Adrian kam im Oktober 1515 nach Spanien,
Ximenez starb im November 1517 —, ja selbst was Erasmus
von Rotterdam ihm auf seinen Wunsch hin vorschlug, bleibt
unbekannt. Adrians Morallchre läßt vielmehr erkennen, daß
sich nach seiner Meinung eine Reform auf die Bekämpfung der
Sünde, des Amtsmißbrauches und der Zuchtlosigkeit beschrän-
ken konnte, ohne daß das Papsttum oder die auf gute Werke
und fnrere quod in se est gegründete Frömmigkeit hinterfragt
werden mußte. Es ist somit kein Wunder, daß ihn die Lektüre
einiger Lutherschriften fern von der reformatorischen Wirklich-
keil nicht überzeugen konnte, sondern nur die Zerstörung der
Kirche fürchten ließ. Eine Darstellung, die Hadrian VI. in den
Roformkatholizismus des Rcformalionsjahrhunderts einreihen
will, hat noch die Aufgabe, die theologische Entwicklung dieses
Niederländers in der Zeit zwischen dem Entstehen seiner
Q'iaestiones und seiner Wahl zum Papst aufzuhellen.

Leipzig Helmar Junghans

Bullingcr-Tagung 1975. Vorträge, gehalten aus Anlaß von Hein-
rich liullingers 400. Todestag. Im Auftrag des Instituts für
Schweizerische Reformalionsgeschichte hrsg. v. Ulrich Gabler
und Endre Z s i n d e 1 y. Zürich: Universität 1977. 142 S. 8°.
Dem Nachfolger Zwinglis und jahrzehntelangen Antistes der
Zürcher Kirche, Heinrich Bullinger, war vom 30. September bis
zum 1. Oktober 1975 vom Institut für Schweizerische Reforma-
tionsgeschichte eine wissenschaftliche Arbeitstagung gewidmet,
deren Ertrag wir hier vor uns haben. Somit geht es in dieser
Rezension in etwa auch um einen Tagungsbericht. 80 Teilneh-
mer, zumeist Historiker, die an der internationalen Bullinger-
forschung selbst beteiligt sind, dokumentierten durch ihre An-
wesenheit und ihre Diskussionsbeiträge, welch hoher Rang Bul-
linger für Kirche und Gemeinwesen in Zürich beizumessen ist.
Die abgedruckte Teilnehmerliste deutet auf die weite Streuung
der Bullinger-Forschung hin.

Der Berichlsband vereinigt zwölf Beiträge, bis auf eine Aus-
nahme verschieden umfangreiche wissenschaftliche Vorträge, die
wahrend der Tagung gehalten wurden. Für den „unveränderten
Abdruck" halten die Beferenten ihre Manuskripte zur Verfü-
gung gestellt. So ist es bisweilen deutlich spürbar, daß dem Dar-
gebotenen etliche Probleme zwischen „Bede" und „Schreibe"
vorteilhaft und nachteilig anhaften. Der wissenschaftlich Betei-
ligte und Weiterarbeitende wird den großen Dank für die vie-
len Anregungen zudem noch mit einem lebhaften Bedauern
darüber verbinden, daß die Herausgeber sich entschließen muß-
ten (5), auf Stellennachweise und Belege zu verzichten. Der
ganze Band enthält, abgesehen von einigen Abdruck-Angaben,
keine Anmerkungen. Zum Glück verhält sich das in der zwei-
bändigen Aufsatzsammlung, die aus Anlaß des Bullinger-Jubi-
läums durch Initiative des Instituts herausgebracht worden ist
und worüber sicher gesondert berichtet werden wird, anders.

Die beiden Herausgeber, übrigens bereits durch eigene Bei-
träge zur Zürcher reformalionsgeschichtlichen Forschung hervor-
getretene Mitarbeiter des Instituts für Schweizerische Befor-

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mationsgeschiclile, drucken die Manuskripte in der Beihcnfolge
ihrer Darbietung ab. Der Leiter des Instituts, Fritz B ü s s e r ,
begann mit einer zusammenfassenden, prognoslisiercnden und
deshalb weit gefächerten Ubersicht über „Probleme und Auf-
fallen der Bullinger-Forschung" (7—19). Er weist darauf hin,
daß die großen historischen Werke der „faktischen Bedeutung"
des von 1531 bis 1575 in Zürich prägend tätig gewesenen Bul-
linger „in keiner Weise Bechnung" tragen (7). Büsser weist auf
die Belebung der Arbeit an Bullinger in letzter Zeit hin. Im
Vordergrund steht eine groß angelegte wissenschaftliche Werke-
Ausgabe, deren erste drei Binde bereits erschienen sind. Der
Referent stellt u. a. auch die Bedeutung ßullingcrs für die Re-
formation in Europa (16) und für das „Kräfteverhältnis Kirche
und Staat in Zürich" (12) heraus. Der Leser — wie bereits der
Hörer 1975 — steht unter dem lebendigen Eindruck, daß trotz
einer Beihe von erschienenen monographischen Bemühungen
die Erschließung der Lebensleistung Bullingers schon ange-
sichts einer immensen literarischen Hinterlassenschaft erst am
Anfang ist.

Endre Zsindely referiert zum Thema „Heinrich Bullinger
als Seelsorger" (21—31). Es wird dargetan, daß der, der Jahr-
zehnte hindurch an der Spitze einer bedeutenden Kirchenor-
ganisation stand, auch „einer der großen Seelsorger seiner Zeit"
war (21). Die Stückzahl allein seiner Korrespondenz, die dag
Briefcorpus aller drei Hauplreformatoren übertrifft, ist häufig
scelsorgerlichen Fragen gewidmet. Zsindely meint, Bullinger
habe in seiner 44jährigen Zürcher Seelsorgetätigkeit kein System
entwickelt, obwohl er viele seiner Gedanken sonst dem Schrift-
satz anvertraute. „Sein Schema: ,Lehren, Ermahnen, Strafen,
Ermuntern, Trösten' bedeutete jedenfalls kein starres Sy-
stem. .." (30).

Willy R ordorf geht dem humanistischen Grundzug und
besonders der Frage „Laktanz als Vorbild des jungen Bullinger"
(33—42) nach. Schon vor der Zürcher Zeit wendet sich Bul-
linger in der Analyse des Zustandes der Christenheit Gedanken-
gängen von Laktanz im 4. Jh. zu. Zwingli wie Bullinger nah-
men die Argumentation des spätantiken Gelehrten zu Hilfe,
wenn sie auf die Schäden, vornehmlich auf „die Ubereinstim-
mung von heidnischem Götzendienst und christlicher Ileiligen-
und Bilderverehrung", in der römisch-katholischen Kirche und
das Erfordernis der Reformation aufmerksam machen (40f).

Hans-Georg vom Berg weist „Spälmittelalterliche Ein-
flüsse auf Bullingers Theologie" (43—53) nach. Dieses weite
Problem wird nur im Zusammenhang der Abendmahlslehre
entwickelt. Der Referent erkennt eine ganze Reihe von Tradi-
tionssträngen für das Zustandekommen der Lehrbildung Bul-
lingers. Dazu gehören auch die devotio moderna und die Wal-
denser. Bei aller Anerkenntnis der gleichen Traditionskette, in
der Zwingli und Bullinger stehen (52), gibt es aber auch Ak-
zentverschiebungen zwischen beiden Beformatoren: „Subjekt ist
im Abendmahl eben nicht, wie bei Zwingli und Honius, der
Gläubige, die Gemeinde, sondern der Christus praesens, der sich
so gibt, wie er sich in seiner Passion hingab und damit Gottes
Liebe und ewiges Leben zueignet so nah und durchdriiig-
gend, wie Eisen und Feuer sich verbinden." (51)

Die Kette der wissenschaftlichen Vorträge wird unterbrochen
durch ein Grußworl des Präsidenten des Zürcher Kirchenrates,
Emst Müller, (55—57), der u. a. darauf hinweist, daß seit
Bullinger „die Mündigkeit der Gemeinde, auch im politischen
Bereich, ganz anders konkret geworden ist, daß ein neues, demo-
kratisches Verständnis der Obrigkeit Platz genommen hat..." (56)

Die drei folgenden Referate behandeln „Bullinger und das
Zürcher Gemeinwesen" (59—86). Dem bereits in letzten Jahren
häufig beachteten Thema ,Zürcher Reformation und politische
FührungSBchicht' fügt Erland Herkenrath die Komponente
Bullingers an. Kurt Maeder untersucht Bullingers Bedeutung
für die Synode, und Hans Ulrich B ä c h t o 1 d untersucht all-
gemein des Reformators Beziehung und Haltung zur Obrigkeit
Nach der Katastrophe von Kappel wurde Bullinger am 9. 12.
1531 unter vielfach erschwerten Bedingungen in Zwinglis Nach-
folge berufen. Die Art der Einwirkung Zwinglis auf die Obrig-
keit konnte keine komplikationslose Fortsetzung erfahren. In
jahrzehntelanger Arbeit hat Bullinger für ein stabiles Zuein-

Tlieologische Literaturzeitung 104. Jahrgang 1979 Nr. 7
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