Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

104.1979

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Theologische Litcraturzeitung 104. Jahrgang 1979 Nr. 7

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schlußverfahren, wobei er den „innerjüdischen Erneuerungs-
bewegungen, den Essenern und Zeloten" „besondere Beachtung"
schenkt (11). Als Quellen benutzt T. Josephus und die synop-
tischen Evangelien (mit Ausscheidung dessen, „was hellenisti-
schen Ursprungs'1 ist, 11). Im 1. Teil: „Rollenanalyse: Typisches
Sozialverhallcn in der .Jesusbewegung" (14—32) geht es um die
V.andercharismaliker, die als „sozialer Hintergrund" für die
Logieniibcrbeferung vom „Ethos der Heimat-, Familien-, Be-
sitz- und Schutzlosigkeit" (J6), das sich „nur unter extremen
und marginalen Lebensbedingungen praktizieren ließ" (20), be-
stimmt waren. Neben ihnen gab es „seßhafte Sympathisanten-
gruppen" (21), die weniger radikal eingestellt waren und die
die materielle Basis für die Radikalität der Wandcrcharismati-
ker boten. Als zentrale Bezugsgestalt der Jesusbewegung gilt
der Menschcnsohn, auf den der Nachfolgogedanke zielt.

Im 2. Teil bringt T. eine „Faktorcnunalyse: Einwirkungen
Oer Gesellschaft auf die Jesusbewegung" (33—90), wobei er
4 Faktoren unterscheidet: „sozioökonomische, -ökologische,
•politische und -kulturelle" (33). Erklärt werden sollen jene
Züge, „die die Jesusbewegung mit Erscheinungen der Umwelt
gemein hat, nicht aber das Individuelle und Unverwechsel-
bare der Jesusbewegung" (34). Die Krise der jüdisch-palästini-
schen Gesellschaft macht T. für die soziale Entwurzelung der
Wandercharismaliker und deren Kritik an Reichtum und Be-
sitz veranlwortbch. Da „drohendes Elend ... oft rebellischer ge-
macht (hat) als vorhandenes, war „der soziale Ort der inner-
jüdischen Erneucrungsbewegungen des 1. Jh. n. Chr.....weni-
ge! die alleruntersle Schicht als eine marginale mittlere Schicht,
die besonders sensibel auf sich abzeichnende Aufstiegs- und Ab-
stiegsprozessc reagierte" (46). Hinzu kommt, daß die entschei-
denden Eriieuerungsbewcguugen „auf dem Land verwurzelt
und von anüjerusalemischen Tendenzen bestimmt" waren (51,
mit Hinweis auf den Stadt — Land — Gegensatz in hellenisti-
scher Zeit). Durum mußte die vom Land stammende Jesusbe-
wegung bei ihrem ersten Auftreten in Jerusalem scheitern. So-
zialpolitisch war von größter Bedeutung, daß sich das jüdische
Gemeinwesen als Theokralie verstand, „de facto aber war ,Herr-
schaft Gottes' Herrschaft der priesterlichen Aristokratie", wobei
»die Spannung zwischen beanspruchter Theokratie und fak-
tischer Aristokratie . . . zum Nährboden radikallhcokratischer Be-
wegungen" (57) mit einer Naheschatologie wurde. Die weit ver-
breitete Sehnsucht nach der kommenden Gottesherrschafl als
Abtun der irdischen IlerrscJiaftsstrukluren ist also „im engen
Zusammenhang mit den soziopolitischen Spannungen Palästinas
zu sehen" (74). Bezeichnenderweise wird darum im hellenisti-
schen Urchristentum außerhalb Palästinas kaum noch von der
Gollesherrschaft gesprochen. Als soziokulturelle Faktoren sieht
T. die Spannungen zwischen jüdischer und hellenistischer Kul-
tur, die sich aus den von beiden erhobenen ökumenischen An-
sprüchen ergaben. Dadurch kam es zu einer Identitätskrise Is-
raels, zu deren Überwindung eine Normenverschärfung in der
Gegenwart und eine intensive Zukunftserwartung beitragen
sollten, \ormenVerschärfung führt aber zur Schismatisierung
bei Konkurrenz mehrerer Erneucrungsbewegungen miteinander.
Deshalb gehören „interkultiuelle Abgrenzungstendenzen gegen-
über den Heiden" dialektisch mit „intrakulturellen Abgren-
zungstendenzen gegenüber anderen jüdischen Gruppen" zusam-
men (80). Die Schismatisierung bereitete aber „die Univcrsali-
sierung des Judentums" vor, die dann zum Durchbruch kom-
men mußte, „wenn Nonnverscliärfung in Normenlschärfung um-
schlug, wenn man erkannte, daß auch kein auserwählter Rest
tn Israel den verschärften Normen Genüge tun konnte, sondern
alle auf Gnade angewiesen waren: Juden und Heiden. Dieser
Durchbrach geschah in der Jesusbewegung, auch wenn erst
Paulus alle Konsequenzen zog" (89). Auf diese Weise versucht
T. deutlich zu machen, daß eine „Konflikttheorie" für eine Ana-
lyse der Jesusbewegung unerläßlich ist.

Der 3. Teil befaßt sich mit einer „Funktionsanalyse: Einwir-
kungen der Jesusbewegung auf die Gesellschaft" (91—111). Diese
Analyse soll erweisen, „daß die Jesusbewegung nicht nur aus
einer gesellschaftlichen Krise hervorgegangen ist, sondern eine
Antwort auf diese Krise artikulierte, die soziologisch nicht ab-
leitbar ist" (91). Diese „Antwort" bezieht sich vor allem auf

„die Uberwindung und Reduktion von Spannungen", d. h. als
„Beitrag zur Aggressionsverarbeitung und -Überwindung" (93),
durch eine „Vision von Liebe und Versöhnung" (92). T. bedient
sich in diesem Abschnitt psychoanalytischer Terminologie („Ag-
gressionsausgleich", „Aggressions Verlagerung", Aggressionsrück-
wendung", „Aggressionssymbolisierung") und kommt dabei zu
dem Ergebnis, daß die Voraussetzung für die verschiedenen
Formen von Aggressionsverarbeitung „eine angstfreie Grund-
stimmung'' ist, „ein erneuertes Grundvertrauen in die Wirklich-
keil, das von der Gestalt Jesu ausstrahlt — bis heute", wie aber
auch umgekehrt die Aggressionsverarbeitung „Baum für die
neue Vision von Liebe und Versöhnung schuf" (103).

In einem Schlußteil untersucht T. die Chancen, die diese
Vision „1. innerhalb der .Jesusbewegung selbst, 2. innerhalb der
jüdisch-palästinischen Gesamtgtsellscbaft, 3. innerhalb der helle-
nistischen Welt" (103 — 111) hatte. Das Fazit lautet: Die ire-
nische Jesusbewegung bat ihren Ursprung in der Krisensilua-
tion Palästinas, bekam jedoch ihre großen „sozialen Realisie-
rungsschancen" erst in der „spannungsfreien Welt der hellenisti-
schen Städte" mit ihrem „Bedürfnis nach Integration" (110).

Diese Erkenntnisse werden von T. in einer bewundernswerten
Knappheit und Klarheit vorgetragen, durch Hinweise auf wich-
tige Literatur gestützt und durch übersichtliche Tabellen er-
gänzt. Durch die geschickte Anwendung sozialwissenschaftlicher
MetJioden und psychoanalytischer Kategorien ist es ihm ge-
lungen, einen anregenden Beitrag zur Entstehungsgeschichte des
Urchristentums zu bieten. Daß die Jesusbewegung nur im Bah-
men der innerjüdischen Erneucrungsbewegungen im Kontext
der gesellschaftlichen Verhältnisse Palästinas wirklich verstan-
den werden kann, bleibt ja leider bei vielen Jesusdarstellungen
unberücksichtigt. Problematisch erscheint es jedoch unter dieser
Voraussetzung, daß T. den Pharisäismus, der ja auch den „inner-
jüdischen Erneucrungsbewegungen" zuzurechnen ist, so stief-
mütterlich behandelt. Offensichtlich paßt der Pharisäismus nicht
in das angewandte Erklärungsschema hinein; denn die Behaup-
tung eines „Widerspruchs zwischen Nonnverscliärfung und An-
passung in der pharisäischen Bewegung" (79) stimmt in dieser
Form ebensowenig wie die, daß die Pharisäer „scharf zwischen
Anhängern und anderen Juden trennten" (81 ; vgl. dazu A.
Oppenbeimer: The 'Am haaretz, ALGHJ 8, 1977). T. neigt lei-
der, bedingt durch seine Methode, zu Pauschalurteilen (auch im
Blick auf Essener und Zeloten), die „untypischen" Einzelzügen
in den einzelnen Bewegungen nicht gerecht werden. Am pro-
blematischsten dürfte aber der 3. Teil sein, der sich ja gerade
dem „Konkreten" zuwenden will. Ist das „Neue" der Jesus-
bewegung wirklich die hier geschilderte und interpretierte
„Vision von Liebe und Versöhnung"? Sollte man in diesem
Teil, der ja eine soziologisch nicht ableitbare „Antwort" bieten
will, nicht eine sorgfältige theologische Argumentation erwarten
dürfen? Daß man hier enttäuscht wird, ist schade. Trotzdem
bietet aber diese Studie so viele wertvolle Beobachtungen, daß
man ihr eine weite Verbreitung wünschen muß.

H,.rlin Günther Bnumbach

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