Schürer, Emil [Begr.]; Harnack, Adolf von [Begr.]

Theologische Literaturzeitung: Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft

104.1979

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Theologische Literaturzeitung 104. Jahrgang 1979 Nr. 6

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trieben worden ist, in Qumran findet man oft, was Gunkel
„Mischgattungen" nennen würde; die ganze Kriegsregel ist ein her-
vorragendes Beispiel dafür.

Gegen die Theorie, daß Kol 2-9 das ältere Hauptelement der
Regel und Kol 15-19 das jüngere bilde, ist geltend zu machen, daß
sieh verstehen läßt, wie die Idee einer einfachen Schlacht ent-
wickelt worden ist zu der eines vierzigjährigen Krieges gegen alle
Völker der Erde, aber nicht leicht umgekehrt. Dazu kommt, daß
Kol 10-12 (14) in der jetzigen Regel doch wohl die Fortsetzung
von Kol 2-10 sind (Davies spricht von „Liturgie" und erweitert
damit den Begriff dieses Wortes viel zu stark); es liegt kein trifti-
ger Grund vor, den Text dieser Kolumnen davon zu trennen. Nun
ist es aber deutlich, daß Kol 12, 8-16 eine spätere Fassung eines
Hymnus bietet, der am Ende, Kol 19,1-8, in einer älteren Form
wiederkehrt. Das weist doch wohl daraufhin, daß der Text Kol 12
(und damit auch von Kol 2-10) jünger ist, bzw. sekundär. Gegen
diese ganz elementare Beobachtung sollten triftige Gründe ins
Feld geführt werden, und das tut Davies nicht. Besonders scheint
mir seine Annahme, die Quelle von Kol 2-10 sei der Text eines
schriftlichen Leitfadens, eines Handbüchleins (!) für die Kriegs-
führung der makkabäischen Fürsten und deren Nachfolger (60ff.)
viel zu modern. Die Makkabäer hatten keine Kriegsschule oder
militärische Akademie und geschriebene Leitfäden für ihre Kriegs-
führung wird es bei ihnen kaum gegeben haben. Dazu kommt, daß
der vierzigjährige Krieg ganz phantasievoll ausgemalt ist, beson-
ders die Beschreibung der Bewaffnung des Heeres der Söhne des
Lichtes, wobei es zum Teil auf die unbeschreibliche Kostbarkeit
der Waffen ankommt. Das Bild des Krieges, das von 1QM entfaltet
wird, ist zum größten Teil nicht der Wirklichkeit entnommen, son-
dern der Phantasie eines Mitgliedes der Qumrangemeinde ent-
sprossen. Inwieweit auch bestehende Kriegstaktiken darin eine
Rollo spielen (was deutlich ist) und ob diese ursprünglich helleni-
stisch oder römisch (Yadin!) sind, ist m. E. noch immer schwer zu
entscheiden. Wenn Davies behauptet, daß in Kol 2-10 der Dualis-
mus der Sekte von Qumran nicht zu finden ist (45,68; nur in
Kol 7,9-9,9 könnte man ekien leichten Ansatz in diese Richtung
finden, S. 45), kann ich ihm hierin nicht zustimmen. Der Begriff
eines Angriffskrieges, gegen alle Völker der Welt geführt, läßt sich
doch am besten verstehen aus dem Dualismus der Sekte von
Qumran, wozu gehört, daß das Licht, das Gute und die Wahrheit
immer Streit führen gegen die Finsternis, das Böse und die Lüge;
am Ende trägt das Licht den Sieg davon. So geschieht es auch in
der Kriegsrolle, und darum ist es kaum zu bezweifeln, daß der
ganze in 1Q und 4 Q gefundene Text ein Produkt der Sekte ist.

So könnte noch manches gesagt werden. Die Hauptpunkte mei-
ner Kritik wären, daß der Autor der Tatsache, daß wir nur einen
Teiltcxt der Kriegsrolle besitzen, d. h. der Tatsache, daß die vor-
handenen 4 Q-Fragmente beweisen, daß 1 QM einen überarbeiteten,
erweiterten Text bietet, nicht genügend Rechnung trägt; zwei-
tens: daß literarische Unterschiede, die man im Text findet, über-
eilt als Beweise für literarische Komposition betrachtet werden;
drittens: daß er historische Hintergründe annimmt, wo kein Beweis
dazu vorhanden scheint; viertens: daß er den Text zu sehr zer-
stückelt, und dabei der Tatsache, daß Kol 19 einen älteren Text
als Kol 12 bietet, nicht die gebührende Bedeutung zumißt. Man
muß dem Vf. aber das Lob spenden, daß er versucht hat, eine
Lösung eines Problems zu finden, das von Autoren wie Yadin,
Carmignac, Dupont-Sommer verneint, bzw. übergangen wird.
Jongeling hat es in seinem Kommentar nicht behandelt, wohl ein
Zeichen seines Zweifeins.

S. 33 ist es Davies entgangen, daß Dupont-Sommer, der 1955
noch nicht annehmen wollte, daß man in Kol 4,1 den Namen
Meraris liest, dies in seinem „Les Ecrits Esseniens . . .", Paris 1959
(zitiert Von Davies in der Bibliographie, S. 125) doch angenommen
hat. In der Bibliographie hat Davies die beiden wichtigen Arbeiten
C. Burchards: Bibliographie zu den Handschriften vom Toten
Meer (BZAW 76, 1957; 89, 1965) übersehen. Man findet auch
Druckfehler, sie sind aber selten.

Nijmegen J. P. M. van der Ploeg, O. P.

Eißfeldt, Otto: Einleitung in das Alte Testament unter Einschluß
der Apokryphen und Pseudepigraphon sowie der apokryphen-
und pseudepigraphenartigen Qumrän-Schriften. Entstehungs-
geschichte des Alten Testaments. 4. Aufl. Unv. Nachdr. d. 3.,
neubearb. Aufl. Tübingen: Mohr 1976, XVI, 1129 S. 8° = KT«««
theol. Grundrisse, hrsg. v. R. Bultmann. DM 98,-.

Die 4. Aufl. dieses Titels ist ein unveränderter Nachdruck der
3. Aufl. von 1964, und seitdem erschienene Literatur ist demge-
mäß nicht nachgetragen worden. Die „Einleitungen" von G. Foh-
rer (völlig neu konzipierte 10. Aufl. der Sellinschen Einl., 1965;
11. Aufl. 1969) und O. Kaiser (1969) sind neueren Datums, nno
sie gehen in vielem andere Wege. Es ist zu begrüßen, daß sich
neben sie erneut die Einleitung von Eißfeldt stellt mit ihrer eigen-
ständigen, lange bewährten Konzeption: eine Gesamtschau zu
bringen, die sowohl die Forschungsgeschichtc darlegt als auch so
weit als irgend möglich die wissenschaftliche Diskussion verwertet
und mit der Behandlung der alttestamentlichen Schriften nicht an
den Grenzen des Kanons haltmacht, sondern Apokryphen und
Pseudepigraphen mitsamt den Schriften von Qumrän ein-
schließt.

Da die 2. Aufl. von 1956 in der ThLZ besprochen worden ist
(H. H. Rowley, ThLZ 82,1957 Sp. 681f.), die 3. Aufl. jedoch nicht,
soll im folgenden auf die Veränderungen eingegangen werden, die
E. gegenüber der 2. Aufl. vorgenommen hat.

Sofort in die Augen fallend ist der erhöhte Umfang des Buches:
den 954 Textseiten der 2. Aufl. stehen jetzt 1129 Seiten gegenüber.
Ein erheblicher Teil dieser Erweiterung ist durch die reicheren
Literaturangaben bedingt, u. zw. sowohl in den Anmerkungen als
auch am Boginn der einzelnen Paragraphen. Es handelt sich dabei
nicht nur um Nachträge neuerer Literatur, sondern auch um Ver-
vollständigungen der älteren Belege. Die Literaturangaben sind
nicht mehr nach Erscheinungsjahren geordnet, sondern nach der
alphabetischen Reihenfolge der Verfasser. Sie sind dadurch
rascher aufzufinden. Der Charakter eines Nachschlagewerkes, den
die Eißfeldtsche Einleitung von Anfang an hatte, das nicht nur die
vorhandenen Probleme aufzeigt, sondern auch dem, der weiter-
forschen will, die Materialien in optimaler Weise darbietet, wird
so noch verstärkt.

Neufassungen des Textes sind besonders dort erfolgt, wo durch
Ausgrabungen und Handschriftenfunde unser Wissen bereichert
worden ist. So ist namentlich Abschnitt III des IV. Teiles - Apo-
kryphen und pseudepigraphenartige Schriften unter den Qum-
rän-Texten - neu gestaltet worden, angefangen mit der „Uber-
sicht über die seit 1947 in der Wüste Juda gemachten Textfunde"
(§ 104), die bedeutend präzisiert und erweitert worden ist. Dieser
Abschnitt bringt über die bis 1963 Vorliegenden Veröffentlichun-
gen einen Vollständigen Überblick. Neu gegenüber der 2. Aufl. ist
hier vieles, um nur die Ausführungen über die Kupferrolle zu
nennen (903f.). Auch an anderen Stellen wird die Bereicherung
unseres Wissens durch die Qumrän-Texte deutlich gemacht: Bei
der Darstellung des Forschungsstandes über die Targume (§ 119)
und die Septuaginta (§121) und besonders bei der Behandlung
des Konsonanten-Textes (§ 115), wo der Befund der Jcsaja-Rolle
und des Habakuk-Kommentars ausführlich gewürdigt wird (923
bis 927). Gegenüber der 2. Aufl. ist auch der Umfang des altorien-
talisehen Vergleichsmaterials angewachsen. So wird bedeutend
mehr an Briefen (28) und an selbstbiographischen Berichten (69f.)
aus Israels Umwelt gebracht. Bei der Behandlung der Klagelieder
ist ein Vergleich mit sumerischen Klagen hinzugefügt worden
(683). Ausführlicher als zuvor werden die Ostraka herangezogen
(909ff.).

Andere Neufassungen des Textes sind durch die Weiterführung
der wissenschaftlichen Diskussion bedingt. Zu nennen sind hier
etwa die Erörterung über die Beeinflussung des prophetischen Stils
durch kultisch-liturgische Formeln (108), dio eindeutigere Abgren-
zung von der Theorie des Thronbesteigungsfestes Jahwes (148),
die differenziertere Behandlung der Weisheitsgedichte im Psalter
(167f.) sowie die durchgreifendere Umgestaltung der Paragraphen
über den Psalter (§ 63) und das Buch Daniel (§ 71). In die Aus-
führungen über das Äthiopische Henochbuch ist eine Auseinander-
setzung mit Milik eingeschaltet (839f.), der das Buch von einem
Judenchristen des 2. nachchristl. Jh. verfaßt sein läßt und nicht
von einem Juden, des 1. Jh. v. Chr. Die gleiche Kontroverse mit
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